Mördernacht

GeschichteAbenteuer / P16 Slash
07.04.2011
07.04.2011
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1. Transparenz


Ihr Name war Samantha Caviness, sie war sechzehn Jahre alt und sie hatte Menschen getötet. Es fiel ihr schwer zu verstehen, wie alles begonnen hatte. Wie das alles überhaupt möglich geworden war. Wo war der Schalter umgelegt worden, der alles ins Unglück gedrängt hatte? Sie war kein typisches Opfer der Gesellschaft gewesen. Sie hatte eigentlich das gehabt, was man eine behütete Kindheit nennt. Ein großer Bruder, eine große Schwester. Liebevolle Eltern, ein gutes Haus. Sie waren recht wohlhabend gewesen. Hatten immer genug Geld gehabt, waren oft verreist. Ihre Mutter war Anwaltspräsidentin in New Chicago gewesen und ihr Vater hatte für einen Computerkonzern gearbeitet.
 Es ging ihnen gut. Sie überstanden die Krisen, eine nach der anderen. Glück spielte dabei eine wesentliche Rolle. Dank ihrer relativ festen Grundlage konnten die Caviness leicht ihren Stand halten.
 Aber es stimmte anscheinend, dass jedes Glück auch seine Gegenseite hat. Sam wusste nicht woran es lag, an ihr, ihrer Schwester oder einfach daran dass es mit der guten Zeit vorbei war. Sie stritten sich so oft, ihre Mutter und ihre Schwester Rachel, Rachel und Sam, Sam und ihr Bruder Constantine. Und ihr Vater, der stritt sich mit allen gleichzeitig. Es war grausam. Ihnen allen wurde irgendwie klar, dass sie nicht mehr glücklich waren. Dass die gute Zeit vorbei war. Man konnte es nicht sehen, aber man spürte es, wie einen kalten Nebel auf der Haut. Schwer. Erdrückend.
 Sie hatten immernoch Geld und ein wunderschönes Haus, aber daran lag es nicht. Sams Schwester wünschte sich von Zuhause weg und trieb sich in allmöglichen Gegenden rum. Sie wollte wieder froh und glücklich sein, und suchte das Glück an der falschen Stelle. Sie hatte den gleichen Absturz wie alle anderen. Wurde unkontrolliert, rauchte und trank regelmäßig. Sam wusste, dass es feige war, aber sie verschloss sich davor. Da war sie erst fünfzehn.
 Ihr Bruder versuchte irgendwie alles wieder hinzubiegen. Brachte von der Uni an manchen Tagen Blumen aus einem Treibhaus mit nach Hause, die ein Vermögen kosteten. Er vermied jeden Streit, tat alles um die gebrochene Familie fröhlich zu stimmen. Aber wenn ein Stuhl am Tisch immer öfter leer bleibt, dann merkt man, dass das alles nur Fassade ist. Eine Maske.
 Nach einiger Zeit gab es Constantine auf. Er zog in eine Wohung, um näher an der Uni zu leben. Jetzt war sie mit ihren Eltern allein. Ihren bekümmerten, unglückseeligen Eltern. Die Gesellschaft zerstörte sie. Sie zerstörte sie alle. Nur ihr Bruder schaffte es irgendwie durchzukommen. Er studierte und hielt sich auf der Linie. Während Sam … nun, Sam war weder wie Rachel, noch wie Constantine. Sie nahm keine Drogen, war aber auch nicht ehrgeizig genug um einen Uni-fähigen Schulabschluss zu meistern.
 Für sie hatten Dinge wie Abschluss, Studium, Karriere keinen Wert mehr. Es brachte einem vielleicht Geld und Essen ein. Aber Glück kann man nicht kaufen. Und es fliegt einem auch nicht zu, wenn man gute Noten schreibt. Es ist die Summe deines täglichen Lebens. Und wenn etwas Schweres und Bedrückendes überwiegt, dann bist du auch mit Geld in den Händen freudlos.
 Sam dachte sich, dass es einen Zweck geben müsste. Irgendetwas. In ihren Augen musste alles einen Zweck haben. Einen Grund, einen Anlass, eine Ursache. Etwas, das einen antreibt, eine bestimmte Sache auszuführen.
 Deswegen war sie auf die Army gekommen. Sie sah sich als Soldatin durch Schlamm kriechen, und trotzdem reizte es sie. Weil man ein Ziel hat. Du hast einen Befehl, und musst ihn ausführen. Du bist die Konsequenz. Und das war es, was sie sein wollte.
 Aber die Schule war im Weg. Es würde zu lange dauern. Der Krieg war jetzt. Venezuela, Marokko, Neuseeland. Und deswegen suchte Sam ihre Schwester auf. Sie hatte mittlerweile Kontakte zu so ziemlich allen erdenklichen Leuten. Und die wiederum machten Sam mithilfe einiger Papiere drei Jahre älter. Dadurch, dass sie ihre Schwester wiedersah, kam sie zwangsweise auch mit Drogen, Alkohol und dem ganzen Scheiß in Kontakt. Rachel war vollkommen unkontrolliert, und rauschte nur so durchs Leben.
 Bevor Sam von Zuhause wegging, sagte sie ihren Eltern Lebwohl. Und sie meinte es wörtlich. Sie sah es noch vor sich: ihre Mutter sah sie an, in ihren Augen spiegelten sich keine Gefühle. Kein Flehen, Kein Vorwurf. Sie sah sie einfach nur an. Als Sam es nicht mehr ertrug nahm sie ihre gepackte Tasche und verschwand. Für immer.
 Zuerst flüchtete sie zu Rachel, die aber vollkommen ungebändigt Prostituierte mit in die Wohnung brachte, jede einzelne Nacht, bis Sam sich ein eigenes schäbiges Zuhause suchte. Der erste Sold hätte für etwas besseres gereicht, aber sie wollte zu Höherem hinaus, und das kostete Zeit und Geld, also sparte sie. Sie hatte wenige Aufträge, aber sie tötete viel. Zumindest kam es ihr viel vor. Nach dem ersten Schuss brach die Hemmschwelle wie ein Damm. Moral? Zählte kaum noch. Rette deinen Nächsten und töte den Feind.
 Sam frage sich oft, ob sie auch so unkontrolliert wie ihre Schwester war. Vielleicht nicht so wie Rachel, aber auf eine andere Art und Weise. Wer fälschte schon seine Geburtsurkunden, um einen einen Job zum Töten zu bekommen?
 Doch anders wäre sie nicht dazu gekommen; offiziell durfte man erst ab achtzehn eine Soldatenausbildung beginnen. Inoffiziell jedoch meldeten sich genug Leute mit gefälschtem Alter, weil sie sonst keine Alternative sahen. Den Behörden war das im Grunde egal. Es hatten sich schon früher Kinder die Köpfe eingeschossen. Warum sollte das jetzt anders sein?
 Solange du auf einem Papier vorweisen konntest, dass du mindestens achtzehn bist, drückten sie dir eine Knarre in die Hand und ließen dich unter Stacheldraht durchkriechen. Wie in den guten alten Zeiten. In den wirklich alten guten alten Zeiten, mit ihrer guten Zeit hatte Sam abgerechnet.
  Verdammt, dabei kannte sie diese guten alten Zeiten nicht mal. Manche sagten sogar, es hätte sie nie gegeben. Den Menschen sei heute nur einfach alles viel egaler als vorher. Für Sam klang das, als sei es früher besser gewesen. Naja, bei ihr machte das jetzt auch keinen Unteschied mehr.
 Immerhin hatte sie es mit fünfzehn geschafft sich als Achtzehnjährige auszugeben. Man durfte nur nicht zu frech sein, weil die Behörden sonst merkten, dass man sich als jünger ausgab. Sam hatte nur Sorge, als sie sich schließlich bei der RDA bewarb. Die Kontrollen dort waren schärfer, weil die Typen nicht jeden Volltrottel in den Dschungel schicken wollen. Aber ihr IQ hatte wohl gereicht. Ein bisschen Angst hatte sie nur vor dem Flug. Immerhin dauerte er fünf Jahre und sie fragte sich, wie sie danach wohl aussehen werde. Aber angeblich sollte man ja nicht altern. Sam hoffte es.

Die Ausbildung zur Soldatin dauerte etwa ein Jahr, zumindest wenn man nicht in höhere Dienstgrade aufsteigen wollte. Sam hatte sich vorgenommen, immer schön brav mitzumachen, weil sie bei dieser Pandorawallfahrt mitmachen wollte. Sie wollte alles, nur nicht irgendwann im Dreck verenden, so wie Rachel. Schien kein guter Grund zu sein, um in den Krieg zu ziehen, aber auf Pandora sorgte man nur für die allgemeine Sicherheit. Mehr Landschaft, keine Menschen, die man töten musste, mehr Getier.  So hieß es.
 Sam wurde quasi in einer Art Talentshow entdeckt, weil sie sich im Umgang mit dem Schwarfschützengewehr besonders gut machte. Sie wusste nicht, ob sie jemals mehr bestochen hatte, aber sie schenkte allen Leuten, die in dieser Angelegenheit was zu sagen hatten, etwa drei Viertel ihres Soldes plus Geld durch Drogenhandel, um sich einen Platz in diesem Raumschiff zu ergattern.
 Nachdem Sam die Zusage bekommen hatte, besuchte sie ein letztes Mal ihren Bruder. Sie redeten nicht viel, er erzählte von seiner Arbeit als aufsteigender Architekt und Sam erwähnte fast beiläufig, dass sie nach Pandora fliegen würde. Er war wirklich traurig, als er das hörte, dennn sie beide wussten, dass sie sich nicht wiedersehen würden, selbst wenn Sam nach ihren sechzig Monaten wieder auf die Erde zurückkehren würde. Zum Abschied umarmten sie sich, dann war Sam weg.
 
Nun saß Sam in ihrer schlichten, kleinen Wohnung, die sie bald würde verlassen müssen. In einer Woche ging der Flug. Sam war sich plötzlich total unsicher gewesen, als sie den Vertrag hatte unterschreiben musste. Doch dann sagte sie sich einfach Scheiß drauf und zog das Ding durch.
 Sam wollte gerade Rachel anrufen, als sie merkte, dass das Telefon weg war, da sie es ja verkaufen musste. Also griff sie nach ihrem Handy und tippte ihre Nummer.
 „Hey Rachel, ich bin's. Hör mal, da ich ja demnächst weg bin wollte ich dich noch einmal sehen. Einen letzten Drink zusammen, was meinst du?“
 „Du bist doch total durchgeknallt, dass du da mitfliegst. Weißt du überhaupt, was dich erwartet?“, schrie sie ihr ins Ohr. Sam hielt das Handy ein paar Zentimeter weiter weg. Rachel war hundertprozentig auf irgendeiner Party, nach dem Lärm im Hintergrund zu urteilen.
 „Keinen blassen Schimmer!“, krakeelte Sam zurück. „Wie sieht's jetzt mit dem Drink aus?“
 „Komm in einer Stunde zur Toolstreet!“, verstand sie so gerade noch. „Wir treffen uns da. Bis gleich, Schätzchen!“ Piep, aufgelegt.
 Sam seufzte und wollte ihre Tasche packen, ließ es dann aber doch bleiben und steckte nur ein paar Dollarscheine ein. Die Toolstreet ließ sich von ihrer Wohnung aus gut erreichen. Sie lag wie ihr bescheidenes Heim in einer der billigeren Viertel, so weit unter den Skylines wie es nur ging. Die Bar war voll, aber nicht übermäßig. Sam wartete ungefähr zehn Minuten und kippte sich vor Langeweile zwei Cocktails rein. Alles andere konnte sie nicht trinken. Sie mochte kaum Alkohol, doch Cocktails waren so süß, da überdeckte der Zucker das saure, beißende Zeug.
 Von Sour über Fizz bis Julep gab es alles. Sam nahm gerade den ersten Zug von ihrem dritten Painkiller als ihre Schwester reinkam. Na toll, sie war von der Party schon längst sturzbetrunken. Vom Regen in die Traufe.
 Ich hätte mich mit dem Trinken zurückhalten sollen, dachte Sam. Nüchtern konnte sie besser auf sie aufpassen. Sie fragte sich, was wohl aus ihr werden würde, wenn sie weg war, aber Sam dachte lieber nicht daran.
 Ich sollte Constantine anrufen. Aber dann merkte sie, wie unwohl ihr dabei wurde. Sie hatte sich von ihm verabschiedet. Noch einmal seine Stimme zu hören würde sie nicht ertragen können.
 „Schönen guten Tag“, sagte Sam zu Rachel und hielt ihr ihre Hand hin, um ihr auf den Hocker zu helfen.
 „Morgen ...“, murmelte sie.
 „Wir haben zwar späten Abend, aber mach dir nichts drauß.“ Sam nahm einen tiefen Zug aus ihrem Cocktail.  „Danke, sie bekommt nichts“, sagte sie an den Barkeeper gewandt.
 „Süße ich bitte dich, du willst uns doch nicht diesen netten Abend verderben, oder?“, lallte Rachel.
 „Klar“, sagte Sam ironisch und raunte dem Barkeeper zu: „Geben sie ihr Apfelsaft oder so was in der Art.“
 Sie wandte sich ihr wieder zu. Sie machte wirklich einen jämmerlichen Eindruck.
 „Wie war dein Tag, Schätzchen?“, fragte Rachel sie. Wahnsinn, sie schaffte es trotzdem noch, einen zusammenhängenden Satz auf die Reihe zu bekommen.
 „Großartig“, antwortete sie überschwänglich. „Ich hab mir beim Unterschreiben des Vertrags fast in die Hose gepisst und musste mich danach auf dem Klo übergeben.“
 „Dann ist das da aber nicht so gut für dich“, murmelte Rou und nippte träge an dem Orangesaft, den ihr der Barkeeper soeben hingestellt hatte und deutete auf den Alkohol vor Sam.
 Diese zucke die Schultern. „Ich habe noch ein paar Tage zum Ausnüchtern. Was ist mit dir? Kein Job  zur Zeit?“
 „Aushilwe inne' Fasfudkette …“, nuschelte sie über ihr Glas gebeugt.
 „Bitte?“
 „Ich arbeite in 'ner Fastfoodkette“, maulte sie. „Die erwarten von mir, dass ich Burger braten kann, sonst nichts.“
 Sam trank den Rest vom Painkiller in einem Zug aus und bezahlte.
 „Komm,  Rou. Ich glaube den Abend holen wir irgendwann nach.“ Sie zog Rou mit sich nach draußen. Sie war vollkommen dicht und zu nichts zu gebrauchen.
 Rachel meckerte eine Weile, während sie von Sam an der Hand die Straße hinuntergeführt wurde. Sam versuchte den üblen Geruch in der Luft zu ignorieren und zog ihr T-Shirt über die Nase. Sie wollten gerade die Straße überqueren, als ein offener Sportwagen quietschend und mit zischenden Reifen direkt vor ihnen anhielt. Ein paar Fußgänger sprangen zurück, Sam ebenso.
 Im Wagen saßen ein Mann und zwei Frauen auf dem Rücksitz, die uns zujohlten. Na toll, genau das hatte ihnen noch gefehlt.
 „Hey ihr zwei Süßen, wollt ihr mitkommen?“, rief der Beifahrer ihnen zu.
 „Nein danke, nehmt doch die da“, erwiderte Sam und deutete auf eine Gruppe von Prostituierten auf der anderen Straßenseite.
 „Ach kommt schon!“ Die beiden jungen Frauen winkten und forderten sie auf, einzusteigen.
 „Sam, das wird sicher lustig!“, bettelte Rachel und zog an ihrem Arm.
 „Nein“, knurrte sie.
 „Nur noch dieses eine Mal, komm schon Sam, sei keine Spielverderberin!“
 Sie zog sie mit zum Auto und Sam ließ sich widerwillig mitreißen.
 „Eine Tour“, sagte sie warnend zum Mann am Steuer. Sie quetschten sich auf den Rücksitz zwischen die beiden anderen. Johlend trat er aufs Gaspedal und raste hinein ins leuchtende Nightlife, bevor Sam auch nur an schützende Ledergurte denken konnte.
 Die Brünette zu ihrer Rechten fasste sie sanft am Kinn und drehte Sams Gesicht zur ihr. Die Frau beugte sich vor und küsste sie.

Sam war benebelt. Vollkommen. Die Luft war stickig und warm. Sie lag halb unter einer Decke vergraben auf einer weichen Matratze. Das wäre gar nicht schlecht gewesen, wenn ihr Kopf nicht so pulsiert und gepocht hätte. Sie bewegte ihn leicht und es hämmerte nur so. Blinzelnd versuchte sie ihre Umgebung auszumachen, als ihr Magen ganz plötzlich rebelliert. Sam beugte sich noch gerade rechtzeitig über den Rand des Bettes und übergab sich. Jetzt war sie wach, wenn man das denn so nennen konnte. Keuchend starrte sie auf den Kunststoffbettrahmen.
 Taumelnd stand Sam auf, direkt neben ihr auf dem Bett lag eine junge, schwarzhaarige Frau, die sie nicht kannte. Sam sah an sich herunter. Verdammt, sie hatte rein gar nichts an.
 Rasch wickelte sie sich die graue Decke um und ließ den Blick schweifen. Die Wohung war nicht besonders schäbig. Sie wirkte kahl und leer, als wäre gerade erst jemand eingezogen. Die Luft war mit dem Duft von frischem Schweiß und nackter Haut geschwängert. Die Wände waren weiß verputzt und hatten eine Kunstholzverkleidung unterm Deckenrand. Durch die Fenster blitzten und schimmerten von draußen transparente Schriftzüge über Essen, Kosmetik, Politik und allmöglich andere Dinge. Die aufgehende Sonne überdeckte mit ihrem trüben Lich teilweise die Werbespots.
 Sam stolperte durch die offene Tür in den nächsten Raum, direkt über Rachel.
 „Rou!“, zischte sie und rüttelte an ihrer Schulter. „Verdammt, Rou, wach auf!“
 Sie stöhnte und drehte sich auf die Seite.
 „Ich weiß, das kommt wahrscheinlich gerade recht ungelegen, aber versuch bitte wach zu werden und zieh dich an.“
 Gerade wollte Sam sie nochmal anstoßen, da überkam sie wieder Übelkeit. Sie presste die Hand vor den Mund und rannteblindlings durch einen Flur bis sie schließlich ein Badezimmer fand und stürzte sich über die Kloschüssel. Sie erbrach zweimal und hustete den Rest beißende Magensäure aus. Verdammte Drogen. Ihr Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Als es vorbei war, lehnte sie sich erschöpft an die kalte Wand, bis sie sich am Waschbecken hochzog, die Spülung betätigte und sich den Mund ausspülte. Das Wasser schmeckte alt und abgestanden. Wie alles andere auch, die Luft, das Essen, alles schmeckte tot.
 Auf der Suche durch die Wohung nach ihrer Kleidung traf Sam in einem Wohnzimmer, welches geräumig war aber weitgehend leer stand, auf die andere Frau und den Mann.  Die Frau schlief zusammengerollt auf einem schmuddeligen Sofa, der blondhaarige Mann saß mit einem dampfenden Kaffee in der Hand in einem Sessel. Das einzige, was  Sam in dem Moment einfiel war, dass die Bezüge schrecklich aussahen.
 „Gut geschlafen, Süße?“
 Sie zwang sich ihn anzusehen. „Nur meine Schwester darf mich Süße nennen, Arschloch.“
 Sie drehte sich um und sammelte auch Rachels Klamotten ein, zumindest das, was sie davon finden konnte. Rou schwankte ins Zimmer, schaute aber immernoch verwirrt durch die Gegend.
 „Zieh das an. Wir gehen zu mir.“ Als sie nicht reagierte gab Sam ihr eine leichte Ohrfeige. „Hey, ich will dass du das anziehst.“
 Sie warf ihr die Sachen in die Arme und ging in den Nebenraum, wo sie sich selber ankleidete.
 Der Mann aus dem Sessel erschien in der Tür und sah ihr zu. Er lehnte mit selbstgefälligem Blick im Türrahmen. Er war gut gebaut, aber wirkte auch nicht wie ein typischer Bodybuilder auf Sam. „Ich bin jede Woche hier. Von mir aus könnt ihr öfters vorbeikommen.
 Sie warf ihm ihren verachtendsten Blick zu. „Leck mich.“
 Sie zig sich ihr T-Shirt über.
 Er grinste. „Das habe ich letzte Nacht getan.“
 Sam widerstand dem Drang ihn zu schlagen, rauschte an ihm vorbei und fasste die halb angezogene Rachel am Arm; mit Hitze in den Wangen, von denen sie nicht sagen konnte ob sie von Scham oder von Wut stammte, verschwand sie mit ihrer Schwester aus der Wohnung.
 „Niemals wieder!“, fauchte Sam während Sie im Lift hinunterfuhren. „Und du auch nicht, hast du verstanden?“
 Sie stolperten auf die Straße; Sam war außer sich und schüttelte Rou grob.
 „Aua!“, jammert sie. „Sam, was soll das?“
 „Zieh dich endlich richtig an“, sagte sie. Vorbeigehende Passanten warfen ihnen Blicke zu, schauten aber weg als Sam sie mit kaltem Blick fixierte. Sie stellte sich halb auf die Straße und winkte nach einem Taxi. Die meisten rauschen an ihr vorbei und überfuhren sie dabei fast aber schließlich hielt eins an. Sam betete, dass noch Geld in der Hosentasche war.
 Als endlich die Tür ihrer Wohung hinter ihnen ins Schloss fiel, drehte sich plötzlich alles und Sam rannte zum Klo um sich ein drittes Mal zu übergeben.