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Ein Mädchen auf dem Spielplatz

von Velence
GeschichteDrama / P18 / Gen
Deborah Dexter Jeremy
26.03.2011
26.03.2011
5
10.850
2
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26.03.2011 1.540
 
Teil 1



Ich mochte das Leben. So wie es war, war es perfekt.

Jeremy kümmerte sich um das Boot. Sein Haar war kürzer, er war blond geworden. Seine Haut war gebräunt von den vielen Tagen, die wir draußen auf dem Wasser verbracht hatten. Ein großer Abstand lag zwischen dem Jungen, dem ich zur Flucht verholfen hatte und dem, der er jetzt war. Jeremy sah wirklich gut aus, um nicht zu sagen attraktiv. Er war ein richtiger American Sunny Boy geworden. So wie ich.

Ich grinste breit, während ich die Bierflasche an meine Lippen führte. Nichts ging über gutes Essen an Bord der ‚Slice of Life’. (Mal abgesehen von Essen beim Autofahren.)

Jeremy befestige die Leinen, während die Fender einen unsanften Aufprall verhinderten. Er kannte sogar Knoten, von denen ich bisher nicht einmal den Namen gehört hatte. Doppelter Schotstek klingt irgendwie... essbar.

Ich beobachtete, wie Jeremys Blick zu dem Mädchen am Anfang des Bootsstegs wanderte. Sie war mir schon vor ein paar Tagen aufgefallen. Augenscheinlich waren sie und ihre Eltern auf Urlaub in Miami und hatten sich ein Boot gemietet. Jeremy sah zu ihr herüber, wenn er sich unbeobachtet wähnte. Bisher hatte er kein Wort über sie verloren.

Jeremy schaute seit Wochen nicht mehr unruhig über seine Schulter. Die Polizei hatte mich nach seiner Flucht in die Mangel genommen, aber da ich keine Beziehung zu ihm hatte und lange vor dem finalen Gerichtstermin beziehungsweise seiner Flucht keinen Kontakt mehr mit ihm hatte, ließen sie mich schneller fallen als eine heiße Kartoffel.

Das, was sich direkt vor der Nase befand, sah man als letztes. Und so war es auch mit Jeremy. Die erste Zeit hatte ich ihm eine Ferienhütte im nächsten Bundesstaat gemietet, wo er sich verstecken konnte, während Gras über die Sache wuchs.

Es war unglaublich einfach gewesen, ihn in Miami offen zu verbergen. Jeremy hatte sich unter seiner neuen Identität ein kleines, schäbiges Zimmer gemietet. Er verdingte hier und da ein wenig Geld.

„Sofia, setz bitte einen Hut, du verbrennst dich“, rief Sofias besorgte Mutter ihr hinterher, als das Mädchen in unsere Richtung über den Steg schlenderte. Ihre Haut war so weiß, dass jeder erkennen konnte, dass sie nicht von hier war. Die Schlüsselbeine stachen unter ihrer Haut und mit dem großzügigen Ausschnitt ihres Oberteils markant hervor.

Das war einer dieser cineastischen Momenten, in denen die Zeit langsamer, in Zeitlupentempo floss. Noch schaute sie zum Meer hinaus, ehe ihre blonden Haare im Sonnenlicht herumflirrten und Sofia in einer grazilen Drehung um sich selbst wirbelte, zurück zum Hafen, während ihre Augen für einen Augenblick die von Jeremy trafen, bevor sie sich umdrehte und den Weg über die Bohlen zurückging.

Im Film würde wahrscheinlich ein schöner Singer-/Songwriter-Song gespielt werden, bei dem jeder wüsste, der Held hatte sich in das Mädchen verliebt.

Ich blickte zu Jeremy. Seine Augen hafteten wie magisch angezogen am Anleger, als hätte er sie gar nicht gesehen. Ich schlurfte zu ihm herüber. Entweder hatte ich einen leichten Sonnenstich oder zu viel Bier, jedenfalls fühlte ich mich ein wenig langsam.

„Hey Jerry“, sagte ich und legte meinen Arm um seine Schulter. In seinem gefälschten Führerschein stand Jerry Fairchild und ich versuchte, den Namen zu benutzen, damit er sich endlich in mein Gehirn einbrannte, denn ich dachte immer noch Jeremy. „Hey Jerry, hast du sie gesehen?“

„Wen?“, fragte Jeremy desinteressiert.

„Das Mädchen.” Ich knuffte ihn einmal, sodass er schließlich doch aufsah und ihr hinterher schaute. „Sie ist hübsch.”

Er sagte nichts, sondern kümmerte sich darum, dass das Boot sicher an seinem Platz liegen blieb. Mit einiger Mühe schaffte ich es auf den Bootssteg, ohne daneben zu treten. Ich schlenderte langsam zu meinem Auto, damit mich Jeremy spielend einholen konnte, was er auch tat.

„Diesen Blick habe ich schon oft gesehen.“

„Welchen Blick?“, fragte er.

„Entweder bist du angepisst oder du bist geil.“ Ich war wirklich gut geworden, Menschen zu imitieren. Sehr, sehr gut.

Jeremy schnaubte.

„Liege ich falsch?“

Er blieb stehen und sah mich herausfordernd an. „Mit angepisst oder geil?“

Ich schürzte überlegend die Lippen. Bevor er fortfahren konnte, dass mich das nichts anging, denn so gut kannte ich ihn inzwischen, lenkte ich ihn zurück zum Geschehen. „Da ist sie.“ Wir hatten Sofia fast erreicht, die uns mit einem großen Strohhut und einer Tasche über der Schulter entgegenkam.

„Erzähl mir nicht, dass du über Nacht zum Womanzier geworden bist“, zischte er mir zu.

„Sag mir nicht, dass du dich über Nacht in eine Maus verwandelt hast“, erwiderte ich, während ich zielstrebig auf die Kleine zu marschierte.

Wenn einer über Unbeholfenheit in Sachen Beziehungen und Sex reden konnte, dann ich. Ich wäre der letzte, der ihm irgendetwas davon zumuten würde, zu mal ich wusste, was es bedeutete, ein Doppelleben zu führen und ständig auf der Hut zu sein. Nachdem ich das erste Mal mit Rita geschlafen hatte, dachte ich, sie würde mich verlassen, weil sie mein leeres Inneres erkannt haben musste.

„Hi“, hielt ich sie mit einem freundlichen Lächeln an. „Kennst du schon meinen Freund Jerry?“

„Dexter!“, fauchte Jeremy, doch Sofia lächelte geschmeichelt. Sie war wirklich süß.

„Nun frag sie schon.“

„Hi ...“, gab Jeremy stammelnd von sich.

„Hi.“

„Magst du kubanisches Essen?“

„Weiß nicht.“

„Hast du morgen Abend etwas vor?“

~ * ~ * ~

Kurz und schmerzlos. Ich war richtig stolz, dass er mit ihr ein Date für den folgenden Tag ausgemacht hatte. Es wurde auch Zeit, dass er mehr Kontakt mit normalen Menschen pflegte. Wir beide mit unseren perversen Neigungen waren einander eine gute Gesellschaft, aber unter anderen waren wir eine aberwitzige, aus dem Ruder geratende Charakterstudie, die man sich lieber aus der Ferne oder hinter Gitterstäben ansah.

Er vertraute mir, wie ich ihm vertraute, aber es war ein langer Weg dorthin gewesen. Früher war Jeremy oft zusammengezuckt, wenn ich ihn am Arm berührte. Oder er starrte katatonisch ins Leere. Dann erwartete ich, dass er schreiend oder weinend hervorschnellte, wie aus einem Alptraum, aber das tat er nie, als würde er nie aufwachen. Er blinzelte mich nur an, ohne etwas zu sagen.

Äußerlich sah Jeremy unberührt aus. Er hatte gelernt, die innere Leere hinter falschen Emotionen zu verstecken, doch ich war nie ganz sicher, was in ihm vorging. Bis dato hatte ich immer gedacht, ich wäre ein erschreckender Spiegel seiner Zukunft, doch jetzt erkannte ich mich wirklich in ihm und wie ich auf andere wirken musste.

Es war umso beruhigender zu sehen, dass sich Jeremy für ein Mädchen interessierte. Ein Bruchstück Normalsein.

Ich betrachtete sein Profil, während wir wie zwei verdeckt arbeitende Cops im Wagen warteten. Jeremy saugte mit einem Strohhalm geräuschvoll den Rest seiner Cola aus dem Pappbecher. Die Eiswürfel waren geschmolzen, sobald sie den klimatisierten Raum hinter sich gelassen hatten.

„Soll ich dir etwas Geld für dein Date morgen geben?“, fragte ich.

„Das ist kein Date.“

„Ein Rendezvous?“

„Nein“, stritt Jeremy ab, „Wir treffen uns einfach.“

„Rendezvous heißt ‚sich treffen’.“

„Du kennst dich mit Französisch aus?“

„So viel, wie ein Mann wissen muss. Brauchst du nun Geld, oder nicht?“

„Nein“, murrte Jeremy.

Wir warteten auf unseren Mann, unser Opfer. Nennen wir ihn der Einfachheit nach Neill.

„Du siehst aus, als würdest du jemandem die Eier abreißen wollen. Was ist los?“, fragte ich, nachdem wieder Schweigen eingekehrt war.

„Nichts.“

„Nichts? Du bist ein Lügner. Ich weiß das.“

Jeremy machte seine snobistische Geste, indem er mit der Oberlippe zuckte. „Muss ein verdammt langweiliger Tag gewesen sein.“

„Ja, da hast du recht. Todlangweilig. Da ist mir gleich aufgefallen, wie du drauf bist.“

Jeremy beobachtete hartnäckig den Laden, wo wir unseren zukünftig Toten zu erwarten hatten. „Du bist doch verrückt.“

„Das möchte ich auch gar nicht bestreiten.“

Ich sah zur Tür hinüber, wo er jeden Moment herauskommen konnte. Jeremy hielt die Spritze mit dem Betäubungsmittel bereit. Wenn man das Überraschungsmoment richtig nutzte, konnte man jeden noch so starken Mann überwältigen.

Ich erinnerte mich amüsiert an die Nacht, in der sich Jeremy beinahe selbst betäubt hätte. Das war eines der harmloseren Ereignisse, die passiert sind. Die schlimmste Nacht endete in der Notaufnahme von Miami, weil sich ein Opfer zur Wehr gesetzt hatte und danach alles aus dem Ruder gelaufen war. Das war ein verfluchter Alptraum gewesen. Nur mit knapper Not hatte ich die Situation gerettet, sofern man von Rettung sprechen konnte. Mein Herz schlug mir damals rasend schnell von der Unterhose bis in den Hals. Es war grausiger Flashback zu meinen eigenen Anfängerjahren.

Bekanntlich wurde man aus Fehlern schlau. Ich ließ ihn seine eigenen machen. Jeremy und ich, wir waren Partner, nicht Mentor und Schüler.

„Ich hatte seit ... seit über fünf Jahren kein blödes Date mehr. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Nicht, dass ich es je gewusst hätte“, platzte es plötzlich aus Jeremy heraus.

Fuck. Das war nicht gerade die Art Gespräch, die ich führen wollte oder konnte. Ich war nun wirklich der letzte Mensch auf Erden, den man um Rat fragen sollte, wenn man etwas über Frauen wissen wollte. Das ist wie Radfahren oder Schwimmen, hätte ich sagen können, nur leider hatte ich den Rest des Spruchs vergessen.

Einmal hatte ich einige Zeit auf einer Unisextoilette verbracht, um mehr über Zwischenmenschliches erfahren. Danach war ich um die Erfahrung reicher, dass ich bei Ally McBeal vor dem Fernseher hätte bleiben sollen.

Der Gong rettete mich vor einer Antwort. „Da ist er!“, rief ich, als Neill auf die Straße trat.
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