Schatzjäger

von Ishtar
GeschichteRomanze / P18 Slash
29.03.2011
28.09.2011
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Dieses Kapitel
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I. Adalmar Abendrot

Der junge Mann, dessen Pupillen betäubt dem vorbei dröhnenden Güterzug folgten, zitterte fast vor Wut.

Wut auf seine blasierten Kommilitonen, die, um sich selbst zu profilieren, niemals ein Wort der Anerkennung der Leistung eines anderen gegenüber verlauten lassen würden und sich stattdessen auf irgendein irrelevantes Detail stürzten, um es als wesentlichen – fehlerhaften –Inhalt all der Arbeit scheinheilig hilfsbereit zu zerfetzen.

Wut auf seinen Professor, den das sowieso nicht interessierte, der seine Zeit in der Lehre nur abhing, um sich dann seinen eigenen Interessen zu widmen, in denen die ihm anvertrauten jungen Menschen keine Rolle spielten.

Und vor allem Wut auf sich selbst, dass er so dumm, so naiv gewesen war, sich das alles freiwillig anzutun.

Seine Augen tränten, er hatte wohl vergessen zu blinzeln.

Eine dicke Frau in zu engen Jeans dicht vor ihm biss in einen Burger.

Taubenscheiße klatschte zwanzig Zentimeter neben seinem Kopf von der Höhe der Bahnhofsdecke  hinab.

Vielleicht sollte er sich darüber freuen, dass ihn die Ladung nicht auch noch voll erwischt hatte. Aber nach derartig erbarmungswürdigen optimistischen Anfällen stand ihm nun garantiert nicht der Sinn. Das Glas ist halbvoll… haha… Voll was? Scheiße? Oder spezieller: Taubenscheiße?

Er hatte sich halb tot geschuftet für sein Referat, es war gut gewesen, das wusste er – und dann das, das war so… Aber was hatte er sich schon erhofft, er Idiot.

Na ganz großartig, jetzt war er auch noch auf dem Weg, sich zum selbstmitleidigen Zyniker zu entwickeln.

Ein weiterer Punkt, um sinnlos wütend zu sein.

Die S-Bahn ratterte ein. Prima, sie fuhr sogar in seine Richtung – sagenhafte zwei Stationen. Danach ging es per Schienenersatzverkehr weiter durch die Pampa. Eine wahre Bildungsreise, er würde jede Milchkanne der Umgebung mit Vornamen kennen lernen…

Von hinten knuffte ihn jemand an.

Ein etwas verwachsener Bodybildertyp, der mangelnde Körpergröße durch angestrampelte Körperbreite und ein machomäßiges Gehabe wettzumachen suchte.

„Na, wird‘s bald, Schneewittchen?“ raunzte er ihn an. Fand sich wohl besonders originell.

Aber das kannte er schon. Die Leute reagierten auf sein Aussehen, wo immer er auftauchte.

Und das war noch nie von Vorteil gewesen, obwohl die anderen das gerne glaubten – und ihm genüsslich dafür eins verpassten.  

Ohne den Hanswurst  weiter zu beachten, trat Ad voran und drängte sich mit dem Rest der Masse, größtenteils Studenten so direkt an der Uni, in die rammelvolle Bahn.

Wieder ein Blickeregen. Aber man ließ ihn in Ruhe. Wie meist. Eigentlich immer.

Er war den meisten Menschen suspekt, das wusste er.

Andere Studenten schlossen Freundschaften, Kontakte, mehr oder weniger innige Liebeleien in ihren Studienjahren. Er blieb allein.

War ihm eigentlich auch ganz recht so, das war etwas Vertrautes, Sicheres, Beständiges. Abenteuer… das verhieß die Laufbahn, die er sich erträumte.

Oder erträumt hatte.

Aber da musste er durch. War ja klar gewesen, dass es auch hier lief wie üblich.

Nein… Er biss die Zähne zusammen. Er würde jetzt nicht anfangen rum zu memmen. Er hatte sich hierfür entschlossen, und es war richtig gewesen, mochten seine Mitstudierenden und seine Professoren noch so unerfreulich seien. Es ging um die Sache an sich. Dennoch wollte ein winziger Teil von ihm gerne eine Runde heulen.

Innerlich schüttelte er sich. Es war dunkel draußen und regnete. Herbst in Hamburg. Die Wasserfontäne auf der Alster sprudelte in ihrer nächtlichen Beleuchtung stolz vor sich hin. Allein in der Schwärze des Wassers ließ sie sich von nichts beirren. Davon könnte er sich eine Scheibe abschneiden…

Blöderweise war er ein Mensch und kein geistlos vor sich hin blubberndes Wasser.

Sein Spiegelbild zeichnete sich in der Fensterscheibe ab.

Er starrte sich an.

Er wurde begafft, bestaunt, beneidet, behandelt wie ein exotisches… Etwas.

Er sah nicht aus, wie eins der Models aus den Magazinen, das wäre wohl eher hilfreich gewesen. Das keltische Erbe seiner Mutter hatte ihm schwarze Haare und eine sehr helle Haut beschert, die in einem merkwürdigen Kontrast zueinander standen. Dazu ein paar dunkelgrüner Augen und eine manierlich Figur – und fertig war der Salat. Jeder Teil für sich genommen ging ja noch, aber in Kombination wirkte das alles offensichtlich bestenfalls irritierend. Zum krönenden Abschluss hatte ihm Mutter Natur noch ein Gesicht mit hohen Wangenknochen, geschwungenen dunklen Brauen und einer geraden stolzen Nase verpasst. Insgesamt hatte er das Gefühl, dass sie bei seiner Erschaffung etwas übermütig gewesen war und ihm von allem ein Portiönchen extra verpasst hatte. Herausgekommen war einfach ein bisschen zu viel von allem – und er musste jetzt die Suppe auslöffeln.

Als ob das nicht schon gereicht hätte, hatte sein Vater dem bei der Namensgebung noch einen drauf setzten müssen.

Dr. Karl Abendrot hätte seinen frisch geborenen Sohn damals vor einundzwanzig Jahren Tim nennen können. Oder Paul. Oder meinetwegen auch Heinz-Günther.

Aber nein, Papa hatte ja einen Doktortitel in Germanistik und bildete sich auf seine Kenntnisse des Althochdeutschen mächtig viel ein.

Konsequenterweise hatte er ihn Adalmar genannt. Adalmar Abendrot. Ganz herzlichen Dank. Sicher, schlimmer ging immer… aber das war schon hart an der Grenze.

Wenn man ihn fragte, stellte er sich üblicherweise nuschelnd als „Ad“ vor, so dass die meisten annahmen, er hieße „Ed“ von „Eddie“, „Eduard“ oder dergleichen. Er mied es tunlichst, das aufzuklären, solange es sich irgend vermeiden ließ.

Adalmar Abendrot, Klassischer Archäologe, das war der Plan. Sicher, damit würde er wohl zeitlebens kleine Brötchen backen müssen, aber an materiellen Dingen war er sowieso wenig interessiert. Er wollte die Welt sehen, speziell die Welt der römischen und griechischen Antike, die ihn bereits als Kind derart fasziniert hatte, dass er alles darüber förmlich in sich aufgesogen hatte. Und sein Vater, Lehrer für Deutsch und Latein an einem humanistischen Gymnasium, hatte ihn stolz und eifrig darin unterstützt.

Sie waren in Museen gefahren, auf Ausgrabungen, hatten geredet, spekuliert… das waren sie gewesen. Waren sie eigentlich immer noch. Er verstand sich bestens mit seinem Vater. So fern ihm andere Menschen immer geblieben waren, so nah waren sie einander.

Dennoch war er vor einem halben Jahr zu Hause ausgezogen, als er nach dem Zivildienst in einer Altenpflegestätte mit dem Studium begonnen hatte. Die debilen Omas und Opas hatten immerhin besseres zu tun gehabt, als ihn blöd anzumachen.

Auf eigenen Beinen zu stehen, schön und gut, das bekam er hin, er war schließlich kein Kleinkind. Aber manchmal wäre es schon schön, nicht immer in eine leere Wohnung zu kommen, in der lediglich Caesar, sein Nymphensittich, auf ihn wartete. Gott sei Dank lebte sein Vater nicht allzu weit entfernt, dass sie dennoch regelmäßig Zeit fanden, ihren Lieblingsbeschäftigungen nach zu kommen.

Aber mit Anfang Zwanzig immer noch zu Hause wohnen… das wäre doch irgendwie… naja… nicht im Sinne von Freiheit oder Selbständigkeit oder wie auch immer.

Er seufzte. So war es wohl. Sein Vater war seine einzige wirklich enge Bezugsperson. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen, er kannte sie eigentlich nur von alten Fotos. Die wenigen Leute, die ihn regelmäßig, aber mit schwindender Frequenz, zu Geburtstagen oder Silvesterpartys einluden, waren ehemalige Schulkameraden, die ihn eher gewohnt waren, als dass sie wirklich eine innere Verbindung gehabt hätten.

Und das lag bestimmt nicht nur an seinem Äußeren.

So war er wohl.

Aber das war schon okay.

Man kam auch so durchs Leben.

Es gab auch andere interessante Dinge, als sich mit irgendwelchen Kumpels die Nächte um die Ohren zu hauen.

Die Bahn hielt, eine seifige Ansagestimme, die vorher garantiert bei einer Telefonsex-Hotline gearbeitet hatte, komplimentierte sie hinaus.

Er floss mit der Menge durch das frühabendliche Mistwetter und fand sich bald eingekeilt zwischen den zahlreichen Angehörigen einer türkischen Großfamilie in einem Bus wieder, in dem Sauerstoff Mangelware war. Er schwitzte unter seinen dicken Klamotten.

Ein kleines Mädchen zeigte mit dem Finger auf ihn, seine Mutter starrte ihn kurz an, dann verbat sie sich das ungehörige Benehmen ihrer Tochter.

Jaja, zeig nur… ich weiß schon…

Wenn er wenigstens einen oder zwei Buckel und drei Arme gehabt hätte, dann hätte vielleicht ausnahmsweise jemand mal Mitleid…

Hör auf damit! Du weißt, dass das nichts bringt.

Niemand hatte Mitleid mit einem Menschen, der so aussah wie er. Die allermeisten freuten sich einen Ast, wenn er auf die Fresse fiel. Und schubsten deswegen auch ganz kräftig, sobald es eine Gelegenheit gab.

Was der heutige Tag mal wieder bewiesen hatte.

Aber die konnten ihn mal. Er würde sich nicht kleinkriegen lassen.

Nach geschätzt vierundfünfzig Milchkannen war er endlich da. Er wurde mehr geschoben, als dass er ging. Draußen goss es mittlerweile in Strömen, und er hatte keinen Schirm dabei. Es war arschkalt. Immerhin hagelte es nicht.

Positiv denken, positiv denken… oder zumindest realistisch.

War ja auch gar nicht so weit.

Hamburg-Nettelnburg – nicht gerade Monte Matre. Aber hier hatte er einen Platz im Wohnheim ergattern können und normalerweise war die Bahnverbindung zur Uni gut.  Und das zählte.

Er sah zu, dass er rasch voran kam, aber dennoch war er klatschnass, als er endlich bibbernd vor der Eingangstür stand.

Niesend schloss er auf und flitzte die Treppe in den ersten Stock hinauf, wo sich sein Domizil verbarg. Achtzehn Quadratmeter. Bett, Schreibtisch, zwei Bücherregale, ein Waschbecken, Fernseher. Gemeinschaftsdusche und Klo am Ende des Ganges.

War ihm egal, er brauchte nicht viel Zeit zur Pflege. Eitelkeit war nun wirklich das Letzte, das er sich als schlechte Eigenschaft zuzulegen gedachte. Der Gedanke, sich vor einem Spiegel zu bewundern und sich die Haare zu Recht zu zupfen, kam ihn geradezu absurd vor. Genauso gut könnte er sich ein rotes Kreuz und die Worte „Tritt mich“ auf die Stirn pinseln.

Er öffnete die Tür, Caesar begrüßte ihn mit wilden Gekreisch. Das war ein Vorteil dieses Heims gewesen, Haustiere bis Taschenformat waren erlaubt. Da mochte die Soziologiestudentin nebenan sich noch so sehr über den Lärm beschweren, Caesar blieb.

Ad öffnete den Käfig und der Vogel flatterte ihm auf die Schulter. Er hatte Caesar bekommen, als er acht Jahre alt gewesen war – und die Tierchen waren ausgesprochen langlebig.  Gut so, viel besser als ein Hamster, der bereits nach zwanzig Minuten und einer Begegnung mit dem Staubsauger den Löffel abgab.

Er mochte sich irren, aber er meinte zu erhaschen, wie der Sittich angesichts der klammen Kleidung unter seinen Krallenfüßen angeekelt die Miene verzog.

„Tut mir leid, Schreihals“, grüßte ihn Ad und ließ ihn auf seinen Finger umsteigen.

Caesar legte den Kopf schief und piepte in Imitation einer Konversation.

Ad setzte ihn wieder ab, füllte die Futterschale, über die sich der Vogel hermachte wie Hyänen über einen toten Elefanten, und pellte sich aus seiner durchgeweichten Kleidung.

Er schlüpfte in einen Pyjama, der auch als Wohnhose durchgehen konnte, und setzte sich aufs Bett.

Kurz dachte er darüber nach, dass eine heiße Dusche jetzt doch nicht das Schlechteste wäre, als das Telefon begann zu klingeln.

Er lugte aufs Display, dann lächelte er.

„Hallo, Papa. Was gibt’s?“

„Neuigkeiten!“ Ad hörte an der Stimme, dass es wohl gute Neuigkeiten sein  mussten. Sein Herz beschleunigte ein wenig.

„Aber wie war dein Referat?“

„Toll. Leider hat’s keiner mitgekriegt“, antwortete Ad.

„Ach, Adalmar“, entgegnete sein Vater – er nannte ihn konsequent mit vollem Namen, den er ja auch zu verantworten hatte -, „du weißt ja, wie die Leute sind…“

„Ja, sicher“, seufzte er. Mit seinem Vater an der Strippe erschien das Ganze gar nicht mehr so schlimm. „Es ist nur so… frustrierend.“

„Ich weiß. Aber willst du etwa das tun, was die von dir erwarten?  Aufgeben? Klein beigeben?“

„Nein! Sicherlich nicht!“

Der vollgefressene Nymphensittich nahm erneut Anlauf und landete wieder auf ihm, innerlich wahrscheinlich zufrieden vor sich hin rülpsend, auch wenn das ohne Lippen schwierig zu artikulieren war.

„Gut! Denn dann wird es dich freuen zu hören…“

„Was?“ Jetzt war er wirklich ganz und gar Ohr.

„Greta hat angerufen – ihr Neffe ist ja auch Klassischer Archäologe, Juniorprofessor in Berlin. Du könntest mit auf seine Ausgrabung in den Semesterferien?“ Greta war eine alte Freundin seiner Mutter, mit der sein Vater noch immer sporadisch Kontakt hielt, obwohl sie in München lebte.

„Coooool!“ entfuhr es Ad. Wer hätte geahnt, dass der Tag doch noch gute Nachrichten bringen würde? „Wo hin denn?“ wollte er begierig wissen.

„Südzypern. Acht Wochen ab Mitte Juni. Eher im Bereich Frühgeschichte. Aber ein renommiertes Vorhaben, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.“

„Das… Mann, Papa… danke… oh… Aber über Vitamin B… Ich weiß nicht…“

„Als alter Hase sage ich dir – sowas läuft fast nur über Vitamin B. Wäre schön, wenn es anders wäre, ist es aber nicht. Also?“

„Finde ich zwar Scheiße, aber da hast du wohl leider recht… insofern: Klar will ich da hin! Zypern! Das ist doch…! Ich muss mich gleich einlesen! Warte! Hatte ich hier nicht irgendeinen Aufsatz…?“

Sein Vater lachte. „Nun mal ganz ruhig – geht ja nicht schon Morgen los.“

„Egal! Ich will alles wissen!“

„Alles? Das wird dann wohl eine Weile dauern… Aber wenn du dabei bist, dann finde doch gleich mal heraus, wohin die Socken verschwinden, die man in die Waschmaschine stopft und dann nie wieder gesehen werden?“

„Das fällt nicht gerade in den Fachbereich eines Archäologen…“

„Ich dachte, du wolltest ungelöste Rätsel der Menschheit aufklären“, neckte sein Vater ihn.

„Ja… Falls ich beim Graben das geheime Socken-Paradies tief unter dem Boden Zyperns finden sollte, erfährst du es als erster, versprochen…“

„Das will ich auch hoffen!  Greta meint, du sollst deinen Lebenslauf schicken.“

„Okay! Nenn mir die Adresse! Wann geht es los?!“

„Erfährst du alles, Adalmar, ein bisschen Geduld…“

„Hierbei nicht! Mann, danke! Oh Mann, ich kann es gar nicht erwarten!“

„Wirst du wohl leider müssen. Aber in Augsburg ist demnächst eine Ausstellung zu Zypern…“

„Da müssen wir hin!“

„Sicher machen wir das. Willst du vielleicht… jemanden mitnehmen? Von deinen Kommilitonen?“

Bei Ad fiel wieder der Vorhang. „Nein“, sagte er gepresst. „Das muss echt nicht sein. Die freuen sich höchstens über das Taxi.“

„Ist denn da niemand… Ihr teilt schließlich dieselben Interessen?“ forschte sein Vater vorsichtig nach.

„Nein. Alles wie immer. Aber mach‘ dir keinen Kopf, ich komme schon klar. Und jetzt das mit Zypern… Klasse!“ freute sich Ad.

„Nicht böse sein – aber ich bin dein Vater und ein Lehrer. Nervtötend besorgt zu sein gehört zu meiner Berufsbeschreibung. Es wäre nur schön, wenn du… nicht so allein wärst.“

„Ich bin nicht allein. Ich habe dich. Ich habe Caesar. Und der Rest… der kann mich mal“, schloss Ad das leidige Thema.

Sein Tonfall machte deutlich, dass er es auch nicht weiter vertiefen wollte.

„Okay. Am Freitag ins Kino?“

„Klar! Wie immer.“

„Ja. Wie immer.“

„Okay – ich muss noch lesen. Bis dann Papa.“

„Bis dann, Adalmar. Ich hole dich dann ab.“

„Okay. Die blöde Bahn fährt auch mal wieder nicht. Bis Freitag!“

Ad legte auf.

Lächelnd lehnte er sich zurück. Der Nymphensittich zeterte verärgert und hob ab Richtung Käfig.

Und er hatte gedacht, dieser Tag sei ihm verflucht. Nach Zypern… eine richtige Ausgrabung… sein Herz hämmerte vor Begeisterung. Genau sowas, das wollte er.

Aber auch dort würde er Teil eines Teams sein. Oder vielmehr das kleinste Rädchen im Getriebe als Student im Grundstudium. Würde schon irgendwie gehen, nach einer Weile arrangierten sich die Leute mit ihm, wenn sie ihn täglich sahen. Stumpften ab. Manchmal waren einige dann auch freundlich. Aber darauf war kein Verlass, manchmal war das nur Taktik, um ihm dann anschließend erst Recht vors Knie zu treten. Es war besser, darauf nicht zu setzten, dann konnte man auch nicht enttäuscht werden.

Er streckte sich lang aus.

Der Sittich schnatterte auf irgendetwas ein.

Ad schloss die Augen und erlaubte es sich, sich kurz in Tagträumen zu verlieren, in denen er die Sonne des Südens durch seine Kleidung fühlen konnte, während er tief herab gebeugt den Boden nach Fundstücken untersuchte.

Er musste über sich selbst grinsen. Er hatte wohl schon eine kleine oder auch etwas größere Schraube locker – aber wer hatte das nicht? Auf jeden Fall machte es ihn glücklich.

Er ließ eine Hand über seine Brust hinab gleiten. Es fühlte sich angenehm an.

Normalerweise berührte ihn nur sein Vater – und das ganz gewiss nicht so.

Er war schließlich ein erwachsener Mann – den kein Mensch je intim berührt hatte. Zum einen, weil kaum jemand es je auch nur versucht hatte. Einmal hatte er eine Klassenkameradin, die er seit dem Kindergarten kannte, gefragt, warum ihn nie irgendwer Avancen mache. Ob er vielleicht zu blöd sei, es zu bemerken. Nein, war die Antwort gewesen, er wirke dazu zu unwirklich, zu kalt, zu irritierend.  Es hatte ihn nicht mal sonderlich überrascht. Zum anderen hatten ihn die Reaktionen auf ihn misstrauisch gemacht. Und blind. Und resigniert. Und zu guter Letzt, weil da nie jemand gewesen war, von dem er sich angezogen gefühlt hätte. Einzelne Körperteile… nun gut… aber der Rest, der dran hing, der daraus einen vollständigen Menschen machte… bleibt mir bloß vom Leibe… Vielleicht fehlte da irgendetwas in ihm. Wer wusste das schon.

Die Arbeit war da eine Alternative, sein Leben zu füllen. Besonders diese Arbeit.

Aber manchmal… wäre es doch ganz schön, wenn ihn jemand mal so anfassen würde. Der Trieb war da, aber mehr als mechanisch den Druck abzulassen, war nicht drin.

Er schloss die Augen noch fester, während er seine schlabberige Hose über die Hüften drückte, sein Geschlecht umfasste und sich der selbst beigebrachten Reibung überließ. Der Sittich trällerte komisch. Über ihm schien jemand Polka zu tanzen oder sonst was. Die Wände hier waren nicht allzu dick.

Er blendete die Geräuschkulisse aus, so gut es ging, und konzentrierte sich auf die Berührung. Wenn das jetzt etwas anderes wäre… die Hand eines anderen Menschen… jemand, der ihm nicht zuwider war und der ihn nicht so komisch behandelte… oder etwas anderes…

Bilder blinkten durch sein Hirn… Arme… Beine… ein Mund… kräftige Schenkel, die …

Es flackerte, dann krachte es kurz durch ihn. Keuchend blieb er liegen. Das wäre erledigt. Es würde wieder kommen. Aber vorerst hatte er Ruhe.

Und immer dasselbe… Da musste er sich wohl keine Illusionen machen. Wenn er das hier… erledigte, dann sah er immer den Körper eines nackten Mannes. Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte, da seine Hand ja leider sein einziger Geliebter war und wohl auch bleiben würde.

Aber das machte die Sache auch nicht gerade einfacher.
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