Blindgänger

von Mirfineth
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
21.04.2011
17.09.2019
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Jeremy und Nicolas amüsierten sich die ganze Nacht. Sie tranken eine Menge Tequila und Whisky, rauchten eine Menge illegales Zeugs, aßen eine Menge Paprikachips und Tortillas und verbrauchten eine Menge Kondome. Sie gingen von einer Kneipe zur nächsten, landeten an äußerst dubiosen Orten. Und es war bei weitem nicht das erste Mal, dass sie auf diese Weise die Nacht verbrachten.
Der Morgen dämmerte schon, als sie die x-te Disco verließen, sich ein Taxi nahmen und der Taxifahrer zuerst Nicolas und dann Jeremy zu Hause ablieferte.
Jeremy legte sich sofort ins Bett und schlief wie ein Stein. Er brauchte sich keine Sorgen um irgendetwas zu machen. Noch nie in seinem Leben hatte er für seinen Lebensunterhalt arbeiten müssen. Er hatte zwar BWL und Wirtschaftsmathematik studiert, aber nie einen richtigen Beruf ausgeübt. Ein paar Jahre lang hatte er im Büro seines Vaters gejobbt und ausgeholfen oder seine Mutter auf die Dienststelle begleitet und dort Praktika absolviert, aber die ganze Zeit vom Geld seiner Eltern gelebt.
Jeremy hatte keinen Chef, der ihn rausschmeißen würde, wenn er morgens verkatert zur Arbeit erschien und sich mehr für die sexy Beine oder das attraktive Dekoltée seiner Kolleginnen interessierte als für seinen Beruf. Er war es nicht gewohnt, sich von anderen sagen zu lassen, was er zu tun hatte. Er war von niemandem abhängig, außer von sich selbst.
Und vor drei Jahren waren Jeremys Eltern gestorben, und er war seitdem dabei, hemmungslos ihre Bankkonten auszuschöpfen. Von ihm aus könnte es ewig so weitergehen. Er liebte sein Leben, weil er tun konnte, was er wollte. Das hatte er schon immer tun dürfen. Und weil ihm seine Augen, Ohren, Hände, Füße und sein Verstand unbegrenzt zur Verfügung standen. Weil er auf nichts verzichten musste. Weil er kein behinderter Krüppel war.
Es war bereits früher Nachmittag, als Jeremy aufwachte. Er zog seinen Bademantel an, wankte in die Küche und aß einen sauren Hering. Anschließend nahm er eine Kopfschmerztablette und setzte sich aufs Sofa.
Er checkte sein Handy. Das Übliche. Irgendwelche SMS von irgendwelchen Exfreundinnen, die er abserviert hatte, weil sie anfingen, vom Heiraten und Kinderkriegen zu faseln oder weil sich herausstellte, dass sie Vegetarierinnen waren, und die ihn jetzt zurückhaben wollten. Alle diese SMS löschte er.
Dann eine SMS von der – männlichen – Bedienung der zweiten oder dritten der Kneipen, die er und Nicolas letzte Nacht aufgesucht hatten. Er, Jeremy, hatte seine Sonnenbrille dort vergessen. Na schön, dann würde er gleich hinfahren und sie abholen.
Und eine SMS von Nicolas.
„Hi Jerry! Lebst du noch oder bist du bei dir auf dem Lokus versackt? *g* Ich hab heute Abend keine Zeit, bin grad bei ’ner heißen Schnecke, das läuft wohl noch ’ne Weile und wünsch dir genauso ’n geiles Feeling! Nick.“
Na toll. Eigentlich hatten sie heute Abend bei Jeremy Basketball gucken wollen. Das konnte sich Jeremy jetzt wohl abschminken. Was konnte er stattdessen tun? Sollte er die Telefonnummern anrufen, die noch von letzter Nacht stammten und auf Papierschnipseln in den Taschen seiner Lederjacke aufgeschrieben waren? Nein. Keine Lust. Die Tussis, die er gestern Nacht abgeschleppt hatte, konnte er ruhig noch ein bisschen zappeln lassen.
Im Fernsehen kam auch nichts Gescheites. Ein Kanal sendete doch tatsächlich eine Dokumentation über das Leben eines gehörlosen Mannes, der immer von den Lippen ablesen musste. Jeremy fläzte sich in einen Sessel und schaltete gelangweilt um. Die zweckmäßigste Fütterung von Rindern. Ein Snooker-Wettbewerb. Irgendein Spielfilm aus den 60er Jahren. Damals hatte Jeremy sowieso noch nicht gelebt. Warum also sollte er es sich ansehen?
Er beschloss, sich Essen vom griechischen Partyservice kommen zu lassen und anschließend mit dem Auto loszufahren. Zuerst seine Sonnenbrille abholen, dann zum Frisör. Oder einkaufen. Und dann vielleicht zum Grab seiner Eltern. Vielleicht. Wenn er gerade sentimental genug dazu war.
Jeremy schnappte sich sein schnurloses Telefon.

Er konnte nicht ahnen, dass sein Leben in weniger als zwölf Stunden komplett auf den Kopf gestellt werden würde. Dass es Jeremy Stinger, den Frauenhelden und Casanova, den Ecstasyliebhaber, den Lebensgenießer und den nichtbehinderten Unversehrten in Kürze nicht mehr geben würde. Dass das Schicksal eine Lawine von merkwürdigen, erschütternden und alles verändernden Ereignissen für ihn bereithielt.
Er hatte keine Ahnung von alledem, was bereits am nächsten Morgen auf ihn zukommen würde.
Woher sollte er auch davon wissen?
Manchmal ist es eben besser, dass man die Zukunft nicht voraussehen kann.

Jeremy zog sich um, machte sich im Badezimmer frisch und verließ das Haus.
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