Nicht so

GeschichteAllgemein / P16
15.04.2011
15.04.2011
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Grüße.
Zunächst muss ich sagen, dass ich es arg schade finde, dass es keinen eigenen Bereich für die Metro-Bücher unter "Bücher" gibt. Tolles Universum, aber wohl zu klein dafür (oder ich hab es übersehen ;) ). Nur meine persönliche Meinung *g*

Ich wusste nicht so recht, welche Altersempfehlung. Falls nötig, ändern oder mich informieren.

Und nun, ohne weiters Vorgeplänkel...

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Keuchend schleppte er sich über eine weitere Anhöhe der schier endlosen Schrottberge.
Er stolperte mehr über den Kamm, als dass er wirklich ging. Stunden, so schien es ihm, war er nun schon in dieser Einöde unterwegs.
Er hielt inne. Er war nun auf einer der höchsten Wellen im Meer der Ödnis. Von seiner Position blickte er weiter über seine Umgebung. Es war beängstigend, und doch beruhigte ihn das Bild, welches sich ihm bot.
Die Sonne, die in satten Rottönen am Horizont versank, ließ ihn für einen Moment die klirrende Kälte des atomaren Winters vergessen.
In einigen Kilometern zeichneten sich die anonymen Silhouetten von Hochhäusern und anderen Stadtgebäuden ab.
Wie Gerippe der Vergangenheit, zerfallen, zerbombt, durchlöchert, riefen sie in ihm die Worte seines Vaters wieder hervor, die er vor mehr als 20 Jahren als kleines Kind gehört hatte.

„Das ist es, Andrej. Unsere Heimat. Unser Stern.“

Es war sein erster Trip in die Ruinen dieser Stadt, die einst das Herz Russlands war. Kaum volljährig war er damals.
Sein Vater war hier geboren. Als es noch nicht die Hölle war, die man nun vor Augen hatte. Er war bereits im Untergrund, in den trostlosen, Hoffnung raubenden Tunneln der Metro geboren.
Sein Vater war hier gestorben. Geschrien hat er. Lange. Er hatte ihm jede Sekunde seines Todeskampfes zugesehen, unfähig ihm zu helfen, ob mit Heilung oder Gnade. Angeschossen und verblutet. Abgeschnitten von seinem Sohn.
Andrej hob die zitternden Hände, zog umständlich und mit steifen Fingern an seinem linken Handschuh. Sekundenlang war ihm kein Erfolg beschieden ehe er das Leder von den Fingern zog. Er seufzte gequält auf.
Mehrere schwarze Flecken bedeckten seine Hand, abgestorbene Haut. Die Fingernägel waren blutig. Zumindest darauf war er vorbereitet.
Die Oberfläche Moskaus ließ jeden Geigerzähler neue Rekorde aufstellen. Er wusste schon gar nicht mehr, wann er gespürt hatte, das der ersten Tropfen Blut seine Nase verlässt. Seitdem hatte es auf jeden Fall keinen Abbruch gegeben.
Wegwischen konnte er es nicht, ohne die massige Gasmaske abzusetzen die ihn zumindest vor den gröbsten Einflüssen bewahrte.
Seine Ohren schmerzten und sein gesamter Körper schien zu brennen.
Nun würde es wohl zumindest nicht mehr lange dauern. Kaum fähig seine Finger zu krümmen streifte er den Handschuh wieder über, riss sich dabei mehrere der schwarzen Hautstellen ein.
Das sie nicht bluteten störte ihn schon gar nicht mehr.
Warum war er hier oben? Weit weg von zu Hause. Er wollte ein Abenteuer. War hier raus gekommen.
Zu weit. Zu lange. Zu dumm.
Langsam setze er sich wieder in Bewegung. Seine Ausrüstung, in Jahren zusammen getragen und voller Stolz gesammelt, schien mit jedem Schritt Tonnen an Gewicht zu zu legen.
Die schusssichere Weste. Was hatte er dafür alles für Gefallen eintauschen müssen? Und wie oft hatte sie ihn davor bewahrt, zu enden wie sein Vater.
Das militärisch anmutende Automatikgewehr, welches er über der Schulter trug. Unten, in den Metrotunneln, war es ein Vermögen wert.
Wenn er hier stürbe, würde es verrosten, zerfallen. Eine Verschwendung.
Er war auf halbem Wege den Kamm wieder hinunter, als er fiel. Die Fabrikanlagen, welche das nächste Schrotttal gefüllt hatten, verschwanden aus seinem Blickfeld als seine Welt mehrere Sätze tat.
Er hörte sich selbst dumpf durch die Maske brüllen. Seine Welt versank in Schwärze, als er schließlich unten ankam und stoppte.
Als er wieder zu sich kam, war auch der spärliche Rest Sonnenlicht verschwunden. Er stöhnte lang gezogen, spürte jeden Knochen seines Körpers.
Schmerzen. So präsent, so intensiv, dass er glaubte, sich selbst nach dem Tod wimmern zu hören. Nur langsam schlichen sich andere Empfindungen in sein Bewusstsein. Kälte.
Es schneite leicht. Seine Gasmaske war gesplittert. Er atmete die widerliche Luft der Welt, ungefiltert und tödlich. Nässe an seinem linken Arm.
Nässe. Wasser.
Sein Körper rebellierte als er sich aufstemmte. Wackelig hielt er sich auf den Knien, sah auf seinen Arm hinab. Dieser lag bis eben in einer seichten Pfütze voll brackigem Wasser. Wasser. Eine Strahlenbelastung, dagegen war die Luft grade zu gesundheitsfördernd.
Eine schmale Lücke zwischen Ärmel der wetterfesten Jacke und dem Handschuh. Schwarze, rissige Haut. Es war vorbei.
Wofür sollte er sich weiter schleppen. Er würde hier draußen sterben, verrecken wie ein Tier, alleine.
Das war sein Leben, Andrej Asdrutschow, Stalker.
In ein paar Jahren würden nur ein Skelett und eine rostige Waffe von ihm Zeugnis tragen. Die rechte, halbwegs gesunde Hand bewegte sich wie von selbst.
Er zog den klobigen Revolver aus dem Halfter. Wenn alle Stricke rissen. Sonderanfertigung. Verlängerter Lauf. Das er das Ding einmal gegen sich selbst richten würde. Ironie. Es fühlte sich beinahe gut an, als sich die Mündung der Waffe an sein Kinn drückte.
Er hatte das schon tausend Mal gesehen. Als er bei den Roten vor ein paar Jahren Halt gemacht hatte. Kriegsgefangene, eine Kugel.
Ein hässliches Muster auf der Wand wenn sich Blut, Hirn und Knochen vermischte. Seine Spuren würden hier draußen kaum mehr auffallen.
Er legte den Finger an den Abzug, verkrampfte sich fast, doch konnte ihn nicht durch biegen. Er legte alle Kraft hinein, und erst nach einigen Augenblicken bewegte sich der Finger samt Abzug Millimeter um Millimeter.
Er konnte bereits spüren wie sich der Bügel der Waffe spannte als er stockte. Keine vier Meter vor ihm stand ein Mensch.
In dem Moment, in dem er den Finger vergaß, schnellte dieser zurück, schlaff und halb tot. Der Mensch sah ihn einfach nur an. Er kannte ihn irgendwoher. Es war eine Frau, sie stand halb in einer der Pfützen die sich überall auf dem Gelände verteilten.
Als wäre das nicht beunruhigend genug, war sie nackt. Die langen, brünetten Haare legten sich auf ihre vollen Brüste, umspielten ihre Knospen. Er sah ihren makellosen, nur von einigen Schmutzspuren gezeichneten Körper.
Die Rundungen ihrer Oberweite, den nach innen gekehrten Bauchnabel, den krausen Haaransatz ihrer Scham.
Nur langsam dämmerte es ihm. Er hatte eine Liebesnacht hinter sich gehabt. Keine Zahl auf die man Stolz sein konnte, nicht einmal in dieser Zeit.
Doch kaum etwas, was er selbst zu verantworten hatte. Nicht, dass es ihm als Stalker an willigen Frauen gefehlt hätte.
Doch zeigte die Strahlung der Oberfläche in allen Aspekten des Lebens, auch in der Liebe, ihre Wirkung. Das er sie nicht gleich erkannt hatte!
Obwohl... es war kaum  verwunderlich. Mehrere Jahrzehnte waren seitdem vergangen, und doch erinnerte er sich plötzlich als wäre es gestern gewesen.
Er war ihr erster Mann gewesen, ein halbes Mädchen noch. Beide waren sie erst 16 gewesen. Er sah ihren verschwitzten Körper unter sich, das schmerzlich verzerrte, und doch schüchterne Lächeln in ihrem Gesicht, das Blut auf ihren Schenkeln.
Fast hätte er weinen können, sie hier zu sehen. Er wollte bereits auf sie zu schreiten, als sie sprach. Es war noch immer die gleiche, helle Stimme wie vor so vielen Jahren.
„Kerl, was machst du hier? Verdammt, du verreckst.“, kam es ihr mit dem gleichen Lächeln wie damals über die Lippen. Andrej grinste.
Alles würde gut werden. Ein bekanntes Gesicht, vorbei war die Fremde. Er tat einen Schritt auf sie zu, und noch einen, auf sie, die nur da stand und ihm entgegen sah.
Er war fast heran, als sie erneut sprach: „Hey, Kerl, bleib stehen. Komm mir nicht zu nahe. Alter, was ist mit... Warte, ich hab hier noch paar von den Mitteln.“
Ihre Hand, die bisher in ihre Seite gestemmt war, wanderte nun über ihren Bauch, abwärts. Andrej spürte Hitze in sich aufwallen.
Dieses Stück! Hier draußen, und sie dachte nur an das Eine. Wie damals. Es war fast wieder so, als hätte er sie nicht zwei Wochen nach ihrer gemeinsamen Nacht verloren.
Diese Metromonster. Und hier war sie. War sie? Nein, das konnte nicht sein. Ihm schwindelte. Was... sollte das?
Mit zitternden Beinen sah er über die Schulter. Die Pfütze, die Strahlung. Er starb, halluzinierte. Nein. Nicht so. Er würde seinem Leben selbst ein Ende bereiten.
Niemand sollte sagen, dass Andrej  Asdrutschow von diesem Niemandsland in den Wahnsinn getrieben wurde. Er riss sich die Gasmaske vom Gesicht, schrie, als die Haut seines Gesichts in Flammen aufzugehen schien.
Erbrach sich auf den Boden, eine blutige, schwarze Masse.
Unruhig tänzelte er auf der Stelle, kämpfte mit dem Gleichgewicht. „Hey, Mann, es... tut mir Leid, aber das is sinnlos.
Hör zu, ich brings nu zu Ende und...“, sprach sie erneut, doch wurde jäh unterbrochen. Andrej schoss, ein Klang, der weit in der Umgebung zu hören war. Sie zuckte zusammen, eine ihrer perfekten Brüste war zerstört, hing blutig herab.
Nun war es an ihr zu schreien, zu stolpern. Wieder schoss Andrej. Woher er die Kraft dazu hatte, wusste er selbst nicht. Aber so würde er nicht sterben.
Nicht durch ein Trugbild. „Ich will nicht sterben... Nein, nicht noch...“, kam es in schrillen Tönen von der Frau, an deren Namen er sich nicht mehr erinnerte. Und wieder schoss er. Wieder. Wieder. Sterben sollte sie.
Das war nicht echt.
Diese Schlampe. Dieses Drecksland.
Sterben, alle!
Es klickte mehrfach, als er versuchte die leer gefeuerte Pistole abzufeuern. Verwirrt starrte er erst die Waffe an, dann erneut die Frau. Doch die war verschwunden. Ein Mann lag stattdessen dort, die glasigen Augen gen Himmel gerichtet.
Sechs Einschüsse zierten seinen Körper, eine bunte Sammlung Tabletten die er so eben hervor gekramt hatte waren seiner Hand entfallen.
Sie war nie da. Er wollte helfen. Nein, wollte er nicht. Wollte er. Dieses Land. Schlampe! Helfen? Mann. Aber ihre Unschuld? Drecksland!
Er setzte sich die Pistole an die Schläfe.
Drückte ab.
Es klickte hohl.
Klickte.
Er stolperte.
Fiel.
Blieb liegen.
Nur wenig ging ihm mehr durch den Kopf. Er würde sterben, liegend. Doch würde er nicht schreien wie diese Schlampe, dieser Kerl.
Oder sein Vater.
Oh, er war so viel besser als er.
Er hatte diese urbane Sirene getötet.
Er hatte gewonnen.