The Great Below

von xArisa
GeschichteDrama / P12 Slash
03.04.2011
03.04.2011
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Vorangeschobenes Blahblah:
" Setz mir irgendwas vor und ich strick dir mindestens nen One-Shot draus xD "
Hätte ich besser nicht so ein großes Maul gehabt. Denn Deschaynes Antwort kam prompt:
" Nine Inch Nails - "The great below" " Und dickköpfig wie ich bin, konnte ich die Herausforderung nicht ablehnen. Das hier ist also dabei rausgekommen. Eins kann ich noch versprechen: Der Herausforderin zuliebe garantiert Handyfrei. *Wohoo*        
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Eigentlich hatte Reno sich vor langer Zeit damit abgefunden, zu den „Bösen“ zu gehören. Mehr noch: Es hatte ihm gefallen. Wo er auch hinkam, Angst auf den Gesichtern der Leute. Angst und Wut. Hass.
Doch er gehörte nicht zu den Menschen, die Anerkennung von Fremden brauchten. Ihre Verachtung war ihm egal gewesen, war sie auch noch so gerechtfertigt. Denn er hatte für seinen Job gelebt und war verdammt stolz darauf gewesen. Stolz darauf, Turk zu sein. Abschaum zu sein. Blutsaugender Parasit, Werkzeug ShinRas.

Bis … bis Strife aufgetaucht war. Mit festem Griff hatte er Reno aus dem stinkenden Loch gezogen, das er bis dahin sein Leben genannt hatte und ihm klar machen wollen, wie wertlos und erbärmlich eine Existenz als Turk doch war, verglichen mit dem Retter allen Lebens.
Cloud hatte ihn zu Dankbarkeit gezwungen. Dankbarkeit dafür, dass sich etwas ach-so Vollkommenes und Unantastbares mit Dreck wie ihm abgab. Geschweige denn, tatsächlich etwas wie Sympathie für diesen Dreck empfand. Es zustande brachte, über all seine Charakterschwächen hinweg zu sehen, denn davon gab es anscheinend viele.
Cloud hatte ihn mitgezerrt in eine Welt, in der Moral nicht nur ein Wort sein sollte und Skrupel tatsächlich existierten – in der Theorie. Hatte ihn gezwungen, sich selbst durch andere Augen zu sehen, sich an anderen Werten zu messen. Er hatte ihm das vermeintliche Licht gezeigt … um Reno danach zurück in sein dunkles Loch zu stoßen. Mit der gleichen Rücksichtslosigkeit, die er immer so angeprangert hatte. Er war zurück zu Frau und Kindern gegangen, die glückliche Familie spielen. Denn so gehörte es sich schließlich. Das war richtig.
Anders als sich in Seitengassen von Turks vögeln lassen und eine Liebe beteuern, die nichts als eine Lüge war und ohnehin nicht sein konnte. Aus „so vielen Gründen“ nicht.

Renos Schrei verklang ungehört in der klaren Morgenluft, als er gegen das Gitter trat. Wieder und wieder. Winzige Zementstücke bröckelten in den Abgrund.
Für einen Moment dachte er ernsthaft darüber nach, hinterher zu springen. Doch der Gedanke war so schnell wieder fort, wie er gekommen war. Selbst wenn er sich irgendwann von allein entscheiden sollte zu sterben … das musste er nicht selbst erledigen. Tseng würde es ihm sicher liebend gern abnehmen. Fünf weggedrückte Anrufe dürften reichen. Ein bitteres Lachen, als er das erneute Vibrieren spürte.
Sechs.
Was auch immer.

Heute würde ihn nichts in sein Büro bringen. Nichts. Er konnte noch nicht in seine frühere Realität zurück. Und nicht einmal Tseng konnte ihn zwingen. Nicht heute.
Ein letztes Mal trat er gegen das Gitter, bevor er sich abwandte von dem Anblick Edges und den ewig grauen Wolken darüber, und Schutz hinter einer Wand suchte. Andernfalls hätte der Wind es ihm unmöglich gemacht, die beruhigende Zigarette anzuzünden.
Es funktionierte tatsächlich. Das Nikotin kühlte sein Gemüt. Die Situation änderte das natürlich nicht, doch immerhin bekam er so mit, dass er nicht mehr allein auf dem Dach war. Wie hatte ihm das Zuschlagen der schweren Eisentür entgehen können?
Schritte. Langsam aber entschlossen. Nah. Tseng lief anders, völlig geräuschlos, nicht zu orten. Nicht einmal mit makoerweiterten Sinnen, wie er vor Jahren auf einer Mission an ein paar Second Classes demonstriert hatte. Man … war das lange her.

Renos Besucher jedenfalls schien seine Anwesenheit nicht im Geringsten verschleiern zu wollen. Wahrscheinlich nur ein Zivilist. Einer mit ungewöhnlich bestimmtem Gang, doch das berechtigte ihn nicht dazu, hier zu sein.
Das Dach war nicht zugänglich für Zivilisten. Genau genommen war es das nicht einmal für Reno. Aber niemand würde es wagen, einen Turk anzuschwärzen. Seine Uniform mochte noch so abgerissen sein, sie hielt ihm die Leute vom Leib. Immerhin.
„Mir egal was du willst, du gehst jetzt wieder. Ich kann keinen gebrauchen, der hier – “

Rufus Shinra.
Plötzlich und mit einer Selbstverständlichkeit im Blick vor ihm, die ihn völlig aus der Bahn warf. Einige Sekunden, Minuten, konnte er seinen Boss nur wortlos ansehen und beobachten, wie Haare und Mantel vom Wind hin- und hergerissen wurden.
„Bist du soweit?“ Shinras Stimme war gerade laut genug, um sie zu verstehen. Und um zu bemerken, dass die übliche Kälte zurückgewichen war. Nicht völlig abwesend aber deutlich weniger. Das ließ Reno aufmerken. „Sir, wofür?“
Der rechte Mundwinkel zuckte, während sich die Brauen ein Stück zusammenzogen. Missfallen. Der Turk hatte gelernt, diese kleinen Gesten zu lesen. Vor Jahren schon.
„Nenn mich nicht so. Ich bin nicht als Präsident hier.“ Das änderte die Situation grundlegend. Wenn Shinra, wenn Rufus, nicht offiziell hier war...

       „Danke. Ich bin dir etwas schuldig.“

wenn er entschieden hatte, sich Reno einmal mehr als der Mensch zu zeigen, der er schon in Healin gewesen war...

       „Du hast mehr für mich getan, als nur deine Arbeit zu erledigen.“

wenn er reden wollte, darüber...

       „So viel mehr...“

„Warum bist du heute nicht zum Dienst erschienen?“ Der Klang seiner Stimme war kühl und fordernd, doch sein Blick weicher. Kaum ein Unterschied. Reno bemerkte es trotzdem. Genauso, wie Rufus es bemerken würde, wenn er log. Also versuchte er es erst gar nicht, sammelte sich nur einen Moment, ehe er aus dem Windschatten der Wand wieder hinaus ans Geländer trat, die Zigarette am Handlauf ausdrückte. Den Stummel über das Geländer schnippte.
„Ich konnte nicht.“ Er wusste, wie erbärmlich er sich anhörte. Das war er schließlich auch – ein erbärmlicher Wurm, der sich auf dem Misthaufen der Gesellschaft wand. Sollte Rufus sehen, was er war. Der gehörte schließlich auch dazu.

„Deine privaten Probleme gehen mich nichts an.“ Lügner. Reno war sich sicher: Er wusste bereits Bescheid. Über die ganze Geschichte. Shinra sah es als sein Recht an, jederzeit alles Wichtige über seine Turks zu wissen. Rufus als seine Pflicht. Und das hier stand wohl ganz oben auf der Liste.
Sie wussten beide, dass diese Aussage eine Farce gewesen war. Doch es gehörte zu dem Wechsel zwischen Shinra und Rufus, der nie völlig glatt vonstatten ging. Es dauerte, bis er von der professionellen auf die private Ebene gewechselt war. Die gespielte Distanz half ihm dabei den Schein zu wahren, bis er angekommen war. Und Reno spielte mit.

„Doch was es auch ist...“ Cloud. Cloud war es! Sollte er ihn doch beim Namen nennen und den vermeintlichen Engel beschwören, damit er verächtlich auf sie hinabblicken konnte! Die Finger des Turks schlossen sich fester um das Geländer.
„Es sollte niemals über deinen Pflichten als Turk stehen.“ Dafür hätte er auch Tseng schicken können. Glaubte Rufus tatsächlich, mit solchen Standartsprüchen seine unbegründeten Schuldgefühle beruhigen zu können? „Das Leben geht schließlich weiter.“
Genug.

„Komm mir bloß nicht mit Floskeln!“ Übergangsphase hin oder her, das konnte Reno sich nicht länger antun. Oder antun lassen. Das winzige Lächeln, zu dem sich die Mundwinkel seines Gegenübers verzogen, machte es nicht besser.
„Dann sollte ich davon absehen, auf die anderen Fische im Meer hinzuweisen.“
„Was fürn Meer?!“ Er wusste nicht, ob er lachen oder schreien sollte. Entschied sich für einen weiteren Tritt gegen das Geländer. Langsam begann sein Fuß schmerzhaft zu pochen. „Guck dich doch mal um, Rufus! Es gibt kein Meer. Diese Stadt ist ne verdammte Jauchegrube! Und ich krieg immer den größten Scheiß ab...“

Daraufhin schwieg der Blonde, beugte sich nur ein Stück vor, um die Ellbogen auf dem Gitter abstützen zu können. Sein noch immer umherwirbelndes Haar ignorierte er fast verbissen. Stattdessen betrachtete er die Stadt, als suche er nach einer Bestätigung für Renos Worte. Er müsste nur einmal mit offenen Augen durch die Straßen gehen und er würde sie sehen. All die Bettler und Krüppel, Kranke. Straßenkinder. Die ganze Armut.
Doch Rufus Shinra ging nicht einfach durch die Straßen. Vielleicht war es besser so. Für ihn.

„Du hättest es besser wissen müssen. Gerade bei ihm.“ Wandel vollzogen. Und einmal mehr sprach er genau die Wahrheit aus, die Reno hören musste, aber nicht wollte.
„Hab ich ja! Ich habs ja gewusst. Aber ich...“ Ja, was war passiert? Wann war aus dem Ganzen mehr als ein bloßes Spiel geworden? Wann hatte er sich … verliebt? Nein, das hatte nie mit Liebe zu tun gehabt. Nicht von seiner Seite. Auf keinen Fall. Es war ein Machtkampf gewesen, den er hatte gewinnen wollen. Eine Frage der Kontrolle. Nicht? Und die hatte Strife ihm genommen, als er ihn auf fremdes Territorium geführt hatte.

„Ich hab die ganze Zeit gewusst, dass es keine Zukunft dafür gab. Ich gehör einfach nicht zu ihm...“ Ein bestätigendes Nicken von Rufus war alles, was er brauchte, um weiter zu sprechen.
„Ich dachte immer, wenns zu viel wird, geh ich einfach. Aber egal was los war … zu viel wars nie.“
Rufus Blick war nicht verständnisvoll, nicht mitfühlend. Schlicht aufmerksam. Etwas, für das Reno von ganz allein dankbar war.
„Es ist ja nicht schlimm, dass er weg ist. Weil ichs die ganze Zeit gewusst hab. Aber dass es seine Entscheidung war, stört mich.“

Der Wind war etwas abgeflaut. Mit einer einzigen Handbewegung brachte Rufus seine zerstörte Frisur wieder in Ordnung. Natürlich fielen ihm die üblichen, widerspenstigeren Strähnen sofort wieder vor die Augen. Nach zwei Versuchen gab er es auf, sie bändigen zu wollen.
„Es geht dir also vielmehr um den Verlust deiner Kontrolle, als um den von Strife?“
Perfekte Zusammenfassung. Nicht nur von der jetzigen Situation, sondern von seinen allgemeinen Ansichten. Kontrolle war ihm wichtiger, als andere. Kontrolle über Dinge, Gegebenheiten. Menschen. Ob er sich nun einen Vorteil davon versprach, oder sie ihm als bloße Studienobjekte dienten … über Menschen zu verfügen war spannend. Besonders, wenn sie sich dessen nicht einmal bewusst waren.

„Es sieht nach Regen aus.“ Rufus Stimme war ruhig und verriet nichts von der Absicht, hinter dieser zusammenhanglosen Aussage. Aber die versteckte Absicht änderte nichts daran, dass die Wolken über der Stadt tatsächlich immer dunkler wurden. Viel zu dunkel. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis sie aufrissen um Edge in Wasser zu ertränken. Sünder wie Heilige … er musste damit aufhören.
„Dann solltest du gehen.“ Es war zu kalt, zu windig, um mitten in einem Wolkenbruch draußen zu sein. Trotz der recht intimen Situation dachte der Wachhund in ihm immer zuerst an das Wohl seines Herrchens.
Apropos...

„Sag bloß nicht, dass du allein hier bist!“ Wieder dieses winzige Lächeln. Kaum zu bemerken, wenn man es nicht gewohnt war oder erwartete. „Selbstverständlich nicht. Du bist schließlich bei mir.“ „Du weißt genau, was ich meine.“ Das Lächeln verblasste kein Stück, wurde eher noch deutlicher, als Rufus den Blick von Edge löste und sich ihm wieder zuwandte.
„Ich traue dir aufgrund deiner Kombinationsgabe ebenfalls zu, die Bedeutung meiner Worte erfasst zu haben.“ Der geschäftliche Unterton, die Wortwahl, war nun weniger Vertuschen von Unsicherheiten als tatsächliche Parodie seiner üblichen Ausdrucksweise. Das … tat er manchmal. Trotzdem fügte er, nur einen Hauch leiser, hinzu: „Ich bat sie, zu gehen.“
Reno begriff.

Rufus wusste, dass sein Turk ihn nicht allein lassen würde, wenn sonst niemand anwesend war, der seinen Schutz garantieren konnte. Clever. Reno hatte nichts anderes von ihm erwartet.
Einen Moment starrte er in kühles Blau.
„Ich werde nicht gehen.“ Natürlich würde er das. Unter diesen Umständen würde er Rufus überall hin folgen und der wusste es genau. Und trotzdem schlug er, Präsident Shinra, mächtigster Mann Gaias, nur lächelnd die Augen nieder und nickte.
„Ich auch nicht.“

Und sie schwiegen. Schwiegen eine Ewigkeit, während die über den Himmel ziehenden Wolken immer dunkler wurden und der Wind wieder stärker.

„Wie hast du mich eigentlich gefunden?“ Reno hatte bei der Wahl des Daches großen Wert darauf gelegt, dass gerade so etwas nicht passierte. Schließlich hatte er allein sein wollen.
Die Frage brachte ihm allerdings nur einen schiefen Blick ein. Dann ein leises Lachen, nicht zu hören über den Wind, aber eindeutig erkennbar. Wenn es auch eine seltene Geste war. Schließlich bekam er eine Antwort: „Dein Mobiltelefon.“
Verdammt. Wie mitgenommen war er denn gewesen, dass ihm so etwas hatte entgehen können? Normalerweise hätte das eines der ersten Dinge sein müssen, die ihm hätten einfallen sollen. Warum hatte er es überhaupt mitgenommen, wenn er doch allein sein wollte? Auf was hatte er gehofft?
Die Antwort war so offensichtlich wie unsinnig. So unglaublich unsinnig.

Er würde sich nicht melden. Würde seine angeblich ach-so-weiße Weste nicht weiter damit beschmutzen, sich mit ShinRa-Dreck abzugeben. Hatte er doch das Mädchen und die Kleinen, mit denen er die perfekte Familie mimen konnte. Etwas, das ihm nur Idioten abnehmen würden. Und Idioten waren sie alle in ihrem Idealismus, der doch keiner war.
Am Ende des Tages waren sie nicht mehr wert als die Menschen, die sie verachteten. Aber sie brauchten etwas, auf das sie hinabsehen konnten. Um sich besser zu fühlen.

„Glaub ihm kein Wort.“ Erstaunlich, wie zuverlässig Rufus auch seinen unausgesprochenen Gedanken folgen konnte. Oder aber, er riet einfach gut. Dann hatte er allerdings schon sehr oft, sehr gut geraten.
„Tu ich nicht.“ Und es war die Wahrheit. Egal wie oft Strife sich als moralisch überlegen und rein darstellen wollte … Reno wusste, es war eine Lüge. Er wusste, dass es nichts als leeres Gerede war. Wusste, dass er nur zu etwas bekehrt werden sollte, das auch keinen Deut besser war als das, woran er momentan glaubte. Woran er immer geglaubt hatte.

Reno zählte sich nicht zu den verblendeten Idealisten, die sich als die überlegene Spitze der Gesellschaft sahen und gerade deshalb ihrem Irrglauben ausgeliefert waren. Sein kleiner Ausflug in ihre Welt hatte es ihm nur umso klarer gemacht. Und selbst wenn er dagegen würde ankämpfen wollen … er würde nie zu ihnen gehören.
Also kehrte er zurück in den Untergrund. Zu ShinRa, zu Shinra. Rufus. Einzig an dessen Seite war sein Platz. Hier gehörte er hin. Und das würden weder leere Worte, noch versuchte Verblendung ändern können.

Sein Vorgesetzter wandte den Blick von Renos inzwischen wieder entschlossenen Gesicht ab, ließ den Blick wieder über Edge schweifen, ehe er die Augen schloss. Das Lächeln war noch immer nicht verschwunden.

„Es sieht nach Regen aus.“
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