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New Texas Story

GeschichteAbenteuer / P16
Brave Starr Doc Clayton Handlebar J.B. McBride Tex Hex Thirty-Thirty
25.04.2011
08.03.2014
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96.013
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25.04.2011 3.831
 
„Also auf diese Serie fuhr der als Kind so ab?“ murmelte ich, während ich ins Wohnzimmer meiner kleinen Wohnung ging. Gerade zurück von der Tür, wo ich das Päckchen entgegengenommen hatte.
In meiner Hand hatte ich nun eine DVD-Sammlung einer alten Kinderserie aus den 80ern. Auf dem Cover war ein gut gebauter Indianer in einer merkwürdigen gelben Uniform abgebildet. Im Hintergrund war ein ziemlich merkwürdiges, futuristisch anmutendes Gebäude zu sehen. „Bravestarr“ titelte das Cover.
Das Geburtstagsgeschenk für meinen Cousin. Tatsächlich schwärmte er in letzter Zeit immer wieder davon. Und so hatte ich mich mal im Internet danach umgesehen.
Mann, der wird vor Freude ausflippen, wenn er sein Geschenk öffnet! Denn hundert prozentig wusste er nichts davon, dass es die Serie auf DVD gab, denn ansonsten hätte er sie schon längst.
Ich kannte die Serie nicht, hatte aber auch nie Interesse an so etwas gehabt. Und doch wurde ich neugierig. Tatsächlich fand ich die Serien, die den Kindern heute vorgesetzt wurden, fürchterlich. Würde mich schon mal interessieren, was das hier war.
Schließlich packte ich die erste DVD aus und schaltete meinen DVD Player ein. Machte ja wohl nichts, wenn ich mal reinsah. Ich legte die DVD ein, setzte mich aufs Sofa und startete die DVD. Zuerst kam nur das übliche Vorgeplänkel und dann erschien das Menü. Ich konnte mir entweder die Episoden einzeln ansehen, oder aber einfach starten. Da ich die Serie nicht kannte, drückte ich einfach auf Start.
Und plötzlich begann alles um mich herum in Schwärze zu versinken. Mit einem Mal fühlte ich mich wie von einem Orkan erfasst und durch bodenlose Schwärze gewirbelt. Ich war nicht fähig zu atmen, hatte das Gefühl, als würde mein Herz gesprengt und begann verzweifelt um mich zu greifen, irgendwas zu fassen zu bekommen. Doch nur Leere, schwarze, wirbelnde Leere.
Und plötzlich ein Lichtblitz und dann spürte ich Hitze. Es war unglaublich heiß und hell. Ich konnte noch gerade eben eine Wüstenlandschaft um mich herum erkennen, bevor ich registrierte, dass ich mich immer noch im freien Fall befand. Ungefähr vier Meter über dem Boden, genauer gesagt über einem Berghang, mit dem ich in wenigen Augenblicken kollidieren würde. Ich schaffte es noch gerade eben meine Lungen mit brennend heißes Luft vollzusaugen und einen abgehackten Schrei auszustoßen, bevor meine linke Schulter mit dem harten Felsen kollidierte und mir die restliche Luft aus den Lungen trieb. Ein dumpfer Schmerz schoss durch meinen ganzen Körper, lähmte mich und ich kullerte bewegungsunfähig den steilen Berghang hinab, spürte, wie sich scharfe Steine und Felskanten in meine Haut bohrten, Schnitte und blaue Flecke zurück ließen. Und dann stürzte ich weitere zwei Meter in die Tiefe und schlug mit dem Kopf auf. Sofort versank die Welt im Dunkel.
Irgendwann, ich weiß nicht wie lange ich bewusstlos war, meinte ich, dumpfe Schläge auf dem Boden wahrzunehmen, die immer lauter wurden. Und Stimmen. Doch ich konnte nicht darauf reagieren. Ich war zu müde, unfähig mich zu bewegen. Selbst zum Aufschlagen der Augen schien mir die Kraft zu fehlen.
Dann hörte ich Schritte, die auf mich zukamen, eilige Schritte. Und dann Hände an meinen Schultern, die mich auf den Rücken drehten, was den furchtbaren Schmerzen in meinem Kopf noch mehr Nahrung gab. Gequält stöhnte ich auf. Ich spürte, wie die Hitze der Sonne auf mein Gesicht brannte.
Ich hörte, wie jemand, ein Mann, etwas zu mir sagte, aber ich verstand nicht, was.
Dann fühlte ich zwei muskulöse Arme, die sich unter meine Schultern und meine Beine schoben und dann verlor ich den Kontakt mit dem Boden. Wie ein nasser Sack hing ich auf den Armen des Mannes. Ich sammelte alle meine Kräfte, die ich noch in mir fand und schlug die Augen einen Spalt breit auf. Das grelle Licht der Sonne stach in meine Augen und ich konnte nur ganz verschwommen das dunkle Gesicht eines Mannes erkennen, der beunruhigt auf mich herab sah. Er trug scheinbar einen Cowboyhut und hatte lange dunkle Haare,  die er zum Pferdeschwanz gebunden hatte.
Doch ich hatte keine Zeit mich weiter darüber zu wundern, wo dieser Mann herkam und wer er war, denn es wurde wieder alles um mich herum dunkel.

Bravestarr und Thirty-thirty waren gerade auf dem Rückweg von der Patrouille, als plötzlich der abgehackte Schrei einer Frau zu hören war und dann lautes Gepolter, wie eine Steinlawine.
„Was war denn das?“ rief Thirty-thirty und sah in die Richtung, aus der das Gepolter kam.
„Keine Ahnung, aber es klingt irgendwie nach Ärger.“ antwortete Bravestarr und sie beeilten sich an die Stelle des Gepolters zu kommen.
Es war nicht schwer zu finden. Nach wenigen Metern, hinter ein paar Felsen, konnte man jemanden am Fuße eines Berges liegen sehen. Offensichtlich eine Frau und sie war verletzt. Ihr hellblondes Haar war an einer Stelle Blutgetränkt und sie lag verdreht und regungslos auf dem Gesicht.
Bravestarr sprang aus dem Sattel und eilte sofort zu der Frau hin. Er ging neben ihr in die Knie und betrachtete sie verwundert. Er hatte diese Frau noch nie gesehen und er war sich sofort sicher, dass sie nicht von hier war. Sie trug merkwürdige Kleidung. Zwar eine Jeans, aber ein merkwürdiges grünes kurzärmeliges Hemd ohne Knöpfe, Und auch ihre Schuhe waren seltsam. Keine Stiefel, ganz merkwürdig. Ihr Haar war hellblond und glatt. Es reichte ihr scheinbar bis knapp über das Kinn. Ihr Gesicht war blut- und dreckverschmiert, aber es war ein hübsches, junges Gesicht. Bravestarr schätzte sie auf Anfang zwanzig, vielleicht etwas jünger. Sie war relativ klein, reichte ihm vielleicht bis zum Kinn. Aber sie war kräftig, ihre Muskeln zeichneten sich deutlich unter ihrer hellen Haut ab.
„Hallo? Können sie mich hören?“ fragte er.
Sie stöhnte leise, rührte sich ansonsten aber nicht. Bravestarr wusste, dass sie schwer verletzt war und dringend einen Arzt brauchte. Er schob vorsichtig seine Arme unter ihre Schultern und Beine und hob sie hoch. Ihr Kopf lehnte gegen seine Schulter und plötzlich schlug sie ganz kurz die Augen einen Spalt weit auf und sah ihn an. Doch nur für einen Moment, dann erschlaffte sie ganz und er wusste, dass sie nun endgültig das Bewusstsein verloren hatte. Vorsichtig trug er sie zu Thirty-thirty zurück.
„Was ist denn das?“ fragte dieser und sah Bravestarrs Fund verwundert an.
„Keine Ahnung, aber wir müssen sie sofort in die Stadt bringen. Sie ist ziemlich schlimm verletzt.“ sagte er, hob sie vorsichtig in den Sattel und schwang sich hinter ihr ebenfalls hoch.
Dann beeilten sie sich, in die Stadt zu kommen.
In Fort Kerium war es ruhig. Alles ging seinen gewohnten Gang. Doch als Bravestarr mit der merkwürdigen Gestalt in die Stadt ritt, wandten sich einige erstaunt um und betrachteten seinen kleinen Fund. Sofort wurden auch einige Fragen laut, doch Bravestarr achtete nicht darauf. Er musste sie zu Doc Clayton bringen, so schnell es ging.
Vor der Praxis angekommen ließ er den regungslosen Körper der jungen Frau auf seine Arme sinken und trug sie rein. Doc Clayton war gerade mit einem anderen Patienten fertig.
„Marshall! Was ist passiert?“ fragte er direkt und ging auf ihn zu.
Dann fiel sein Blick auf den regungslosen Körper in seinen Armen.
„Wer ist das?“ fragte er mit gerunzelter Stirn.
„Keine Ahnung, Doc. Ich fand sie in der Prärie.“ antwortete Bravestarr.
Der Doc begann sofort sie oberflächlich zu untersuchen.
„Sie scheint schwere Kopfverletzung zu haben.“ sagte er dann hastig, trat zurück und deutete auf den Behandlungstisch.
„Legen sie sie dahin. Ich muss sie sofort gründlich untersuchen.“
Bravestarr ließ sie langsam auf den Tisch sinken.
„Ich muss den Bericht darüber fertig machen.“ sagte Bravestarr und verließ die Praxis.
„Aber in circa einer Stunde komme ich wieder. Ich möchte wissen, wer sie ist.“
Doch der Doc reagierte gar nicht. Er war voll und ganz mit seiner Patientin beschäftigt.
Bravestarr machte sich davon. Es gab einiges zu tun.
Nach nicht mal einer Stunde ging er wieder in die Praxis zurück. Doc Clayton hatte seine Patientin offensichtlich versorgt, denn auf dem Behandlungstisch lag sie nicht mehr. Doch er konnte Geräusche aus dem hinteren Räumen hören, wo die Krankenbetten standen. Bravestarr trat durch die Tür und sah den Doc an einem Bett stehen, in dem er die Gestalt der Frau ausmachen konnte. Sie trug einen dicken Verband um den Kopf und der Doc hatte sie an mehrere Geräte angeschlossen. Bravestarr hörte ein gleichmäßiges Piepsen, das ihren Herzschlag wiedergab.
„Wie geht es ihr, Doc?“ fragte er und trat an das Bett.
Der Doc hatte ihr Gesicht von Blut und Schmutz befreit und so konnte er zum ersten Mal richtig ihr Gesicht sehen. Der erste Eindruck hatte nicht getäuscht, sie war tatsächlich noch sehr jung. Und sie hatte ein wirklich schönes Gesicht, mit weichen Zügen und vollen Lippen.
„Nun, sie ist bewusstlos. Sie hat einen Schädelhirntrauma und eine Prellung an der Schulter. Die restlichen Verletzungen sind harmlos.“ erklärte der Doc.
„Was meinen sie, wann wird sie wieder aufwachen?“ fragte Bravestarr, immer noch das Gesicht der Frau betrachtend.
„Nun, dass kann ich nicht sagen. Sie liegt zwar nicht richtig im Koma, ist aber trotzdem ganz schön tief am schlafen. Ich denke, wir können nur abwarten.“
„Haben sie irgendwas gefunden, was ihre Herkunft erklären könnte?“ fragte Bravestarr weiter.
„Nein. Nichts.“ antwortete der Doc und sie verließen gemeinsam das Zimmer.
„Aber ich denke, sie stammt nicht von hier. Vielleicht eine von den neuen Siedlern.“ sagte er.
Bravestarr grübelte nach. Nein, sie war bestimmt keine von den Siedlern. Sie wäre ihm aufgefallen. Zudem hatte er sie nicht in den Datenbanken über die neuen Siedler finden können. Er hoffte, dass sie sich schnell erholte, denn er hatte einige offene Fragen.

Zwei Wochen später besuchte er den Doc erneut. Die Unbekannte war noch immer nicht aufgewacht und er hatte in der ganzen Zeit auch nichts über sie herausfinden können. Weder, dass sie irgendwo gesucht wurde, noch dass sie in irgendeinem Siedlerverzeichnis  oder gar Verbrecherverzeichnis zu finden war.
Er betrat die Praxis und hörte den Doc im Krankenzimmer rumoren. Er betrat den hinteren Raum. Der Doc stand bei der Bewusstlosen am Bett und betrachtete den Monitor. Erst jetzt fiel auch Bravestarr auf, dass das Piepsen, dass ihre Herztöne anzeigte, hektisch und unregelmäßig geworden war. Irgendwas stimmte scheinbar nicht.
„Was ist los, Doc?“ fragte er und eilte an seine Seite.
„Ich weiß nicht genau. Ihr Herzschlag ist unregelmäßig und auch ihre Atmung.“ sagte er und blickte weiter auf den Monitor.
Bravestarr wandte sich dem Bett zu und blickte in das Gesicht der jungen Frau. Ihre Hände zuckten unablässig und er konnte unter ihren geschlossenen Augenliedern erkennen, dass sich ihre Augen hektisch bewegten.
Wachte sie vielleicht auf?
Vorsichtig trat er neben sie und beugte sich leicht über sie.
„Hallo? Können sie mich hören?“ fragte er.

Angst! Ich hatte Angst! Große Angst! Wieder sauste ich durch diese wirbelnde Schwärze, völlig orientierungslos und unfähig zu atmen. Was passierte hier nur? Ich griff um mich, versuchte etwas zu packen zu bekommen, doch da war nichts, nur tiefschwarze Leere. Ich  wollte schreien, doch ich konnte nicht einmal atmen.
Und plötzlich war Licht um mich. Grelles Licht, wie von tausend Sonnen und Hitze. Wieder diese grausame Hitze. Und dann diese Wüstenlandschaft unter mir. Aber dieses Mal sauste ich scheinbar aus mehreren Metern Höhe darauf zu.
Heiße Luft füllte meine Lungen und ich konnte atmen, schreien.
„Hallo? Können sie mich hören?“ drang plötzlich eine Stimme an mein Ohr und ich fuhr mit einem lauten Schreckensschrei hoch, immer noch im Glauben zu stürzen griff ich um mich und bekam Stoff zu packen. Ich schlug die Augen auf und blickte in das Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes, der mich erschrocken ansah. Mit aufgerissenen Augen und heftig keuchend sah ich den Mann an.
„Ruhig! Ganz ruhig! Beruhigen sie sich!“ sagte er. Und dann spürte ich seine Hand an meiner. Erst jetzt sah ich, dass sich meine Hand in seinem Hemd verkrallt hatte. Beinahe erschrocken ließ ich los und fasste meinen Kopf. Er fühlte sich merkwürdig an, als wäre er eingewickelt. Was er auch war, denn ich spürte Stoff unter meinen tastenden Fingern.
Und dann die Hände eines weiteren Mannes, der auf der anderen Seite des Bettes stand und mich nun wieder sanft auf den Rücken drücken wollte.
Noch immer verwirrt schlug ich seine Hände ängstlich beiseite und sah mich hektisch in dem Raum um.
Ich sah es zwar, konnte es aber einfach nicht glauben. Denn ich war nicht mehr in meinem Wohnzimmer auf meinem Sofa, sondern in irgendeinem merkwürdigen Raum. Die Wände bestanden scheinbar aus Metall, genau wie die wenigen Möbel, die ich sah. Überall an den Wänden waren merkwürdige Gerätschaften. Alles wirkte, wie eine Hütte, zusammengezimmert aus Metall.
„Ganz ruhig! Sie sind in Sicherheit! Niemand tut ihnen was!“ hörte ich nun wieder die rauchige Männerstimme. Ich sah den Sprecher an. Ein großer, älterer Mann, schwarzer Hautfarbe mit einem Hut. Und in mehr als seltsamer Kleidung. Zwar trug er Jeans aber auch eine seltsame blaue Weste in einem merkwürdig futuristisch wirkendem Stil.
„Sie sind hier sicher!“ sagte nun der andere Mann, dem ich mich jetzt zuwandte.
Der, in dessen Hemd ich mich verkrallt hatte. Ein Indianer, der einen weißen Cowboyhut trug und ein seltsames gelbes Hemd. Ich wusste nicht wieso, aber irgendwie kam er mir bekannt vor. Doch das war in diesem Moment zweitrangig.
„Wo...wo bin ich?“ keuchte ich ängstlich und sah mich dann wieder in dem Raum um.
„Sie sind im Krankenhaus von Fort Kerium!“ sagte der Indianer.
Fort...was? Ich sah ihn verstört an.
„Was? Wo?“ fragte ich verwirrt.
„Fort Kerium. Auf New Texas.“ sagte er dann ruhig, aber mit gerunzelter Stirn.
Fort Kerium? New Texas? Wovon redete mein roter Bruder da?
„Wovon sprechen sie eigentlich? Und wer sind sie? Wie komme ich hierher?“ fragte ich nur noch mehr verwirrt.
„Erst mal ganz ruhig, junge Dame.“ sagte nun die rauchige Stimme auf der anderen Seite des Bettes.
„Jetzt will ich erst einmal sehen, wie es ihrem Kopf geht.“
Entschieden drückte er mich wieder auf den Rücken und hielt mir dann ein merkwürdiges Gerät vor die Nase, dass aussah wie ein Funkgerät. Nur dass es zwei Antennen hatte, zwischen denen Blitze zuckten. Ängstlich drückte ich mich in die Laken, möglichst weit weg von dem Teil. Was hatte der vor? Wollte er mich tasern?
„Keine Angst. Ich untersuche sie nur.“ sagte der Schwarze, als er merkte, dass ich mich offenkundig vor seinemGerät fürchtete.
Ich hörte, wie das Ding leise brummte und nach ein paar Sekunden, in denen er damit über meinem Kopf auf und abfuhr, piepste es laut.
„Nun, das Schädelhirntrauma ist überwunden.“ sagte er dann zufrieden.
Ich verstand überhaupt nichts mehr. Wie wollte er das wissen, ohne mich zu röntgen, oder sowas. Ich richtete mich wieder auf.
„Sagen sie mir jetzt endlich, wo ich hier bin und wer sie sind! Bitte!“ forderte ich die Männer dann auf.
„Mein Name ist Bravestarr. Ich bin der Marshall von New Texas und das ist Doc Clayton.“ ergriff der Indianer wieder das Wort.
Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an.
Bravestarr? Das klang bekannt. Und nun, als ich ihn genauer betrachtete, fiel mir auf, dass er mir auch bekannt vorkam. Diese merkwürdige Kleidung. Und auch sein Gesicht. Ein auffallend hübsches und sanftes Gesicht, mit markanten Wangenknochen und dunkelbraunen, fast schwarzen Augen. Sein schwarzes langes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden und an seinem Hemd blinkte ein Sheriffstern.
Ich wusste, ich hatte ihn schon mal gesehen. Nur wo?
„Und wer sind sie? Wo kommen sie her?“ fragte er mich nun.
„Ich...Bianca. Ich heiße Bianca.“ antwortete ich.
„Und woher kommen sie?“ fragte er erneut.
Immer noch völlig verwirrt antwortete ich nicht. Was ging hier bloß vor? Wie war ich hierher gekommen und was waren das für Leute?
„Ist sie wach?“ war plötzlich eine Frauenstimme von der Tür her zu hören.
Ich blickte zu der einzigen Tür in dem Raum und sah eine junge rothaarige Frau, in einem schwarzen Overall und Hut, die nun ebenfalls langsam auf mein Bett zukam.
„Hallo! Geht es ihnen besser?“ fragte sie mich dann.
Ich antwortete jedoch nicht und sah sie einfach nur weiter irritiert an.
„Wer sind sie?“ fragte sie dann und blieb neben dem Indianer-Sheriff stehen.
„Ihr Name ist Bianca. Mehr haben wir aus ihr noch nicht herausbekommen.“ sagte dieser nun.
Die junge Frau beugte sich zu mir vor.
„Mein Name ist J.B. McBride. Ich bin die Richterin von New Texas. Bitte, darf ich fragen, wo sie herkommen?“
„Ich...also...ich...“ stotterte ich.
„Geben sie mir bitte mal ihre Hand.“ sagte die rothaarige Frau nun und zog ein ähnliches Gerät aus einer Gürteltasche, wie der Doktor vorhin.
Ich zuckte zurück, presste beide Hände an meine Brust.
„Keine Angst, ich will sie nur identifizieren.“ sagte die Frau beruhigend.
Zögernd streckte ich meine Hand aus. Ich wusste zwar nicht, was hier vor sich ging, aber ich beschloss erst einmal mit zuspielen.
Sie hielt das Gerät über meine Hand und es begann leise zu summen.
„Identifizierung nicht möglich!“ verkündete dann eine mechanische Stimme aus dem Gerät und die Frau steckte das Gerät mit gerunzelter Stirn zurück.
„Dann ist sie definitiv nicht von New Texas.“ sagte sie dann.
„Entschuldigen sie, aber diese beiden hier labern auch die ganze Zeit schon von diesem New Texas. Was zum Teufel soll das sein?“ fragte ich nun aufgeregt.
Verdammt, ich wollte endlich wissen, was hier vor sich ging.
„Das ist unser Planet. Und Fort Kerium ist unsere Haupstadt.“ sagte die Frau dann ruhig.
Ich sah sie entgeistert an. Hatte sie gerade „Planet“ gesagt?
„Was? Wie meinen sie das, „unser Planet“?“ fragte ich entgeistert. Die wollten mich doch wohl verschaukeln.
„Na, New Texas ist der Planet, auf dem wir uns befinden.“ sagte sie.
„Wo kommen sie denn her?“ fragte sie dann.
„Von der Erde.“ antwortete ich dann mit einem „Du willst mich wohl verarschen“ Blick.
„Von der Erde? Wie sind sie denn dann hier hingekommen? Und warum sind sie nicht in den Datenbanken verzeichnet?“ fragte sie mich dann.
„Welche Datenbanken? Und was ist das hier alles für ein Zeug? Diese Geräte und das alles?“ fragte ich nun entgeistert. So langsam machte mir diese Maskerade richtig Angst.
„Sagen sie mal, was glauben sie, in welchem Jahr wir sind?“ fragte mich der Arzt plötzlich.
Ich sah ihn entgeistert an. Fragte der mich gerade wirklich, welches Jahr wir hatten? Das wurde immer verrückter.
„200...9?“ sagte ich dann wieder mit dem „Du willst mich wohl verarschen“ Blick.
Nun schreckten alle drei zurück und sahen mich ungläubig an.
„2009? Das ist nicht möglich!“ sagte die Frau dann.
„Ach nein? Welches Jahr haben wir denn eurer Meinung nach?“ fragte ich dann schnippisch.
Das alles machte mich fast wahnsinnig.
„2249.“ sagte der Indianer-Sheriff nun.
Ich starrte ihn an. Was hatte er gerade gesagt? 2249?
„Bitte, was? Wollen sie mich verschaukeln?“ fragte ich ihn schwer beherrscht.
„Keineswegs. Wir sind auf New Texas im Jahre 2249.“ bekräftigte er seine Aussage.
Ich konnte ihn nun endgültig nur noch wortlos anstarren. Was ging hier nur vor? Was war hier verdammt noch mal los?
„Warum erzählen sie uns nicht in aller Ruhe, was passiert ist?“ fragte mich der Indianer-Sheriff (Bravestarr? Was war das überhaupt für eine Name, „tapferer Stern“?) dann plötzlich.
„Das...würde ich gern selbst wissen!“ keuchte ich atemlos. „Vor...vor ein paar Minuten war ich noch in meiner Wohnung und wollte mir eine DVD ansehen und dann, plötzlich nur noch Schwärze und dann bin ich im freien Fall auf die Erde zu. Und dann bin ich hier wach geworden.“ sprudelte es dann aus mir heraus.
Die drei sahen mich an. Ich sah, wie es hinter der Stirn von jedem von ihnen arbeitete.
„Was halten sie davon, Doc?“ fragte die junge Frau dann an den Schwarzen gewandt.
„Nun, ich denke, sie sagt die Wahrheit. Vielleicht ist sie in einen Ionensturm geraten. Vielleicht kommt sie wirklich aus einer anderen Zeit.“ sagte der dann nachdenklich.
Was zum Geier laberten die da eigentlich. Ionensturm? Aus einer anderen Zeit kommen?
„Nun, ich denke, sie ist soweit gesund, dass sie das Krankenhaus verlassen kann. Vielleicht können sie dann etwas mehr über sie herausfinden.“ sagte er dann an die beiden anderen gewandt.
„Gut. Ich denke, wir sollten Handlebar fragen, ob er eine Unterkunft für sie hat.“ sagte der Indi...Bravestarr.
„Ich kann sie hinbringen. Ich muss sowieso wegen Vaters Geburtstag mit ihm reden.“ sagte die junge Frau, J.B.
„Gut.“ nickte er und setzte an zu gehen, wandte sich dann aber noch einmal mir zu. „Wenn sie sich danach fühlen, wäre ich ihnen dankbar, sie würden in mein Büro kommen und eine Aussage machen. Vielleicht können wir doch noch herausfinden, wie sie hierher gekommen sind.“
Dann verließ er den Raum. Ich starrte ihm verwirrt nach. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich ihn kannte. Irgendwo hatte ich ihn schon mal gesehen. Aber wo?
Plötzlich legte mir der Doktor meine Kleider auf das Bett.
„Ich habe sie waschen lassen und auch flicken. Sie waren von ihrem Sturz doch recht in Mitleidenschaft gezogen.“ sagte er dann.
„Ich warte draußen auf sie.“ sagte die junge Frau und verließ den Raum ebenfalls.
Ich meinte sie draußen mit dem Sheriff sprechen hören zu können. Das Thema ihres Gespräches war relativ klar. Aber ich konnte es den beiden auch nicht verdenken. Mittlerweile glaubte ich ihnen, dass sie mir nichts vormachten. Dafür wirkte das alles einfach zu echt.
Schließlich stand ich auf, zog mir das Nachthemd, dass ich trug aus und begann meine Kleider anzuziehen, die tatsächlich an mehreren Stellen geflickt worden waren.
„Ich denke, Handle Bar wird ihnen sicher Unterkunft gewähren, bis wir mehr wissen.“ hörte ich dann die Stimme des Arztes. Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich ihn gar nicht mehr wahrgenommen hatte.
„Wir sollten nur noch eben den Verband abnehmen.“ sagte er.
„Oh, ja, natürlich.“ sagte ich und trabte zu ihm rüber.
Schnell und geübt begann er den Verband von meinem Kopf zu wickeln.
„Sagen sie, seit wann bin ich eigentlich hier?“ fragte ich dann, während der Stoff von meiner Stirn verschwand.
„Der Marshall hat sie vor zwei Wochen zu mir gebracht. Er hat sie verletzt in der Prärie gefunden.“ antwortete er.
„Oh.“ sagte ich nur dazu.
Schließlich war ich den Verband los und der Doc warf ihn in einen Mülleimer, der ganz in der Nähe stand.
Ich betastete vorsichtig meinen Kopf, aber es tat nichts mehr weh.
„Wenn...ich gerade irgendwie unhöflich war, dann tut es mir leid. Ich bin nur so verwirrt.“ sagte ich schließlich.
„Ach, das macht nichts. In ihrer Situation ist das verständlich.“ sagte der Arzt nur ruhig. Dann strich er meine Haare an der einen Seite weg und betrachtete meinen Kopf.
„Ich denke, die Narbe wird man unter den Haaren nicht sehen.“ nickte er dann zufrieden.
„Sie sind wieder völlig gesund.“
Ich lächelte den Mann an. Auch, wenn ich ihn nicht kannte, er schien nett und aufrichtig zu sein.
„Vielen Dank für ihre Hilfe.“ sagte ich dann noch.
„Gern geschehen.“ sagte er und ich wandte mich zur Tür.
Was mich da draußen nun wohl erwartete? Ich hatte nicht die geringste Ahnung und ne Scheiß Angst. Denn scheinbar war das alles hier real. Und egal, wo ich war und in welcher Zeit, ich würde mich irgendwie erst einmal durchschlagen müssen. Bis ich herausgefunden hatte, was passiert war.
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