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Know why the nightingale sings

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Anette Olzon Emppu Vuorinen Jukka "Julius" Nevalainen Marco Hietala Tarja Turunen Tuomas Holopainen
10.04.2011
27.03.2013
20
66.112
3
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73 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
10.04.2011 4.015
 
Hey, ihr Lieben :)
Ich habe mein KreaTief endlich überstanden und melde mich mit diesem Kapi zurück ;)


I knew you never before
I see you never more
But the love the pain the hope O beautiful one
Have made you mine 'till all my years are done
(Nightwish -Gethsemane )



„Können wir gleich noch mal eben in diesen Laden an der Ecke da drüben gehen? Das Shirt im Schaufenster war echt süß!“, harkte Anette vorsichtig nach, bevor sie an ihren Cappuccino nippte.
„Ich beeile mich auch“, versprach sie, als sie die genervten Blicke ihrer Bandkollegen realisierte. „Wenn es unbedingt sein muss“, entschied Jukka wohlwollend. „Du gibst vorher ja sowieso keine Ruhe", fügte Emppu grinsend hinzu. „Ihr seid die Besten!“, freute sich die Schwedin. „Geht auch ganz schnell, versprochen. Ich wäre euch auch nicht damit auf die Nerven gegangen, eigentlich wollte ich ja mir Tarja in die Stadt, aber ...“ In ihrem Drang zur Rechtfertigung fiel Anette erst im Nachhinein auf, welch heikles Thema sie gerade ansprach. „Das hat sich ja jetzt erledigt", beendete Emppu ihren Satz leise. Niemand erwiderte etwas.
Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, durchlebte erneut die Ereignisse der vergangenen Tage, doch allesamt kamen sie zu ein und demselben Schluss: Sie vermissten Tarja Turunen und das, obwohl die Dauer ihres Aufenthaltes nur kurz gewesen war.
Jeder hatte seine eigenen, kleinen Gründe dafür. Augenblicke, die einzigartig waren. Tarja hatte ihnen allen irgendwie gut getan. Nach all den Spannungen zwischen der Band und ihr, nach dem Brief, der ihnen noch immer leidtat, nach den Jahren der Funkstille und der Ungewissheit war es schön gewesen, Tarja wieder zu sehen. Eine Tarja, die ihnen den Brief nicht mehr übel nahm - auch, wenn dies durch einen Mangel an Erinnerungen verursacht wurde. – Eine Tarja, die sich nicht nur auf geschäftlich notwendigen Kontakt beschränkte, sondern sich ernsthaft darüber freute, sie alle um sich zu haben. Eine Tarja, die einfach nur sie selbst war, frei von divenhaften Allüren. Es ist eine freudige Wendung einen Freund zurückzugewinnen, den man bereits verloren glaubte. Dem entsprechend hart ist es jedoch, besagten Freund ein zweites Mal zu verlieren.
Anette, die Tarja zuvor als Musikerin bewundert hatte, hatte die Sopranistin in den Tagen auch als Mensch zu schätzen gelernt. Es war schön jemanden zu haben, mit dem man sich einfach mal unterhalten konnte. Nicht, dass man sich nicht auch mit den Jungs unterhalten könnte, aber das war etwas anderes. Allein unter Männern zu sein war zwar meist sehr amüsant, gelegentlich aber auch ein wenig anstrengend. Anette war selbst ein wenig überrascht davon, wie gut sie sich mit Tarja verstanden hatte und sie war sich sicher, dass ihr die allmorgendlichen Gespräche mit ihrer Vorgängerin besonders fehlen würden.
„Ich glaube, ich werde Tarja ganz schön vermissen“, durchbrach Jukka als Erster die Stille. Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich an Tarjas Anwesenheit gewöhnt hatte. Das Tarja wieder ganz die Alter war, so wie vor den gemeinsamen Erfolgen, hatte er lange angezweifelt, doch er musste sich eingestehen, dass sie sich wirklich wieder so verhielt, wie sie es tat, bevor Nightwish international erfolgreich wurde. Er hatte eine Menge Spaß mit ihr gehabt, doch ein Erlebnis war wirklich besonders gewesen: Zusammen mit Tarja hatte er einen Brief an seine Kinder verfasst, im Namen des Weihnachtsmannes. Es war Tarjas Idee gewesen, als er sie nach einem besonderen Weihnachtsgeschenk gefragt hatte. Eine niedliche Idee und sie hatten beim Schreiben wirklich Spaß gehabt. Jukka freute sich jetzt schon auf die Gesichter seiner drei Kleinen, wenn er ihnen den Brief unter dem Weihnachtsbaum vorlesen würde.
„Ich vermisse sie jetzt schon.“ erwiderte Emppu niedergeschlagen. „Jetzt ist niemand mehr da, der über meine Witze lacht“ „Weil wir, die Alle schon kennen“, begründete Marco die Annahme des Gitarristen. „Tarja kennt die auch schon alle, sie erinnert sich nur nicht daran“, klärte Emppu ihn auf. „Aber jetzt mal ernsthaft: Sie fehlt mir wirklich. Ich hatte mich schon so daran gewöhnt sie wieder dabei zu haben. Es war wieder so wie früher, als noch alles gut war. Wir haben sie in den Jahren alle hin und wieder vermisst und jetzt müssen wir das schon wieder“ „Uns hätte von Anfang an klar sein müssen, dass es so kommt. Ich meine unter den gegebenen Umständen. Der Brief stand und steht zwischen uns. Ihn können wir nicht einfach so rückgängig machen. Und ich würde ihn auch gar nicht rückgängig machen wollen. Hätte es ihn nicht gegeben würde es Nightwish jetzt nicht mehr geben. Dann würde jeder jetzt seinen eigenen Weg gehen und Nettie hätten wir nie kennengelernt. Das ist schon alles gut so. Wir hätten uns Tarja gegenüber anders verhalten, direkt reinen Tisch machen sollen, dann hätte es eventuell eine Versöhnung gegeben. Wir haben uns also selbst zu zuschreiben, dass sie nicht mehr dabei ist“
„Danke Marco, das wollten wir jetzt unbedingt hören.“ grummelte Jukka. „Ist immer schön zu hören, dass man‘s verbockt hat“ „Kann ich doch nichts für! Ist halt die Wahrheit“, entgegnete Marco gereizt. „Ich vermisse Tarja genau so wie ihr. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihr jemals wieder so nahe stehen würde und ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass sie mir mal Frühstück machen würde, wo ich meinen Kater doch selbst in Schuld hatte ...Ganz ehrlich, das hat mein Weltbild auf den Kopf gestellt.... Auf jeden Fall war ich froh, dass sie wieder dazugehörte, trotzdem sind wir selbst schuld dran, dass sie wieder fort ist“
„Tarja gehörte nicht nur dazu, sie tut es immer noch und wird es auch immer tun. Sie war ist und bleibt ein Teil von Nightwish“, meldete sich auch Anette endlich zu Wort. Die Schwedin hatte sich eine Weile ausgeschwiegen, da sie Tarja bei weitem nicht so gut kannte wie die Jungs, doch jetzt war es für sie Zeit sich am Gespräch zu beteiligen.

Ungeduldig ging Tuomas im Wohnzimmer auf und ab, während er zum dreihundertsten Mal einen Blick auf die Uhr warf? Was sie etwas stehen geblieben? So langsam konnte die Zeit doch wirklich nicht vergehen. Sie hatte gesagt, dass sie sich sofort auf den Weg machen würde? Warum war sie noch nicht hier? Wollte das Schicksal ihm, in der Hoffnung er würde zu Verstand kommen, Bedenkzeit gewähren? Der Keyboarder wollte seinen Entschluss nicht noch einmal überdenken, ihm war durchaus bewusst, wie schwachsinnig seine Idee war und das sie lediglich seinem Wunschdenken folgte. Er wusste, dass er sich nur vorgaukelte, diese Handlung wäre der ideale Abschluss und, dass es ihm dadurch leichter fallen würde, Tarja in der Vergangenheit ruhen zu lassen. In Wirklichkeit wollte er seine Hoffnung nicht aufgeben und diese Aktion war für ihn die letzte Hoffnung, an die er sich klammern konnte. Sein Silberstreif am Horizont.
Auch, wenn es mehr als unwahrscheinlich war, dass sein verzweifelter Versuch die erwünschte Wirkung zeigen würde, konnte Tuomas trotzdem nicht aufhören, daran zu glauben. Er war nicht stark genug um Tarja gehen zu lassen. Damals hatte der Keyboarder geglaubt, dass er es schaffen würde. Doch dann hatte Tuomas feststellen müssen, dass es etwas noch viel Schmerzhafteres gab, als Tarja in Marcelos Armen zu sehen: Tarja überhaupt nicht zu Gesicht zu bekommen und zu wissen, dass sie ihn für sein Verhalten hasste. Es war eine fürchterliche Zeit gewesen.
Und als der Musiker glaubte endgültig von Tarja losgekommen zu sein, reichte ihr bloßer Anblick aus, um ihn eines besseren zu belehren. Ihr Lächeln, das Funkeln ihrer Augen genügte, um ein Feuer zu entfachen, welches nie gänzlich erloschen war und niemals erlischen würde.
Es war ein Kampf, den Tuomas nicht gewinnen konnte, denn er jedoch auch nicht gewinnen konnte. Jemanden aus tiefstem Grunde des Herzens lieben zu können war eben so viel Fluch wie Segen.
Bevor Tuomas jedoch weiter darüber philosophieren konnte, wie aussichtslos seine Situation doch wahr, erklang endlich das heißersehnte Klingeln der Türglocke.
„Und schon bin ich hier“, verkündete Jenna Sikkala fröhlich, während sie dem Songwriter die Hand reichte. „Aber Hallo erst mal!“ Tuomas überlegte kurz anzumerken, dass „schon“ ein sehr dehnbarer Begriff war, lies es dann jedoch bleiben. Er wollte es sich mit Jenna nicht verscherzen, wenn sie schon so nett war und vorbei kam, um ihm einen Gefallen zu tun. „Hallo.“ entgegnete er stattdessen und deutete hinter sich in den Flur. „Komm doch rein.“ Die junge Frau folgte seiner Aufforderung, hängte ihren Mantel an die Garderobe und sah sich um. „Gemütlich habt ihr es hier. Sieht gar nicht aus wie ein Studio“ ,stellte die Empfangsdame fasziniert fest. „Wir versuchen uns hier so heimisch wie möglich zu fühlen, darum ist es hier auch ein bisschen chaotisch“, entschuldigte der Keyboarder die Unordnung die im Wohnzimmer, in das er Jenna gerade führte, herrschte. Die Aufnahmeräume sind weiter hinten im Haus und vergleichsweise ordentlich“ Jenna lachte. „Gegen ein bisschen Chaos habe ich nichts einzuwenden, ich finde das auch gemütlicher. Aber eigentlich bin ich ja auch nicht hier um mich mit euren Unordnung zu beschäftigen. Oder hast du mich zum Aufräumen angeheuert“, fragte sie amüsiert. Tuomas schüttelte den Kopf. „Das wäre sicher auch ganz hilfreich, aber es geht um etwas anderes. Der Gefallen, um den ich dich bitten möchte, ist da ein bisschen komplizierter“, erklärte der Keyboarder „Ich habe dich schon vor der Polizei und einem wütenden Ehemann bewahrt“, erinnerte Jenna ihn. „Wenn das nicht schon kompliziert war, dann weiß ich auch nicht ...Darf ich überhaupt du sagen?“ Wie immer schien die junge Frau ein wenig aufgeregt zu sein. „Natürlich“, entgegnete Tuomas. „Cool!“, freute sich Jenna. „Ich hätte mir nie träumen lassen dich mal persönlich kennenzulernen und noch weniger, mal in dem Haus zu sitzen in dem ihr solche Meisterwerke wie „Meadows of Heaven“ schreibt und komponiert und so ... Irgendwie erstaunlich, dass es hier genau so aussieht, wie bei jedem anderen Menschen daheim. Ich dachte immer, Künstler würden irgendwelche besonderen, inspirierenden Umgebungen brauchen und ihr arbeitet hier zwischen auf dem Sofa liegenden Socken und Kinderspielzeug. Steht das Keyboard da drüben auf einem Bügelbrett? ! Das ist ja mal so was von cool! O, tut mir leid. Ich weiche Mal wieder von Thema ab. Also: Worum geht’s? Jenna meldet sich zum Dienst!“
Tuomas sah zu Boden. Die Begeisterung der jungen Frau über Dinge, die für ihn alltäglich waren, war ihm ein wenig unangenehm. Noch beschämender war es jedoch, dass er einer nahezu fremden Person die Zeit stehlen musste nur, weil er selbst nicht genug Mut aufbringen konnte. Warum hatte er ausgerechnet Jenna darum gebeten, vorbei zu kommen? Wenn er sich selbst nicht dazu überwinden konnte Tarja aufzusuchen, dann war das eine Sache, aber warum hatte er nicht einfach Emppu, Jukka, Marco oder Anette um Hilfe bitten können? Noch während sich die Frage in Tuomas Gedanken formuliert hatte, wusste der Songwriter, dass dies keine Option gewesen wäre. Er hatte die anderen Bandmitglieder schon viel zu Tief in einen Konflikt hinein gezogen, der nur eine Sache zwischen Tarja und ihm selbst war. Er hatte sie damals davon überzeugt den Brief zu unterschreiben, obwohl sie immer noch behaupteten es vollkommen aus freien Stücken und nicht auf Tuomas Drängen hin getan zu haben. Vielleicht hatten Marco, Jukka und Emppu Tarja tatsächlich als die Diva empfunden, die Tuomas in dem Brief beschrieb, vielleicht war es Tuomas jedoch auch gelungen sie glauben zu machen, dass all das, was er dort niedergeschrieben hatte, der Wahrheit entsprach. Der Keyboarder konnte es nicht sagen, doch der Brief war auf seinem Mist gewachsen. Und nun war es ihm erneut gelungen die anderen Bandmitglieder in einen Konflikt mit hineinzuziehen, der nicht der ihre war. Tarja war nun wütend auf jeden von ihnen, schließlich hatte ihr niemand die Wahrheit gesagt. Das die anderen Nightwishler Tuomas dazu geraten hatten endlich mir der Sprache raus zu rücken, konnte sie ja nicht wissen. In den Augen der Nightwishfrontfrau muss das ganze wohl eine perfekte Inszenierung gewesen sein. Ein schönes Bühnenstück, dass keinen Funken Wahrheit enthält. So wie er Tarja kannte würde sie davon ausgehen, dass kein fröhliches Lächeln, keine Wiedersehensfreude und kein freundliches Wort aus dem Mund irgendeines Nightwishlers echt war. Zum zweiten Mal trug er die Schuld daran, dass Freundschaften zerbrachen. Nein, noch tiefer wollte er die anderen Bandmitglieder nicht in die Sache hinein ziehen. Bei Jenna war das anders. Tarja kannte die junge Frau nicht, sie hatte ihr nichts  getan und würde einfach nur die Rolle eines Boten übernehmen. Das war definitiv der bessere Weg.
Ich weiß, dass es mir nicht zu steht, dich um einen Gefallen zu bitten. Dass du Tarja und mich nicht verraten hast und mich vor der Suchmeldung im Fernsehen warnen wolltest, war eigentlich schon viel zu gut gemeint, aber ich weiß nicht an wen ich mich sonst wenden soll. Könntest du Tarja etwas von mir geben? Wir haben uns gestritten Ich ... ich kann ihr nicht unter die Augen treten ...Ich weiß auch nicht ... ich will nicht ...Es ist mir wichtig, und wenn es nicht unbedingt sein müsste, dann würde ich dich wirklich nicht darum bitten, aber ...“, versuchte Tuomas sein Anliegen zu erklären. Der Poet hoffte inständig, dass Jenna nicht großartig nach dem Grund des Streits oder Ähnlichem fragen würde.
Die junge Frau war ein wenig verwirrt. Tuomas und Tarja hatten sich gestritten? Warum? Was sollte sie Tarja bringen? Ein Friedensangebot? Und warum hatte Tuomas nicht einfach ein anderes Bandmitglied um Hilfe gebeten? Trotz ihrer Neugier wagte Jenna nicht, Tuomas irgendeine ihrer Fragen zu stellen. Er sah sie so flehentlich an, dass sie ihm die Bitte nicht ausschlagen konnte. Die Sache schien ihm echt wichtig zu sein. „Klar, mache ich das!“, erklärte sie also und schenkte dem Keyboarder ein aufmunterndes Lächeln. „Danke“, erwiderte Tuomas erleichtert und zog die Kassette aus seiner Hosentasche, um sie Jenna zu überreichen. „Eine Kassette?“, fragte die junge Finnin begeistert. „Ich wette, dass da irgendwelche unveröffentlichten Meisterwerke drauf sind, stimmt‘s? Okay...eigentlich geht mich das ja gar nichts an, aber ich habe Recht, oder?“ „Meisterwerke sind das nun wirklich nicht, aber der Grundgedanke ist der Richtige. Allerdings sind diese einzig und allein für Tarjas Ohr bestimmt“, gestand der Songwriter ein wenig kleinlaut. „Ja, ich hab‘s ja verstanden. Ich bin zwar dreist, aber auch nicht so dreist, dass ich mir einfach irgendwelche privaten Aufnahmen anhöre. Obwohl das sicher lohnenswert wäre. Klingt irgendwie romantisch! Du streitest es gar nicht ab? Alles in Ordnung mit dir? Ich wette es sind doch kleine Meisterwerke darauf zu finden!“  beharrte Jenna und betrachtete den unauffälligen Tonträger. „Was hätte ich davon, wenn ich es dir verschweigen würde? Außerdem würdest du mich so lange aus großen Augen traurig anschauen, bis ich es doch zugebe“, erklärte der Poet. „Stimmt“, bestätigte Jenna. „Und ich werde mich direkt auf den Weg machen und Tarja das Band in die Hand drücken. Ich bin mal gespannt, wie sie reagiert. Apropos ... wo wohnt Tarja eigentlich?“ Die junge Frau war furchtbar aufgeregt. Das war ja mal ein wirklich spannender Auftrag. Sie ließ sich noch schnell Tarjas Adresse aufschreiben und eilte dann zum Auto, während sie die Titelmelodie von „Misson Impossible“ dudelte.
Tuomas sah ihr hoffnungsvoll nach. Nun lag wirklich nichts mehr in seiner Hand. Alles war er nun noch tun konnte, war abzuwarten und zu hoffen.


Ausgiebig studierte Jenna die Klingelschilder des Gebäudes, vor dem sie stand, obwohl Tuomas ihr gesagt hatte, dass Tarjas Wohnung sich im vierten Stock befand. Sie war noch immer ein wenig aufgeregt. Das war alles einfach irgendwie spannend. Nur zu gerne hätte die junge Frau gewusst, was genau sie da in Händen hielt, was für eine geheimnisvolle Botschaft sie gerade mit sich herumtrug. Würde Tarja sofort wissen, um was es sich bei der Kassette handelte? Sollte sie Tarja erzählen, dass Tuomas sie schickte, oder würde die Sopranistin dann wütend werden?
Jenna entschied sich dazu, erst einmal hochzugehen und sich spontan für etwas zu entscheiden. Spontane Entscheidungen waren bei ihr meistens die besten. Gespannt, was sie erwarten würde, eilte Jenna durch die offenstehende Tür des mehrstöckigen Hauses und stieß mit jemandem zusammen. „Tut mir Leid“, murmelte die junge Frau und schenkte ihrem Gegenüber ein entschuldigendes Lächeln. „Sie?! Was tun Sie denn hier?“, fragte Marcelo Cabuli missgelaunt, als er die Dame vom Krankenhausempfang erkannte, die ihm mit ihrem Dauergrinsen auf die Nerven gegangen war. Jenna hingegen konnte nicht anders als noch breiter zu Grinsen. „Guten Tag, Herr Cabuli. Ich freue mich ebenfalls Sie zu sehen“, entgegnete sie freundlich. „Wie ist das werte Befinden?“ „Guten Tag. Mir geht es blendend und daran ändert sogar ihre Anwesenheit nichts“, entgegnete der Argentinier. „Das freut mich zu hören, wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, schließlich werde ich ja nicht fürs Rumsitzen und Grinsen bezahlt“, konterte Jenna vergnügt. „Dann sind Sie sicher wegen dem Ring da. Ich hätte nie gedacht, dass die vom Krankenhaus so schnell jemanden vorbei schicken“, merkte Marcelo an und fügte den Bruchteil einer Sekunde hinzu: „Hören Sie, was ich gesagt habe tut mir wirklich leid. Das war nicht besonders nett von mir, aber ich war außer mir vor Sorge und wusste einfach nicht, wo mir der Kopf stand ... Ich wollte sie wirklich nicht kränken“ „Keine Sorge, ich bin nicht nachtragen. Die Sache ist vergeben und vergessen, obwohl ... Sie könnten mir wenigstens sagen, wo ihre Frau gesteckt hat, wenn sie mich schon als Mittäter einer Entführung beschuldigt haben“, forderte Jenna, der es viel zu viel Spaß machte, Marcelo an der Nase herumzuführen. „Sie war bei einem alten Freund“, erklärte Tarjas Ehemann zähneknirschend. „Bei diesem Mann, der sie aus dem Krankenhaus abgeholt hat, dem Gutaussehenden?“, fragte die Empfangsdame mit gespieltem Interesse. „Ich dachte, sie könnten sich nicht an den Typen erinnern?“, harkte der Argentinier skeptisch nach. „Kann ich auch nicht, ich weiß nur noch, dass er gut aussah. Aber in dem Fall hätte ich wohl doch ganz gerne mit dem Täter unter einer Decke gesteckt. Entschuldigung, den Wortwitz konnte ich mir jetzt nicht verkneifen“ Jenna gluckste vergnügt und war kurz davor laut loszuprusten, als sie Marcelos verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte. „Aber ich will Sie nicht länger aufhalten. Schönen Tag noch“, trällerte sie und eilte an dem Argentinier vorbei und die Treppe hoch. Marcelo schüttelte ein letztes Mal mit dem Kopf, bevor er sich aufmachte, um einkaufen zu gehen.

„Momeeent“ rief Tarja Turunen, als es an der Wohnungstür klingelte. Die Sopranistin saß in ihrem Wohnzimmer, in Mitten Unmengen von Zetteln auf dem Boden. Für gewöhnlich legte die Sopranistin großen Wert auf Ordnung, doch wenn Tarja arbeitete gehörte ein wenig Unordnung einfach dazu. In der einen Hand hielt sie eine Tasse Tee, in der anderen einen Bleistift, mit dem sie gerade eine Notenfolge durchstrich und eine Oktave nach unten setzte. Ja, so würde das ganze viel besser klingen.
Nur widerwillig erhob sich die Sopranistin, um an die Tür zu gehen. Sie war gerade so sehr im Schaffensdrang, dass es ihr schwerfiel, diesen auch nur für wenige Minuten zu unterbrechen, aber etwas anderes blieb ihr schließlich nicht übrig. Wahrscheinlich war sie gleich vollkommen raus, vielleicht sollte sie die Zeilen, dir ihr gerade in den Sinn gekommen waren, doch noch aufschreiben, bevor sie an die Tür ging „Little Lies, little lies making up Tragedies. Nothing is what it seems. Who cares what is real“ Eigentlich war Songwriting nicht ihr Aufgabenbereich, es lag ihr nicht wirklich, aber in diesem Fall wollte sie ihre Gefühlssituation selbst in Worte fassen. Hoffentlich hatte sie diese nicht wieder vergessen, bis sie ins Wohnzimmer zurück kehrte. Ruckartig öffnete die Sopranistin die Tür und war ein wenig erstaunt, als sie in das freundliche Gesicht einer jungen Frau blickte. Sie hatte Marcelo erwartet, der seinen Schlüssel vergessen hatte, oder den Postboten.
„Guten Tag, mein Name ist Jenna Sikkala. Ich glaube sie erinnern sich nicht an mich, ich arbeite am Empfang in dem Krankenhaus, in dem sie vergangene waren. Aber das ist jetzt eigentlich vollkommen irrelevant“, sprudelte es auf Jenna hinaus. Sie war nervös, da sie immer noch nicht wusste, wie sie das mit der Kassette anstellen sollte. „Hallo“ entgegnete Tarja. „Dann sind Sie sicher hier, um mir meinen Ehering wieder zu bringen", mutmaßte die ehemalige Nightwishfrontfrau. Das gute Schmuckstück hatte man ihr bei irgendeiner Untersuchung abgenommen und seit dem war es verschwunden. Aus diesem Grund hatte sie zwei Stunden zuvor im Krankenhaus angerufen und man hatte ihr versprochen sich darum zu kümmern. „Nicht ganz“, gestand Jenna und biss sich auf die Unterlippe. „Nicht ganz?“ Tarja war verwirrt. „Na ja, ich bin hier um Ihnen etwas vorbei zubringen, um einen Ring handelt es sich dabei jedoch nicht“, erklärte sie und reichte Tarja die Kassette. Die Finnin nahm den Tonträger entgegen. Es war die unbeschriftete Kassette, die Tuomas so dringend vor ihr zu verteidigen versucht hatte. Nun stand jedoch ein Satz in Tuomas Handschrift darauf : „Time will tell this bitter farewell“ Dead Boys Poem. Die Sopranistin erkannte den Vers sofort, wusste jedoch nicht was sie von diesem oder der Kassette halten sollte. Wenn Tuomas nicht wollte, dass sie die Kassette hörte, warum schickte er sie ihr jetzt? Warum konnte er sie nicht einfach in Frieden lassen? Was sollte das? Was wollte er von ihr? Tarja war vollkommen verwirrt.
„Ähm ...Danke schön.“ murmelte die Sopranistin, als ihr bewusst wurde, dass diese junge Frau aus dem Krankenhaus immer noch vor ihrer Tür stand. „Gerne. Einen schönen Tag noch“, wünschte Jenna und wandte sich zum Gehen. „Warten Sie!“, rief ihr Tarja nach. „Wie ... wie geht es Tuomas?“
„Ich glaube, ihr Streit macht ihm ganz schön zu schaffen", berichtete Jenna. „Soll ich ihm vielleicht etwas von Ihnen ausrichten?“ „Nein, danke“, entschied Tarja. „Auf Wiedersehen“
Sie schloss die Tür hinter sich und betrachtete die Kassette weiterhin ratlos. Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie den Tonträger in Tuomas‘ Kinderzimmer fand und der Keyboarder sie mit vollem Körpereinsatz davon abhalten wollte, die Kassette einzuschalten. Es schien ihm wirklich wichtig gewesen zu sein, was auch immer darauf vorhanden war vor ihr geheim zu halten. Es machte folglich überhaupt keinen Sinn, dass er ihr das Ding jetzt zukommen ließ. Gerade jetzt, wo sie sich dazu entschlossen hatte Tuomas endgültig in die Vergangenheit zu verbannen. Warum konnte er nicht einfach Vergangenes vergangen sein lassen und sich aus ihrem Leben heraushalten. Hatte sie ihm nicht deutlich gemacht, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Und fiel merkwürdige Kassette schicken nicht auch unter eine Art von Kontakt, die sie nicht schätzte. Und wenn Tuomas schon unbedingt wollte, dass sie diesen Tonträger bekam, warum brachte er ihn ihr dann nicht selbst vorbei? Oder fehlte ihm dazu der Mumm? Das war doch mal wieder typisch!
Die Sopranistin hätte sich noch stundenlang in Schimpftiraden vertiefen können, doch ihre Neugierde war stärke, als ihre Wut darüber, dass Tuomas sie nicht in Frieden ließ. Was mochte auf der Kassette sein? Tuomas hatte gesagt, dass sich darauf Songs befänden, die er irgendwann mal aufgenommen habe. Er hatte von seinem Gesang gesprochen und das Ganze schien ihm furchtbar peinlich zu sein. Das allein war für Tarja Grund genug, um den Inhalt des Tonträgers hören zu wollen. Schließlich klang es so, als würde sie etwas zu Lachen bekommen und danach sich über Tuomas lustig zu machen stand ihr definitiv der Sinn. Natürlich war Spaß auf Konten anderer nicht besonders höflich, doch nach all dem, was er sich geleistet hatte, hatte er sich das verdient. Mal sehen, vielleicht würde sie das Band auch an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Er hatte schließlich auch nicht damit gezögert, sie vor den Augen der Welt in den Dreck zu ziehen, ihren Ruf zu ruinieren und der Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild zu übermitteln. Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, hatte Tuomas auch nicht davor halt gemacht, ihren Ehemann mit in die Sache hineinzuziehen. Marcelo dafür die Schuld zu geben, dass sie sich nicht mehr verstanden und es Konflikte innerhalb der Band gab, das war einfach zu viel des Ganzen. Mit „Master Passion Greed“ hatte Tuomas dem Ganzen dann die Krone aufgesetzt. Natürlich hatte sie selbst mit einem Song gekontert, der es in sich hatte. Trotzdem entsprach das alles nicht dem Leid, dass der Keyboarder ihr zugefügt hatte, nun bereits zum zweiten Mal. Tarja war nicht nur enttäuscht, vor allem war sie wütend.Vielleicht war es wirklich an der Zeit, dass Tuomas sein Fett wegbekam. Auge um Auge, Zahn um um Zahn. Rache ist ja bekanntlich süß. Zuvor musste sich Tarja die Kassette jedoch erst einmal anhören. Nicht wissend, was sie erwarten würde schob die ehemalige Nightwishfrontfrau die Kassette in den Rekorder.
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