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Blindgänger

von Mirfineth
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
21.04.2011
11.01.2023
145
140.490
6
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Dieses Kapitel
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09.06.2021 1.116
 
„Kimberley besucht mit Begeisterung Kurse für Aerobic und Squaredance, Anthony hat letztes Jahr mit der Highschool angefangen, und Matilda hat seit vier Monaten ihren ersten festen Freund“, berichtete Linda. „Meine Kinder bereiten mir sehr viel Freude. Ich bin froh, dass sie auf der Welt sind und dass es ihnen gut geht.“
„Ich habe früher nie verstanden, warum jemand freiwillig ein solches Leben wie du führen möchte“, sagte Jeremy und schüttelte den Kopf, obwohl Linda das durch das Telefon hindurch natürlich nicht sehen konnte. „Ich habe mir das immer entsetzlich langweilig vorgestellt. Ohne wilde nächtliche Partys, ohne Alkohol- und Drogenexzesse, immer mit demselben Sexualpartner, jeden Tag einer geregelten Arbeit nachgehen müssen… Ich habe das immer verabscheut. Für mich wäre das überhaupt nichts. Aber dann… dann ist mein Unfall passiert. Und dieser Unfall hat zwei Dinge verändert. Erstens ist es ab sofort unmöglich, dass ich so weiterlebe wie bisher, schon allein deswegen, weil ich nicht mehr Autofahren und mich alleine in einer unbekannten Disco zurechtfinden kann. Das geht einfach nicht mehr, ohne etwas zu sehen. Und zweitens habe ich hier im Krankenhaus einen Zimmergenossen, du weißt schon, der von einem Zug überfahren worden ist und dabei beide Unterschenkel verloren hat. Mein Zimmergenosse führt genau dasselbe Leben wie du und ist damit anscheinend wunschlos glücklich. Und er ist trotzdem der beste Zimmergenosse, den das Krankenhaus mir überhaupt hätte geben können. Wir verstehen uns ausgezeichnet und ich bin sehr gerne mit ihm befreundet.“
„Mhm“, machte Linda, doch es klang so, als wolle sie eigentlich noch mehr sagen. Das Geräusch ihres Atems schien etwas lauter und angestrengter zu werden, so als kämpfe sie stillschweigend mit sich selbst, wie Jeremys neu geschärftes Gehör wahrnehmen konnte.
Er beschloss, einfach abzuwarten.
„Jeremy?“, fragte Linda irgendwann. „Wäre es für dich zu viel verlangt, wenn… wenn du dich in ein Flugzeug setzen und nach Missouri fliegen würdest? Vielleicht für zwei oder drei Wochen. Du hast doch keine Arbeit und deswegen jede Menge Zeit. Du könntest mich und meine Familie besuchen kommen. Wahrscheinlich denkst du jetzt, dass ich zehn Schrauben auf einmal locker habe, aber… ich würde mich freuen, dich persönlich wiederzusehen, ausnahmsweise mal nicht aufgrund einer Beerdigung. Du könntest bei uns im Gästezimmer schlafen und ich würde dir Missouri zeigen. Pascal wäre bestimmt auch damit einverstanden.“
Jeremy schnappte nach Luft. Die Finsternis um ihn herum schien sich vor Überraschung im Kreis zu drehen. Ein „Du willst mich wohl verarschen, oder was?!“ lag ihm schon auf der Zunge.
Doch in seinem tiefsten Herzensgrunde spürte er, dass dies keine Verarschung war. Dass Linda das, was sie soeben zu ihm gesagt hatte, völlig ernst gemeint hatte. Dass sie endlich den Versuch unternehmen wollte, sich mit ihrem verrückten, blinden, einzigen Cousin zu versöhnen, nachdem er und sie einander so viele Jahre lang mehr oder weniger spinnefeind gewesen waren.
Eine Weile lang war Jeremy absolut sprachlos. Mit einem solchen Angebot hätte er wirklich niemals gerechnet – doch er hätte auch bis vor fünf Wochen wirklich niemals damit gerechnet, dass es echte Außerirdische gab und dass sie in seinem Vorgarten versuchen würden zu landen und dass ihr UFO dabei explodieren und dass er bei dieser Explosion erblinden würde…
Jeremys Herz wusste bereits, was er Linda antworten würde, noch bevor sich sein Gehirn die einzelnen Worte zurechtgelegt hatte.
„Danke“, sagte er schließlich. „Ich… ich weiß das sehr zu schätzen. Und… es tut mir leid, dass ich dich so viele Jahre lang… vernachlässigt habe. Ich war ein Idiot. Ein verdammt unsympathischer, egoistischer, menschenverachtender Idiot. Genau wie du immer gesagt hast. Und ich habe diese Explosion von… von den Feuerwerkskörpern bitter nötig gehabt, um das endlich zu begreifen. Weißt du was? Du bist eigentlich eine wunderbare Frau. Genauso wie unser gemeinsamer Großvater ein wunderbarer Mann war. Erinnerst du dich noch daran, wie wir vor sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahren neben ihm auf dem Sofa gesessen haben und er uns Kinderbücher vorgelesen hat?“
„Ja, das weiß ich noch“, erwiderte Linda, und Jeremy hörte an ihrer Stimme, dass sie lächelte. „Wir haben uns immer darüber gestritten, welches Buch Opa als Nächstes vorlesen soll. Weil vierjährige Jungen nun mal ganz andere Bücher mögen als zwölfjährige Mädchen.“
Die beiden schwiegen für ein paar Sekunden, bis Linda fortfuhr:
„Bedeutet das, du bist einverstanden, du verrückter Idiot? Du fliegst wirklich nach Missouri und kommst mich und Pascal und Matilda und Anthony und Kimberley besuchen? Ich fände es großartig, wenn du dich dazu durchringen könntest.“
„Eins nach dem anderen“, beschwichtigte Jeremy seine Cousine. „Zuerst mal muss ich wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Und dann habe ich vermutlich noch monatelang genug damit zu tun, zu lernen, den Weg von meinem Haus zum nächsten Supermarkt oder zur Sparkasse oder zur Apotheke oder irgendwo anders hin zu finden. Das stelle ich mir nämlich haarsträubend schwierig vor, wenn ich nicht das mindeste bisschen sehen kann und mich nur auf mein Gehör und auf den Blindenstock in meiner Hand verlassen muss. Aber wenn ich es geschafft habe, mein Leben wieder in Ordnung zu bringen… eines fernen Tages… und wenn ich dann immer noch genug Geld auf meinen Konten habe… dann setze ich mich in ein Flugzeug und fliege zu dir nach Missouri. Versprochen. So wahr ich Jeremy Stinger heiße und dein verrückter, blinder, einziger Cousin bin.“
Linda lachte.
„Warum hast du diesen plötzlichen Sinneswandel vollzogen? Wenn ich dir dasselbe Angebot vor fünf Wochen unterbreitet hätte, dann hättest du Gift und Galle gespuckt und mich für völlig hirnverbrannt erklärt.“
„Warum-Fragen sind nicht zulässig, das hast du vorhin selber gesagt!“, konterte Jeremy mit einem breiten Grinsen. „Ich weiß ja auch nicht so recht, was in mich gefahren ist, aber vielleicht wäre es doch nicht so ganz ratsam, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und wieder der Idiot von früher würde. Obwohl ich natürlich alles dafür tun würde, um mein Augenlicht zurückzubekommen, das kannst du mir glauben.“
„Wie auch immer du es anstellen wirst, dein Leben wieder in Ordnung zu bringen – ich bin davon überzeugt, dass du es schaffen wirst, und ich wünsche dir dabei viel Erfolg!“, sagte Linda aufmunternd. „Und jetzt muss ich mich leider von dir verabschieden, denn ich möchte Pascal fragen, was er heute für die Mittagspause geplant hat. Ich kann meinen Göttergatten bei dieser Gelegenheit gerne von dir grüßen, wenn du das möchtest.“
„Natürlich, tu das“, erwiderte Jeremy. „Und eure Kinder auch.“
„Das werde ich“, sagte Linda. „Mach’s gut. Pass auf dich auf.“
Es klickte in der Telefonleitung.
Jeremy stellte das Telefon in die Ladeschale zurück, legte sich auf den Rücken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Er lauschte in die Dunkelheit um ihn herum und dachte halb amüsiert und halb neugierig darüber nach, wie um alles in der Welt Linda ihm Missouri zeigen wollte, wenn er doch gar nichts sehen konnte.
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