Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Blindgänger

von Mirfineth
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
21.04.2011
09.06.2021
122
115.526
6
Alle Kapitel
226 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
21.04.2011 887
 
An diesem Abend zappte Jeremy fast bis Mitternacht durch sämtliche Fernsehprogramme, die sein Fernsehgerät hergab. Und das waren eine Menge. Der Fernseher war genauso ein Luxusprodukt wie alles in Jeremys Haushalt. Seine Eltern hatten stets viel Geld dafür bezahlt, immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein. Jeremy konnte zum Beispiel die Handys gar nicht mehr zählen, die er in seinem Leben besessen hatte.
Zuerst sah sich Jeremy einen Horrorfilm an, der davon handelte, dass eine Expedition von vier Forschern, die im afrikanischen Dschungel ihr Funkgerät verloren hatten, ins Revier eines aggressiven Riesenalligators geriet und dort nicht mehr herausfand, und dann schaltete Jeremy um auf das Basketballspiel, das er zusammen mit Nicolas hatte gucken wollen. Als die Mannschaft, von der Jeremy ein Fan war, jedoch verlor, schaltete Jeremy enttäuscht den Fernseher aus.
„Die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren…“, murmelte er, während er eine Boxershorts anzog und sich ins Bett legte. Er schnappte sich sein Handy und verschickte noch ein paar SMS, zuerst an die Tussis von letzter Nacht, in denen er ihnen gleich zu Anfang mitteilte, dass er an einer längeren Beziehung nur unter ganz bestimmten Bedingungen interessiert sei, aber dass er nichts dagegen habe, die Frauen wiederzusehen, vorausgesetzt, sie seien dann noch genauso scharf wie gestern. Dann schickte er Nicolas eine SMS und fragte ihn, ob er jetzt damit fertig sei, „die heiße Schnecke“ so richtig durchzuvögeln, und ob er Lust habe, mit Jeremy nächste Woche ein Hiphopkonzert zu besuchen, bei dem es laut Internet-Beschreibung so richtig abgehen solle.
Irgendwann schlief Jeremy ein. Er träumte schlecht. Im Traum saß er im Rollstuhl und Nicolas schob ihn an den Tussis von letzter Nacht entlang, die alle in einer Reihe standen und demonstrativ die Köpfe wegdrehten, als er an ihnen vorbeirollte. Dann stand da der Barkeeper, der seine Sonnenbrille gefunden hatte, sagte: „In unserem Club ist der Zutritt für Krüppel verboten…“, und streckte Jeremy die Zunge raus. Jeremy wollte aufstehen und ihm eins in die Fresse hauen, doch ein höllischer, stechender Schmerz in seinen Beinen hinderte ihn daran. Frustriert schrie er laut auf.
Es war ein echter Schrei, kein Traum-Schrei. Normalerweise schlief Jeremy die Nächte durch bis zum nächsten Morgen, es sei denn, man weckte ihn. Doch in dieser Nacht wachte er von alleine auf.
Er schwitzte und atmete tief durch. Das Grauen, das der Traum in ihm ausgelöst hatte, steckte ihm noch in den Knochen.
Jeremy warf einen Blick auf die Leuchtanzeige seines Weckers. Es war fast zwei Uhr morgens. Er hatte nur etwas mehr als eine Stunde geschlafen.
Stöhnend beschloss er, kurz aufzustehen und in der Küche einen Schluck Wasser zu trinken.
Der Korridor lag in fahlem Dämmerlicht. Alle Möbelstücke und Bilder an den Wänden erschienen grau in grau. Jeremys Schlafzimmer ging nach Osten, und um in die Küche zu kommen, musste er diesen Korridor durchqueren, das Küchenfenster öffnete sich nach Westen.
Jeremy gähnte herzhaft und ohne sich die Hand vor den Mund zu halten (es war ja sowieso niemand da außer ihm), legte die Hand auf die Türklinke und öffnete die Küchentür.
Dann prallte er entsetzt zurück und war auf einmal hellwach.
Die Küche war hell erleuchtet. Nur in den Ecken drängten sich noch die Schatten der Nacht. Jeremy musste die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen, so grell war das Licht. Das Licht kam nicht von der Deckenlampe, sondern es fiel durch das Fenster herein.
Und das Licht war grün.
So wie eine Lampe in einem Operationssaal. Jeremy erinnerte sich, dass er vor langer Zeit einmal im Krankenhaus gewesen war. Damals musste er fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Er war von irgendeinem Klettergerüst heruntergefallen und hatte sich den rechten Unterarm gebrochen. Es gab Räume im Krankenhaus, in denen genauso ein grünes Licht schimmerte.
Nur nicht so intensiv. Und nicht so… fremd. Was war das? Vorsichtig machte Jeremy einen Schritt in den Raum hinein. Jetzt stand er mitten in diesem grünen Licht, und es fühlte sich fast so an, als würde er geröntgt, aber es war ein angenehmes Gefühl.
Der Küchenfußboden fühlte sich unter Jeremys nackten Füßen warm an. Dabei hätte er doch eigentlich kalt sein müssen. Als ob das Licht ihn erwärmte.
Jeremy ging weiter zum Fenster. Das war alles so… unwirklich. Wo kam dieses Licht her? Träumte er immer noch?
Und dann sah Jeremy es. Durch das Fenster. Am Nachthimmel.
Es war nicht besonders groß. Jedenfalls sah es nicht besonders groß aus – aber das lag vielleicht an der Entfernung. Vielleicht halb so groß wie ein Bus. Es schimmerte graumetallisch, fast silbrig, mit einer Andeutung von Lila. Es war weder richtig rund noch richtig eckig und hatte schwarze Flächen, die man mit viel Phantasie als Türen und Fenster deuten konnte. Es hing fast bewegungslos in der Luft, so als würde es auf etwas warten.
Und es strahlte dieses grüne Licht aus. Das Licht fiel über Jeremys Vorgarten direkt in sein Küchenfenster.
Jeremy rieb sich die Augen. Das konnte doch nicht wahr sein. Er dachte an Nicolas, der ihm einen Streich spielen wollte, an die Nachwirkungen des Alkohols, den er gestern und heute, oder besser gesagt vorgestern und gestern, denn es war ja schon der nächste Tag, getrunken hatte, an irgendeine neuartige Sorte von Flugzeug oder Hubschrauber… aber nein. Er wischte all diese Gedankengänge beiseite. Es gab keinen Zweifel.
Draußen vor Jeremys Fenster parkte ein UFO.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast