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Know why the nightingale sings

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Anette Olzon Emppu Vuorinen Jukka "Julius" Nevalainen Marco Hietala Tarja Turunen Tuomas Holopainen
10.04.2011
27.03.2013
20
66.112
3
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
10.04.2011 3.774
 
Mit einem neuen Kapitel melde ich mich jetzt aus dem Urlaub zurück :)
Und danke vorab allen, die die Wartezeit doch überstanden haben ...

In my world
Love is for poets
Never the famous balcony scene
Just a dying faith
On the heaven’s gate
(Nightwish-Swanheart)



„Danke, Toni! Du bist wirklich ein Schatz“, freute sich Tarja und lächelte ihren Bruder dankbar an. Er hatte sie zurück nach Helsinki gefahren und parkte nun vor dem Haus, in dem seine Schwester lebte, wenn sie sich in Finnland aufhielt.
„Keine Ursache, du bist schließlich mein Schwesterherz und ganz abgesehen davon müsste ich sowieso in den nächsten Tagen nach Helsinki, um die Jungs von „Celesty“ zu treffen. Wir haben das Album jetzt fast fertig, aber es fehlt noch der letzte Schliff. Es lag also quasi auf dem Weg“, erklärte Toni und zwinkerte ihr zu. „Trotzdem vielen Dank, Kleiner.“ entgegnete Tarja. „Willst du noch mit hochkommen? Marcelo freut sich bestimmt dich auch mal wieder zu Gesicht zu bekommen“ „Nein, nein. Nicht, dass sich Marcelo so sehr freut, mich zu sehen, dass er dabei total vergisst, wie viel schlaflose Nächte du ihm in letzter Zeit so bereitet hast“ prophezeite Tarjas jüngerer Bruder und auf den mahnenden Blick seiner Schwester hin fügte er hinzu: „ Nein, wirklich! Ich will euch nicht stören. Aber ich schaue in nächster Zeit noch einmal auf einen Kaffee vorbei, versprochen.“ „In Ordnung“, stimmte die Sopranistin, umarmte Toni und beobachtete, wie er wieder in sein Auto stieg, bevor sie an der Tür klingelte.
Als sie Marcelos Stimme an der Gegensprechanlage vernahm versetzte ihr das schlechte Gewissen einen Stich. Es war bereits am Telefon mehr als nur schwierig gewesen ihm zu erklären, dass sie seine Existenz schlichtweg vergessen hatte. Wie sollte sie ihm das jetzt von Angesicht zu Angesicht sagen? Für gewöhnlich vergaß man den Menschen, den man liebte, nicht ohne weiteres. Marcelo hatte sich die ganze Zeit über fürchterliche Sorgen gemacht, während sie ein paar schöne Tage bei alten bekannten verbracht hatte. Schöne Tage mit einem bitteren Ende. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt sich den Kopf über die Geschehnisse zu zerbrechen. Jetzt war Wiedersehensfreude angebracht, denn Marcelo kam gerade zu ihr herunter. Der Argentinier lief mehr als das er ging und nahm ab und an zwei Stufen auf einmal, um schneller zu ihr zu gelangen. Bei Tarjas Anblick hellte sich seine Miene auf. Ohne ein Wort ging er auf seine Frau zu und schloss sie in die Arme.
Tarja schmiegte sich an ihn. Sie wollte etwas sagen, doch es kam kein einziges Wort über ihre Lippen. „Marcelo“, wisperte sie nach dem einigen Versuchen wieder Herrin ihrer Stimme zu werden, doch dann versagte diese ihr erneut den Dienst. Statt Worte der Wiedersehensfreude oder vielleicht eine Erklärung bezüglich ihres Verbleibs hervor zu bringen brach die Finnin in Tränen aus. Der Streit mit Tuomas lag nun zwei Tage zurück und sie hatte sich seit dem alle Mühe gegeben ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, doch jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr länger zurück halten. Warum Marcelos Anblick diesen unerwarteten Gefühlsausbruch mitsich brachte konnte sie sich selbst nicht erklären.
„Schhhhhh...Alles wird gut“, flüsterte Marcelo und strich seiner Gatten beruhigend über den Kopf. „Du bist wieder zuhause, jetzt ist alles gut.“ Der Argentinier fuhr fort beruhigend auf die Sopranistin einzureden, doch Tarja wollte sich einfach nicht beruhigen. Sie hatte jeglichen Versuch mit ihm zu sprechen aufgegeben und schluchzte stattdessen unaufhörlich in seine Schulter. „Ich hatte Angst um dich. Die Sorge hat mich fast um den Verstand gebracht, aber jetzt bist du wieder zurück und alles ist gut“, flüsterte Marcelo, bevor er seiner Frau einen Kuss auf die dunkle Haarpracht hauchte.
Alles ist gut, alles wird gut ... Überhauptnichts war gut! Tarja war vollkommen aufgelöst und wusste weder was sie tun, noch was sie denken sollte. Sie hatte Marcelo am Telefon nicht gesagt wo und bei wem sie gewesen war, sondern hatte sich lediglich darauf beschränkt ihm zu erzählen, dass sie sich im Haus ihres Vaters befand und so schnell wie möglich nach Hause zurück kommen würde. Sie hatte versucht sich mit der Ausrede, vom vergangenen Tag erschöpft zu sein, davor gedrückt ihrem Mann die Geschichte zu erzählen, die sie aus dem Buch ihres Lebens zu tilgen versuchte. Jetzt würde sie es ihm jedoch erzählen müssen, sie konnte sich schließlich nicht ewig davor drücken und außerdem verdiente Marcelo, als ihr Ehemann, definitiv eine Antwort. Doch sie hatte Angst davor. Auszusprechen was vorgefallen war machte Tuomas‘ böses Spiel noch realistischer, würde ihr jenen Abend wieder viel zu deutlich ins Gedächtnis rufen und brächte darüber hinaus bestimmt ein Echo der Schmerzen mit sich, die sie zu vergessen versuchte.
„Schhh.... Jetzt hast du aber wirklich genug geweint“, entschied Marcelo nach einer Weile und nahm Tarjas Gesicht in die Hände, um ihre Tränen fortwischen zu können. Tarja sah in sein freundliches Gesicht und konnte nur mit Mühe einen weiteren Weinkrampf unterdrücken. Marcelo sah nicht besonders gesund aus. Er war unrasiert und blass und die dunklen Schatten unter seinen Augen schmeichelten ihm auch nicht besonders. Ihr Abwesenheit hatte dem Argentinier sichtlich zugesetzt. Die Sopranistin schluckte, während sie erneut eine Welle der Schuldgefühle überrollte. Warum hatte sie sich nicht an diesen Mann erinnern können, dem ihr Wohlergehen so am Herzen zu liegen schien, mit dem sie so viele schöne Stunden verbracht hatte? Sie verstand es nicht. Warum verschwendete sie überhaupt eine einzige Träne an Tuomas? Warum war sie über sein falsches Spiel so enttäuscht? Sie brachte ihn doch überhaupt nicht. Was wollte sie mit einem so falschen Freund, wenn sie einen Mann wie Marcelo an ihrer Seite hatte. Einfühlsam, verständnisvoll ... Er legte ihr die Welt zu Füßen, war Liebster und bester Freund zu gleich. Was wollte sie eigentlich mehr?
„Du versucht dich ein bisschen zu sammeln, kommst ein wenig zur Ruhe und ich koche dir in der Zeit einen Beruhigungstee, in Ordnung?“, schlug der Argentinier vor. Tarja nickte schwach.
„Das muss in letzter Zeit alles ein bisschen viel für dich gewesen sein, aber wir bekommen das schon wieder hin", versprach er. Tarja beneidete ihren Mann um dessen Zuversicht, doch schien fest davon überzeugt, dass alles wieder ins Lot kommen würde und das gab auch ihr Hoffnung. Sie war unglaublich froh, dass er jetzt für sie da war und schämte sich unglaublich dafür ihn während dieses hässlichen Streits, der schon eine Ewigkeit zurück zu liegen schien, vor die Tür gesetzt zu haben. Und genau das musste sie jetzt erst mal los werden, sich wenigstens etwas vom Herzen reden: „Marcelo? ...Wegen unserem Streit....Ich kann dir gar nicht sagen wie Leid es mir tut, dass...“, begann die Finnin, doch ihr Ehemann legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Kein Wort mehr davon. Das ist vergeben und vergessen“, erklärte er. „Und du bist wirklich nicht mehr sauer?“ fragte seine Gattin behutsam. Marcelo begann so laut zu lachen, dass Tarja erschrocken zusammenfuhr. „Tut mir leid, Liebes. Ich wollte dich nicht erschrecken, aber das Ganze ist irgendwie paradox. Ich war tagelang in Sorge um dich und nervlich total am Ende ...Jetzt bist du endlich wieder bei mir und das Erste was du sagst ist die Frage, ob ich dir eine Lappalie wie unseren kleinen Streit noch krumm nehme?“, merkte er an. „Danke, dass du immer wieder betonst, wie sehr du in Sorge warst, tut meinem schlechten Gewissen jetzt natürlich sehr gut“, merkte Tarja in einem Anflug von Sarkasmus an. „Aber es beruhigt mich, dass du deswegen nicht böse auf mich bist“ Marcelo musste grinsen. „Ein bisschen schlechtes Gewissen kannst du ruhig haben auch, wenn du im Grunde genommen nicht direkt etwas dafür kannst“, entschied er. „Vielen Dank“, spottete seine Frau und Marcelo musste erneut Lachen. Sein Lachen war so ehrlich und ansteckend, dass sogar Tarja nicht anders konnte als zu lächeln. „Sieht du? Alles wird gut“, wiederholte der Argentinier und küsste seine Frau. Tarja erwiderte seinen Kuss. Vielleicht hatte Marcelo ja Recht. Zumindest war es ihm kurzfristig gelungen die dunklen Wolken über ihrem Gemüt zu vertreiben.

„Und du bist sicher, dass du nicht mitkommen willst?“, fragte Marco zu wiederholten Male. „Das bringt dich auf andere Gedanken“ Der Bassist hielt Tuomas dessen Jacke entgegen. „Nein, ich will nicht mitgehen. Ich habe absolut keine Lust dazu auszugehen und außerdem würde ich euch mit meiner Laune den Tag vermiesen. Also geht und amüsiert euch. Ich komme schon zurecht“, erklärte der Songwriter missmutig. Marco hängte die Lederjacke zurück an die Garderobe, während Emppu einen alternativen Versuch startete, den Keyboarder aus seinem Tief zu befreien. „Wir können auch hier bleiben, wenn du willst“, schlug der Gitarrist vor. „Dann schauen wir uns irgendeinen lustigen Film an, oder - noch besser – wir schauen mit Nettan einen Horrorfilm! Das ist fast noch witziger. Wisst ihr noch, als sie vor Schreck ...“ Der böse Blick der Schwedin ließ den kleinen Blonden verstummen. „Aber das ist ja jetzt auch völlig egal...wir könnten das ein oder andere Gläschen trinken und asiatisches Essen bestellen. Was hältst du davon, Tuomas?“, fuhr Emppu fort. Der Keyboarder schüttelte den Kopf. „Das ist wirklich nett von euch, aber ihr müsst nicht hier bleiben. Und außerdem habe ich gerade überhaupt keinen Appetit. Geht ruhig, mir geht es gut. Ich will einfach nur ein bisschen alleine sein“, murmelte Tuomas. „Soll ich Nemo dann vielleicht doch ...“, begann Anette, wurde jedoch von dem Songwriter unterbrochen: „Nein, Nettie. Nemo und ich machen uns einen schönen Nachmittag. Nicht wahr, Nemo?“ Der kleine Junge, den Tuomas auf dem Arm hielt, nutzte dessen Aufmerksamkeit, um ihm beherzt in die Lockenpracht zu greifen. Der Keyboarder verzog kurz das Gesicht, zwang sich dann jedoch zu einem Lächeln. „Das sehe ich dann mal als ein Ja an“, entschied er.
„Danke“, freute sich die Schwedin und zog Tuomas in eine Umarmung. „Wenn er dir irgendwelche Probleme machen sollte ... oder du doch jemanden zum Reden brauchst, ein Anruf genügt und ich bin sofort wieder hier", versprach die Sängerin. „Danke, Nettie. Das wird nicht nötig sein. Ich komme zu Recht“, prophezeite Tuomas. „Und wenn nicht ... im DVD-Schrank steht noch eine Flasche Finnlandia“, riet Jukka. „Wie gesagt: Um mich müsst ihr euch keine Sorgen machen Und jetzt seht zu, dass ihr los kommt! Sonst steht ihr Morgen noch immer im Flur herum“, ermahnte Tuomas seine Bandkollegen, bevor er sich von ihnen verabschiedete.
Anettes kleiner Sohn brach in Tränen aus, sobald seine Mutter außer Sichtweite war, was Tuomas dazu veranlasste, beruhigend auf ihn einzureden. „Deine Mami kommt ja wieder. Schhhh...Komm schon! Eine soo schlechte Gesellschaft bin ich jetzt auch wieder nicht“ Doch die sanften Worte schienen nicht zu helfen, so blieb Tuomas nichts weiter, als der Einfall Nemo mit einer Haarsträhne zu kitzeln. Augenblicklich versiegten die Tränen des kleinen Jungen. Nemo gluckste vergnügt, grapschte nach der Ursache des Kribbelns und zog vergnügt daran. Erneut war es an Tuomas vor Schmerzen das Gesicht zu verziehen, was das Kind nur dazu veranlasste noch lauter zu glucksen. Daran würde sich Tuomas wohl gewöhnen müssen. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er Nemo. Der kleine Junge gähnte ausgiebig und blinzelte den Keyboarder aus müden Augen an. „Ich verstehe schon“, stellte Tuomas fest und brachte Nemo in sein Kinderbettchen. In Reichweite seines Spielzeugs angekommen war jede Müdigkeit allerdings augenblicklich wieder gewichen und Nemo so Quietschfiedel wie zuvor. „Ich lese dir jetzt noch eine Geschichte vor und dann hältst du brav deinen Mittagsschlaf“, entschied der Songwriter. Der kleine Junge schien von Letzterem nicht besonders begeistert zu sein, dennoch ließ er sich zudecken und blieb sogar liegen. Zwei Märchen und eine drei viertel Stunde später sah er Tuomas jedoch immer noch aus großen Augen an. „Du willst es mir auch nicht leicht machen, was?“, fragte der Finne ungeduldig. Nemo beschränkte sich darauf ihn mit seiner schönsten Unschuldsmiene anzuschauen. „Wäre es zu viel verlangt, wenn du jetzt einfach ein Stündchen schlafen würdest?“, wollte er wissen. „Nicht schlafen!“ protestierte der kleine Junge und sah Tuomas erwartungsvoll an. „Weiter lesen?“, schlug das Kind zum großen Missfallen des Poeten vor. „Nein, davon schläfst du ja doch nicht ein“, merkte Tuomas an. „Nicht schlafen!“ wiederholte Nemo hoffnungsvoll. „Damit du den ganzen Tag nur am Quengeln bist, dann früh einschläfst und um vier Uhr nachts beschließt, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Genau, deine Mutter wird sich bedanken. Nein, ich  schau mal, ob ich eine Kassette finde. Das Animationsprogramm durch mich neigt sich  langsam dem Ende zu, ich verliere nämlich allmählich die Geduld.“
Der Keyboarder kramte in den Schuhkarton mit den Kassetten aus Anettes Kleiderschrank und war trotz seiner miesen Laune für den Bruchteil einer Sekunde fasziniert von dem räumlichen Wunder. Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wie es der Sängerin gelungen war, all ihre Klamotten in diesen Schrank zu quetschen. Aber das war eigentlich vollkommen irrelevant. Es gab wichtigeres zu tun: einen Anderthalbjährigen zum Schlafengehen zu überreden. Tuomas kramte ein wenig in dem Kasten herum und aß Nemo lediglich einen der Titel vor, die meist von Astrid Lindgreen oder Tove Jansson stammten. Der Junge erwies sich auf die Frage, was er den gerne hören würde, als nicht besonders hilfreich, da er jeden von Tuomas Vorschlägen bejahte. Also griff der Songwriter wahllos in den umfunktionierten Schuhkarton und fischte eine Kassette heraus. Er erstarrte. Dieses Band ... es gehörte sicher nicht dort hin. Es handelte sich dabei um eben jenen Tonträger, um den er knapp zwei Tage zuvor mit Tarja gerangelt hatte. Er hatte das Band aus einem Bauchgefühl heraus in die Tasche gesteckt und durch den Streit vollkommen vergessen. Die Kassette musste ihm wohl aus der Tasche gerutscht sein und der Finder musste sie für eine von Nemos Gutsnachtgeschichten gehalten haben. Nemo besaß ein unglaubliches Talent dafür seine Spielsachen im ganzen Haus zu verteilen, sogar im Studio wäre Tuomas beinahe auf einem seiner Spielzeuautos ausgerutscht. Also war es wohl naheliegen, die Kassette in den Karton zu legen. Wie das Band dorthin gelangt war, war auch eigentlich nicht von Bedeutung. Es war da und ein Teil von ihm freute sich darüber, dass es ihm gerade jetzt in die Hände gefallen war.  Dieses Band war wie ein Tagebuch, beschrien Höhen und Tiefen, trug freudige Erinnerungen an ihn heran und zeigte ihm gleichzeitig, dass es Zeiten gab, in denen es ihm deutlich schlechter ging als jetzt. Das war gleichzeitig der Grund, warum sich der andere Teil den Tonträger auf den Grund eines Sees wünschte. Seit Jahren hatte diese Kassette vergessen in einer Ecke gelegen, doch jetzt war es an der Zeit sie ein letztes Mal abzuspielen. Ein symbolischer Abschluss des Kapitels „Tarja“. Vielleicht würde es ihn endlich begreifen lassen, dass es an der Zeit war, sie los zu lassen.
„Wir nehmen diese hier“, erklärte er Nemo, während er zum Kassettenrekorder ging. Tuomas Hand zitterte, als er den Playknopf drücken wollte. Er fürchtete das Folgende, obwohl jede Notenfolge und jeder Vers aus seiner eigenen Feder stammte.
Das was folgte, war ebenso schön wie grausam. Melodien, die Gefühle auf eine Art widerspiegelten, wie es Worte keiner Sprache der Welt vermochten. Begleitet von Hymnen, die das Lächeln oder den Augenaufschlag seiner Liebsten priesen, von Schwüren, zarten Worten vor glühenden Gedanken. Die ein oder andere Zeile gab eine wahre Begebenheit zum Besten, durch poetischen Ausdruck verschlüsselt. Sie hätte nur zwischen den Zeilen lesen müssen. Zu jedem Song, jedem Vers oder Akkord gehörten ein freundliches Wort, ein Blick oder ein zurückhaltendes Lächeln.
Längst verklungene Empfindungen kamen wieder in ihm hoch und er war selbst erstaunt wie viel er sich damals von einem bloßen Blick Tarjas versprach. Heute schüttelte Tuomas nur noch mit dem Kopf darüber. Die ersten Lieder waren voller Liebe, voller Hoffnung. Und eben jene Hoffnungen diesem jungen Mann, der so fest an die Liebe glaubte, genommen worden. Der Träumer musste die Realität kennenlernen und diese entriss den Gutgläubigen nicht nur rücksichtslos, sondern beinahe freudig aus den Wunschvorstellungen und Tagträumen.
Der Keyboarder hatte all diese Songs geschrieben, weil er sich nicht getraut hatte Tarja von Angesicht zu Angesicht von seinen Gefühlen zu erzählen, weil es ihm zum Einen an Mut und zum anderen an den richtigen Worten mangelt. Und bis heute hatte er diese nicht gefunden. Fünfzehn Jahre hatte er sie sich zurecht gelegt und dennoch waren es nicht die richtigen gewesen. Die falschen Worte zum falschen Zeitpunkt. Das konnte er schon immer gut.
Tuomas lauschte den Liedern, die zum Teil so kitschig und voller „Allerweltspoesie“ waren, dass er sich wegen des Inhaltes noch mehr schämte als über die standardmäßigen Tonfolgen. Die ältesten seiner Werke waren mit seinen heutigen Kompositionen stilistisch überhaupt nicht zu vergleichen, doch je weiter das Band durchlief desto besser wurden die Songs. Anscheinend ersetze das Können die Zuversicht, der Stil wurde besser und die Zeilen melancholischer. Der junge Mann verstand nicht warum Tarja seine Gefühle nicht sah – nicht sehen wollte. Warum empfand Tarja nicht dasselbe für ihn? Damals war er davon ausgegangen, dass Tarja und er füreinander bestimmt waren. Das war sie verband hielt der für etwas besonderes.Der junge Tuomas hätte niemals damit gerechnet, dass ihm jemand zuvor kommen und ihm Tarja wegnehmen würde, bis ein gewisser Argentinier auftauchte. Natürlich hatte es auch vor Marcelo Männer an Tarjas Seite gegeben, doch in Tuomas Augen hatte keiner von ihnen eine ernstzunehmende Bedrohung dargestellt. Auch den Manager hatte der Keyboarder zuerst nicht als Konkurrenten in Betracht gezogen. Als dem Keyboarder jedoch bewusst wurde, dass es Tarja mit diesem Möchtegern-Latino zu sein schien, war es bereits zu spät. Tuomas versuchte alles erdenkliche, um Tarja den Argentinier auszureden : Der Songwriter sprach von kulturellen Unterschieden, von der Distanz zwischen den Wohnsitzen und der hohen Wahrscheinlichkeit, dass diese Fernbeziehung keine Zukunft haben würde. Er hatte Tarja vor Marcelos südländischem Temperament gewarnt und den Verdacht geäußert, dass der Argentinier sie womöglich ausnutzen könne. Als Tuomas ihr schwor, dass er nicht zu lassen würde, dass Marcelo sie verletzte war, nur ihr dankbares Lächeln sein Lohn. Es gelang ihm einfach nicht, die beiden auseinander zu bringen.
Heute schämte sich Tuomas dafür seiner Liebsten ihr Glück nicht gegönnt zu haben und es tat ihm sogar ein bisschen Leid, zu Marcelo stets so unhöflich gewesen zu sein. Der Argentinier konnte schließlich nichts dafür, sich in die große Liebe eines anderen Mannes verliebt zu haben. Jeder Mensch hat das Recht glücklich zu sein, sogar Marcelo Cabuli.
Diese Erkenntnis beruhigte Tuomas ein wenig und gab ihm kurzzeitig das Gefühl sich sehr weise zu verhalten. Doch der Tuomas, dessen wehleidige Stimme auf die Kassette gebannt war, würde noch Jahre brauchen, um diese Erkenntnis zu erlangen, denn er war zu sehr damit beschäftigt, in Selbstmitleid zu ertrinken. Der Tuomas der Gegenwart hingegen lauschte einem Song, aus dem er einige Verse für „Beauty and the Beast“ entnommen hatte. Es folgte „Feel for you“ und die Erinnerung an den Nachmittag in seinem Kinderzimmer versetzte ihm einen heftigen Stich. Der Keyboarder verbannte die Wehmut, bevor sie ihn vereinnahmen konnte, und konzentrierte sich stattdessen auf die, um einige Verse erweiterte, Version von „Forever Yours“, die das Band gerade abspielte. Es gab noch einige andere Stücke, die es irgendwann auf eines der Alben geschafft hatten, doch die meisten Werke waren den Augen und vor allem den Ohren der Öffentlichkeit verborgen geblieben.
Ursprünglich hatte er damit begonnen diese Lieder aufzunehmen, weil es eine Möglichkeit bot Tarja seine Liebe zu gestehen, ohne direkt das Wort an sie richten zu müssen. Später wurde die Musik ein Ventil für die Verzweiflung, die die Oberhand zu gewinnen drohte. Das Komponieren hielt ihn davon ab den Verstand zu verlieren, als Marcelo Tarja unerwartet einen Antrag machte und diese ihn auch noch annahm. Tarjas Entscheidung hatte etwas endgültiges. Sie hatte einen Anderen gewählt.
Der Songwriter wusste damals nicht, wie er weiter machen sollte. Nicht ergab mehr einen Sinn. All seine Mühen waren vergebens gewesen, jeder Vers und jede Notenfolge umsonst geschrieben, jede Hoffnung vergebens und jede Träne zu viel geweint. Dazu kam es innerhalb der Band öfters zu Differenzen zwischen jener Frau, deren stille Zurückweisung so sehr schmerzte, und den anderen Bandmitgliedern. Seine Liebe blieb unerwidert uns sein Lebenswerk, seine Stütze bekam die ersten Risse. Die letzten Songs auf dem Band berichteten von eben jener Zeit und das aller letzte Lied glich einem Abschiedsbrief.
Trotz alledem war Tuomas wieder auf die Beine gekommen. Er hatte sich dafür entschieden Tarja nicht weiter mit seinen Gefühlen zu belasten, die Kassette in die Untiefen seines Regals verbannt und sich mit Leib und Seele der Musik verschrieben. Dieses Mal würde er ebenso verfahren und es würde ihm nicht schwer fallen sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sein Kopf füllte sich immer wieder mit Versen oder Teilsätzen und die Melodie in seinem Ohr ließ ihn nicht mehr los. Ideale Voraussetzungen um die letzten beiden Songs fertig zustellen, die für das neue Album bereits mit eingeplant waren. Die letzten Töne verklangen und Tuomas nahm die Kassette aus dem Rekorder. Einen Augenblick musste die Arbeit noch warten, diese Angelegenheit hatte Vorrang.
Der Songrwriter warf einen Blick auf Nemo, der inzwischen doch endlich eingeschlafen war, bevor er das Zimmer verließ. Seine Schritte führten Tuomas aus dem Haus und in den Wald hinein, die Kassette hielt er dabei so fest in der Hand, dass es beinahe schmerzte. Es war an der Zeit Abschied zu nehmen. Abschied von dem Lebensabschnitt, den er auf den Tonträger gebannt hatte. Der Keyboarder hatte sich mit Tarja ausgesprochen, zwischen ihnen war alles gesagt worden. Sie hatte ihn von seinen Gewissensbissen freigesprochen und eigentlich müsste er jetzt ein friedliches Leben führen können. Eines, in dem er Tarja das Glück gönnte, welches sie mit Marcelo teilte und er selbst jenes Glück genoss, dass ihm das Leben bescherte. Der Songwriter nahm sich vor, von nun an dankbar für die Dinge zu sein, die er besaß, statt den Dingen nachzutrauern, die er niemals besitzen würde.
Tuomas erreichte den kleinen See, in dem Tarja und er vor einigen Tagen spontan baden gegangen waren. Beinahe hörte er wieder ihr vergnügtes Lachen und erinnerte sich wehmütig an das verschmitzte Funkeln in den Augen der Sopranistin. Er konnte es nicht. Tuomas konnte das Band nicht einfach so im See versenken. Es war so voll Erinnerungen und es steckte so viel Herzblut darin, dass es dem Keyboarder falsch vorkam, es einfach so wegzuwerfen. Vor allem, weil diese Kassette ihr Ziel niemals erreicht hatte. Vielleicht hätte er Tarja gestatten sollen sich das Band anzuhören. Hätte er nicht so verbittert um jede unbeschwerte Stunde gekämpft, hätte sie es nach all den Jahren doch noch zu hören bekommen und die Geschichte, die so oder so ein Ende finden musste, wäre vollständig gewesen. Würde vollständig sein...Ein perfektes Theaterstück, nicht für die Bühnen der Welt sondern für die Bühne seines Lebens. Der Gedanke gefiel dem Poeten. Vielleicht würde ihm das Loslassen leichter fallen, wenn es so vollkommen war. Die Idee war eben so überzogen wie wahnwitzig und doch kam Tuomas nicht darüber hinweg.Und auch das Klingeln seines Handys kam ihm an dieser Stelle ganz gelegen.
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