Der Unsterbliche - Phase Download

von dc-michi
GeschichteAbenteuer / P12
18.03.2011
31.07.2011
10
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2. Der Colt

Bully betrat den Dojo, und Thora fing an zu lachen.
„Was erheitert derart Euer Gemüt, Hochwohlgeborene?“, quetschte Bully zwischen den Zähnen hervor. Er hatte den Schrecken des Downloads noch nicht überwunden und vermied es, den Bildschirm in Deckennähe anzusehen. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine Beine, und das aus gutem Grund. Sein linkes Knie führte ein Eigenleben und schlotterte bedrohlich. Schweiß perlte vom roten Haaransatz auf seine Stirn. Wieder ein Detail, das es in der Sim nicht gegeben hatte. Und das war auch besser so, fluchte Bully im Stillen.
„Oh“, erschall es belustigt von oben. „Es ist nicht, dass Sie, hm, physisch noch plumper wirken als in der Sim. Es ist auch nicht, dass gerade an Ihrem Exemplar die äffische Herkunft der Menschen besonders deutlich wird, allein schon durch ihre gebückte Haltung und den watschelnden Gang. Es sind nicht einmal Ihre tierischen Ausdünstungen, die ich zwar sehen, aber zum Glück nicht riechen kann. Nein, vor allem ist es Ihre unglaubliche Verbohrtheit, in die Langsame Zeit zu wechseln und einen biologischen, verfallenden Körper als… Vehikel anzunehmen.“
Bull stand auf der Stelle, starrte weiterhin nach unten und kämpfte gegen das Umfallen. „Es ehrt mich“, presste er hervor, „dass wir zumindest zu Ihrer Erheiterung beitragen.“
Rhodan, der am anderen Ende der Kammer stand, kam seinem alten Freund zu Hilfe. „Teuerste, ich bin erstaunt, dass auch Sie Mühe auf sich genommen haben – nämlich ebenfalls in die Langsame Zeit zu wechseln, nur um uns zuzusehen. Und das, wo sich doch Ihre übrige Welt mit tausendvierundzwanzigfacher Geschwindigkeit weiterdreht. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hinter Ihrer Schadenfreude ernsthaftes Interesse verbirgt.“
Bully blickte auf und sah gerade noch, wie sich Rhodans Lippen kräuselten.
„Bilden Sie sich bloß nichts ein. Mein Interesse gilt allein Crests Bemühungen. Dass ich diesen ... Rückschritt in die Körperlichkeit für wahnsinnig halte, verhehle ich auch ihm gegenüber nicht. Dieser Vorstoß zur Lösung des Galaktischen Rätsels ist eine Sackgasse. Im Übrigen bin ich nicht in die Langsame Zeit gewechselt.“
Rhodan fuhr unbeirrt fort. „Immerhin, Teuerste, sprechen Sie nicht mehr von Primitivität, sondern von Verbohrtheit. Mich verwundert ein wenig der Ausdruck ‚äffische Herkunft der Menschen‘. Letztlich stammt Ihr Geschlecht selbst von physischen Menschen der Erde ab. Das vermag auch nicht ihre zugegebenermaßen lange und abgegrenzte Existenz auf der Rückseite des Mondes zu verbergen.“
Bully, der endlich sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, sah den Bildschirm schwarz werden. Wie war nur Thoras Bemerkung zu deuten, dass sie gar nicht in die Langsame Zeit gewechselt sei? Rhodan schien dem keine Bedeutung beizumessen. Er hielt seinen Blick weiter auf den Monitor gerichtet. Ein leises Lächeln umwehte seine Lippen, und Bully fragte sich nicht zum ersten Mal, ob da nicht mehr als nur Spott zu sehen war.
Ein Räuspern kam vom anderen Ende der Kammer. Bully wendete den Kopf, allerdings zu schnell. Ihm wurde schwindelig.
„Sie ist so stolz...“, krächzte Crest. Offenbar haperte es noch mit seiner Kontrolle über die biologischen Sprechwerkzeuge. Er lehnte an einem Stapel blauer Trainingsmatten und zitterte. Wie Bull war es für Crest erst der dritte Ausflug in seinen biologischen Leihkörper. „Sie befürchtet, wir gehen einer Nebenspur nach. Zugleich hofft sie es auch. In einen physisch-biologischen Körper zu wechseln wäre für sie eine Erniedrigung.“ Er machte eine Pause, sprach aber zunehmend flüssiger. „Sie hat nicht ganz unrecht; trotz positronischer Unterstützung bleibt ein Rest Ungewissheit. Ohne die Hinweise aus der Zeitgruft hätten wir jedoch den Dojo und die Körper in ihrer Kryostase nie entdeckt, was meines Erachtens nach unsere Bemühungen rechtfertigt. Wie auch immer - es ist eine… interessante Erfahrung.“ Sein Ausdruck strafte seine letzte Aussage Lügen.
„Thora ist ein Biest“, sagte Bull mit fester Stimme. Er war erleichtert, das Zittern überwunden zu haben. „Und sie verhöhnt Sie ebenso wie...“
Etwas plumpste auf Bull herab. Sein mühsam errungener Sieg gegen die hiesige Gravitation von einem Gravo wurde in Bruchteilen von Sekunden in eine Niederlage verwandelt. Bull fiel der Länge nach hin. Noch im Fallen dankte er ES, dem Rätselsteller, oder wer auch immer für die Ausstattung dieses Raumes verantwortlich war, dass er ihn mit den blauen Matten ausgelegt hatte.
„Es funktioniert auch hier“, piepste das auf ihn gefallene Etwas. „Ich kann auch hier teleportieren. Habt ihr gesehen?“ Gucky pfiff. Der breite Schwanz, der von Bulls Rücken herabhing, wippte auf und ab.
„Was heißt hier gesehen?“, sprach Bull in die Matte. „Du hast mich niedergestreckt. Und wenn du so weitermachst, gehe ich noch in die Besonders Langsame Zeit ein. Die endgültige.“
„Du übertreibst, Dicker. Dein Körper passt doch genau zu Deinem Konzept-Image. Gib halt gut auf ihn acht. Dann hast du länger was von ihm.“
„Wie kann ich denn, wenn eine dicke Maus auf mich plumpst?“
„Eine Maus war ich in der Sim. Eine große Maus“, sagte Gucky würdevoll. „Aber hier bin ich ein Mausbiber. Merk dir das. Das ist ein Unterschied.“ Zum Beweis ließ er seinen einzelnen großen Nagezahn aufblitzen, über den er nur hier verfügte.
Bully richtete sich mit Hilfe seiner Ellbogen auf. Gucky brachte sich unter Protest in Sicherheit, indem er Rhodan in die ausgeklappten Arme teleportierte.
„He, Perry, deine Reflexe sind schon ausgezeichnet!“, rief Bull. Er sah, wie Rhodan die Lippen zusammenpresste und die Beine auseinander stellte. Aber sein Lob kam zu früh. Ein „Oh“ drang aus Rhodans Mund, seine Arme zitterten. Gucky kreischte. Er rutschte aus Rhodans Griff und fiel auf sein gut gepolstertes Hinterteil.
„Du bist zu schwer für meine Muskeln, Gucky. Die haben wohl noch nichts Schweres getragen, geschweige denn eine große Maus… Verzeihung.“ Gucky sah zu ihm auf, unschlüssig, ob er zetern sollte oder nicht. Rhodan massierte seine Arme.
„Ich will spielen! Hier gibt‘s noch alle möglichen anderen Räume und jede Menge Spielzeug.“
„Gucky, nein!“, rief Rhodan verblüffend laut. Aber der Mausbiber war bereits mit einem Plopp verschwunden. Wieder ein feiner Unterschied, dachte Bully. In der Sim war die Riesenmaus geräuschlos verschwunden. Eine Nachlässigkeit in der Programmierung?
Crest hatte von ihnen vieren offenbar die größten Schwierigkeiten, sich mit seinem biologischen Körper zu arrangieren. Und das liegt wohl nicht nur daran, dass er erst das dritte Mal solch einen Ausflug macht, dachte Bully. Crest lehnte noch immer an den Trainingsmatten. Seine Wangen hingen herunter, als zerre die Gravitation mit unsichtbaren Gewichten an jeder Körperzelle.
„He, Crest, das ist hier nicht zu vergleichen mit den Probedurchläufen in der Sim, was?“, rief er ihm zu. Er hatte sich wieder vom Boden aufgerafft. „Fühlt sich irgendwie, hm, echter an.“
Crest drehte seinen Kopf zu ihm herüber und hob die Augenlider. Gerade, als er den Mund öffnete, schepperte es laut aus dem Gang hinter ihm.
Rhodan schwankte zu Crest hinüber. Sein Oberkörper schien dabei oberhalb der Hüfte eine kreisförmige Bewegung zu vollführen. Dies brachte ihn erstaunlich schnell voran.
„Das kommt aus dem Nachbarraum. Los! Ich fürchte, Gucky hat mit schwerem Gerät gespielt.“ Rhodan eilte voraus. Crest schlurfte hinterher, entlang der Wand.
„Gucky! Ich habe dir verboten, zu spie...“ hörte Bull Rhodan rufen.
„Ich habe nicht gespielt“, piepste Gucky, als Bull um die Ecke bog. Zwei Metallröhren lagen wie überdimensionale Mikadostäbe auf dem Boden. Dutzende derselben Stäbe säumten die Wände ringsum. Sie waren horizontal und parallel angebracht, vom Boden bis zur niedrigen Decke. Geräte unterschiedlichster Größe und Form ruhten auf ihnen, die alle eines gemeinsam hatten: Sie waren unschwer als Handfeuerwaffen zu erkennen. Vom antiquierten Schießeisen bis zum unterarmgroßen Impulsstrahler waren alle Kaliber vertreten. Etliche Modelle hatte Bull noch nie in seinem Leben gesehen.
„Ich... ich wollte mir nur eine der Waffen ansehen. Aber nicht damit spielen. Wenn du es mir auch nicht zutraust - ich kann lernen. Ich weiß, was ich neulich fast angerichtet hätte. Die Waffe war mit der Halterung verhakt, als ich nach ihr griff. Dann knallte die Stange runter und riss noch eine zweite mit sich. Ich konnte gerade noch zur Seite springen, ich meine teleportieren, sonst hätte ich jetzt einen dicken Fuß.“
Ob es die schwarzen Knopfaugen waren oder seine Überzeugungskraft – er glaubte ihm. Und das tat wohl auch Rhodan. Er sah zu Gucky herab, der trotzig seine Schnauze nach oben reckte.
Rhodan bückte sich, schwankte bedrohlich und machte einen Ausfallschritt. Er hob eine bronzefarbene, golden schimmernde Waffe auf, die neben Gucky auf dem Boden lag und hielt sie sich interessiert, fast bedächtig, vor die Augen.
Bully stöhnte innerlich. Wie gut er doch diesen Blick kannte! Sein Freund hatte eine neue Leidenschaft entdeckt. Er sollte recht behalten.
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