Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Erste Diener

Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Tragödie / P18 / Gen
C.C Cornelia Jeremiah Gottwald Lelouch Lamperouge Nunnally Lamperouge Schneizel
23.03.2011
19.09.2012
23
74.352
2
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
23.03.2011 3.906
 
"AND VERILY I SAY UNTO YOU A BURNING BUSH SHALL COME OUT OF A WHITE HOUSE AND BURN EVERYTHING!" -- Not the Messiah (He's a very naughty boy), ein Oratorium basierend auf Monty Pythons "Life of Brian".

Bitte entschuldigt die lange Wartezeit -- ich lebe noch. Zu meiner Verteidigung, ich war ziemlich beschäftigt mit meiner Facharbeit (Englische Verfassungsgeschichte im Mittelalter) und [Werbung]zwei CG-Oneshots: http://www.fanfiktion.de/s/4f247f690000c7d906625d78 Decay, "„Was … was ist das …?“, entfuhr es ihr matt. Sie schlug die Hand vor den Mund; zu spät. Der Kopf des Mannes am Klavier schnellte empor. „Was ist was?“, stellte er die Gegenfrage. Seine Stimme war so kalt und schneidend wie die Luft in dem verfallenen Garten." und http://www.fanfiction.net/s/7833495/1/Right_to_Revolution Right to Revolution, meinem Valentinsoneshot für meine Freundin -- ausnahmsweise Suzalulu. Ein Crime/Politdrama mit einem seltenen Happy End.[/Werbung]. Und natürlich mit den einzigartigen Pythons.


Siebzehntes Kapitel

Hauptquartier der Heeresgruppe Süd der Kaiserlichen Streitkräfte, La Palma, Militarisierte Zone Area 4, Holy Britannian Empire
28. März 2034

Langsam setzte der Helikopter der Marine auf dem Flugplatz auf. Staub wurde aufgewirbelt, Lord Gottwald zupfte seine Handschuhe zurecht. Die kleine Ehrengarde, die er hatte zusammentrommeln lassen, präsentierte.
Die Tür des Hubschraubers wurde geöffnet und General Cornelia, gefolgt von Lord Guilford, stieg aus. Sich unter wirbelnden Rotorblättern duckend, eilten sie auf ihn zu und blieben schließlich vor ihm stehen. Gottwald salutierte.
Prinzessin Cornelia trug volle Galauniform, von dem scharlachroten Frack der Garderegimenter und dem Degen an ihrer Seite über zahlreiche Orden und Medaillen bis zu den in der Sonne gleißenden Großkreuzen von Hosenband-, Blume-Amerikas- und Elisabeth-III.-Orden, die ihre Brust zierten. Sie erwiderte den Gruß und Gottwald ließ die Hand sinken.
„Willkommen zurück, Hoheit. Milord Guilford. Verzeiht, dass wir nichts vorbereitet haben, wegen der Funksperre wussten wir nicht, wann Ihr kommen würdet.“
Cornelia nicke grimmig. „Lord Gottwald. Wie ist unser Status?“
Er wies unbestimmt zu den Soldaten der Ehrengarde hinüber. „Nicht jetzt“, meinte er, „Nicht hier.“ Gottwald wandte sich um. „Wenn Ihr mir folgen würdet …“
Sie marschierten das Flugfeld entlang auf den niedrigen grauen Gebäudekomplex an dessen Rande zu. Darüber flatterte die britannische Flagge im Wind, ausgefranst und fadenscheinig. Graue Gebäude, grauer Himmel, grauer Schlamm.
Stumm wurden sie durch mehrere Sicherheitskontrollen vor dem Gebäudekomplex hindurchgewinkt, dann traten sie durch eine Panzertür. Die Eingangshalle des Hauptquartiers war karg und leer, überall roher Beton. Stahltüren, ein Aufzug; Jeremiah betätigte den Rufknopf.
„Wie war es in der Hauptstadt?,“ fragte er in die Stille hinein. Die Aufzugstüren öffneten sich, sie traten in die kleine stählerne Kammer.
„…unangenehm,“ erklärte sie während sie nach unten fuhren. „Das Kriegsministerium ist immer noch ein Saustall. Korruption wohin das Auge blickt … deshalb hat auch der Nachschub Ende letzten Jahres kaum noch funktioniert – ich habe Thomas dagelassen, um die Umstrukturierung zu leiten.“
„Und im Parlament? Haben die Commons gehorcht?“ Dem Unterhaus Rede und Antwort für eine Verdopplung der Heimatverteidigungsabgabe zu stehen war der Hauptgrund für Cornelias Reise nach New Haven gewesen.
Die Prinzessin zuckte hilflos mit den Schultern. „Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass der Pöbel sich eines Tages trauen würde, so mit einer Prinzessin vom Blute Eowyns umzuspringen, ich hätte es nicht geglaubt. Sie haben mich stundenlang mit Fragen und Anschuldigungen überhäuft … ob mir die Berichte über 'Kriegsverbrechen' bekannt wären, ob mir bewusst wäre, dass dreiundsiebzig Prozent der Bevölkerung gegen eine Fortführung des Krieges wären …“ Sie schnaubte. Die Aufzugstüren öffneten sich und sie traten hinaus in das Herzstück des Hauptquartiers. Ein paar Stabsoffiziere erhoben sich von ihren Arbeitsplätzen, die Arbeitsgruppe Logistik sah noch nicht mal auf.
Gottwald befahl den Offizieren, sie allein zu lassen. Widerstandslos gehorchten sie. Einer nach dem anderen zogen sie sich in die angrenzenden Stabsräume zurück.
Guilford blickte, weiterhin stumm, seine Prinzessin an, die leicht nickte. Dann verneigte er sich und folgte dem erweiterten Stab. Erst, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sprach Cornelia weiter.
„Weißt du, Jeremiah, ein Abgeordneter hat am dritten Tag allen Ernstes einen Gesetzesvorschlag eingebracht, der den Krieg beendet, die Republik eingeführt und Nunnally, Schneizel und mich wegen Kriegsverbrechen angeklagt hätte.“
Angewidert verzog Jeremiah das Gesicht. „Abartig. Ich hoffe, du hast dir eine Kompanie Gardeinfanterie genommen und das Plauderkränzchen auseinandergetrieben?“
Nachlässig streifte Cornelia ihre Handschuhe ab und warf sie auf den Kartentisch, zwischen dem dritten und dem fünften Grabennetz. „Hätte ich gern gemacht. Hätte ich wirklich zu gern gemacht … aber Nunnally hat die Auflösung des Parlamentes verweigert.“
Er nickte verstehend. „Sie ist zu gut. Aber … du hast das Geld bekommen?“
„Die Abgabe haben sie verdoppelt wie befohlen, wenn auch zähneknirschend. Hundertfünfzig Milliarden Pfund haben sie uns außerhalb des Budgets zugestanden und Nunnally hat zwanzig Milliarden aus den Kronländereien dazugetan.“
Jeremiah zog einen zerknitterten Ausdruck aus der Tasche seiner Uniform und überflog ihn. „Williamsons Analysten haben ihre Prognosen revidiert“, erwähnte er beiläufig. „Es war ziemlich aufwändig, unsere Landungsköpfe zu evakuieren, ganz zu schweigen von den Verlusten an Material, die wir beim Rückzug an den Atrato River erlitten haben. Sie nehmen jetzt um die fünfhundert Milliarden an, um die Verluste zu ersetzen und unsere Verteidigungspositionen auf die nötigen Standards zu bringen.“
Cornelia sah nicht von ihrer Inspektion der Karten auf dem Tisch auf. „Sag Williamson, er wird die doppelte Leistung mit halbem Budget erbringen. … ihr habt Höhe 734 verloren?“
„In einem Scharmützel letzte Woche.“ Er beugte sich vor und wies auf einige andere Kartenpunkte. „Die Regenzeit ist bisher stärker ausgefallen als erwartet. Der Atrato ist weit über die Ufer getreten und hat den ersten Graben hier, hier und hier überschwemmt. Wir haben uns für den Moment in den zweiten zurückgezogen.“
Cornelia nickte und fuhr nachdenklich mit einem spitzen Zeigefinger die Frontlinie nach. „Ansonsten hat sich nicht viel getan?“ Jeremiah schüttelte den Kopf. „Und was ist mit unserer … anderen Angelegenheit?“
Schlagartig schien die Temperatur in dem unterirdischen Kommandozentrum um mehrere Grad zu fallen. Es war unangenehm still.
„Ich bin mir mittlerweile sicher, dass wir mehrere Verräter haben,“ gab Jeremiah dann leise zu. „Ich habe intensiv die fünfzehn Zwischenfälle in den letzten beiden Jahren untersucht, die sich deiner Ansicht nach nur durch Verrat erklären lassen. Uns beide nicht mitgezählt, gab es insgesamt 852 Offiziere, die alle nötigen Details kannten – dabei allerdings nur achtzehn, die von allen Plänen wussten.“
Cornelia sah auf und runzelte frustriert die Stirn. „Achtzehn … immerhin etwas. Wer?“
„Niemand von Bedeutung. Ich halte es bei allen relativ unwahrscheinlich, aber … sieh selbst.“
Langsam reichte er ihr den zusammengefalteten Ausdruck über den Kartentisch. Einen Moment lang starrte die Prinzessin erst ihn an, dann das Papier.
„Es wird mir nicht gefallen, oder?“, meinte sie trocken. Dann nahm sie den Ausdruck, faltete ihn auseinander und überflog ihn.
Jeremiah beobachtete sie genau, während sie las. Er wollte ihre Reaktion nicht verpassen – und in der Tat, da war sie. Klein, unscheinbar, doch sie war da: ein Zucken ihrer Schläfe, eine Hand, die beiläufig eine Haarsträne hinters Ohr schob.
Cornelia legte das Blatt auf den Kartentisch. „Und, was denkst du?“, hakte er nach.
„Schwierig“, meinte sie nach einer langen Pause. „Die Nachforschungen werden heikel. Auf dieser Liste gibt es keinen Verdächtigen, der kein mit Titeln und Ehren überhäufter Kriegsheld ist. Eine offene Ermittlung wäre politischer Selbstmord.“
Jeremiah sah ihr fest ins Gesicht. Bis auf das Summen der Computer war es vollkommen still. „Muss ich dich an deinen Eid erinnern, Cornelia?“
Sie verzog unwillig das Gesicht. „Ich weiß, ich weiß. Den Frieden zu schützen und Britannias Blutlinie zu wahren. Muss ich Euch daran erinnern, dass ich Euer kommandierender Offizier bin, my Lord Knight of One?“
„Dies ist keine Angelegenheit der Streitkräfte, Cornelia, darauf haben wir uns doch geeinigt. Es geht um die Sicherheit des Reiches und, noch viel wichtiger, um Nunnally.“
„Ich denke, Jeremiah, du hast vergessen, dass ich nicht im Orden bin, weil ich Lelouch verehre,“, erwiderte Cornelia kühl, „im Gegensatz zu dir und Nunnally.“
„Also würdest du deine eigene Schwester, die auch noch deine Kaiserin ist, ans Messer liefern um diesen Krieg zu gewinnen?“
Cornelia senkte für einen Moment nachdenklich den Blick. „…wenn es notwendig ist, um Britannia zu retten … vielleicht. Es gibt nichts, wovor es mir mehr graut als vor der Vorstellung, diesen Krieg zu verlieren. Du weißt, es wäre der erste. Und ich kann dir versichern, Jeremiah, dass ich nicht ruhen werde, ehe das Reich wieder eins und der Kopf des Verräters Charles Wellesley-Beauforts vor New Westminster aufgespießt ist.“

Tokyo, Republik Japan, United Federation of Nations
14. April 2034

Stumpf starrte ich auf die Aufgabenstellung. Zur Beschreibung der elektrischen Vorgänge bei einem Gewitter soll eine geladene Gewitterwolke in 1,5 km Höhe zusammen mit dem Boden stark vereinfacht als „Naturplattenkondensator“ mit der Fläche 15 km2 betrachtet werden. Die Wolkenunterseite besitzt gegenüber dem Boden das Potential ϕ = 3,0 · 107 V. Wegen der zunächst noch trockenen Luft kann die Kapazität wie bei einem Kondensator im Vakuum berechnet werden. Ermitteln Sie die Kapazität und die Ladung dieses Kondensators sowie die elektrische Feldstärke E.
Ich schluckte. Okay, noch einmal durchlesen. Ich verstand genauso viel wie beim ersten Mal. Dann zog ich mein Physikbuch heran, um die Wörter Plattenkondensator, Potential, Kapazität, Kondensator und elektrische Feldstärke nachzuschlagen. Ich blickte aus dem Fenster.
Es war einer der ersten warmen Tage nach einem langen, kalten Winter. Auf den weiten Rasenflächen des Campus' von Ashford Academy saßen die Schülern in kleinen Gruppen in der Sonne. Die Hochhäuser Tokyos blitzen gleißend im hellen Tageslicht. Ich sah wieder auf das Aufgabenblatt.
Es schien mir ausgesprochen uninteressant.
Schon nach wenigen Unterrichtsstunden war offenbar geworden, dass ich in den Naturwissenschaften mehrere Jahre hinterherhinkte, während ich in den Sprachen und Geisteswissenschaften den meisten Stoff bereits behandelt hatte. Ich dachte mir, dass der Premierminister mit dieser Zusammensetzung meines Lehrplans wohl irgendeine Absicht verfolgt hatte, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb er darauf verzichtet hatte, mir ausreichenden Unterricht in den Naturwissenschaften zukommen zu lassen. Wieder starrte ich auf die Aufgabe, las sorgfältig jedes Wort und suchte nach Hinweisen.
Ich verstand kein Wort.
Es war warm in meinem Zimmer, trotz der weit geöffneten Fenster. Vielleicht sollte ich mich in den Dachgarten des Clubhauses setzen oder nach unten in den Park gehen?
Auf dem Korridor hörte ich Schritte, ich runzelte die Stirn. Jeanne war erst vor wenigen Minuten in die Stadt gegangen. Hatte sie etwas vergessen?
Schlagartig wurde meine Tür weit aufgerissen. Ja, definitiv Jeanne.
„Was fällt dir ein, dich hier drin zu verkriechen?“, rief Kate. Ich zuckte zusammen und drehte mich zu ihr um.
„Ähm, Hausaufgaben …“, meinte ich kleinlaut. Kate wedelte abweisend mit der Hand.
„Nichts da. Die Sonne scheint, Dummkopf. Du kommst jetzt gefälligst mit mir raus. Du kannst reiten?“
Ich blinzelte. „Klar, aber ich muss Hausaufgaben machen …“
Ohne mit der Wimper zu zucken, griff Kate nach dem Aufgabenblatt vor mir und warf es in den Papierkorb neben dem Schreibtisch. „Jetzt nicht mehr … oh, du spielst Schach?“ Ich folgte ihrem Blick. Die glatten Marmorfiguren des Schachspiels in der Ecke des Tisches glühten im Sonnenlicht. Ich nickte. „Ja, aber …“
„Bist du gut?“, unterbrach sie mich, zog das Brett heran und setzte sich auf die Tischkante.
Ich errötete. „Äh, geht so“, murmelte ich. „Aber ich muss jetzt wirklich mit meinen …“
„Ich habe Weiß“, sagte Kate nur und … e2-e4.
„... Hausaufgaben weitermachen“, beendete ich irritiert meinen Satz.
Pause.
„SCHACH!“, rief Kate dann, und ich zuckte zusammen.
„Was … was soll das?! Du hast gerade erst deinen ersten Zug gemacht!“, empörte ich mich.
„Ist mir egal. Wer nicht spielt, verliert. Schach!“
Einen Moment lang starrte ich sie ausdruckslos an, dann seufzte ich. „Ich habe keine Wahl, oder?“ Kate grinste. Ich blickte kurz aufs Brett, spielte dann den Standardzug, e7-e5. Wenn ich schon spielen müsste, würde ich zumindest gewinnen, nahm ich mir vor.
Klick, klack, klick. In rascher Folge zogen wir. Sie war nicht schlecht, aber auch nicht gut – obwohl ihre Züge im Wesentlichen gut waren, gab es immer eine Möglichkeit, die sie nicht bedachte. Klick, klack, klick …
Der rasche Schlagabtausch dauerte gut fünf Minuten. Ich zog meinen verbliebenen Läufer auf f3. „Schach“, sagte ich. Matt in fünf. Kate stieß zwischen den Zähnen einen Fluch aus, auch sie hatte ihren Fehler erkannt.
„Du bist besser, als ich dachte“, murmelte sie verärgert. Dann sprang sie auf, grinste mich an. „Okay, ich hab gewonnen. Komm mit.“
„W... was?!“, konnte ich noch sagen, dann ergriff Kate schon meine Hand und zog mich zur Tür hinaus. Ich stolperte ihr hinterher, aus der Wohnung, in die Eingangshalle hinunter, sie ignorierte meine verwirrten Fragen. Erst, als wir das Clubhaus verlassen hatten, ließ sie mich los.
„Was … sollte das denn?“, fragte ich, außer Atem. Verschmitzt grinsend drehte sich Kate zu mir um. „Jetzt schlagen wir Profit aus deinem Talent. Keine Sorge, wir machen halbe-halbe.“

Der Türhüter verschränkte grimmig die Arme. Kate lächelte ihn zuckersüß an. Ich versuchte, mich hinter ihr zu verstecken. „Ihr könnt mir doch nicht erzählen, dass ihr achtzehn seid“, knurrte der Türhüter. Er war mindestens zwei Köpfe größer als ich und doppelt so breit und schwer.
Meine Versuche, Kate zu bedeuten, dass wir abhauen sollten, blieben unbeachtet.
„Gut, vielleicht war das nicht ganz wahr“, fuhr Kate fröhlich fort. „Aber, hey, ist doch egal wenn wir noch nicht achtzehn sind – wir wollen einfach nur rein und spielen, schadet doch niemandem!“
Der Gorilla runzelte die Stirn. „Könnt ihr vergessen,“ knurrte er, „Ihr kommt hier nicht rein.“
Ich nickte, zog an Kates Hand. „Komm schon,“, murmelte ich, „lass uns gehen. Ich sagte doch, das wird nichts.“
Kate rührte sich nicht vom Fleck. „Sag mal, bist du eigentlich zufrieden mit deinem Leben?“, fragte sie den Gorilla. Ich zuckte zusammen. Unauffällig sah ich mich in der menschenleeren Seitengasse um, weit und breit war niemand zu sehen. Sah nicht aus, als hätten wir besonders große Chancen, mit dem Leben davonzukommen.
„Ich meine, du könntest doch bestimmt woanders sehr viel mehr verdienen“, fuhr Kate fröhlich plappernd fort. „Wie viel verdienst du?“
Der Gorilla zögerte. Er war mindestens zwei Meter groß und grob geschätzt würfelförmig. Blanker Schädel, Walrossschnauzbart. Wahrscheinlich ein Kind britannischer Siedler, nach der Revolution in Ungnade gefallen.
„Viel kann es ja nicht sein, oder? Gerade genug, um zu überleben?“, hakte Kate nach. Langsam nickte der Gorilla. „Na also, geht doch. Weißt du, du könntest dir einiges dazuverdienen. Wir Ashfords wissen, was wir unseren Freunden schuldig sind …“
Etwas an der Art, wie sie ihren Familiennamen betonte, irritierte mich. Zwei Gedanken schossen mir durch den Kopf: erstens, wie konnte sie sich so auf ihre Eltern verlassen. Zweitens, Ogottogottogottdasüberlebenwirnicht.
Der Gorilla schnaubte. Ich wich einen Schritt zurück.
Dann trat er beiseite und gab die Tür frei. „Ist ja nicht so, als hätte ich heute nicht schon 'ne Schülerin reingelassen …“, murmelte er. „Viel Spaß.“
Kate warf mir einen triumphierenden Blick zu. Ich verdrehte die Augen, konnte jedoch meine Erleichterung nicht verbergen. Wir betraten das Kasino.
Eine Treppe führte hinunter. Es dauerte einen Moment, bis meine Augen sich an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Es sah nicht aus, wie ich es mir vorgestellt hatte – es gab eine schmierige Bar, hinter der ein Mann gelangweilt Gläser putzte, ein paar blinkende Spielautomaten in der Ecke. Es waren keine Spieler zu sehen. Fragend sah ich Kate an.
„Ich dachte, das hier könnte für den Einstieg ganz gut sein“, rechtfertigte sie sich. „Im Nebenzimmer spielen sie um überraschend hohe Einsätze, hab ich gehört.“
„Aber … wie soll ich denn da mithalten?“, murmelte ich unbehaglich, während wir bereits das besagte Nebenzimmer betraten.
„Schwachsinn“, erwiderte Kate nur. „Notfalls versetzt du halt ein paar kleine Diamanten von deiner Rangkrone … oder Neufundland oder so.“
Ich seufzte resignierend und sah mich um. Hier gab es keine Spielautomaten, sondern lediglich zwei lange Reihen von Schachtischen und bequem aussehenden Sesseln daran.. Auf kleinen Tischchen standen Uhren. Fünf Partien waren im Gange, etwa ein Dutzend weiterer Spieler standen um einen der Tische herum. Ich konnte nicht sehen, wer spielte.
Mit Kennerblick pickte Kate sich einen der Zuschauer heraus. „Der da sieht gut aus“, sagte sie nur und marschierte schnurstracks auf ihn zu. Ich war längst über das Stadium hinaus, in dem ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.
Kate tippte dem Mann auf die Schultert und forderte ihn – in meinem Namen – heraus. Mir wurde schwindlig; ich setzte mich an einen der freien Tische.
Der Mann, obwohl reichlich verdutzt, dass er gegen einen Schüler spielen sollte, kam und setzte sich mir gegenüber. „Leonato Dogberry“, grüßte er, trotz offensichtlich falschen Namens, höflich und streckte seine Hand aus. Ich schüttelte sie, kurz und kraftlos. Ich zitterte. „A...Alexander Lamperouge.“
„Wie wär's mit 50 000 Pfund für den Anfang?“, schlug er vor. Alles an ihm sah nach Geld aus. Er trug einen Designeranzug, in dem er auch bei Hofe nicht underdressed gewesen wäre.
Ich schluckte. Was, wenn ich verlor? So schnell hatte ich mich eigentlich nicht enttarnen lassen wollen … Ich öffnete den Mund – „100 000“, sagte da Kate. Entgeistert starrte ich sie an, sie zwinkerte mir zu.
Noch bevor ich etwas sagen konnte, hatte mein Gegner zugestimmt. Er war Weiß und zog seinen Bauer, e2-e4. Die Uhr startete.
Ich starrte Kate an, die enthusiastisch zusah, dann meinen Gegner. Ich dachte an meine Partien gegen den Premierminister, Jeremiah und Henry. Dann nahm ich einen der schwarzen Bauern auf und zog. e7-e5.

Eine halbe Stunde später war ich fertig mit den Nerven, um geschätzte fünf Liter Angstschweiß ärmer und um einhunderttausend britannische Pfund reicher.
Erschöpft ließ ich mich in den bequemen Sessel zurückfallen, schloss für einen Moment die Augen. Kate reichte meinem Gegner triumphierend einen Kugelschreiber und einen Blankoscheck, er schrieb ohne mit der Wimper zu zucken einhunderttausend Pfund auf. Ein leises Kritzeln, als er unterschrieb.
Kate griff nach dem Scheck, doch plötzlich zog mein Gegner ihn zurück. „Ich habe keine Ahnung, wie du das gemacht hast, Junge“, knurrte er. „Ein bloßer Schüler hätte mich nicht so einfach besiegen können …“     
Ich öffnete den Mund, um zu protestieren – ich hatte fair gewonnen, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, zu betrügen.
„Pass auf. Ich bin ein Gentleman, ich werde hier keinen Streit anfangen. Du spielst jetzt noch einmal – ich bin der zweitstärkste Spieler, der hier ist. Du spielst jetzt gegen den besten. Wenn du gewinnst, kriegst du das Geld. Einverstanden?“
Ich zögerte, sah dann Kate an. „Aber … er hat gewonnen!“, empörte sie sich. „Sie haben Ihr Ehrenwort gegeben! Wie soll er denn bitte betrogen haben?“
Ich senkte den Blick. Was hatte ich denn für Möglichkeiten? Ich konnte auf das Geld verzichten und gehen – aber ich wollte Kate nicht enttäuschen, die mich so enthusiastisch hierher gebracht hatte. Ich konnte auf das Geld bestehen – aber wahrscheinlich würden wir hochkant rausgeworfen werden. Oder ich konnte auf sein Angebot eingehen –
Was war denn mein Risiko?, dachte ich, während ich begann, die Figuren neu aufstellte. Es war nicht größer als bei meiner ersten Partie. Einhunderttausend Pfund, die ich mir eigentlich nicht leisten konnte. Aber ich hatte gegen den Premierminister remis spielen können, und dieser Mann reichte nicht annähernd an ihn heran. Vielleicht war der stärkste Spieler im Kasino näher am Premierminister, aber … es war ein Risiko, das ich eingehen musste.
Ich nickte und murmelte „Einverstanden“.
„Aber … was?! Alex, das … das kannst du doch nicht mit dir machen lassen! Du hast gewonnen! Los, lass uns gehen …“
Ich ignorierte Kate, sah auf. „Ich werde spielen“, sagte ich nur. „Gegen wen?“
Der Mann lächelte. „Einen Moment bitte.“
Er erhob sich, ging zu dem von Zuschauern umstandenen Tisch hinüber. Kate beugte sich vor. „Was soll das?“, zischte sie mir ins Ohr. „Was zur Hölle willst du damit bezwecken? Wenn du mich damit beeindrucken willst oder so …“
Ich errötete. Diese Idee war mir gar nicht in den Sinn gekommen; wahrscheinlich hätte es auch nicht geklappt. „N...nein!“, stritt ich es schnell ab. „Das ist es nicht.“
„Was dann? Es kann dir doch nicht auf einmal um das Geld gehen.“
Wieder schüttelte ich den Kopf. „Nein, es ist nicht das Geld … ich weiß nicht recht. Ich … habe so oft verloren. Ich möchte, ich muss diese Chance ergreifen.“
Kate setzte zu einer Antwort an, brach jedoch ab, als die kleine Menschentraube um den Tisch in der Ecke sich auflöste und geschlossen an unseren Tisch hinüber kam. Ich errötete. Ein gutes Dutzend … mein letzter Gegner sprach mit einem Spieler, den ich nicht sehen konnte. Kate und ich sahen erwartungsvoll auf, als sie sich um unseren Tisch formierten, gierig nach Unterhaltung.
Eine Gestalt löste sich aus der Gruppe, kam an den Schachtisch und ließ sich in den Sessel fallen. Falls sie ebenso verblüfft war wie wir, vermochte sie es hervorragend, es zu verbergen.
Es war eine junge Frau, nicht älter als Kate und ich. Sie trug ein rüschenbesetztes schwarzes Kleid; beiläufig strich sie sich eine rabenschwarze Haarsträne hinters Ohr. Ich schluckte, wie immer ertrank ich in ihren honigfarbenen Augen.
„Ich weiß nicht“, gab sie zu, offenbar völlig ungerührt, „Es kommt mir ein wenig surreal vor. Natürlich, Ironie des Schicksals, man trifft sich immer zweimal, Dramaturgie und all das, aber wie statistisch ist es denn, gerade euch beide hier zu treffen?“
Kate unterdrückte ein Kichern. „Freut mich auch, dich zu sehen … Jeanne.“
„Moment, ihr kennt euch?“, fragte mein letzter Gegner alarmiert. Jeanne ignorierte ihn. „Was macht ihr hier?“
„Spielen, was sonst?“, setzte Kate zurück. „Ich wusste nicht, dass du Schach spielst. Hey, Alex, bereit?“
Irritiert löste ich meinen entgeisterten Blick von Jeannes hypnotischen Augen und sah über die Schulter. „Ähm … woher dieser Geisteswandel?“
Kate grinste breit. „Ist doch egal, ob du jetzt verlierst“, sagte sie. „Es ist Jeanne, kein Grund, um deine Ehre oder so zu kämpfen. Wenn du verlierst, legen wir halt zusammen, schließlich habe ich dich hierher gebracht.“
Jeanne hob belustigt eine Braue. „Also, was ist jetzt, Alex? 30 Minuten für jeden. Spielst du oder spielst du nicht?“
Ich wandte ihr wieder den Blick zu, brachte ein Lächeln zustande. Ich vermied es, ihr in die Augen zu sehen; wollte einen klaren Kopf behalten. Für einen kurzen Moment weitete sich das amüsierte Lächeln auf ihren Lippen. Ich senkte den Blick, starrte aufs Brett.
Zweimal acht schwarze Figuren waren fein säuberlich vor mir aufgereiht. Eine Armee zu führen, nein – einen Tanz zu gewinnen galt es. Sie würden mir folgen, ohne zu fragen, ja – aber konnte ich einfach so ziehen? Sie – und mich – zu einer ungewissen Zukunft und größter Todesangst verdammen?
Die Stimme der Vernunft irgendwo weit hinten in der finstersten Ecke meines Hirns bemerkte, dass es sich nur um ein Spiel handelte. Ich ignorierte sie.
„Ja,“, sagte ich dann fest, „ich spiele.“ Dann wies ich auf ihre Figuren, die weißen. „Nach dir.“
Jeanne neigte leicht das Haupt. „Wie du wünschst.“ Ohne zu zögern betätigte sie die Uhr auf meiner Seite, nahm sie mit zwei langen, schlanken weißen Fingern ihren Königsspringer auf. Sie hielt inne und sah auf. Der weiße Springer schwebte über dem Brett. Die Zuschauer waren vergessen.
Ihr Mundwinkel zuckte. „Viel Glück, Alex“, setzte sie zuckersüß hinzu. „Du wirst es brauchen.“
Ich nickte stumm.
Laut klickend setzte der Springer auf dem Brett auf. „Sf3.“
Tief atmete ich durch. Wollte ich überhaupt gegen Jeanne gewinnen? – nein, ich musste, egal, was die Kosten sein mochten. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich gewinnen würde – aber ich würde mein Bestes geben.
Vorsichtig zog ich meinen Damenbauern auf d5 und betätigte die Uhr. Klick.
Noch bevor meine Hand die Uhr verlassen hatte, hatte Jeanne schon einen ihrer Bauern gezogen und ihrerseits auf die Uhr geschlagen. g3.
Königsindischer Angriff … keine Eröffnung, die ich mochte, aber ernstzunehmen. Mir wurde leicht unwohl bei dem Gedanken an das Mittelspiel, das zweifellos ein Gemetzel werden würde.
Ich meinte, Jeanne zufrieden grinsen zu sehen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast