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Know why the nightingale sings

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Anette Olzon Emppu Vuorinen Jukka "Julius" Nevalainen Marco Hietala Tarja Turunen Tuomas Holopainen
10.04.2011
27.03.2013
20
66.112
3
Alle Kapitel
73 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
10.04.2011 4.348
 
Hallo, ihr Lieben :) Mich gibt es noch und ich habe endlich mal wieder ein Kapitel
im Gepäck. Wünsche viel Spaß dabei :)

Bring me home or leave me be
My love in the dark heart of the night
I have lost the path before me
The one behind will lead me
(Nightwish- Ghost Love Score)



Tarja vernahm das Schellen der Türglocke. Sie wusste, dass es Marcelo war. Er hatte sich angekündigt. Er besaß noch immer einen Wohnungsschlüssel, dennoch klingelte er. Das war anständig von ihm. Die Sopranistin überraschte es, wie sachlich ihre Gedanken blieben, aber noch stand ihr Marcelo ja nicht gegenüber. Sie wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn sie ihrem noch Ehemann gleich ins Gesicht sehen musste. Alles war so frisch, noch unwirklich. Sie hatte noch nicht realisiert, dass es endgültig war. Sie wollte es auch nicht wahr haben. Alles um sie herum schien irgendwie gedämpft zu sein, surreal – wie in einem Traum. Das war nicht mehr als ein böser Traum. Bald würde sie aufwachen und Marcelo friedlich schlafend neben sich im Bett vorfinden. Alles wäre genau so wie immer. Es schellte erneut, die Finnin schreckte aus ihren Gedanken hoch. Es war alles viel realer, als sie es glauben wollte. Tarja atmete noch einmal tief durch, dann öffnete sie die Tür. Sie musste sich jetzt zusammenreißen. Sie würde sachlich und ruhig bleiben und möglichst keine Gefühlsregung zeigen. Draußen stand ein sichtlich unausgeschlafener und arg zerzauster Marcelo. Er schien nicht besonders auf der Höhe zu sein. Obwohl Tarja seine Ankunft erwartet hatte, erschreckte sie sein Anblick. In seiner Anwesenheit fühlte sie sich unwohl und es war ungewohnt ihn in einer so schlechten Verfassung zu sehen. Das letzte Mal hatte er nach ihrem Verschwinden so fertig ausgesehen. Es musste ihn wirklich mitnehmen. Aber was erwartete sie? Schließlich waren sie fast 10 Jahre lang verheiratet gewesen, das ging nicht spurlos an einem vorbei.
„Guten Morgen“, begrüßte der Argentinier sie. „Morgen“, erwiderte Tarja kühl, es viel ihr schwer das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. „Komm doch rein“ Die Sopranistin ging in die Wohnung zurück. Marcelo folgte ihr. Es schien ihm, als wäre die Wohnung seit dem vergangenen Tag noch ein wenig chaotischer geworden. Tarja schien es wirklich nicht gut zu gehen, obwohl sie sich so nichts anmerken ließ.Aber was erwartete er? Schließlich waren sie fast 10 Jahre lang verheiratet gewesen, das ging nicht spurlos an einem vorbei. Darüber kam niemand von heute auf morgen hinweg. Weder er noch sie. Aber Tarja war besser darin ihre Gefühle zu verbergen. Er sah aus wie ein Häufchen Elend, sie hingegen war eben so schön wie immer. Der einzige Makel, den der Argentinier erkennen konnte, waren die dunklen Schatten, die unter ihren Augen lagen. Sie hatte die ganze Nacht gearbeitet, Stunde um Stunde komponiert und getextet, da war er sich sicher. Tarja stürzte sich immer in Arbeit, wenn ihr die Realität Kopfzerbrechen bereitete. Jetzt war es gewiss nicht anders.
„Möchtest du vielleicht eine Tasse Kaffee?“, fragte die Finnin betont höflich und ungeachtet der Tatsache, dass sie Marcelo eigentlich so schnell wie möglich wieder los werden wollte. „Nein, danke“, lehnte der Argentinier ab. „Irgendetwas anderes?“, fragte Tarja nach. Sie hoffte, er würde erneut verneinen. Die Situation fühlte sich falsch an, bizarr, befremdlich, einfach falsch. Plötzlich war alles anders als zuvor. Sie sprachen steif und übermäßig höflich miteinander und wahrten nicht nur emotional, sondern auch räumlich Distanz zueinander. Es war ungewohnt. Es war unangenehm.
„Nein. Ich wollte eigentlich nur ein paar von meinen Sachen mitnehmen“, erklärte ihr noch Ehemann zu ihrer Erleichterung. Es schien so, als wollte sich auch Marcelo nicht länger als nötig in ihrer Nähe aufhalten. Ihm schien die Situation nicht weniger unliebsam zu sein als Tarja.
„Ja ... klar ... Ich hab schon ein paar von deinen Sachen zusammengepackt“, berichtete die Sopranistin und verließ das Wohnzimmer, um Marcelos Tasche zu holen.
Der Argentinier sah sich in dem Raum um. Überall lagen Notenblätter verstreut und in der Mitte des Zimmers langen zwei Stapel mit CDs. Marcelo kniete sich nieder und studierte die Cover. Ganz oben auf dem höheren der beiden Stapel lag „Along came a Spider“ von Alice Cooper, welches dieser Tarja nach einem der gemeinsamen Konzerte geschenkt hatte. Der Argentinier erinnerte sich noch gut daran. Interessiert begutachtete er die restlichen CDs, als Tarja zurückkehrte, eine Sporttasche in den Händen. Einen Augenblick lang stand sie schweigend hinter ihm, dann lies sie ein Seufzen hören. „Ich weiß einfach nicht, welche davon dir und welche mir gehören.“ stellte die Sopranistin traurig fest. „Nach so vielen Jahren ist es schwer geworden zwischen dein und mein zu unterscheiden. Vieles gehörte uns und jetzt, wo es „uns“ nicht mehr gibt, gehört es niemandem“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Tut mir leid, ich hatte mir fest vorgenommen nicht zu weinen“ Tarja schniefte.
„Das ist alles meine Schuld!“, schluchzte sie. „Jetzt fang‘ nicht wieder damit an!“, ermahnte Marcelo sie. Seine Stimme klang fest, doch seinem Blick weich. „Hör auf die das ständig einzureden. Ich habe ebenfalls meinen Beitrag dazu geleistet, vielleicht ist mein Schuldanteil auch noch viel höher als deiner. Vielleicht sind weder du noch ich schuld daran. Vielleicht ist es Schicksal“ Tarja war da anderer Ansicht. Es gab kein Schicksal. Schicksal war lediglich der Versuch jegliche Verantwortung von sich zu weisen. Das tat sie nicht, sie wusste es besser: Das Scheitern ihrer Ehe hatte sie selbst zu verschulden. Dennoch gab sie keine Widerworte. Es hatte keinen Sinn mit Marcelo zu diskutieren. Sie wollte nicht mit ihm debattieren, sie wollte ihn schlicht und ergreifen einfach nur los sein. „Du hast vermutlich recht“, gestand die Finnen deshalb. Marcelo beäugte seine Noch-Gattin skeptisch. Für gewöhnlich gab Tarja nicht so schnell klein bei. Es wunderte ihn, doch er fragte nicht nach dem Grund. Das alles war auch ohne unnötige Fragen schwer genug für sie beide. Es war einfach eine merkwürdige Situation. Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte sich der Argentinier nicht vorstellen können, dass es einmal so weit kommen würde. Alles war gut, alles war richtig gewesen. Es war schon erstaunlich, wie sich von heute auf morgen alles verändern konnte. Noch viel erstaunlicher war die Erkenntnis, dass sich eben nicht alles von heute auf morgen verändert hatte. Viele Dinge waren vergänglich: der Augenblick, die Schönheit und bedauerlicherweise sogar die Liebe. Letztere war nicht von heute auf morgen verschwunden, sie war über Jahr und Tag verblasst. Und eines Morgens wacht man auf und stellt fest, dass die Dinge gar nicht mehr so sind, wie man sie in Erinnerung hatte. Dann ist der Zeitpunkt für eine Veränderung gekommen. Manchmal muss man sich eingestehen, dass etwas nicht mehr zu retten ist. Es war ihm nicht leicht gefallen. Doch das, woran man sich die ganze Zeit klammert, die guten Erinnerungen, musste man schließlich nicht wieder hergeben. Warum war der Abschied dann so schwer? In Marcelos Kopf schien alles so simpel, alles so logisch zu sein. In der Wirklichkeit war es jedoch weder einfach noch logisch. Er wollte nicht gehen, dennoch würde er es tun.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe“, erklärte der Argentinier. „Wir müssen unsere Nerven ja nicht länger als nötig auf die Probe stellen. Für mich ist das alles nicht weniger schwierig als für dich.“ „Ja, ich glaube auch, dass es besser ist, wenn du jetzt verschwindest“, entschied Tarja und drückte ihm die Sporttasche mit seinen Sachen in die Hand. Es war erstaunlich,dass er sie jetzt zum Weinen brachte, wo sie doch in den letzten Wochen kaum einen Gedanken an ihn verschwendet hatte. Erst, weil sie sich nicht an Marcelo erinnern konnte dann, weil Tuomas Band sie voll und ganz in den Bann geschlagen hatte. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sie die Kassette einfach in den Müll geworfen hätte. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sie ihm all die Jahre über mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. „Was-wäre-wenn-Situation“ halfen Tarja jetzt jedoch auch nicht mehr weiter. Es war gekommen, wie es kommen musste. Es war zu spät um etwas zu ändern und Tarja bezweifelte, dass ein Neuanfang ihre Ehe retten konnte. Es war zu spät. Es machte keinen Sinn dem verlorenen Glück hinterher zu laufen. Sie würde ihre Ehe so in Erinnerung behalten, wie sie vor all diesen unglücklichen Umständen gewesen war. Marcelo und sie würden sich im Guten trennen. Es würden keine weiteren Tränen fließen.
Die Sopranistin strich sich die letzten Tränenspuren aus dem Gesicht, dann straffte sie die Schultern. „Du solltest dich ein wenig hinlegen, wenn du zurück im Hotel bist“, riet sie dem Argentinier. „Du siehst fürchterlich aus“ Marcelo grinste. „Danke, gleichfalls. Diese Nachtschatten stehen dir auch nicht besonders, wenn ich das anmerken darf. Vielleicht solltest du auch ein bisschen schlafen“ Tarja erwiderte sein Lächeln. Es war wesentlich einfacher alles mit Humor zu nehmen. „Ich werde den Rat beherzigen“, entschied sie. Plötzlich viel Marcelo wieder etwas ein. „Wo ich schon dabei bin, dir gute Ratschläge zu verteilen, obwohl ich wohl die letzte Person auf Erden bin, von der du gerade einen Rat hören möchtest, aber tu dir selbst einen Gefallen und ruf Tuomas an. Versuch ihm zu verzeihen. Gib ihm noch eine Chance, ja?“
Tarja sah ihn an, als glaubte sie, er hätte nun endgültig den Verstand verloren. Was in aller Welt war in ihn gefahren? Sie hatte alles erwartet, nur das definitiv nicht. „Habe ich irgendetwas verpasst?“, fragte die verwirrte Sopranistin. „Das hast du wirklich“, erklärte Marcelo. „Ich bin Tuomas gestern zufällig begegnet und habe mich ein bisschen mit ihm unterhalten. Dabei ist mir raus gerutscht, dass wir uns getrennt haben, weil ich aus irgendeinem Grund davon ausgegangen bin, dass er es längst weiß. Die genauen Umstände sind ja auch nicht weiter von Bedeutung. Auf jeden Fall hat er versucht mich davon zu überzeugen, zu dir zurückzugehen“ Marcelo legte eine Pause ein, um Tarja die Möglichkeit eines Kommentars zu bieten. Ihr klappte der Mund auf, doch die Sopranistin blieb stumm. „Er hat alles in seiner Macht stehende getan, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Und das, obwohl ich nicht besonders nett zu ihm war. Spätestens seit diesem nervtötenden Band solltest du wissen, was er für dich empfindet. Trotzdem versucht er unsere Ehe zu retten - denk darüber nach - Tuomas ist echt in Ordnung“, berichtete der Argentinier. „Du warst betrunken?“, mutmaßte Tarja. „Jep“, gestand Marcelo. „Tuomas auch“, vermutete sie. „Jep“, bestätigte ihr Ehemann. „Das erklärt so einiges“, stellte die Sopranistin fest.
„Nein, das hat wirklich nichts zu sagen“, entgegnete der Argentinier. „Inzwischen bin ich quasi wieder nüchtern. Also rate ich dir bei vollem Verstand: Gib Tuomas noch eine Chance. Er hat sie verdient“ „Nein, hat er nicht“, entgegnete Tarja entschieden. „Er hat genug Chancen gehabt und sie allesamt verspielt“ „Wenn er es dieses Mal wieder versaut und dir nochmal weh tut, hau‘ ich ihm eine rein“, versprach Marcelo. „Wenn du vorhast, allen eine rein zu hauen, die mich zum Weinen gebracht haben, solltest du am Besten bei dir selbst anfangen“, schlug die Sopranistin vor, wobei sie sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. „Ich sehe schon, es wird Zeit zu gehen“, bemerkte Marcelo und zwinkerte ihr zu. „Ich komme die Tag nochmal wieder und hole meine restlichen Sachen ab“ „Tu das“, stimmte Tarja zu. „Bis dann“

„Hey, Maestro! Wie sieht‘s aus? Hast du vor heute noch irgendwann aufzustehen?“ Ungeduldig hämmerte Anette an Tuomas Zimmertür. „Oder hast du vergessen, dass wir heute mal was Sinnvolles tun und proben wollten?“ Augenblicklich saß Tuomas kerzengerade im Bett. Proben? Verdammt, dass hatte er ja ganz vergessen! Er musste aufstehen. Sofort! Wenn da nicht der hämmernde Schmerz in seinem Kopf wäre. Am vergangenen Abend hatte es wohl wirklich ein wenig übertrieben ... „Kleinen Moment, ich bin sofort da“, erklärte der Keyboarder. So schnell es ihm in seinem momentanen Zustand möglich war schlüpfte Tuomas in irgendwelche Anziehsachen, bevor er die Treppe hinunter und ins Studio stürzte.
„Kein Grund zur Sorge, ich bin schon da!« Verkündete der Songwriter, während er in dem Proberaum stürmte. „Na endl ... “, begann Marco und bekam einen Lachanfall. „Was ist den mit dir passiert?“, wollte er wissen. „Warum?“, fragte Tuomas verunsichert. „Heute schon mal in den Spiegel geschaut?“, harkte Jukka nach. Emppu brachte es schließlich auf den Punkt: „Du siehst aus wie eine Vogelscheuche“ Und Anette erbarmte sich, in dem sie dem Keyboarder ihrem Taschenspiegel reichte. Sein Haar war ungekämmt und stand dementsprechend in alle Himmelsrichtungen, außerdem trug er sein Hemd falsch herum. Ja, der Begriff „Vogelscheuche“ war ziemlich treffend.
„Es war gestern spät“, rechtfertigte sich der Songwriter, während er sein Shirt auszog, um es zu wenden. „Wo warst du überhaupt?“, wollte Jukka wissen. „In einer Bar“, lautete Tuomas knappe Antwort. „Und da hast du einen über den Durst getrunken“, mutmaßte Marco. Der Keyboarder nickte. „Das war so nicht geplant. Ich musste mit jemandem Bruderschaft trinken, von dem ich niemals erwartet hätte, je wieder ein Wort mit ihm zu wechseln“ gestand Tuomas. „Mit wem?“, wollte Anette wissen. „Marcelo Cabuli!“, entgegnete der Songwriter augenblicklich. Marco und Anette klappte der Mund auf und Jukka starrte ihn ungläubig an. Emppu jedoch grinste breit. „Was habe ich dir zum Thema bewusstseinserweiternde Substanzen und Halluzinogene gesagt?“, fragte der Gitarrist belustigt. „Nein, ich meine das wirklich ernst“ beharrte Tuomas. „Okay ...“, merkte Jukka immer noch verwundert an. „Warum habt ihr euch betrunken?“ „Das liegt doch auf der Hand“, antwortete Anette an Tuomas Stelle. „Tarja“ Der Keyboarder nickte erneut. „Die beiden haben Stress?“, fragte Jukka verblüfft. Soweit er sich erinnern konnte, hatten Tarja und Marcelo noch nie gestritten. „So könnte man das auch nennen“, stellte der Keyboarder fest.
„Die beiden haben sich getrennt“ „WAS?!“, entfuhr es den vier anderen Nightwishlern. „Genau so habe ich auch reagiert“, bemerkte Tuomas, bevor er seinen Bandkollegen von dem Gespräch mit Marcelo erzählte. Die Tatsache, dass er den Argentinier zur Rückkehr hatte bewegen wollen, ließ er jedoch vorerst aus.„Woah! Das kommt jetzt ganz schön plötzlich“, stellte Emppu schockiert fest. „Da hätte ich niemals mit gerechnet“ „Ich auch nicht“ stimmte Jukka zu. „Ehrlich gesagt, habe ich erwartet, dass die beiden für den Rest ihres Lebens zusammenbleiben. Ich habe Tarja noch nie so glücklich gesehen wie am Tag ihrer Hochzeit“ „Ich auch nicht“, gestand Tuomas niedergeschlagen. Er war sich nicht ganz sicher, was ihn schlimmer traf. Die Feststellung, dass ihre Hochzeit mit Cabuli der glücklichste Moment in Tarjas Leben gewesen war, oder die Tatsache, dass ihr Glück nun zerbrochen war. „Es ist ein Wunder, dass du dich überhaupt noch an die Hochzeit erinnerst“, merkte Marco an. „Ich war selten so betrunken“, entsann sich Tuomas. „Das stelle ich mir ganz schön hart vor“, wisperte Anette. „Zur Hochzeit des Menschen eingeladen zu sein, den man liebt. Und die ganze Zeit gute Miene zum bösen Spiel machen zu müssen“ „Darum hat unser Tuomas ja auch friedlich unter dem Küchentisch geschlafen“, erinnerte sich Emppu. „Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie du an den Schlüssel für die Minibar gekommen bist“, stellte Jukka fest. „Mir auch“, gestand der Keyboarder. „Vielleicht hatte irgendjemand Mitleid mit mir“
„Vielleicht sollten wir Tarja mal anrufen", schlug Anette vor. „Vielleicht braucht sie ja jemanden zum Reden“ „Das wird nicht nötig sein“, entschied Tuomas. „Woher willst du das denn wissen?“ entgegnete Anette. „Nur, weil du deinen Frust immer in dich hinein frisst, heißt das ja nicht, dass alle anderen Menschen das genau so machen“ »Glaub mir, Nettie. Tarja kommt bestens zurecht. Alles wird wieder gut“, beharrte der Keyboarder. „Schön, dass du das so genau weißt. Ich überzeuge mich lieber selbst davon“, fasste die Schwedin ihren Entschluss. Tuomas seufzte. „Das musst du nicht. Ich habe Marcelo gesagt, dass er zu Tarja zurückkehren soll. Wenn er kein totaler Idiot ist, wird er es auch tun“, erklärte der Songwriter. Eigentlich hatte er seinen Bandkollegen dieses Detail verschweigen wollen, aber Anette wollte ja einfach keine Ruhe geben. Er hielt es für keine gute Idee, wenn sie Tarja jetzt anrief. Der Sopranistin wäre es wahrscheinlich am liebsten, wenn sie nie wieder von einem der Nightwishler hören musste. Schließlich hielt sie all die Dinge, die nach ihrem Unfall geschehen waren, für eine gekonnte Inszenierung. Vielleicht war es besser, wenn sie so dachte. Vielleicht könnten sie alle mit der Sache abschließen. Es war ein glatter Bruch.
„Du hast was?!“, entfuhr es Marco, der den Disput zwischen Tuomas und Anette bislang schweigend beobachtet hatte. „Hast du den Verstand verloren?“
Der plötzliche Ausruf des Bassisten riss Tuomas schlagartig aus seinen Gedanken. „Seit Jahren läufst du Tarja hinterher und versinkst in Selbstmitleid, weil Marcelo und sie glücklich miteinander sind. Und jetzt versuchst du allen Ernstes ihre Ehe zu retten?“, fragte Jukka ungläubig.
„Ja“, bestätigte der Keyboarder. „Ich habe mich irgendwie schuldig gefühlt. Hätte ich Tarja nicht einfach so aus dem Krankenhaus mitgenommen, hätten sich die beiden vielleicht gar nicht gestritten. Oder, wenn ich ihr die Kassette nicht geschickt hätte ...“ „Kassette?“ Vier verdutzte Augenpaare waren auf ihn gerichtet. „Was für eine Kassette?“, wollte Emppu wissen. „Lange Geschichte ... ist aber auch nicht weiter wichtig“, erklärte Tuomas betrübt. „Nur ein weiteres der viel zu vielen Geständnisse, die ich ihr gegenüber abgegeben habe“ „Das klingt irgendwie romantisch“, schwärmte Anette. „Eher weniger“, machte Tuomas ihre kleine Traumreise zu Nichte. „Sie hat nie darauf reagiert. Kein einziges Mal. Aber keine Antwort ist auch eine Antwort. Es gibt Dinge, die sollen einfach nicht sein. Ich sollte mich langsam damit abfinden. Allein, dass ich es noch ein Mal versucht habe, war dumm von mir“ Ohne eine Reaktion seiner Freunde abzuwarten verließ Tuomas das Studio.
Er ärgerte sich über sich selbst. Er ärgerte sich darüber, den anderen alles erzählt zu haben. Er ärgerte sich darüber, wie enttäuscht er war, weil Tarja nicht auf die Kassette geantwortet hatte.
Aber was hatte er denn erwartet? Dass Tarja einen Luftsprung machte und sofort zu ihm eilte, um ihm zu sagen, dass sie ihn auch schon immer geliebt hatte? Wohl kaum.Was hatte Tuomas eigentlich mit diesem Band bewirken wollen? Er war doch nicht ernsthaft davon ausgegangen damit irgendetwas verändern zu können, oder? Tuomas schämte sich beinahe für seine Naivität. Wenn er über die Jahre eins gelernt hatte dann, dass nicht jeder Traum in Erfüllung gehen konnte. Er war nicht mehr der verträumte Jungspund, der die Lieder auf dem Band aufgenommen hatte.
Er musste endlich begreifen, dass es Dinge gab, die nicht sein sollten.
Aus jedem noch so schönen Tagtraum musste man irgendwann erwachen. Vielleicht war es an der Zeit aufzuwachen. Vielleicht war es Zeit loszulassen.
Das hatte sich Tuomas schon unzählige Male gesagt. Nie hatte es funktioniert. Er hatte nicht die Stärke besessen, Tarja gehen zu lassen.
Sein Gespräch mit Marcelo hatte ihm vor Augen geführt, dass dieser Tarja ebenso sehr liebte wie er selbst. Tarja hatte sich für Marcelo entschieden. Neun Jahre lang waren die beiden glücklich gewesen. Der Keyboarder wünschte ihnen von Herzen, dass ihr Glück wiederkehren würde. Er wollte Tarja wieder lächeln sehen, und wenn Marcelo derjenige war, der sie zum Lächeln brachte, dann sollte es wohl so sein.
Loslassen, wo wir festhalten möchten.Weitergehen, wo wir stehen bleiben möchten. Das sind die schwierigen Aufgaben, vor die uns das Leben stellt.
Dieses Mal würde Tuomas sie endlich bewältigen, dessen war er sich sicher.

Es herrschte Chaos. In ihrem Kopf, in ihrem Herzen, um sie herum. Von dem plötzlichen Wunsch erfasst, ihre Wohnung schnellst möglich zu verlassen, hatte sie den Versuch gestartet, den halben Inhalt ihres Kleiderschranks in ihren Koffer zu stopfen. Tarja musste fort. Auch, wenn Marcelo die Wohnung längst verlassen hatte, begleitete er sie auf Schritt und Tritt. Seine CDs auf dem Wohnzimmerboden, ein Foto an der Wand, ein vergessenes Paar Socken unter der Kommode ...
Sie konnte es nicht länger ertragen. Doch während sie auf ihrem Koffer kniete und verzweifelt versuchte, das Gepäckstück zu schließen wurde ihr bewusst, dass Weglaufen ihr nicht weiterhelfen würde. Die Erinnerung würden bleiben. Sie waren Segen und Fluch. Davor konnte man nicht davon laufen. Sie war schon einmal daran gescheitert. Es war ihr in Hinsicht auf ihre Zeit bei Nightwish nicht gelungen und auch bei denen ihrer Ehe würde sie kläglich scheitern. War das gut oder schlecht? Wenn sie so darüber nachdachte, überwogen in beiden Fällen die schönen Augenblicke, die jedoch von einem schlechten Ereignis überschattet wurden. Die anderen Momente waren wundervoll gewesen. Erst Nightwish und dann ihre Ehe mit Marcelo waren lange Zeit das Wichtigste in ihrem Leben gewesen. Zwei Trennungen, zweifach zerbrochenes Glück ... Das konnte doch kein Zufall sein! So grausam war das Schicksal nicht.
Konnte es sein, bestand die Möglichkeit, dass sie ihre Situation selbst zu verschulden hatte?
War es möglich, dass sie sich alles Selbst zu zuschreiben hatte?
Trug sie selbst die Schuld an dem Scheitern ihrer Ehe und an dem Splitt mit Nightwish?
Wollte sie die Antwort auf diese Fragen überhaupt kennen? Marcelo hatte ihr vorgeworfen, seine Liebe im all selbstverständlich betrachtet und sich selbst immer über alles Andere gestellt zu haben. Hatte sie sich selbst wirklich immer als Mittelpunkt der Welt betrachtet? Waren all die Menschen, die sie über Jahre ihre Freunde nannte, nie mehr als Statisten für sie gewesen? Das konnte Tarja nicht glauben. Das wollte Tarja nicht glauben.
Andererseits konnte sich die Sopranistin inzwischen nicht mehr vorstellen, dass Tuomas ihr all diese hässlichen Dinge aus purer Boshaftigkeit, aus Rache oder enttäuschter Liebe vorgeworfen hatte. Der Mann, als den sie Tuomas vor wenigen Monaten kennen gelernt hatte würde so etwas nicht tun. Der Tuomas, den sie vor dem Splitt gekannt zu haben glaubte, eben so wenig.
Ja, sie hatte ihn verletzt, aber Tuomas gehörte nicht zu der Art von Menschen, die es einem mit gleicher Münze heimzahlten. Er war gutherzig, umsichtig und verständnisvoll ...
Wenn an den Vorwürfen nichts Wahres gewesen wäre, dann hätte er sie niemals formuliert. Hätten die anderen Bandmitglieder die genannten Kritikpunkte nicht ebenfalls erkannt, dann hätten sie gewiss nicht unterschrieben. Dessen war sich Tarja sicher. Zum ersten Mal in ihrem Leben fragte sich Tarja, ob an den Vorwürfen aus Tuomas Brief wirklich etwas dran war. Bislang war sie davon ausgegangen, dass der Keyboarder diese Worte nur gewählt hatte, um ihr wehzutun. Sie hatte den Brief als bloße Beleidigung betrachtet und keinen Gedanken an dessen potentiellen Wahrheitsgehalt verschwendet. Wer wollte schon die eigenen Fehler aufgezählt bekommen?
Vielleicht hatte sie sich ja wirklich „von einem liebenswerten Mädchen in eine Diva verwandelt“. Aber war das ihre Schuld? Konnte man ihr das verübeln? In der Geburtsstunde von Nightwish war sie nicht mehr gewesen als eine junge Frau, die gerade ihren Schulabschluss in der Tasche hatte und davon träumte, ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf zu machen. Zu diesem Zeitpunkt hätte sich Tarja nie erträumen lassen, dass sie jemals so erfolgreich sein würde, wie sie es heute war. Damals waren sie alle noch so jung gewesen, so hoffnungsvoll und so naiv …
Und dann war er plötzlich da: der Erfolg. Unglaublich, unwirklich wie ein Traum, wie ein Rausch. Begeisterte Menschen, fremde Orte, vollkommene Glückseligkeit. Alles ging so schnell. Erst ein Traum, dann ein Abenteuer, schließlich Gewohnheit. Hatte sie Anfangs unter Lampenfieber die Bühne betreten, gebetet und gehofft, dass alles gut laufen würde und sich unglaublich über die Freude jedes einzelnen Zuschauers gefreut, so betrat sie die Bühne irgendwann mit der Erwartung von Jubel und grenzenloser Begeisterung. Schließlich hielt sie es für unmöglich die Fans enttäuschen zu können. Sie beherrschte ihr Instrument. Eine Zeit lang war sie von dem Wunsch besessen gewesen jeden einzelnen Ton vollkommen sauber zu singen. Es gelang ihr. Wenn etwas schief lief, dann war es niemals ihre Schuld. Dann hatte es die Technik verbockt, das Management oder einer der Jungs ...
Die Reflexion verursachte ein unangenehmes Gefühl im Brustkorb der Sopranistin. Tarja fühlte sich von sich selbst ertappt. Vielleicht waren die Dinge nicht so drastisch gewesen, wie sie sich diese nun ausmalte, doch eine gewisse Überheblichkeit konnte sie wirklich nicht von der Hand weisen. Die ein oder andere Divenallüre hatte sie sich wohl doch angeeignet.
In dem Punkt hatte Tuomas also Recht behalten.Trotzdem war dieser Brief kein besonders guter Weg gewesen, um ihr dies mitzuteilen. Schließlich hatte er seinen Zweck lange verfehlt. Statt ihr die Augen zu öffnen, hatte er sie so wütend gemacht, dass sie das Stück Papier letztendlich verbrannte. Jetzt endlich begriff sie doch noch. Sie konnte nicht jegliche Schuld von sich weisen. Nicht Marcelos Worte hatten ihre Ehe beendet, sie selbst hatte tatkräftig zum Zerbrechen ihrer Liebe beigetragen. Nicht Tuomas Egoismus oder Liebesleid hatten ihrer Ära bei Nightwish ein Ende gesetzt, sie hatte es zum Großteil selbst zu verschulden. Die Schuld konnte nicht bei einem alleine liegen. Two forTragedy
Es ging nicht länger um die Schuldfrage. Jeder hatte sein Päckchen zu tragen. Tuomas hatte sie bei ihr entschuldigt, sie würde sich bei ihm entschuldigen müssen. Die Vergangenheit konnte man nicht mehr verändern, die Zukunft hingegen schon. Tuomas hatte eine Entschuldigung verdient, noch dazu verdiente er ihren Dank. Er hatte versucht Marcelo zur Rückkehr zu bekehren, obwohl er ihr selbst erzählt hatte, dass es im wehtat, sie gemeinsam mit dem Argentinier zu sehen. Tarja hatte bislang nicht gewusst, dass ein Mensch zu einer solchen Selbstlosigkeit im Stande war. Das musste den Keyboarder eine unglaubliche Überwindung gekostet haben. Sie bewunderte Tuomas dafür.
Kurzentschlossen griff Tarja nach dem Telefon und wählte eine altbekannte Nummer. Es tutete. Sie legte wieder auf. Sie konnte das nicht. Tarja brachte es nicht über sich Tuomas anzurufen. Sie hatte ihm Unrecht getan und ihm ein paar ziemlich gemeine Sachen an den Kopf geworfen. Das war nicht so leicht wieder gut zu machen. Ihre Worte mussten Tuomas schwer getroffen haben, sie hatte es darauf angelegt ihn zu verletzen.Was sagte man in so einer Situation. Was war den gegebenen Umständen angemessen? Für gewöhnlich fiel es der Sopranistin nicht besonders schwer die richtigen Worte zu finden. Sie sagte, was sie dachte. Aber wie sollte sie Gedankengänge in Worte fassen, die sie selbst verwirrten? Wie sollte sie sagen, was sie zu sagen hatte? Ein einfaches „Hey, Tuomi. Das tut mir alles fürchterlich leid, ich habe es wirklich nicht so gemeint“, würde wohl nicht ausreichen. Außerdem war sie ihm noch eine Reaktion auf seine Kassette schuldig. Was sollte sie dazu sagen? Sie war sich selbst immer noch nicht im klaren darüber, was sie davon halten sollte.
Es musste doch eine Möglichkeit geben, Tuomas alles auf seine subtile Art und Weise zu erklären.
Es gab eine Möglichkeit.




*Zitat irgendweines klugen Menschen, dessen Namen mir das Internet nicht verraten wollte.
Auf jedenfall ist es nicht von mir ;)
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