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New Texas Story

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Brave Starr Doc Clayton Handlebar J.B. McBride Tex Hex Thirty-Thirty
25.04.2011
08.03.2014
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96.013
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25.04.2011 2.284
 
Es war später Abend, elf Uhr, als ich in den Saloon kam. Handle Bar stellte schon die Stühle hoch und wischte die Theke ab, als ich eintrat.
„Hallo, Kleines!“ begrüßte er mich.
„Hallo, Handle Bar!“ erwiderte ich.
„Du siehst schrecklich müde aus.“
„So, wie die Abende vorher auch.“
„Und besorg!“ fügte er hinzu.
„Ja.“ gab ich zu. „Ich war heute bei Bravestarr im Büro und hab diese ganzen Abhängigen gesehen. Ich musste dabei die ganze Zeit an diesen Dingo denken, der mir das Zeug hier auch angedreht hat. Und daran, wie schlecht es Fayne geht.“
Handle Bar zog mit einer lässigen Handbewegung zwei Stühle wieder von einem Tisch vor der Theke und machte eine auffordernde Geste.
„Komm, Kleines!“ sagte er und ließ sich auf dem einen Stuhl nieder.
Obwohl Handle Bar äußerlich ein riesiger, rau wirkender Klotz war, er hatte eine sehr feines Gespür für die Sorgen und Nöte anderer.
„Weißt du, ich warte darauf, dass der Leichenwagen eines Tages vor seinem Büro steht und sie den ersten Toten holen.“
Er seufzte.
„Kann man leider nicht ausschließen. Big ist sehr gefährlich.“
„Es ist nicht nur das.“ sagte ich, als das Bild des Jungen, Brad wieder vor meinem geistigen Auge auftauchte.
„Als ich ging kam ein Junge, nicht mal im Teenageralter. Brad hieß er, glaube ich. Und er sah sehr sorgenvoll aus. Ich...ich glaube, er weiß etwas! Oder zumindest hat er irgendwas mit Big zu tun.“ erzählte ich.
Handle Bar riss erschrocken die Augen auf.
„Brad?“ fragte er nach. „Brad Cogins?“
„Keine Ahnung, wie er mit vollem Namen heißt. Ich habe nur seinen Vornamen gehört.“
„Wie sah er denn aus?“
Sein Ton alarmierte mich.
„Geht mir etwa bis zum Kinn, rote Haare, rundliches Gesicht. Hübscher Junge.“
„Das ist er.“ meinte er leise. „Aber Brad und...Big?“
Er starrte einen Moment auf die Tischplatte, als stünde dort die Antwort auf seine unausgesprochene Frage. Doch dann schüttelte er energisch den Kopf.
„Nein! Brad ist ein vernünftiger Junge! Der hat mit so etwas nichts am Hut.“
„Ich glaube noch nicht mal, dass er das Zeug nimmt. Aber vielleicht weiß er etwas über diesen Dingo. Vielleicht...vielleicht kennt er noch jemanden, der das Zeug nimmt. Es klang so, als wenn er Bravestarr um Hilfe bitten wollte, sich aber dann doch nicht getraut hat.“
„Dann sollten wir uns Brad mal vornehmen.“ sagte er entschlossen und stand auf. „Ich werde mit dir gehen. Kenne den Kleinen schon, seit er aus den Windeln herausgewachsen ist.“
Ich sah ihn zweifelnd an.
„Meinst du echt, er würde dir was sagen?“ fragte ich.
„Bestimmt.“ nickte er. „Brad ist ein empfindsamer Junge und wenn ihm wirklich was auf der Seele brennt, dann redet er relativ schnell.“
Er hob den Stuhl wieder hoch und drehte ihn um.
„Aber nun sollten wir ins Bett. Heute Abend können wir eh nichts mehr ausrichten.“
Ich stand ebenfalls auf und stellte auch meinen Stuhl wieder hoch. Er hatte recht. Es war spät und ich war zudem hundemüde. Ich verabschiedete mich von ihm und ging nach oben.

Allerdings hatte ich diese Nacht nur einen sehr unruhigen Schlaf. Ich träumte ständig von diesem Dingo und von den Opfern dieser Droge. Und am schlimmsten, von Faynes Beerdigung.
Als ich aufwachte, krochen die erste der drei Sonnen gerade zaghaft über den Horizont. Eigentlich musste ich erst in etwa einer Stunde aufstehen, aber ich wusste, ich würde nun keinen Schlaf mehr finden. Und so beeilte ich mich, mich fertig zu machen.
Als ich runter kam war auch Handle Bar schon wach und wartete sogar schon mit dem Frühstück.
„Guten Morgen.“ grüßte ich ihn verwundert. „Du auch schon so früh wach?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nach deiner Geschichte gestern...verflucht, ich habe kein Auge zugetan.“ sagte er und ließ sich allerdings sehr lustlos am Tisch nieder.
„Ich weiß, ich hab auch schlecht geschlafen.“ nickte ich.
Ich würgte mir allerdings nur mit Mühe ein Brot runter. Aber auch Handle Bars Appetit hielt sich deutlich in Grenzen.
„Also, was machen wir nun?“ fragte ich ihn dann.
„Ich denke, wir suchen als erstes mal Brad. Dann sind wir mit Sicherheit schon schlauer.“
„Was, wenn er es auch uns nicht sagen will?“ fragte ich.
„Ich denke schon, dass er mit mir reden wird.“ sagte Handle Bar überzeugt.
„Aber mit Bravestarr wollte er doch auch nicht richtig reden.“
„Bravestarr ist in dieser Hinsicht auch ein Fremder für ihn, wenn auch einer, dem man sich ruhig anvertrauen kann.“ winkte Handle Bar ab. „Wie ich schon sagte, ich kenne Brad schon viel länger und besser.“
Ich konnte nur hoffen, dass sein Optimismus Früchte trug.
Wir beendeten das kurze, lustlose Frühstück und machten uns auf den Weg. Zuerst zu Brad nach Hause, was nicht weit weg war.
Doch dort war niemand. In der Schule mussten wir erst gar nicht suchen, denn es war Samstag.
„Na toll!“ seufzte ich niedergeschlagen, als wir wieder auf dem Marktplatz standen. „Wo könnte er denn sein?“
„Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir ein paar der anderen Kinder fragen.“ meinte er und sah zu einer Gruppe Kinder rüber, die auf dem Platz spielten.
Wie zufällig wanderte mein Blick rüber zu Bravestarrs Büro, wo noch ziemliche Stille herrschte.
Aber ich entdeckte dennoch etwas, auf dem Bürgersteig vor seinem Büro.
„Ich glaube, das ist nicht nötig.“ meinte ich dann und deutete in die Richtung.
„Da ist Brad.“
Wir rannten sofort auf den Kleinen zu, der zusammengesunken auf dem Bürgersteig vor Bravestarrs Büro hockte.
„Hey, Brad!“ rief Handle Bar und ging neben dem Jungen in die Hocke.
Der Kleine schreckte heftig auf, als er Handle Bars Stimme hörte.
„Oh...äh, Handle Bar, hallo!“ stammelte er.
„Was machst du hier, Kleiner?“ fragte Handle Bar.
„Ich...ich warte auf den Marshall.“ antwortete er unsicher und sah irgendwie verschämt zu Handle Bar auf.
„Warum?“ Handle Bar ließ sich neben ihm nieder. „Was ist denn los?“
„Das...das ist etwas schwierig...“ stammelte der Junge.
Es war ihm mehr als anzusehen, dass ihn irgendwas sehr quälte.
Allerdings kam er nicht dazu Handle Bars Frage zu beantworten. Denn im nächsten Moment näherte sich eine große und lautstarke Menschentraube dem Büro. Ich konnte durch das ganze Stimmengewirr nur ein paar Brocken deutlich heraus hören. Zumindest konnte ich Flüche und Schimpfwörter hören.
„Verfluchte Drecksbande!“
„Dingo-Pest!“
„Drogenpanscher!“
Das waren noch die harmloseren Worte die fielen.
Kurz vor dem Büro teilte sich die Menge und gaben den Blick auf Bravestarr frei, der entschlossen und deutlich stolz auf das Büro zu marschierte. Hinter ihm konnte ich insgesamt drei Dingos in Handschellen erkennen, wobei der eine Blut an seiner Schnauze hatte. Thirty trottete hinter den drei her, seine Kanone leicht gesenkt.
„Hallo, Bravestarr!“ rief Handle Bar und sprang auf. „Sind das etwa...“
„Die Drogendealer, ja!“ nickte Bravestarr zufrieden und kam näher. „Wir haben ihren Unterschlupf gefunden.“
„Gut! Dann haben wir die Sorge weniger.“ seufzte Handle Bar und auch ich war erleichtert.
„Aber wir haben eine neue!“ fügte er dann noch hinzu und deutete auf Brad, der ebenfalls aufgestanden war und noch leicht versteckt hinter dem grünen Hünen stand.
Bravestarr sah an ihm vorbei auf das Häufchen Elend.
„He, Brad!“ sagte er dann und ging auf den Kleinen zu. „Was ist denn los?“
„Nun, Marshall, ich...“ fing der Kleine an zu stottern.
„Hey, du kannst ihm ruhig sagen, was passiert ist!“ ermunterte Handle Bar ihn und schob ihn sanft vor sich.
„Nun, also...es...“
Brad schluckte einmal heftig.
„Es geht um meinen Freund Jay! Er ist bigsüchtig. Vor nicht mal einem Monat haben wir diesen Dingo getroffen! Er wollte uns Big andrehen, zur Probe. Ich habe nichts genommen, weil ich gehört hatte, dass es gefährlich ist. Aber Jay hat es angenommen und angefangen es immer häufiger zu nehmen. Ich hatte ihm zwar versprochen, dass ich niemandem was sage, aber ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie er sich selbst zerstört.“
Diese Sätze sprudelten nur so aus ihm heraus und man sah ihm deutlich an, wie ihn es erleichterte.
Bravestarr hört ihm nur wortlos zu und schwieg dann einige Sekunden. Dann richtete er sich nickend und auch lächelnd wieder auf.
„Es war richtig, dass du es mir gesagt hast, Brad! Wir werden Jay die Hilfe geben, die er braucht.“
Er wandte sich zu den Dingos um, die immer noch hinter ihm standen. Der eine mit der blutigen Schnauze tötete Bravestarr fast mit seinen Blicken. Der Dealer in dem weißen Anzug war allerdings nicht dabei.
„Es freut dich mit Sicherheit zu hören, dass wir nicht nur die Fabrik zerstört haben, sondern auch die Hintermänner gefasst haben!“ sagte Bravestarr dann.
„Oh, gut!“ seufzte Brad hörbar erleichtert. „Dann gibt es Big nicht mehr!“
Auch, wenn auch ich im ersten Moment erleichtert war, so währte die Erleichterung nur kurz. Denn der Dealer war immer noch auf freien Fuß und wer wusste schon, wie viel der noch an Vorrat hatte, bzw. wie schnell der wieder irgendwo eine Fabrik aufzog für das Dreckzeug.
„Marshall!“ drang plötzlich eine aufgeregte Frauenstimme aus der Menge und ihm nächsten Moment fiel eine Frau in langem violetten Kleid und passenden Häubchen in seine Arme. „Marshall, ich mache mir solche Sorgen um Jay! Er ist die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen und ich habe keine Ahnung, wo er ist!“
Bravestarr nahm beruhigend ihre Hand.
„Wir suchen ihn!“ sagte er entschieden und wandte sich dann an Brad.
„Brad, weißt du, wo er sein könnte?“
„Nun...ähm...vielleicht.“ begann der Kleine unsicher. „Wir haben da so ein Clubhaus.“
Bravestarr nickte.
„Dann sollten wir da zuerst suchen. Los!“

Und so machten wir uns auf dem Weg, in Richtung Stadtrand. Handle Bar blieb beim Gefängnis um die Dingo-Bande einzusperren und zu bewachen, während Brad uns zu einer Ansammlung von vielen kleinen Hütten führte, die meisten auf Stelzen gebaut. Meines Wissens nach waren das in erster Linie sowas wie Schuppen. Einige der Einwohner von Fort Kerium lagerten hier ihr Zeug, dass sie so nicht gebrauchen konnten. Aber ich hatte hier auch schon oft einige Kinder spielen sehen.
„Da ist es!“ rief Brad und deutete auf eins, auf dessen Dach eine kleine Fahne wehte.
Im Laufschritt ging es zur Leiter, die zum Eingang hoch führte. Ich konnte sehen, dass die Tür offen stand. Zumindest sprach es dafür, dass jemand da war.
Brad begann die Leiter hoch zu klettern.
„Das ist unser Clubhaus!“ sagte er auf halber Strecke zu Bravestarr und kletterte weiter hoch.
„Er könnte hier drin sein.“ sagte er langsam und sah durch die offene Tür.
Und erstarrte mit einem erschrockenen Keuchen.
Einige Sekunden starrte er einfach weiter auf diese bestimmte Stelle, die ihn so fesselte.
Dann sackte er mit einem Stöhnen rückwärts von der Leiter.
Und wurde im letzten Moment von Thirty-thirty aufgefangen.
„Ruhig, mein Junge!“ sagte der leise und in einem beruhigenden Ton, den ich noch nie bei ihm gehört hatte und ließ den Jungen auf seine Arme sinken.
Vorsichtig ließ er ihn auf seinen Hosenboden neben der Leiter sinken.
Sofort zog er die Beine an und Tränen begannen über sein Gesicht zu laufen. Mir schwante Übles und Bravestarr scheinbar auch. Langsam begann er die Leiter hoch zu klettern. Und als er oben angekommen war, da zuckte auch er erst leicht zusammen. Doch er sagte nichts, ging noch zwei Schritte näher, durch die Tür in die Hütte und ging in die Hocke. Nur noch sein Rücken und sein knackiger Hintern war zu sehen.
Normalerweise schmachtete ich bei diesem Anblick dahin, aber in diesem Augenblick war ich einfach nur wie gelähmt vor Angst, Entsetzen und bitterer Gewissheit.
Als ich sah, wie Bravestarr in die Hütte rein griff und etwas anhob, schwand die Angst und nur noch Entsetzen und Wut machte sich in mir breit.
Denn Bravestarr hielt ein schmales Handgelenk in der Hand, die Finger an die Pulsadern gelegt. Eine Hand, die einem Kind gehörte, vielleicht von Brads Alter.
„Ich hole Doc Clayton!“ sagte Thirty-thirty, der mittlerweile die Arme um Jays bebende Mutter gelegt hatte.
„Das brauchst du nicht!“ sagte Bravestarr leise und mit deutlich belegter Stimme.
Dann wandte er sich um.
In seinen dunklen Augen stand Schmerz und Mitleid. Und das in einem Ausmaß, dass es mir das Herz zerreißen wollte.
„Er ist tot!“
Er hatte diesen Satz nur gehaucht. Ich vermutete, dass er mit den Tränen kämpfte, denn das würde auch die Nässe in seinen Augen erklären.
Neben mir erklang ein gellender Schrei. Ich sah zur Seite und Jays Mutter auf die Knie sinken.
„Oh, nein!!! Oh nein, Jay!!!“ schrie sie dabei immer wieder.
Thirty-thirty ging neben ihr in die Knie und schlang seine kräftigen Arme um sie.
Bitterlich weinend warf sie sich hinein und vergrub ihr Gesicht in seiner haarigen Halskuhle.
Nun begann auch Brad zu weinen. Hemmungslos schluchzend umschlang er die Knie mit den Armen und verbarg sein Gesicht darin.
Und nun konnte auch ich die Tränen nicht zurück halten. Mit Tränen verschleiertem Blick sah ich zu Bravestarr hoch, der immer noch am Hütteneingang hockte. Er hatte seinen Hut gezogen und gegen die Brust gepresst, den Kopf gesenkt. Obgleich ich nur so gerade eben die Seite seines Gesichtes erkennen konnte, war ich mir doch sehr sicher Tränen auf  ihnen glitzern sehen zu können.
Dann wandte ich mich Brad zu, der genau wie Jays Mutter bitterlich weinte.
Langsam ging ich zu ihm rüber, ließ mich vor ihm in die Knie sinken und schloss ihn einfach in die Arme. Genau wie Jays Mutter bei Thirty, so warf sich nun Brad in meine Arme. Das er mich kaum kannte schien in diesem Moment keine Rolle zu spielen. Alles, was zählte war das bisschen Trost, dass ich ihm durch diese Geste schenken konnte.
Und so vergossen wir alle unsere Tränen über einen Jungen, der nicht mal das Teenager-Alter hatte erreichen dürfen. Weil ein Dingo ihn zu Drogen verführt hatte, die Unwissenheit und den Leichtsinn eines Kindes ausgenutzt hatte. Und das nur wegen ein bisschen Kerium.
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