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Blindgänger

von Mirfineth
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
21.04.2011
17.10.2021
130
124.213
6
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Dieses Kapitel
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14.10.2021 1.147
 
„Nein“, erwiderte sie, ohne ihre Augen zu öffnen. „Ich arbeite dort nicht mehr. Ich habe gestern gekündigt. Ich gehe noch einer anderen, hauptberuflichen Tätigkeit nach, die mir wesentlich mehr Freude bereitet, und zwei Arbeitsstellen parallel zu haben, wurde mir auf Dauer zu anstrengend.“
Jeremy küsste Xerenade zärtlich auf die Nasenwurzel.
„Aber was ist denn deine andere, hauptberufliche Tätigkeit?“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Verrate mir doch bitte, wo du momentan arbeitest. Oder wo du wohnst. Ich würde dich so gerne in der Realität treffen. Ich würde dir so gerne mein Haus und meine ganze Heimatstadt zeigen und dich meinen Freunden vorstellen. Ich spüre ganz deutlich, dass du in der Realität gar nicht besonders weit von mir entfernt bist, aber ich habe einfach keine Ahnung, wo ich nach dir suchen soll.“
Xerenade öffnete ihre Augen wieder und lächelte plötzlich ihr geheimnisvolles, undurchdringliches, vielsagendes Lächeln, genauso wie damals vor ungefähr vier Wochen, als sie und Jeremy einander in einer belebten Einkaufsstraße gegenübergestanden hatten.
„Das brauche ich dir nicht zu sagen“, flüsterte sie zurück. „Sei nicht so ungeduldig. Du wirst es selbst herausfinden. Schneller als du glaubst. Vertraue mir. Sobald du wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden und nach Hause zurückgekehrt bist, musst du nur das tun, was in deiner Situation am naheliegendsten ist.“
Jeremy holte tief Luft, um empört zu protestieren, doch Xerenade gab ihm keine Chance. Sie streckte ihren linken Arm aus, legte ihre Hand in Jeremys Nacken, beugte seinen Kopf noch ein kleines Stück weiter zu ihr herunter und verschlang anschließend seine Lippen mit den ihren, liebkoste mit ihrer Zungenspitze die seine, schmiegte ihr Gesicht so nah an das seine, dass noch nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen gepasst hätte.
Jeremys Protest löste sich innerhalb von Sekundenbruchteilen in Rauch auf. Er erwiderte den Kuss mit solch stürmischer Leidenschaft, dass er selbst es kaum für möglich gehalten hätte. Bevor er sich überhaupt richtig dessen bewusst wurde, was er tat, lagen seine Hände auf Xerenades Brüsten, und seine Fingerspitzen versanken sanft im glatten Stoff ihres Kleides und darunter in der weichen, warmen Haut.
Jeremy schloss die Augen und genoss Xerenades Nähe mit jeder Faser seines Körpers, und plötzlich war er sich hundertprozentig sicher, dass er einen Weg finden würde, um Xerenade auch in der Realität zu begegnen, sobald er erst mal das Krankenhaus hinter sich gelassen hatte, und sei es, dass er in ganz Texas nach ihr suchen müsste. Er wusste, dass er sie eines Tages auch in der Realität treffen würde, eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages, und dann bräuchten sie weder auf dem relativ unbequemen Fußboden des Fitnessstudios, noch auf dem ebenso relativ unbequemen Tisch in der McDonald’s-Filiale Sex miteinander zu haben, sondern sie könnten sein eigenes Haus, sein eigenes Schlafzimmer, sein eigenes überaus bequemes Bett dazu benutzen…
Sein eigenes überaus bequemes Bett…
„Wo bin ich?“, murmelte Jeremy verwirrt, als er spürte, dass sich Xerenade mit einem Mal in Luft aufgelöst zu haben schien, und dass auch der Tierpark und die Zebras und die helle, sonnendurchflutete Atmosphäre von einer Sekunde auf die andere verschwunden waren. Einen kurzen Moment lang glaubte er, zu Hause in seinem eigenen Bett zu liegen, doch er wurde rasch eines Besseren belehrt.
„Guten Morgen, Jeremy!“, sagte Damien von der anderen Seite des Krankenzimmers. „Weißt du, was heute für ein Tag ist?“
Jeremy antwortete nicht sofort. Er war immer noch in Gedanken bei Xerenade und bei ihrer höchst mysteriösen Reaktion auf seine Aufforderung, ihm zu verraten, wo er sie in der Realität finden könne…
„Heute werden wir nach Hause entlassen!“, fuhr Damien fort, und seine Stimme klang ziemlich aufgeregt. „In ungefähr vier Stunden werden wir diesem Krankenzimmer endgültig den Rücken kehren. Freust du dich denn auf zu Hause?“
Jeremy atmete tief durch, starrte in die schwarze Dunkelheit um ihn herum, biss die Zähne zusammen und versuchte, sich auf das Gespräch mit Damien anstatt auf den Traum von Xerenade zu konzentrieren.
Er schüttelte den Kopf.
„Nicht wirklich. Mir dreht sich der Magen um, wenn ich nur daran denke, dass ich jetzt wohl oder übel lernen muss, wie ich ohne etwas zu sehen zu Hause zurechtkomme. Ich wohne ganz allein in einem ziemlich großen Haus, und ich habe schreckliche Angst davor, dass ich mir nicht merken kann, wo sich was befindet. Und es tut mir in der Seele weh, dass das alles für immer ist. Normalerweise wird man doch erst dann wieder aus dem Krankenhaus entlassen, wenn man geheilt ist, aber meine Augen sind so kaputt und zerstört, dass sie nicht mehr geheilt werden können…“
Er spürte, wie ihm die Stimme versagte, und weil er nicht schon wieder vor Damien wehleidig herumjammern wollte, sprach er überhaupt nicht mehr weiter.
„Ich bin mir ganz sicher, wenn du heute Abend wieder zu Hause in deinem eigenen Bett liegst, wirst du sehr froh darüber sein, dass du nicht noch länger im Krankenhaus bleiben musst!“, sagte Damien, und es klang sehr ermutigend. „Bei mir selbst wird es auf jeden Fall so sein. Ich habe zehn Wochen hier verbracht. Zehn Wochen voller Schmerzen und Anstrengungen, und hin und wieder habe ich sogar geweint, das war kurz nachdem ich im Mai hier eingeliefert wurde, damals kannten wir einander noch nicht. Aber jetzt ist alles wieder einigermaßen in Ordnung. Ich bin sehr froh, dass ich wieder nach Hause kommen und mich wieder um Aurélie und um unsere Kinder und um unsere Firma kümmern kann. Natürlich wird mir ein bisschen mulmig zumute, wenn ich daran denke, dass ich in der Zukunft mit meinen Prothesen Treppen steigen und ohne Krücken draußen auf der Straße herumlaufen muss. Und ich möchte wirklich gerne wieder Auto fahren können. Aber eins nach dem anderen. Wenn man ohne Unterschenkel außerhalb des Krankenhauses zurechtkommen kann, dann kann man auch ohne Augen außerhalb des Krankenhauses zurechtkommen.“
„Ich weiß“, erwiderte Jeremy lächelnd. „So etwas Ähnliches hast du vorgestern schon zu mir gesagt.“
„Je öfter du das hörst, desto besser!“, sagte Damien. „Und so wie ich dich kenne, so wie ich dich während der vergangenen Wochen kennengelernt habe, wirst du auf jeden Fall den Mut finden, um dein Leben auch außerhalb des Krankenhauses zu meistern, selbst wenn du nichts mehr sehen kannst.“
Jeremy tastete auf seinem Nachtschränkchen nach der Visitenkarte der TAB und hob sie hoch, um sie Damien zu zeigen. Er berichtete Damien davon, was Dr Williac ihm über diese Blindenhilfsorganisation erzählt hatte. Und Damien reagierte genauso, wie Jeremy es erwartet hatte: Er war ebenso wie Dr Williac der festen Überzeugung, dass es das Beste für Jeremy wäre, wenn er sich so schnell wie möglich einen Termin bei der TAB geben ließe.
Noch während Jeremy und Damien darüber spekulierten, ob die Angestellten der TAB Jeremy wohl auch beibringen könnten, eigenhändig eine Krawatte zu binden, das Wasser in seinem Aquarium zu wechseln und eine Flasche Sekt zu entkorken, öffnete sich die Tür des Krankenzimmers, und Schwester Margaret sowie Schwester Andrea kamen herein, um Jeremy und Damien das Frühstück zu bringen.
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