Der Weg des Bogens - Beugen aber niemals brechen

von Epienne
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Alistair Anders Bann Teagen Guerrin Der Wächter (weiblich) Nathaniel Howe Zevran
24.03.2011
06.10.2017
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02 Ungebetener Besuch


Am nächsten Morgen war ich früh wach. Ich hörte Cindras und Pelins ruhigen Atem in meiner Nähe, aus dem ich heraushörte, dass sie noch schliefen.
Ich fasste einen Entschluss. So konnte es keinen Tag länger mit mir weitergehen. Ich konnte nicht weiter gelangweilt im Lager sitzen und nichts tun.
Geräuschlos erhob ich mich und zog einen Pullover über. Draußen sangen bereits die ersten Vögel und die Sonne hatte sich noch nicht durch die dichten Wolken gequält. Ich schnappte mir Vidians Bogen und den Köcher mit den neubefiederten Pfeilen, dann ging ich zum Hallagehege herüber.
Cailan lag wie erwartet zusammengerollt vor dem Gatter und schnarchte glückselig. Elora hatte Gefallen an dem Hund gefunden, der ihr nun fast jeden Tag dabei half, auf die wunderschönen weißen Hirsche aufzupassen.
Ich kraulte ihm vertraut die Ohren, um ihn somit sanft zu wecken. Ich wollte nicht allein in den Wald gehen und konnte mir keine bessere Begleitung vorstellen, als meinen treuen Mabari.
„Komm mein Junge, gehen wir ein paar Hasen erschrecken“, sagte ich leise.
Um diese Tageszeit war es im Wald besonders ruhig und ich musste aufpassen, dass ich nicht zu laut durch das trockene Laub lief. Seitdem ich immer mehr an Umfang zugenommen hatte, fühlte ich mich nicht nur dick sondern auch ziemlich ungelenk. Ich befürchtete etwas von der gewohnten Gewandtheit, wenn es ums Jagen ging, eingebüßt zu haben.
Nebelschwaden krochen über das Herbstlaub und zwischen den Bäumen hindurch.
Ich spürte die feuchte Kälte immer mehr durch meine Kleider hindurch, doch es kümmerte mich nicht. Auf eine seltsame Art und Weise fühlte es sich sogar belebend an.
Cailan schnüffelte aufgeregt und sprang ausgelassen umher. Ihm schien es im Gegensatz zu mir, ziemlich egal zu sein, ob ich heute noch etwas jagen würde, oder nicht.
Meine Befürchtung bewahrheitete sich tatsächlich. Wir trafen lange Zeit auf keinen Hasen, Vogel oder ähnliches Wild. Aber allein der Fakt, dass ich allein durch den Wald spazierte, war befreiend. Ich hatte Vidians ständiges Umsorgen und Beschützen satt.
Nach einer Weile blieb Cailan wie angewurzelt stehen und winkelte eine Pfote an. Ich folgte seinem starren Blick geradeaus und erspähte zwischen den Bäumen ein Truthuhn, das emsig vor sich hin gluckte.
Ich zog einen Pfeil, nockte ihn auf die Sehne und zog den Bogen aus.
Der Pfeil traf das Tier in der Brust. Meine Hand hatte stark gezittert, da es nicht mein Bogen, sondern der von Vidian war und auch ein um einiges höheres Zuggewicht hatte.
Trotzdem hatte ich seit Monaten wieder eigenes Wild erlegt und freute mich unglaublich über diesen kleinen Erfolg.
Cailan apportierte den geschossenen Vogel, während ich mir den Bogen über meine Schulter hängte.
Mit meinem Jagderfolg machte ich mich auf den Weg zurück zum Lager.
Cailan trabte zufrieden neben mir her, während ich den Vogel an seinen Fängen zusammengebunden hinter mir her schleifte.
Als ich zwischen den Aravels ins Lager kam, sah ich mich verwundert um, alle rannten zerstreut durch die Gegend.
Ich wollte Geyhna fragen, was los sei, doch als sie mich erblickte, rief sie: „Sie ist wieder hier!“
Noch bevor ich fragen konnte, warum sie so schrie, stand Vidian wutschnaubend vor mir.
„Wo bist du gewesen?“
„Jagen“, erwiderte ich schulterzuckend und zeigte ihm das prächtige Exemplar von Truthuhn, das ich geschossen hatte.
Inzwischen hatte sich der Großteil des Clans um uns herum versammelt. Auch Cindra und Pelin kamen aufgeregt auf uns zugerannt. Ich erspähte Zevran, wie er an Vidians Aravel gelehnt zu uns herüber sah. Sein Blick war beinahe entschuldigend.
„Allein?“, fragte er scharf.
Ich funkelte ihn wütend an. „Was ist nur los mit dir? Cailan war bei mir, wenn du das meinst.“
„Bei Falon’Din! Du kannst nicht ohne etwas zu sagen, allein in den Wald gehen!“, herrschte er mich an. Dass wir Publikum hatten, schien in nicht zu stören. „Weißt du eigentlich, dass der halbe Clan jetzt im Wald nach dir sucht?“
Ich schulterte den Vogel und ging geradewegs an ihm vorbei und zu unserem Aravel. Das tote Tier ließ ich neben dem Feuer zu Boden fallen. In aller Ruhe nahm ich Bogen und Köcher ab, spannte den Bogen ab und setzte mich hin.
„Hey, ich rede mit dir! Was sollte das eben? Wolltest du deiner Familie einen Schrecken einjagen und dein Baby gefährden?“
„Vidian, hör auf damit“, entgegnete ich ruhig.
„Nein, ich höre nicht auf damit! Hast du eine Ahnung, was ich mir für Sorgen gemacht habe? Dir hätte etwas zustoßen können“, herrschte er mich an.
„Das bezweifle ich. Nur zur Erinnerung, ich habe den Erzdämon getötet. Ich glaube nicht, dass eine stärkere Kreatur als der Erzdämon in diesem Wald lebt“, versuchte ich scherzhaft die Situation etwas aufzulockern.
„Nein, aber du hättest auf Shemlen treffen können!“
Vidian kochte vor Wut. Bis eben hatte ich keinen Grund gesehen, mich ebenfalls aufzuregen, doch das ging lansgam zu weit.
„Oh ja, weil alle Menschen so böse sind!“, schnappte ich gereizt zurück.
Nichts was Vidian hätte sagen können, wäre auch nur annähernd so schlimm gewesen, wie sein anklagender Blick auf meinen geschwollenen Leib.
Einem inneren Reflex folgend legte ich schützend die Hände auf meinen Bauch und versuchte alle Beleidigungen, die ich meinem Bruder an den Kopf werfen wollte, herunterzuschlucken.
Ich wusste, wer mit diesem Blick gemeint war. Alistair.
Seitdem wir Denerim vor einem halben Jahr verlassen hatten, hatte ich mit ihm nicht mehr über eins der Ereignisse in Redcliffe gesprochen. Niemand außer Alistair, Morrigan, Devan und mir, wusste über das Ritual, welches Alistair und mir ermöglicht hatte am Leben zu bleiben.
Und niemand außer Devan und mir hatte von der Nacht gewusst, die wir miteinander verbracht hatten. Vidian und wahrscheinlich auch Zevran mussten glauben, dass mein Kind von Alistair war.
Deshalb schmerzte mich Vidians Blick umso mehr.
„Nicht alle Menschen sind böse!“, wiederholte ich knurrend.
Er ist für all das hier verantwortlich!“, entgegnete Vidian aufgebracht.
Sofort war ich auf den Beinen und machte zwei schnelle Schritte auf meinen Bruder zu. Der Fakt, dass er zu meiner Familie gehörte, rettete ihm wahrscheinlich in diesem Moment die Nase.
Ich sah ihn einen Moment zornig an, dann drehte ich mich auf dem Absatz um und stapfte zurück in den Wald.
Wie erwartet hörte ich seine Schritte hinter mir, doch ich drehte mich nicht zu ihm um.
„Vid, lass sie gehen“, hörte ich Zevrans Stimme wesentlich leiser als erwartet. Vidian antwortete ihm nicht und seine Schritte verstummten nicht.
Nach einer Weile hatte er mich eingeholt und griff schmerzhaft nach meinem Arm. So wurde ich wohl oder übel zum stehen bleiben gezwungen.
„Hör auf damit, Vidian! Du kannst mich nicht die ganze Zeit bewachen und bemuttern!“, fuhr ich ihn aufgebracht an und versuchte ihm, meinen Arm zu entreißen.
Doch Vidian ließ nicht locker. „Wenn ich nicht auf dich aufpassen würde, dann würdest du längst nicht mehr leben!“
„So ein Unsinn!“, entgegnete ich wütend.
„Wer passt denn bitte auf, dass du ordentlich isst, dich warm anziehst und nicht den ganzen Tag verschläfst? Manchmal kommt es mir so vor, als wärst du schon längst tot.“
Ich sah ihn verstört an. Was redete er da?
„Warum soll ich nicht den ganzen Tag im Bett liegen bleiben? Ich darf doch sowieso nichts machen. Jede körperliche Anstrengung könnte ja dem Baby schaden“, gab ich höhnisch zurück.
„Bei den Schöpfern, Elinor! Merkst du es überhaupt noch?“, stieß Vidian traurig aus. „Seitdem wir Denerim verlassen haben, bist du nicht nur lethargisch, sondern überempfindlich. Wenn ich versucht habe mit dir über Alistair zu reden, dann sahst du so aus, als hätte ich dich geschlagen. Oder schlimmer noch, du bist weggelaufen.“
Bei dem Klang von Alistairs Namen zuckte ich zusammen. Der seit Monaten so sorgfältig weggesperrte Schmerz, durchfuhr mich plötzlich und verursachte ein grausames Reißen unter meiner Brust.
Plötzlich schossen alle Gedanken, die ich mir nicht erlaubt hatte zu denken, durch meinen Kopf und füllten meine Augen mit Tränen.
Wahrscheinlich vermisst er mich gar nicht.
Er hat mich vergessen.
Es sind sechs Monate vergangen, genug Zeit um eine neue Frau zu finden, die den Platz an seiner Seite, als Königin Fereldens einnimmt.

Hastig drehte ich mich weg und umschlang meinen Oberkörper mit den Armen.
„Siehst du?“, sagte Vidian leise. „Ich habe jedes Mal Angst, irgendetwas Falsches zu sagen, wenn ich in deiner Nähe bin. Ich habe Angst dich irgendwie noch mehr zu zerstören. Er ist daran schuld, dass es dir so schlecht geht.“
„Lass mich in Ruhe“, wisperte ich schmerzerfüllt.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, lief ich zurück zum Lager und in den Aravel, den ich seit gestern wohl oder übel mit Vidian und Zevran bewohnte.
Vidians Felle waren völlig zerwühlt, doch mein Nachtlager war noch so ordentlich wie am Tag zuvor. Daneben lag mein leerer Rucksack mit dem aufgestickten Griffon. Irgendwo in ihm wusste ich die verzauberte Rose, die Alistair mir geschenkt hatte.
Mit klopfendem Herzen lief ich auf den Rucksack zu und ließ mich vor ihm auf die Knie.
Erst als ein Tropfen auf meinen Handrücken fiel, wusste ich, dass ich weinte. Vorsichtig griff ich nach dem Rucksack und fasste hinein.
Sofort ertasteten meine Fingerspitzen die kühlen, leicht feuchten Blütenblätter der perfekt aufgeblühten Rose.
Ein heftiges Schluchzen schüttelte meinen Körper, doch ungeachtet meines Schmerzes umfasste ich die Blume mit der ganzen Hand und zog sie heraus.
Der rotglänzende Anblick der Blütenblätter schnürte mir die Kehle zu.
Sofort steckte ich die Rose wieder in den Rucksack und warf ihn quer durch den Aravel, bevor ich mich auf meine Felle gleiten ließ und mir seit langer Zeit erlaubte bitterlich zu weinen.

Ich musste den ganzen Tag auf meinem Lager verbracht haben, denn als ich die Schreie hörte, war es schon recht dunkel draußen geworden.
Im Lager des Clans war irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung.
Hastig kam ich auf die Beine, legte meinen Umhang an und trat aus dem Aravel.
Der schmerzlich vertraute Anblick der leuchtenden Lampen, die an kleineren Bäumen aufgehängt waren, bekümmerte mich heute noch stärker als sonst.
Doch etwas anderes zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Lanaya und fast der gesamte Clan hatte sich versammelt. Sie standen um etwas herum, doch ich konnte nicht erkennen, um was, da sie mir die Sicht versperrten.
„Wir wollten Euch nicht angreifen! Ich schwöre es!“, rief jemand.
Hastig drängte ich mich zwischen den Elfen hindurch. Wer sprach da?
Ich kam neben der Hüterin zum Stehen und sah fassungslos auf die acht gefesselten Menschen, die in einer Reihe vor uns saßen.
Einen von ihnen hatten sie kopfüber an einen Baum gehängt.
Ich erkannte Ihre Rüstung nicht sofort, aber dann wurde mir klar, was das für Männer waren.
„Ihr habt in der Dunkelheit unser Lager beobachtet, Mensch. Für mich sieht es sehr danach aus, dass Ihr etwas stehlen wolltet, oder vielleicht sogar einen Angriff geplant habt“, erwiderte Lanaya ruhig.
„Nein, bitte!“, stieß der am Baum hängende Mann aus. „Wir suchen jemanden. Wir hatten nie die Absicht Euch zu schaden. Bitte lasst uns wieder gehen.“
Lanaya wechselte einen Blick mit meinem Bruder, der auch nicht weit entfernt stand.
„Holt ihn da runter“, sagte ich fest. Die Hüterin sah mich erstaunt an. „Ihr könnt doch auch mit ihm sprechen, wenn ihm nicht das ganze Blut in den Kopf schießt.“
„Es ist zu unserer Sicherheit“, erwiderte Lanaya mit leisem Erstaunen in der Stimme.
„Er wird nicht gefährlicher, wenn Ihr ihn gefesselt neben seine Kameraden setzt“, beharrte ich. Das Beben in meiner Stimme war kaum noch zu unterdrücken, so wütend war ich.
Die Kluft zwischen Menschen und Elfen wurde durch solche Auseinandersetzungen auch nicht kleiner. Keiner von beiden wollte dem anderen entgegenkommen.
Lanayas Blick suchte forschend in meinen Augen, doch dann sah sie Deygan an und nickte ihm zu.
Er löste das Seil um den Baumstamm, das den armen Kerl kopfüber vom Baum baumeln ließ und dieser fiel jetzt ziemlich unsanft zu Boden.
Er rappelte sich auf und kam keuchend auf die Beine. Doch bevor er wirklich aufstehen konnte, hielt Cammen ihm einen Speer unter die Nase.
„Sitzen bleiben“, knurrte er scharf. Der Mann sah die Speerspitze ängstlich an und gehorchte.
„Ihr sagtet, Ihr würdet jemanden suchen“, erinnerte die Hüterin den Mann wieder. „Wen?“
„Eine Magierin der Dalish. Man sagte uns, sie hieße Lanaya“, eröffnete der Mann vorsichtig. Der Clan sah erschrocken zu seiner Hüterin. Alle waren still.
„Nun, Mensch, die steht vor Euch. Sprecht“, erwiderte Lanaya. Die Besorgnis war ihrer Stimme kaum zu entnehmen.
„Man hat uns gesagt, Ihr wärt die… Anführerin Eures Stammes“, erzählte der Kerl weiter. Ich besah mir sein Gesicht etwas genauer. Was wollten diese Menschen nur von uns? Kannte ich ihn vielleicht?
Der Kerl mochte in etwa so alt sein wie ich, vielleicht noch jünger. Sein Gesicht war rundlich und sah freundlich und gutmütig aus. Die Männer, die ihn begleiteten, wirkten alle älter. Ein Wunder dass der junge Shem ihr Wortführer war. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur den kürzeren gezogen, weil er der jüngste war und musste nun mit den wilden Dalish verhandeln.
„Die Hüterin des Clans“, korrigierte Cammen ihn wütend und fuchtelte aufgebracht mit seiner Speerspitze vor dem Gesicht des Menschen herum.
„Genau!“, stieß er aus. Ich sah, wie sich ein leichter Schweißfilm auf seiner Stirn bildete. „Jedenfalls wurde uns gesagt, dass die Heldin von Ferelden bei Euch ist.“
Ich erstarrte. Alle Blicke richteten sich unwillkürlich auf mich. Ebenso die der Männer inklusive ihres Anführers.
Ich schluckte krampfhaft und versuchte nicht völlig verängstigt auszusehen.
„Was wollt Ihr von mir?“, fragte ich leise.
„Das ist vertraulich.“
Vidian war plötzlich neben mir und funkelte den Shemlen wütend an. „Wohl kaum“, knurrte er.
Doch bevor ich aufgebracht dazwischen reden konnte, gab Lanaya Cammen ein Zeichen, der wohl oder übel, die Fesseln des rundgesichtigen Mannes aufschneiden musste. Er erhob sich vorsichtig und sah sich fragend nach seinen Kameraden um.
„Folgt mir“, sagte ich an den Mann gewandt und ging ihm voran einige Schritte von der Versammlung weg.
Doch sofort war Vidian wieder bei mir und versperrte mir den Weg.
„Du wirst doch nicht ernsthaft allein mit dem Shemlen reden“, sagte er streng.
„Doch. Wenn du willst kannst du mitkommen, aber wenn du auch nur einmal dazwischen redest, dann schwöre ich dir, Vidian, werde ich dir irgendetwas brechen!“ Ich funkelte ihn so finster an, wie es nur ging. Und dann geschah etwas völlig unerwartetes. Er lächelte.
„Gut.“
Der Mann hatte unser Gespräch mit offenem Mund verfolgt, kam aber schnellen Schrittes hinter uns her, als wir mit ihm ein paar Meter vom Lager zwischen die Bäume gelaufen waren.
Ich drehte mich zu dem Mann um und sah ihn abwartend an.
„Wer schickt Euch? Und warum habt Ihr nach mir gesucht?“, wollte ich wissen.
„König Alistair hat mich und meine Männer in den Brecilianwald geschickt, um Euch nach einem großen Gefallen zu bitten.“
Ich zuckte unmerklich zusammen, aber mein Herz schlug erbarmungslos heftig gegen meine Brust. Er hat mich nicht vergessen!
„Der König hat Amaranthine, das einstige Artlum von Rendon Howe, den Grauen Wächtern zugesichert. Doch es kam nie zu der Neubildung des Ordens in Amaranthine. Die Grauen Wächter, die aus Orlais kommen sollten, um sich um den Orden zu kümmern, kamen nie in Ferelden an. Man vermutet, dass ihnen irgendetwas zugestoßen ist.
Der Orden aus Orlais weigert sich jedoch weitere Wächter nach Ferelden zu schicken. Und in Ferelden gibt es nur noch zwei lebende Graue Wächter. Also hat der König uns hierher gesandt, um Euch zu bitten, die Kommandantin der Grauen Wächter zu werden.“
Ich sah den Mann mit weit aufgerissenen Augen an. Jegliches Blut war mir aus dem Gesicht gewichen und ich musste aussehen, als ob ich einen Geist gesehen hätte, aber das war mir egal.
Vidian, der sich bis eben noch zurückgehalten hatte, räusperte sich geräuschvoll. „Meine Schwester ist gerade nicht in der Lage–“
„Vidian“, sagte ich leise. Ich ergriff ihn am Arm und zog ihn einige Meter von dem Kerl weg. Er schien zu verstehen, dass wir uns ungestört unterhalten wollten und drehte sich diskret weg.
„Was soll ich tun?“, fragte ich panisch. Meine Hand umklammerte seinen Arm viel zu stark, doch mich kümmerte nicht, ob ich ihm wehtun könnte.
„Du sagst, dass du nicht von hier weg willst und schickst die Männer weg. Ganz einfach“, erwiderte er ruhig.
„Nein, das geht nicht! Sie wissen, dass… Oh Andraste steh mir bei“, hauchte ich verstört. „Vidian, das Kind ist nicht von Alistair.“
Mein Bruder sah mich entgeistert an. Ich konnte kaum glauben, dass ich es ihm endlich gesagt hatte. Eigentlich wollte ich dieses Geheimnis bis ins Grab nehmen, oder zumindest so lange damit warten, bis man den Kind ansehen konnte, dass es eindeutig nicht nach Alistair schlug.
„WAS?! Aber… wie kann das sein?“, flüsterte Vidian aufgebracht.
Zum zweiten Mal an diesem Tag rannen mir die Tränen über die Wangen. Prüfend sah ich zu dem Mann herüber, der getrost außer Hörweite unseres Gesprächs war.
„Es gibt einen Grund, warum Alistair und ich den Kampf gegen den Erzdämon überlebt haben. Du darfst es niemanden sagen, Vidian.“
„Ich werde es niemanden sagen“, versprach er.
„Schwörst du es?“, fragte ich leise.
Er nickte. „Ich schwöre es.“
„Eigentlich hätte einer von uns sterben müssen. Aber Morrigan… sie hatte einen Ausweg. Ein Ritual, bei dem Alistair mit ihr… die Nacht verbringen musste. Aus Wut und Eifersucht und Dummheit habe ich… Beim Erbauer, Vidian! Ich habe einfach nicht nachgedacht! Es war so dumm und egoistisch!“
Ich brach in atemloses Schluchzen aus, doch mein Bruder hielt mich stützend fest. „Was hast du getan, Elinor?“, flüsterte er besorgt.
„Ich habe mit Devan geschlafen.“ Jetzt war es heraus.
„Und wenn Alistair davon erfährt, dann wird er mich hassen.“
„Aber er muss es nicht erfahren“, meinte Vidian und strich mir beruhigend über den Rücken. „Wenn du diese Männer wieder fortschickst, dann wird er nie etwas davon erfahren.“
„Sie haben mich gesehen!“, stieß ich angestrengt aus. „Sie haben mich gesehen!“ Eine Andeutung auf meinen Bauch, reichte aus um ihn verstehen zu machen. „Sie werden es ihm sagen und dann weiß er es auch. Aber wenn ich mit ihnen mitgehe, dann habe ich vielleicht die Möglichkeit es ihm zu erklären.“
„Elinor“, sagte Vidian sanft. „Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist. Selbst wenn du ihm alles erklären kannst, wird sich nichts an der Situation ändern. Er hat sich von dir getrennt um König zu sein. Und wenn du ihn siehst, dann wird es vielleicht nur noch schlimmer.“
Ich krallte mich an Vidians Hemd fest und biss mir etwas zu heftig auf die Unterlippe. Salziges, warmes Blut war auf meiner Zunge und machte mir unerklärlicherweise noch mehr Angst.
„Ich weiß, dass ich daran nichts mehr ändern kann, aber ich will nicht, dass mich Alistair für immer hasst, auch wenn ich nicht mehr Teil seines Lebens bin“, sagte ich leise und so gefasst wie möglich.
„Elinor, nein! Ich habe Angst, dass du noch kaputter bist, wenn du wieder zurück kommst“, erklärte Vidian verzweifelt.
„Aber hier hänge ich den ganzen Tag nur dunklen Gedanken nach, weil du mich absolut nichts tun lässt. Ich brauche eine Aufgabe, Vidian. Mein ganzes Leben lang hatte ich immer etwas zu tun. Nie hatte ich so viel Freizeit wie hier. Damit komme ich einfach nicht zurecht“, versuchte ich ihm klar zu machen.
„Dann komme ich mit“, sagte Vidian rasch.
„Nein“, wehrte ich ab. „Zevran ist gerade erst angekommen. Genieß deine Zeit mit ihm. Ich weiß, dass es dich belastet, dass es mir so schlecht geht. Du hast dich gut um mich gekümmert und ich war so ungerecht zu dir.“
Vidian sah mich weich an. Er schien etwas sagen zu wollen, doch dann nahm er mich einfach nur in den Arm. So hielt er mich eine ganze Weile, dann küsste er mich auf die Wange und ließ mich mit dem Boten reden.
„Habt Ihr Euch entschieden, Mylady?“, fragte er höflich.
„Ihr könnt mich Elinor nennen und ja, ich habe mich entschieden, Euch zu begleiten“, eröffnete ich ihm.
Der Mann lächelte breit und verneigte sich dann tief vor mir.
„Es ist mir eine Ehre die Heldin von Ferelden kennen zu lernen. Mein Name ist übrigens Millard. Der König hat mir befohlen, Euch sicher nach Denerim zu eskortieren und Euch alle Wünsche von den Lippen abzulesen, noch bevor Ihr sie überhaupt ausgesprochen habt.“
Ich wollte abwinken. „Ach, das ist überhaupt nicht nötig, Millard. Aber…Moment. Sagtet Ihr Denerim? Ich dachte, wir gehen nach Amaranthine?“, fiel mir auf.
„Nun, zuerst gehen wir nach Denerim. Der König wollte Euch zuerst dort empfangen und mit Euch über die bevorstehende Aufgabe reden.“
Ich schluckte mühsam und zwang mich zu einem Lächeln.
„Ach so.“

Die Hüterin gestattete den Menschen nahe des Lagers zu campieren, während ich meine letzte Nacht im Brecilianwald verbrachte.
Vidian überredete Pelin schließlich dazu mich nach Denerim zu begleiten. Ich verstand meinen Bruder nach dem heutigen Tag besser und nahm es ihm nicht übel, dass er mich nicht allein lassen wollte. Trotzdem hoffte ich darauf, dass Pelin lieber hier bleiben wollte.
„Ich komme gerne mit“, sagte sie strahlend und zerstörte meine Hoffnungen, wie eine platzende Seifenblase.
Bevor es richtig dunkel wurde, war Vidian noch einmal mit Deygan und Cammen zum Jagen aufgebrochen. Er sagte, er vertraute den Menschen nicht und glaubte, dass sie nicht für ordentliches Essen auf der Reise sorgen würden, also müsste er sich darum kümmern.
Pelin packte meine und ihre Sachen zusammen, während ich neben Zevran am Feuer vor unserem Aravel saß.
„Freust du dich nicht?“, fragte er nach einer Weile.
Verwundert sah ich ihn an, dann schüttelte ich den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Ich habe Angst, aber ich freue mich nicht.“
„Wenn ich du wäre, würde ich mir geehrt fühlen. Alistair hat extra diese Männer losgeschickt, um dich zu suchen. Es ist so gut wie unmöglich einen einzelnen Clan in diesem verflucht großen Wald zu finden. Ich weiß, wovon ich spreche. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Leute nicht die einzige Patrouille sind, die nach dir suchen.“
„Wahrscheinlich braucht er wirklich nur eine neue Wächterkommandantin und denkt sich nichts weiter dabei“, winkte ich ab. Es gab ja wirklich nicht mehr viel Auswahl, wer den Job machen könnte.
„Wächterkommandantin… Klingt doch ganz hübsch. Ich bin mir sicher, dass er diesen Titel nicht jedem verleihen würde“, sagte Zevran wissend lächelnd.
Duncan war Kommandant gewesen, als wir den Wächtern beigetreten waren. Alistair hatte Duncan praktisch vergöttert. Konnte es tatsächlich etwas bedeuten, wenn er mir die Nachfolge seines Idols anvertraute?
„Selbst wenn es so wäre. Alistair weiß nicht…“, begann ich, brach dann jedoch ab. „Lass uns nicht weiter drüber reden, okay? Hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie froh ich bin, dass du hier bist?“
Zevran grinste mich spitzbübisch an. „Tut mir Leid, Elinor. Dein Bruder hat das Vorrecht.“
„Och wie schade“, gab ich nicht besonders witzig zurück.
Ich hatte so viel Angst, ich konnte nicht mal mehr normal mit den Leuten reden. Die ganze Nacht lag ich wach, was zum größten Teil auch daran lag, dass ich es von Vidians Nachtlager ständig rascheln hörte.
Ein Aravel war nicht gerade die beste Behausung, wenn es ums Thema Privatsphäre ging. Irgendwann zog ich mir einfach die Decke über den Kopf und zählte meine Herzschläge, bis ich schließlich erschöpft einschlief.
Der nächste Morgen kam unerwartet früh und ich wurde von Pelin geweckt. Mein alter Rucksack mit dem aufgestickten Griffon war prall gefüllt mit Kleider, Proviant und allerhand anderem Krams.
Ich trug keine Rüstung, nur eine enganliegende Hose, mit einer längeren Tunika, die knapp unter der Brust verschnürt wurde. Dazu Stiefel, eine Lederweste und den Umhang mit der Brosche aus Hallahorn.
Doch meine Messer und den Bogen nahm ich auch mit. Als alles sicher an meinem Rücken verstaut war, verabschiedeten Pelin und ich uns von unserer Familie.
Vidian umarmte mich lange und ich hatte das Gefühl, dass er mich gar nicht mehr loslassen wollte. Zevran musste ihm schließlich in den Hintern zwicken, um mich von ihm zu befreien. Die beiden versprachen mir mich gegen Anfang Dezember in Amaranthine besuchen zu kommen. Etwa zu diesem Zeitpunkt würde ich das Baby bekommen.  
Cindra wollte mir am liebsten noch eine ganze Tasche mit tausend anderen wichtigen Sachen mitgeben, die man brauchte, falls man mal einen Baum fällen oder ein Schaf scheren wollte.
Conley weinte ein bisschen, weil er seine beiden neuen großen Schwestern verlor. Fast alle Kinder des Clans kamen, um sich von ihrer Geschichtenerzählerin zu verabschieden, und das obwohl ich seit Wochen nichts mehr erzählt hatte.
Cailan ließ ich bei meiner Familie. Ich wollte nicht, dass sich Pelin um mich, das Baby und einen Hund kümmern musste, falls doch alles nicht so ablaufen würde, wie ich es mir wünschte.
Dann folgten Pelin und ich winkend unseren menschlichen Führern und verließen den Clan der Dalish.


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So... das war Kapitel zwei und ihr merkt bestimmt, dass es ein bisschen so anfängt wie Awakening. Denn im Grunde fand ich die Idee ganz gut, dass man den Orden der Grauen Wächter neu aufbauen soll und bla. Aber natürlich werden sich die Ereignisse aus Awakening zum allergrößten Teil nicht wiederholen, da ich es einfach satt habe vorgefertigten Plots zu folgen.
Kleine Vorwarnung: Im nächsten Kapitel wird es echt hässlich. Ihr habt bestimmt schon gemerkt, dass nicht grad alles Eierkuchen ist. Aber naja. Ihr werdet sehen. ^^
Danke fürs Lesen!

PS: Neun Reviews fürs erste Kapitel! Ihr spinnt! Ihr seid die geilsten Leser die man sich vorstellen kann! Bleibt wie ihr seid!! Lieeeeeebe! <3<3
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