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New Texas Story

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Brave Starr Doc Clayton Handlebar J.B. McBride Tex Hex Thirty-Thirty
25.04.2011
08.03.2014
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96.013
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25.04.2011 3.947
 
Als ich die Praxis des Doktors verließ und auf die Straße kam, bot sich mir ein schier unglaublicher Anblick. Und der letzte Beweis dafür, dass das alles kein Witz war. Da, wo eine gepflasterte Straße sein sollte, war nur rissiger Wüstenboden und Staub. Die Gebäude an dieser Straße bestanden ausschließlich aus Metall und waren zumeist nicht höher als zwei oder drei Stockwerke, wie es schien. In ihrer Form und Architektur erinnerten sie mich stark an die alten Wildwest-Schinken mit Winnetou und Co. Auch die Leute auf der Straße waren nicht weniger merkwürdig. Die Frauen trugen zumeist lange altmodische Kleider und die Männer trugen allesamt mehr oder wenige futuristisch anmutende Kleidung. Die meisten trugen Cowboyhüte, oder dergleichen und wenn man ein Gefährt auf der Straße antraf, dann meistens Planwagen, die von merkwürdigen schwebenden Robotern gezogen wurden. Diese schienen auch als so eine Art Reittier genutzt zu werden, denn einige sah man auch einzeln mit Reiter.
„Das kann doch alles nur ein Traum sein!“ murmelte ich vor mich hin.
Ich war tatsächlich in einer futuristischen Version des Wilden Westens gelandet!
Ich trat aus dem Schatten des Gebäudes heraus, auf die Straße und schreckte sogleich von der Hitze zurück, die ich nun jetzt erst spürte. Mit der Hand meine Augen schützend blickte ich vorsichtig in den Himmel. Und sah drei glühende Punkte am Himmel, die gnadenlos auf die Erde brannten.
„Jetzt ist alles aus! Ich seh schon dreifach!“ sagte ich.
„Keineswegs. New Texas hat drei Sonnen!“ hörte ich plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir.
Ich wandte mich erschrocken um und blickte in das Gesicht der Richterin.
„Ich kann verstehen, wenn das verwirrend für sie ist.“ sagte sie lächelnd.
Ich zuckte mit einem hilflosen Lächeln mit den Schultern.
„Ehrlich gesagt, ich bin nicht nur verwirrt, ich hab echt Angst! Ich bin nicht nur in die Zukunft, sondern gleich auf nen anderen Planeten gereist und habe nicht mal im Ansatz ne Ahnung, wie.“
Sie kam näher und legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Kann ich gut verstehen. Aber sie werden sich hier bald zurecht finden.“
Dann deutete sie auf ein großes Gebäude an einem weitläufigen Platz am Ende der Straße.
„Gehen wir erst mal zu Handle Bar, damit wir eine Unterkunft für sie organisiert bekommen und dann sehen wir weiter.“
Sie trabte los und ich folgte ihr. Dabei unterließ ich es natürlich nicht, mich weiter umzusehen. Mit einem mal fiel mir auf, dass nicht nur menschliche Wesen auf den Straßen unterwegs waren, sondern auch Roboter. Einer saß vor einem Gebäude, das von einem Schild über dem Eingang als Bestattungsunternehmen ausgewiesen wurde und spielte mit einem Maßband. Als die Richterin an ihm vorbei ging, zog er höflich den Hut und sie erwiederte seinen Gruß freundlich.
Ich konnte nichts anderes tun, als die Szene wortlos und mit aufgerissenen Augen zu betrachten. Das wurde immer verrückter! Aber scheinbar schien mein Anblick die Leute hier genauso zu verwirren, wie mich ihrer, denn ich spürte die verwunderten und neugierigen Blicke von so einigen Augenpaaren. Und bei einigen Leuten konnte ich auch sehen, wie sie die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Ich wandte mich wieder nach vorne und beeilte mich der Richterin nachzukommen.
Dann hatten wir das Gebäude erreicht, das, wie sich jetzt heraus stellte, ein Saloon war. Aus dem Inneren klang typische Klaviermusik und auch Gespräche. Der Richterin nun auf dem Schritt folgend, betraten wir den Saloon und ich konnte ein erleichtertes Aufatmen nicht unterdrücken. Die Hitze, die die drei Sonnen verursachten, blieb zum Glück ebenfalls draußen und in dem Saloon war es angenehm kühl. Allerdings brauchten meine Augen auch einige Sekunden um mich an das Dämmerlicht im inneren des Gebäudes zu gewöhnen und so war ich einige Sekunden fast blind.
„Hallo J.B.!“ konnte ich die Stimme eines Mannes hören, die von der anderen Seite des Raumes zu kommen schien.
„Hallo, Handle Bar.“ antwortete die Richterin und ging auf die Bar zu.
Ich sah mich unverhohlen neugierig um. Wie auch im Krankenhaus, so bestanden auch hier die gesamte Einrichtung aus Metall. Lediglich die Flaschen in dem Regal hinter der Bar waren aus Glas. Die Richterin trat an diese Bar und ich konnte die Gestalt eines wirklich gewaltigen Mannes mit grüner Haut und roten Haaren erkennen, der dahinter stand und ein Glas mit einem Tuch auswischte. Der Kerl war wirklich riesig, bestimmt zwei Meter und hatte im ganzen die Statur eines Kleiderschrankes. Sein Gesicht machte einen kantigen und harten Eindruck. Langsam trat ich neben die Richterin, verunsichert, was ich von dem Kerl halten sollte.
„Wen haben wir denn da?“ wandte sich dieser plötzlich an mich.
„Nun, das ist die junge Frau, die Bravestarr in der Prärie gefunden hat.“ antwortete die Richterin für mich.
„Schön zu sehen, dass sie wieder auf den Beinen sind, meine Liebe!“ sagte der grüne Riese und streckte mir seine rechte kohlenschaufelgroße Hand entgegen.
Da ich nicht unhöflich erscheinen wollte ergriff ich sie eilig und schüttelte sie. Sein Griff war zwar sanft, aber man spürte dennoch, dass er gewaltige Kräfte hatte.
„Danke. Ich bin ja auch scheinbar sehr gut behandelt worden.“ sagte ich etwas schüchtern.
„Mein Name ist Handle Bar. Wie darf man die junge Dame rufen?“ fragte er dann.
„Bianca.“ antwortete ich.
„Wir brauchen eine Unterkunft für sie, Handle Bar. Hast du vielleicht für ein paar Tage ein Zimmer frei?“ fragte die Richterin dann.
„Aber klar. So hübsche Gäste nehme ich doch gern auf.“ sagte er und zwinkerte mir zu.
Ich spürte, dass ich etwas errötete. Der Kerl schien zwar grobschlächtig zu sein, aber freundlich. Ich begann ihn zu mögen.
„Was führt sie denn nach New Texas, meine Liebe?“ fragte er mich dann.
Diese Frage würde ich wohl noch häufiger hören.
„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich hierher komme.“ sagte ich dann.
Handle Bar runzelte die Stirn.
„Sie wissen nicht?“ fragte er dann.
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist es, was wir herausfinden müssen. Sie behauptet, sie kommt von der Erde. Aber aus dem Jahr 2009.“ sagte die Richterin an ihn gewandt.
„Das behaupte ich nicht nur, das ist ganz einfach so.“ mischte ich mich ein.
„Nun, wir werden es schon herausfinden. Bis es soweit ist, muss sie eine Unterkunft haben.“ fuhr sie nicht sonderlich beeindruckt fort.
„Kein Problem.“ sagte der Barkeeper fröhlich und betrachtete mich dann mit unverhohlener Neugier.
„Darf ich ihnen denn ein Süßwasser anbieten, als kleinen Begrüßungstrunk auf unserem Planeten?“ fragte er mich dann.
Ich hatte zwar keine Ahnung, was Süßwasser war, aber ich nickte. Ich würde wohl noch auf so einige Sachen stoßen, die mir fremd waren.
„Gern. Danke!“ sagte ich und er schüttete aus einer bauchigen Flasche eine rosafarbene Flüssigkeit in ein Glas, das er mir dann reichte. Neugierig betrachtete ich die Flüssigkeit erst, bevor ich das Glas vorsichtig ansetzte. Die Flüssigkeit benetzte meine Lippen und ich nahm einen kleinen Schluck. Und stellte fest, dass man das Zeug nicht passender hätte taufen können. Es schmeckte ein bißchen wie süßer Fruchtsaft, nur dünnflüssiger, wie Wasser eben. Aber sehr gut.
„Und? Wie schmeckt ihnen unsere Spezialität?“ fragte Handle Bar.
„Gut! Wirklich gut!“ sagte ich aufrichtig und begann das Glas genüßlich zu leeren.
„Was genau ist das?“ fragte ich dann neugierig.
„Oh, Süßwasser wird aus einer ganz bestimmten Pflanze gewonnen. Sie wird nur hier auf New Texas angebaut und ist eines unserer Exportschlager.“ erklärte mir der Barkeeper.
„Kann ich mir vorstellen. Das wäre auch bei uns ein Hit gewesen!“ sagte ich.
„Nun, ich denke, ich zeige ihnen jetzt erst einmal ihr Zimmer.“ sagte er und kam hinter dem Tresen hervor.
Ich trottete an seine Seite und folgte ihm die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Die Treppe war zwar aus stabilem Metall, aber sie knirschte dennoch hörbar unter dem Gewicht des Riesen. Als wenn er ne Tonne, oder so wiegen würde.
Die Zimmer im oberen Stockwerk waren, genau wie der gesamte Saloon auch wieder eine super Kopie der typischen Wildwest-Hotelzimmer. Nur in dieser futuristischen Weise, versteht sich. Es war spärlich eingerichtet, mit einem Bett, einem Stuhl und einem kleinen Schrank, aber es gab eine kleine Duschecke.
„Klein, aber fein!“ sagte der Riese hinter mir, während ich mich umsah.
„In der Tat.“ sagte ich leise und blickte aus dem Fenster auf die Straße.
Dann hörte ich, wie er neben mich trat und ebenfalls auf die Straße blickte.
„Kommen sie wirklich aus der Vergangenheit?“ fragte er mich dann leise.
Ich sah zu ihm auf.
„Ja, wirklich!“ sagte ich. „Ich weiß ja, wie das für sie alle klingen muss, aber für mich ist das bestimmt ne ganze Spur heftiger! Ich weiß gar nicht....“
„Wie sie sich hier zurecht finden sollen?“ führte er meinen Satz zu Ende.
Ich nickte.
„Ja. Alles hier ist so...total anders.“
„Kann ich verstehen.“
Während ich mich auf das Bett sinken ließ, lehnte er sich gelassen gegen die Wand. Irgendwie machte ich mir ein bißchen Sorgen, dass sie seinem Gewicht vielleicht nicht stand hielt und er plötzlich auf die Straße fiel.
„Und? Was haben sie jetzt vor?“ fragte er dann.
Ich starrte auf meine Füße.
„Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich meine, ich will natürlich schon einen Weg zurück finden. Aber ich habe ja noch nicht mal eine Ahnung, wie ich hierhin gekommen bin.“ sagte ich und blickte langsam auf.
Handle Bar hatte den Kopf leicht gesenkt und sah nachdenklich aus.
„Nun, sie sollten sich erst einmal etwas ausruhen. Ein kleines Nickerchen wirkt manchmal Wunder.“ sagte er dann und schickte sich an zu gehen.
Nickerchen? Jetzt? Der machte wohl Witze!
Ich stand auf und folgte ihm.
„Also, ehrlich gesagt, ich will mich jetzt lieber etwas in der Stadt umsehen. Ich hab volle zwei Wochen durchgeschlafen und das letzte, an was ich jetzt denken kann, ist Schlaf.“ sagte ich.
Er blieb in der Tür stehen und sah mich ernst an.
„Gut! Aber geben sie auf sich acht und verlaufen sie sich nicht.“ sagte er dann.
Verlaufen? Ich hatte zwar noch nicht sehr viel von der Stadt gesehen, aber wie New York oder Berlin kam sie mir größentechnisch nun nicht vor. Doch ich wollte nicht unhöflich sein, denn der sorgenvolle Ton in seiner Stimme war aufrichtig.
„Ich komm schon klar.“ sagte ich und dann gingen wir zusammen wieder runter in den Saloon.
Die Richterin stand noch an der Bar und wartete auf Handle Bar. Sie blickte überrascht auf, als sie sah, dass ich mit ihm wieder herunter kam.
„Nun, gefällt ihnen ihre kleine Unterkunft?“ fragte sie dann.
„Ja, sehr gut! Ich möchte mich nur etwas in der Stadt umsehen.“ antwortete ich.
Sie nickte.
„Gut, aber passen sie auf und verlassen sie die Stadt erst einmal nicht. Am besten bleiben sie hier in Zentrumnähe.“ sagte sie.
Mann oh mann! Was hatten die nur alle? Ich war vielleicht mit dieser Stadt und der Umgebung nicht vertraut, aber ich war auch kein kleines Kind mehr. Was machten die nur für einen Aufriss?
„Wird schon nichts passieren.“ sagte ich und wandte mich um zum gehen.
„Oh, und nochmals danke für ihre Hilfe.“ sagte ich dann noch.
„Gern geschehen.“ antwortete J.B. und Handle Bar nickte mir zu.
Dann fingen die beiden an irgendetwas zu besprechen und ich wandte mich endgültig ab und verließ den Saloon. Um draußen erst einmal wieder von der Hitze fast erschlagen zu werden. Wie hielten die das nur den ganzen Tag aus? Langsam begann ich über den Platz zu schlendern und sah mich weiter um. Ein typischer Dorfplatz, an dem sich allerlei Geschäfte angesiedelt hatten. Anhand der Schilder konnte ich einen Barbier, eine Art Lebensmittelladen und auch eine Bank erkennen. Die Hauptstraße weiter runter lag dann die Praxis des Arztes, die Post und ein paar Blocks weiter konnte ich auch ein Gebäude mit einem großen Stern als Schild erkennen.
Plötzlich musste ich wieder an den Sheriff denken. Oder Marshall, wie er hier wohl genannt wurde. Sollte ich vielleicht zu ihm gehen? Schließlich hatte er mich ja gebeten, ein Bericht bei ihm abzugeben, bezüglich meiner Herkunft. Und irgendwie...reizte es mich auch ein bißchen, ihn wiederzusehen, auch wenn ich nicht wusste warum. Wahrscheinlich, weil ich einfach das Gefühl nicht los wurde, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben.
Nur wie sollte man einen Menschen, der in der Zukunft lebte und außerdem auch noch auf einem anderen Planeten schon einmal gesehen haben können. Aber andererseits war es ja eigentlich auch genauso unmöglich durch die Zeit und auf einen anderen Planeten zu reisen.
Verflucht! Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte, mir fiel für diese ganze Sache einfach keine passende Erklrärung ein.
Plötzlich hörte ich hinter mir ein wildes Sausen und dann eine aufgeregte Frauenstimme.
„He! Aus dem Weg!“
Erschrocken sprang ich zur Seite. Gerade noch rechtzeitig um dem schwebenden, heransausenden Gefährt zu entgehen, dass nun an mir vorbeisauste und nur wenige Meter weiter zum stehen kam. Heftig atmend blickte ich zu dem Ding rüber. Es sah aus, wie eine Kutsche, nur dass es nicht auf Rädern fuhr, sondern irgendwie schwebte und es wurde auch nicht von Pferden gezogen, sondern von diesen merkwürdigen Robotern. Neugierig und noch immer mit klopfendem Herzen ging ich näher, bis ich eine sehr stämmige Frau auf dem Kutschbock erspähen konnte, die sich im selben Moment mirt zu wandte.
„Verflucht! Mädchen! Willst du dich umbringen?“ rief sie aufgeregt.
„Tut mir leid! Wirklich! Ich war in Gedanken und hab sie nicht gehört!“ entschuldigte ich mich eilig.
Mit einem geübten Satz sprang die Frau vom Kutschbock und landete auf dem staubigen Wüstenboden.
„Kannst von Glück reden, dass ich meine Stratokutsche im Griff habe!“ sagte sie und ging langsam mit schweren Schritten und in die Hüften gestemmten Händen auf mich zu.
Sie war wirklich sehr groß und kräftig. Ein richtiges Mann-Weib. Ich schätzte sie auf ungefähr 45 bis 50, denn sie hatte schon graue Haare, die sie zu einem dicken Zopf zusammengebunden hatte. Unter ihrem lockeren Hemd konnte man deutlich Muskeln erkennen. Etwa einen Meter vor mir blieb sie stehen und musterte mich leicht herablassend.
„Wer bist du überhaupt, du Küken?“ fragte sie dann.
Verdammt, was hatte die für ein Problem? Ich hatte mich schließlich entschuldigt.
„Ich heiße Bianca. Und wer sind sie? Calamity Jane?“ fragte ich dann frech und stemmte ebenfalls meine Hände herausfordernd in die Hüften.
Das Gesicht der Frau verdüsterte sich und gerade, als sie wahrscheinlich zu einer geharnischten Antwort ausholen wollte, erklang plötzlich eine wohlbekannte männliche Stimme hinter ihr.
„Das reicht, Molly! Keinen Streit!“
Der Marshall trat hinter ihr hervor und blieb zwischen ihr und mir stehen.
„Was ist los?“ fragte er dann und sah erst Molly und dann mich an.
„Was hier los ist, Junge? Erst steht dieses freche Ding da mitten auf der Straße, so dass ich sie fast über den Haufen fahre und dann wird sie auch noch frech!“ ereiferte sich die mit Molly angesprochene und funkelte mich giftig an.
Ich funkelte ebenso giftig zurück.
„Und ich habe bereits gesagt, es tut mir leid. Ich hab sie nicht gehört.“ erwiederte ich.
Der Marshall wandte sich mir zu und sah mich prüfend an. Sein Blick löste ein merkwürdiges Gefühl in meiner Magenkuhle aus. Der Mann strahlte die Autorität auch aus, die er besaß.
„Nun, sie, junge Dame, sollten in Zukunft besser auf den Verkehr achten!“ sagte er dann an mich gewandt.
„Und du, Molly, lass es gut sein. Sie ist neu hier und kennt sich noch nicht aus. Es wird nicht wieder vorkommen.“ sagte er dann an die Frau gewandt.
„Hoffentlich!“ brummte diese und schwang sich wieder auf ihren Kutschbock. Nicht, ohne mir noch einmal einen giftigen Blick zuzuwerfen, den ich aber ebenso giftig beantwortete.
Dann gab sie ihren komischen Zugtieren, oder Zugmaschinen die Sporen und dieses Kutschending sauste weiter die Straße entlang. Und das nicht gerade langsam. Ich fragte mich, wie viele Leute sie vielleicht schon fast überfahren hätte.
„Sie scheinen ja wieder vollends auf den Beinen zu sein?“ hörte ich dann wieder die Stimme des Marshalls und blickte zu ihm auf.
Sein Blick war immer noch ziemlich streng. Ich konnte ein leichtes Schaudern nicht unterdrücken.
„Ja. Ich...ich wollte mich etwas umsehen. Mich mit der Gegend vertraut machen.“
„Ich hoffe, dass das nicht dadurch passiert, in dem sie hier mit jedem Streit anfangen.“ sagte er streng.
Am liebsten hätte ich nun verlegen den Blick gesenkt, aber nun schaltete sich mein Dickkopf wieder ein.
„Ich wollte das nicht! Ehrlich nicht! Ich war völlig in Gedanken und hab sie nicht kommen hören. Ich hab mich auch sofort entschuldigt, aber Calamity Jane hielt es für nötig, mich zu verspotten. Das muss ich mir ja wohl auch nicht bieten lassen, oder?“ fragte ich dann und bemühte mich in seine dunklen Augen zu sehen.
Einige Sekunden sah er mich dann noch streng an, doch dann hellte sich seine Miene etwas auf.
„Nein, da haben sie recht. Molly ist eigentlich eine totgute Frau, aber manchmal auch etwas aufbrausend. Passen sie in Zukunft etwas besser auf.“ sagte er dann in einem versöhnlicheren Ton.
Ich nickte und sah, wie daraufhin der strenge Ausdruck völlig aus seinem Gesicht verschwand.
„Eigentlich trifft es sich ganz gut, dass sie hier sind. Dann können sie gleich mit in mein Büro kommen und wir können den Bericht machen.“ sagte er und ging in Richtung seines Büros davon. Ich folgte ihm und wurde mir erst jetzt der vielen Blicke bewusst, die ich mal wieder auf mich zog. Umso mehr, nach dieser kleinen Nummer von vorhin. Ich versuchte es zu ignorieren und betrat nach ein paar Minuten hinter dem Marshall sein Büro.
Und wie vorher auch der Saloon hätte es wieder einem alten Western entspringen können, wäre nicht alles aus Metall. Zudem gab es an der einen Wand noch eine Art riesigen Computer mit mehreren Bildschirmen und Tastaturen.
Auf der linken Seite gab es drei Zellen und dort stand auch der Schreibtisch des Marshalls. Ich konnte hören, wie er sich auf seinen Stuhl fallen ließ, während ich es nicht unterlassen konnte, mich interessiert umzusehen.
„Sind sie bei Handle Bar untergekommen?“ konnte ich ihn plötzlich fragen hören.
Beinahe erschrocken wandte ich mich ihm zu.
„Oh, ähm, ja. Er war wirklich sehr nett zu mir.“ sagte ich dann eilig und ging auf den Schreibtisch zu.
Der Marshall hatte in der Zwischenzeit sowas wie ein Diktiergerät aus seinem Schreibtisch geholt und es wohl auch schon eingeschaltet. Er deutete auf den zweiten Stuhl, vor seinem Schreibtisch.
„Nun setzten sie sich erst einmal und dann können sie mir in Ruhe erzählen, wie sie hierher gekommen sind.“ sagte er, nun freundlich lächelnd.
Es machte mich irgendwie verlegen.
Gehorsam ließ ich mich auf dem Stuhl nieder.
„Eigentlich kann ich ihnen nur noch einmal erzählen, was ich ihnen schon im Krankenhaus erzählt habe. Ich war Zuhause, in meiner Wohnung und wollte mir eine DVD ansehen. Ich hab die DVD gestartet und mit einem Mal wurde alles Schwarz um mich herum und ich hatte das Gefühl, als würde ich fallen. Und dann bin ich mit dem Berghang kollidiert und hab mir dabei wohl ziemlich übel den Kopf angeschlagen. Und dann bin ich im Krankenhaus aufgewacht.“
Ich sah ihn an und lächelte verlegen.
„Klingt ganz schön verrückt, was? Wenn sie meinen, ich sei reif für die Klappsmühle, dann wäre ich ihnen nicht böse.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, das denke ich nicht.“
Er streckte die Hand nach dem Diktiergerät aus und schaltete es ab.
„Ich kann verstehen, wenn sie ein bißchen nervös sind, bei dieser Situation.“
„Nervös? Nervös ist gut! Ich hab ehrlich gesagt ne Scheiß Angst und frage mich die ganze Zeit, ob ich das alles hier nicht nur träume!“ sagte ich dann und starrte dann ins Leere.
„Da will man sich nur ne DVD ansehen und landet mal eben 240 Jahre in der Zukunft auf nem fremden Planeten! Das ist einfach nur total verrückt.“ murmelte ich.
„Ich kann ihnen versichern, dass wir versuchen werden herauszufinden, was passiert ist.“ sagte er dann und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Der Stuhl knarrzte laut.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich ihm noch gar nicht gedankt hatte. Denn schließlich hatte er mich gefunden und hierher gebracht.
„Marshall, bei der ganzen Aufregung bin ich noch gar nicht dazu gekommen, ihnen zu danken.“ sagte ich dann.
„Danken? Wofür denn?“ fragte er jedoch nur.
„Na, dass sie mich in der Prärie aufgelesen haben. Wer weiß, was passiert wäre, hätten sie mich nicht gefunden.“ antwortete ich.
„Das war doch selbstverständlich!“ lächelte er. „Und es war mir ein Vergnügen. Man findet schließlich nicht jeden Tag da draußen eine junge hübsche Dame.“
Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss und dann hörte ich ihn leise lachen.
Plötzlich hörte ich von der Tür her Hufschlag.
„Ist unser Findelkind etwa wach?“ fragte dann eine Stimme wiehernd von der Tür her.
Erschrocken wirbelte ich auf dem Stuhl herum und glaubte dann endgültig verrückt zu werden. In der Tür stand eine riesige Gestalt, mit breiten Schultern und dichter Mähne, die nun mit laut klackenden Schritten näher kam. Normalerweise sollte mich der Anblick eines zweibeinigen, sprechenden Pferdes nicht mehr schocken, nach allem, was ich heute gesehen hatte. Aber das tat es. Unfähig ein Wort zu sagen, starrte ich die hünenhafte Gestalt an, die nun vor mir stehen blieb und auf mich herabsah. Und nicht nur, dass er auf zwei Beinen lief und sprach, seine Beine und Arme waren Roboterarme. Lediglich sein Torso und Kopf waren aus Fleisch und Blut.
Ich musste wahrscheinlich einen ziemlich komischen Anblick bieten, wie ich da saß und ihn mit offendem Mund und riesigen Augen anstarrte. Aber dieser Anblick schien für ihn auch beleidigend zu sein, denn seine Miene verdüsterte sich. Das erste Mal, dass ich bei einem Pferd Mimik sah.
„Was gibt’s denn da so groß zu gucken?“ fragte er und ich spürte, dass er sich beherrschte nicht schlimmere Worte zu benutzen.
„Beruhige dich, Big Partner! Unsere junge Freundin hier hat wahrscheinlich noch nie einen Hippodroiden gesehen!“ hörte ich den Marshall sagen.
„Ein Hippo-Was-für-ein-Ding?“ fragte ich entgeistert.
Der Gaul starrte mich noch giftiger an und der Marshall schien ein Lachen unterdrücken zu müssen.
„Ein Hippodroid. Ein Techno-Pferd.“ sagte er dann.
„Nun, ob sie schon mal einen meiner Art gesehen hat, oder nicht, es gehört sich nicht, Leute so anzustarren!“ schnaufte der Gaul böse und verschränkte die Arme.
„Oh, tut mir leid! Sie haben ja recht! Es ist nur so, ich...ich habe wirklich noch nie ein Pferd gesehen, das sprechen und auf zwei Beinen laufen kann.“ beeilte ich mich zu sagen.
Mit dem Burschen war scheinbar nicht gut Kirschen essen.
„Wird aber Zeit!“ schnaufte der Gaul nur laut und beugte sich zu mir herab.
„Nun mal langsam, Big Partner!“ hörte ich dann wieder den Marshall sagen.
„Unsere kleine Besucherin hier ist von einem anderen Planeten und noch dazu aus einer anderen Zeit. Sieh es ihr nach, wenn sie ein bißchen unsicher ist.“
Der Gaul sah erst ihn und dann wieder mich an. Aber scheinbar schien er sich wirklich zu beruhigen.
„Hmpf! Nun gut! Ich hoffe nur, dass sie ansonsten bessere Manieren aufweisen kann!“ grummelte er dann.
„Tut mir wirklich leid!“ sagte ich noch einmal, stand auf und hielt ihm etwas hilflos die Hand hin.
„Mein Name ist Bianca. Und, wie der Marshall schon sagte, ich bin nicht von hier. Das ist alles so fremd hier für mich. Ich wollte wirklich nicht unhöflich sein.“
Der Gaul betrachtete meine Hand erst kritisch, grinste dann aber, was bei einem Pferd echt witzig aussah und nahm meine Hand dann in seine riesige Pranke.
„Thirty-thirty!“ sagte er und drückte meine Hand mit einem Mal so fest, dass ich mit einem Keuchen in die Knie ging.
„Also, Parnter!“ hörte ich den Marshall sagen, während ich meine gequetschte Hand massierte.
„Schon gut! Ich denke, die kleine Retourkutsche hatte ich verdient!“ beschwichtigte ich.
Thirty-thirty lachte wiehernd.
„Wenigstens ist sie kein Weichling!“ wieherte er.
„Na, heißen Dank auch!“ sagte ich und schüttelte meine Hand durch, was den Gaul wieder zum Lachen brachte, in das nun auch der Marshall einstimmte.
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