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Know why the nightingale sings

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Anette Olzon Emppu Vuorinen Jukka "Julius" Nevalainen Marco Hietala Tarja Turunen Tuomas Holopainen
10.04.2011
27.03.2013
20
66.112
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Dieses Kapitel
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10.04.2011 3.636
 
Und es geht doch wieder weiter. Hier ist die Nummer 15, ein Kapitel,
auf das ihr zur Abwechslung mal viel zu lange warten musstet und, von dem
ich persönlich auch kein besonders großer Fan bin, aber ich wünsche trotzdem
viel Spaß beim Lesen


Now it's vanishing
Everything
What we might have been
Only now your prays call my name
But you won't see again


Nach einer endlos langen Minute verhallten endlich die Worte in Tarjas Kopf. Von ihrem Schock und der anfänglichen Trauer war nicht viel geblieben. Die Wut, die sich über so viel Jahre angestaut hatte, war nun daran die Oberhand zu gewinnen.
Es machte sie wüten, dass Menschen, die sie zu ihren Freunden zählt, ihr so harsche Unterstellungen machten, sie so wenig verstanden und sie so falsch einschätzten!
Es machte sie wütend, dass Tuomas ihr ihre eigenen Worte im Munde umdrehte und sie wie eine Waffe gegen sie richtete!
Es machte sie wütend, dass ein einfaches Stück Papier jahrelange Freundschaften zum Erliegen bringen konnte!
Doch am wütendsten machte sie der Brief um seiner selbst Willen. Die Art und Weise, in der ihr ihre ehemaligen Bandkollegen ihre Ansichten geschildert und ihren Entschluss mitgeteilt hatten, war mehr als nur verletzend! Warum hatten sie nicht einfach mit ihr darüber geredet? Man konnte doch über alles reden! Es wäre mit Sicherheit kein besonders angenehmes Gespräch gewesen doch es hätte, wenn es den wirklich unumgänglich gewesen wäre, zu einem glatteren Bruch geführt als dieser erniedrigende Brief! Und wenn Tuomas schon zu feige war, ihr ins Gesicht zu sagen was er von ihr hielt, warum musste er seine Auffassung dann mit aller Öffentlichkeit teilen?! Nach einer jahrelangen Freundschaft und der neunjährigen Zusammenarbeit in der Band hatte sie doch wohl mehr verdient als eine unhöfliche Abfertigung vor den Augen der Welt, bei der sie selbst auch noch als die „Böse“ dastand! Das es Tuomas ein hohes Maß an Überwindung gekostet haben musste, ihr von diesen weniger erfreulichen Begebenheiten zu erzählen, war der Sopranistin herzlich egal. Die aktuellen Begebenheiten interessierten sie im Allgemeinen nur wenig. Es waren vergangene Gefühle, die sie in diesem Moment wieder einholten. Der Wunsch Tuomas an den Kopf zu werfen, was sie von ihm und von diesem Brief hielt war stärker als die Frage nach dem „Warum“. Die Antwort darauf hatte sie in ihrem Schock überhaupt nicht wahrgenommen.
Tarja blinzelte und endlich nahm das formlose Farbenspiel vor ihren Augen wieder Konturen an. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie weinte.
Tuomas stand nur wenige Meter von ihr entfernt. Er redete unaufhörlich auf sie ein und sah sie aus geröteten Augen traurig an. Tarja war jedoch viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um auch nur ein einziges seiner Worte zu verstehen. Sie wusste auch nicht, ob sie seine Worte wirklich vernehmen wollte. Die Sopranistin wollte nicht abwägen müssen, was der Wahrheit entsprach und was er nur sagte, um sie milde zu stimmen. Kein weiteres Wort wollte sie aus dem Munde dieses Wahrheitsverdrehers hören! Mit seinen Worten hatte er schon genug angerichtet!
Tarja hatte das Bedürfnis Tuomas anzuschreien. Sie wollte, dass er sich anhören musste, was er zu verantworten hatte. Tuomas sollte um jede Nacht wissen, in der seine Worte sie um den Schlaf gebracht hatten!Er sollte von jeder Träne hören, die sie seinetwegen vergossen hatte! Er sollte das Leid spüren, welches er verursacht hatte, doch es kam kein einziges Wort über ihre Lippen.
Der leidende Gesichtsausdruck und der aufgelöste Zustand des Keyboarders erweckten ihr Mitleid. Tarja versuchte diesen Anflug von Schwäche zu unterdrücken, doch in ihrer Unentschlossenheit begann sie, von einem Fuß auf den anderen zu treten. Sie war hin und hergerissen zwischen dem Wunsch Tuomas anzubrüllen und dem Drang ihn in eine tröstende Umarmung zuziehen. Tuomas entging ihre  Unschlüssigkeit nicht. Er schöpfte Hoffnung und richtete das Wort erneut an seine Muse: „Ich kann nicht erwarten, dass du mir vergibst, aber ich hoffe noch immer darauf“, gestand er kleinlaut und sah Tarja so mitleiderregend an, dass es ihr schwer fiel, ihm nicht den Kopf zu tätscheln. Die Situation überforderte die Finnin ungemein. Am Einfachsten wäre es natürlich das Weite zu suchen, ohne auch nur ein weiteres Wort zu verlieren, doch dies schien ihr nicht richtig. Durch Davonlaufen löste man keine Probleme und außerdem verdiente es nicht einmal Tuomas einfach stehengelassen zu werden. Das war verletzend und egal wie wütend sie auch war Gleiches wollte sie nicht mit Gleichem vergelten. Sie musste es schaffen irgendetwas zu sagen, wenigstens ein paar Worte. Über die Jahre hatte Tarja gelernt gute Miene zum bösen Spiel zu machen.Wenn man sie nach ihrer Zeit bei Nightwish fragte, so antwortete sie stets, dass diese ein wichtiger Teil ihres Lebens war. Konfrontierte man sie mit den Vorwürfen aus dem Brief so entgegnete sie seelenruhig, dass sie sich selbst niemals als Diva gesehen hatte, da sich ihr Verhallten auf der Bühne doch von ihrer sonstigen Art unterschied und sie es abseits dieser nicht vorzog im Rampenlicht zu stehen. Wenn man sie nach ihren ehemaligen Bandkollegen fragte, so antwortete sie gelassen, ab und an mit einem unterschwelligen Bedauern, dass sie mit ihnen nicht mehr in Kontakt stünde. Niemals entgleisten ihre Züge, immer hatte sie alles unter Kontrolle. Selbst wenn sie ein ein Reporter fragte, ob sie zu Nightwish zurückkehren würde, wenn die Band sie freundlich darum bat, so regierte sie beherrscht und sagte, dass dies doch ein sehr unwahrscheinlicher Fall wäre, sie sich die Frage selbst jedoch auch ab und an gestellt hatte. Sie hatte weder einen der Reporter angeschrien, noch hatte sie ihrer Wut gegenüber Tuomas öffentlich Luft gemacht! Sie musste also auch jetzt nichts weiter tun, als sein Lächeln aufzusetzen und höflich ein paar Worte des Abschieds verlauten zu lassen. Doch dies war viel leichter gesagt als getan. Es fiel der Sopranistin unendlich schwer sich wieder zu beruhigen, ihr Gemüt war viel zu erhitzt. Sie nahm sich all die Zeit, die sie benötigte, um sich zu sammeln. Tuomas sah sie die ganze Zeit über flehend an, und obwohl Tarja sich dazu entschieden hatte, nicht grausam zu sein verspürte sie etwas wie Genugtuung.
„Ich habe immer gedacht, dass ich dir irgendwann verzeihen kann", begann Tarja nach einer gefühlten Ewigkeit. „Ich hätte dir verziehen, Tuomas. Das hätte ich wirklich, wenn du in all den Jahren nur einmal hättest, von dir hören lassen. Diese Tatsache hätte ich mir vermutlich niemals eingestanden, aber ich hätte nicht anders gekonnt. Für ein einziges Wort wäre ich so unglaublich dankbar gewesen, aber du hast dich ja einen Dreck darum geschert, wie es mir geht!
Deine Worte haben mich verletzt, Worte kann man mit Worten wieder gut machen. Deine Unterstellungen waren bei weitem nicht das Schlimmste auch, wenn sie mich schwer getroffen haben. Mein Entschluss stand  fest: Nur noch ein weiteres Album. Ich wäre von alleine gegangen. Du wärst mich auch ohne diesen Brief losgeworden, aber du hast es ja vorgezogen mich vorher wie einen räudigen Hund vor die Tür zu setzten! Musste das wirklich sein? Womit habe ich das verdient? Meinst du nicht, dass ein Gespräch ausgereicht hätte? Wir waren Freunde, Tuomas! Freunde! Zumindest glaubte ich das! Zeichnet sich ein Freund nicht auch dadurch aus, dass er dir dankbar dafür ist, wenn du ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam macht, damit er sich bessern kann? Du bist auch kein perfekter Mensch, Tuomas! Und ich habe dich trotz deiner Fehler oder gerade wegen ihnen gemocht. Wenn ich mich wirklich verändert habe, was ich nicht glaube, hättest du trotzdem mit mir darüber reden können. Ich kann mich nicht daran erinnern mich falsch verhalten zu haben, aber vielleicht hättest du mir ja die Augen geöffnet und es hätte sich doch noch alles zum Guten gewendet. Das heißt, wenn es denn überhaupt meine Schuld war, dass es innerhalb der Band gekriselt hat. Ich glaube nicht daran. Ich gehe eher davon aus, dass es dir nicht gepasst hat, dass ich nicht nach deiner Pfeife tanzen wollte!Damit habe ich ja dein ach so teures Meisterwerk in Gefahr gebracht, ich vergaß! Und aus diesem Grund verstehe ich nicht, warum du gerade jetzt diesen unglaublich selbstlosen Versuch startest, mir in der Not beizustehen. Das tust du doch nicht aus reiner Nächstenliebe! Was ist es? Sind es die Schuldgefühle? Glaubst du, du kannst das was du angerichtet hast auf diesem Weg wieder gut machen? Wenn dem so ist, dann sind wir jetzt quitt. Ich kann wieder meinen eigenen Weg gehen und du darfst dein Gewissen als reingewaschen betrachten.“
„Du vergibst mir?“, fragte Tuomas unsicher.
„Schon vor meinem Zusammenbruch wollte ich den Brief und alles, was damit zusammenhängt, vergessen. Und wenn es möglich ist, unfreiwillig sein halbes Leben zu vergessen, dann wird es wohl auch möglich sein, freiwillig einen Teil zu verdrängen. Ich verzeihe dir, Tuomas, aber nicht um deinetwillen sondern für mich selbst, damit ich endlich vergessen kann. Das Kapitel Nightwish wird für mich an dieser Stelle endgültig abgeschlossen sein.
Ich danke dir für deine Gastfreundschaft und für die schönen Tage. Ja, ich muss zugeben, dass ich mit dir und den anderen ein paar schöne Tage verbracht habe auch, wenn dies wahrscheinlich mit der Illusion der heilen Welt zu tun hat, die du mir aufzutischen versuchtest. Es ist wirklich schade, dass alles nichts weiter als eine Lüge war. Ich habe dir vertraut und du hast mich enttäuscht! Zum zweiten Mal! Wie hast du das geschafft? Ich frage mich schon wie du diesen Brief schreiben konntest. Ich hätte weder dir noch einem der Anderen so etwas antun können ! Aber wie ist es dir gelungen einfach so zu tun, als wäre zwischen uns nie etwas vorgefallen? Nein, antworte nicht! Ich will es nicht wissen! Ich ziehe jetzt den Schlussstrich. Jetzt und hier. Ich hoffe, du bist eben so erleichtert wie ich“
Ihre Worte waren viel emotionaler, härter und unstrukturierter geworden, als sie es gewollt hatte, doch es war Tarja einfach zu schwer gefallen, sich zu beherrschen. Die Maske der Gleichgültigkeit hätte ihr an dieser Stelle jedoch generell nichts genützt, Tuomas hätte sie so oder so durchschaut, also war es egal, dass sie ihr Herz auf der Zunge getragen hatte.
Ohne eine Reaktion des Keyboarders abzuwarten trat Tarja auf diesen zu und reichte ihm die Hand.
Tuomas ergriff diese nach anfänglichem Zögern. Er wirkte verwirrt und mit all dem, was sie gerade gesagt hatte, hatte Tarja ihm eindeutig zu denken gegeben. „Alles Gute für dich und deine Karriere.Leb wohl, Tuomas“, verabschiedete sich die Sopranistin bemüht emotionslos. Sie konnte es sich einfach nicht nehmen lassen die ein oder andere Anspielung auf den Wortlaut seines Briefes zu nutzen. Es bot sich einfach zu sehr an. Tarja gewährte ihrem Gegenüber einige Sekunden, um etwas zu erwidern, doch Tuomas blieb stumm. Ohne ein weiteres Wort ging sie an ihm vorbei, um schließlich einem schmalen Pfad in den Wald zu folgen. Erst als sie sich sicher war, dass Tuomas sie nicht mehr sehen konnte, begann sie zu laufen.
Der Songwriter sah ihr nach und starrte auch noch auf die dicht stehenden Bäume, als Tarja schon seit geraumer Zeit in deren Mitte verschwunden war. Tuomas wusste nicht was er tun oder auch nur denken sollte. Er sah ihr Gesicht vor sich, spürte das Echo ihrer Berührung und dennoch fühlte er sich irgendwie leer. Sie war fort.
Aber hatte Tuomas denn mit etwas anderem gerechnet? War ihm nicht von vornherein klar gewesen, dass sie gehen würde? War ihm aus diesem Grund alles um ihn herum gleichgültig? Ignorierte er deshalb das Klingeln seines Handys oder die beißende Kälte? Oder kündete diese Gleichgültigkeit daher, dass als das, was ihm jemals etwas bedeutet hatte, soeben im Schatten der Nacht verschwunden war?
Dennoch fühlte Tuomas sich irgendwie erleichtert. Die Wahrheit war endlich gesagt worden. Nach all den Jahren wusste Tarja schließlich über alles Bescheid. Dieses einzige gute Gefühl, welches den Keyboarder für einen Augenblick lang erfüllt hatte, verschwand eben so je, wie es gekommen war. Die Enttäuschung über das Fehlen jeglicher Reaktion von Tarjas Seite überdeckte es. Natürlich hatte der Songwriter nicht erwartet, dass sie ihm um den Hals fallen und gestehen würde, dass sie seine Gefühle erwidert. So schön es auch gewesen wäre... Diese Option lag außerhalb des Möglichen, doch hätte er Verwunderung und infolgedessen etwas wie Mitleid erwartet. Sie hätte auch verkünden können, dass sie es immer geahnt hätte und es ihr fürchterlich Leid täte, dass sie seine Gefühle nicht teilte. Tuomas hätte auch verstehen können, wenn sie ihn angeschrien hätte, weil er sie aus diesem Grund aus der Band geworfen hatte. Selbst eine Ohrfeige hätte er Tarja verziehen doch, dass sie seinen Worten überhaupt keine Beachtung schenkte tat ihm in der Seele weh. Es war einfach nicht fair. Sie hatte sich dazu entschieden ihn aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Vermutlich hatte sie es aus diesem Grund nicht für nötig gehalten irgendetwas zu den Worten zu sagen, die ihn so viel Überwindung gekostet hatten.
Er hatte die Wut und die Enttäuschung, die in ihrer Stimme lagen, während sie von dem Brief sprach, nachvollziehen können. Mit jedem ihrer Sätze hatte sie eine neue Welle an Schuldgefühlen an ihn heranrollen lassen. Ihren Zorn fand er gerechtfertigt und auch die Worte, die sie an den Brief angelehnt hatte, um ihm zu zeigen wie verletzend sie sein konnten, waren für ihn erträglich gewesen, doch Tarjas Wunsch, ihn für immer zu vergessen, schmerzte. In den 15 Jahren vor dem Splitt hatten sie viele schöne Momente erlebt und um diese wäre es wirklich schade. Wegen einem einzigen Fehler – gut, zwei Fehlern wollte sie diese Erinnerungen hinter sich lassen. Weil er einen dummen Fehler begannen hatte, würde sie vermutlich auch Emppu, Jukka und Marco einfach verdrängen. Dabei schien es in den letzten Tagen so, als würde sich endlich wieder alles zum Guten wenden. Von Tarja vergessen zu werden gehörte zu den schlimmsten Dingen, die sich der Poet vorstellen konnte. Aber vielleicht war ihre Idee ja gar nicht so schlecht. Vielleicht sollte er seinerseits versuchen sie zu vergessen, um endlich glücklich werden zu können...

Tarja war inzwischen bewusst geworden, dass es nicht so einfach war, die ganze Sache abzuharken. Sie lief weiter, ihr Herz gegen ihre Brust hämmerte und ihr das Seitenstechen beinahe den Atem raubte. Sie konnte nicht stehen bleiben, sie musste weiter, musste so viel Distanz zwischen sich und das Geschehene bringen, wie eben möglich war. Sie wollte einfach nur fort. Weg von Tuomas, weg von dem Brief, weg von ihrer Vergangenheit. Hatte sie sich vor einigen Stunden noch über jede wiedergewonnene Erinnerung gefreut, so wünschte sie sich jetzt, dass das Vergangene wieder ein unbeschriebenes Blatt war. Doch es war sinnlos davonzulaufen. Ihre Erinnerungen jagten sie wie wilde Hunde und holten sie immer wieder ein egal, wie schnell sie auch lief. Alles, was sie wahrnahm schien plötzlich mit einem vergangenen Ereignis in Verbindung zu stehen.
Alles schien in irgendeiner Weise mit Nightwish zusammenzuhängen. Wenn sie zu Boden sah, um nicht über eine der Wurzeln zu fallen, die sich den Pfad zu eigen machten, stimmte etwas in ihr „Elvenparth“ an. Sah sie zum Himmel hinauf, der nun sternenklar war, da die zauberhaften Polarlichter wie die Illusion einer sorglosen Welt verblichen waren, so kamen ihr „Stargazers“ oder „Moondancer“ in den Sinn und wenn es ihr dann doch gelang beide Melodien zu vertreiben erwischte sie sich selbst dabei, wie sie „Astral Romance“ summte. Es war zum Verzweifeln! Je mehr sie sich bemühte die Musik zu ignorieren, desto lauter hallte die Melodie in ihrem Kopf, desto lebhafter wurde die Bilderfolge, die auf Tarja hereinbrach.
Die Sopranistin sah nicht in allem etwas, dass sie mit Nightwish verband. Nightwish war nicht das, was sie umgab. Nightwish ruhte in ihrem Herzen und gehörte eben so zu ihr wie ihre grünen Augen, ihr Lächeln oder ihre Stimme. Erst jetzt erkannte sie, dass Nightwish ein Teil von ihr war, den sie nicht so einfach wegdenken konnte. Tarja hätte sich mit dieser Gegebenheit abfinden können, wenn dies nicht bedeuten würde Tuomas ebenfalls einen Platz in ihrem Herzen zusprechen zu müssen. Die Sängerin wollte nicht an ihn erinnert werden, wollte nicht an ihn denken müssen und ärgerte sich darüber, dass sie es trotzdem tat. Es war nicht einfach jemanden aus seinem Gedächtnis zu verbannen, wenn der nächtliche Himmel dessen Augenfarbe trug jemanden, mit dessen Stimme der Wind sie um Verzeihung bat und dessen Klavierspiel ihr ebenso eine Gänsehaut brachte, wie die kühle Nachtluft. Die Gedanken versetzten ihr einen schmerzhaften Stich. Sie sah Tuomas traurige Augen, seinen besorgten Blick und begann noch schneller zu laufen. Bald würde sie die Straße erreichen und dann musste sie dieser nur bis zur nächsten Tankstelle folgen, um sich ein Taxi rufen zu können.

„Tarja?! O Gott, dir geht es gut!“ rief Timo Turunen aus, als er seine Schwester erblickte. „Ähm..ja. Hallo, Timo. Das wirkt vielleicht jetzt ein bisschen komisch, aber könntest du mir mal eben ein bisschen Geld leihen? Da wartet nämlich noch ein Taxifahrer auf seine Bezahlung und ich habe gerade kein Geld dabei.“ begrüßte Tarja den Älteren und schenkte ihm ein Lächeln. „Ja, klar.“ entgegnete dieser, reichte seiner Schwester das Portemonnaie,welches auf dem Schuhschrank lag und wartete auf ihre Rückkehr. „Danke, Timo. Tut mir Leid, dass ich euch hier einfach so überfalle, aber ich wusste einfach nicht wo ich hingehen sollte.“ erklärte sich die Sopranistin. „Keine Ursache! Komm rein! Gott, bin ich froh, dass es dir gut geht!“ rief Timo aus und machte seinen Gefühlen Luft, indem er Tarja in seine Arme zog. „Ähm... Ich freue mich ja auch dich wieder zu sehen, aber hat es irgendeinen bestimmten Grund, dass du so überschwänglich bist?“ fragte Tarja ein wenig verwirrt. Eigentlich war Timo nicht der Typ Mensch, der unter einer so immensen Wiedersehensfreude litt. „Wir haben uns echt Sorgen um dich gemacht. Erst dieser Unfall und dann verschwindest du aus dem Krankenhaus.“ klärt ihr Bruder sie auf. „Oh...“ mehr brachte Tarja nicht heraus. Sie hatte sich die ganze Zeit über keine Gedanken darüber gemacht, dass sie irgendjemand vermissen könnte. Sie war viel zu sehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt gewesen, um auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden über ihre Familie nachzudenken. „Tut mir Leid, ich wollte nicht...“ begann die Finnin sich zu entschuldigen, doch sie kam nicht besonders weit. „Timo?! Wo bleibst du? Das Spiel fängt gleich an!“ Toni, der Jüngste der Geschwister kam nun ebenfalls in den Flur, um nach seinem Bruder zu sehen. Als er Tarja entdeckte hätte er vor freudiger Überraschung beinahe die Flaschen fallen gelassen, die er in den Händen hielt.  „Sieh mal an...Wen haben wir denn da? Wenn das nicht die verloren gegangene Schwester ist! Erst bringst du uns vor Sorge fast um und jetzt verpasse ich wegen dir die erste Spielminuten!“ begrüßte er seine Schwester amüsiert. „Ich freue mich auch, dich zu sehen, Toni!“ merkte Tarja an. Grinsend fiel Toni dieser um den Hals. „Spaß bei Seite. Ich bin echt froh dich in einem Stück wieder zu sehen und für dich verpasse ich auch das halbe Spiel, wenn es denn sein muss!“ erklärte der Jüngste fröhlich. „Du würdest freiwillig wegen mir die Hälfte verpassen? Das du so große Opfer bringst!“ rief Tarja spöttelnd und knuffte Timo in die Schulter. „Tja, ich bin eben ein Gentleman.“ erklärte der Finne und grinste über beide Ohren. Dass sein älterer Bruder sich verschluckte und Tarja eine Augenbraue hob ignorierte er gekonnt. „Dazu sage ich besser nichts.“ entgegnete Timo trocken. „Es wäre zumindest das Beste für deine Gesundheit.“ stimmte sein jüngerer Bruder wohlwollend zu und klopfte dem Blonden freundschaftlich auf die Schulter.
„Jetzt weiß ich wieder warum ich euch vermisst habe.“ merkte die ehemalige Nightwishfrontfrau an. Und sie meinte es tatsächlich so. Der Sopranistin wurde in diesem Moment voll und ganz bewusste wie sehr sie die beiden vermisst hatte. Sie war so froh wieder daheim zu sein, dass es ihr sogar gelang sich von den Gedanken zu lösen, die ihr als Geister der Vergangenheit auf Schritt und Tritt gefolgt waren. Tuomas und seine Worte traten in den Hintergrund, waren plötzlich nebensächlich. Für einen Augenblick war Tarja einfach nur froh, doch dieser verstrich viel zu schnell:
„Und wir haben immer noch keine Ahnung, warum du hier bist“, stellte ihr jüngerer Bruder fest. „Wie war das doch gleich mit dem Gentleman?“, harkte Timo noch einmal nach. „Ich habe nie gesagt, dass wir nicht froh sind, sie zu sehen ...Mich würde allerdings interessieren ...“, versuchte sein Bruder sich zu verteidigen. Unter anderen Umständen hätte die Sopranistin wieder über ihre Brüder schmunzeln müssen, doch nun gelang es ihr nicht mal ein solches auch nur anzudeuten. Es war verständlich, dass Timo und Toni wissen wollten, wie sie hergekommen war, zumal es schon ein bisschen merkwürdig war, wenn jemand aus einem Krankenhaus in Helsinki verschwand plötzlich in Kitee wieder auftauchte. Trotzdem hatte Tarja keine besonders große Lust ihren Brüdern zu erzählen, was für ein mieses Spielchen Tuomas mit ihr gespielt hatte und wie naiv sie selbst gewesen war. Sie wollte nicht darüber nachdenken und reden wollte sie davon erst recht nicht. Auch, wenn Toni und Timo sicherlich dafür sorgen würden, dass Tuomas sie nie wieder so verletzen würde. Aber sie wollte sich nicht rächen, sie wollte mit der Sache abschließen. Deshalb würde sie sich nun aus der Sache herausreden und hoffen, dass ihre Brüder nie wieder darauf zusprechen kämen.
„Das ist eine lange Geschichte und ich möchte ja nicht, dass ihr wegen mir das Spiel verpasst “, begann die Finnen darauf loszureden. „Außerdem würde ich auch gerne mal wieder eine Partie Eishockey sehen, zu Hause bekomme ich ja immer nur Fußball zu sehen. Argentinischen – versteht sich. Gut, zu finnischem Fußball muss ich mich jetzt auch nicht weiter äußern...Ihr wisst ja, was ich damit sagen will. Marcelo hält Eishockeyspieler zumindest für hirnlose Barbaren, deren Ziel es ist ihre Gegner mindestens ebenso häufig zu treffen wie den Puck und darum...Oh...“ Tarja hielt mitten im Satz inne und blickte nachdenklich ins Nichts. „Er weiß nicht, dass du hier bist?“, mutmaßte Timo. „Ich...ich sollte ihn anrufen...“, stellte die Sopranistin fest, bevor sie zum Telefon stürzte.
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