Unfähig

GeschichteRomanze / P6
Nobuo Terashima Shinichi Okazaki
06.03.2011
06.03.2011
1
1919
 
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Der Gitarrenhals lag ungewöhnlich schwer in seiner Hand.

Die Saiten fühlten sich hart und kalt unter seinen Fingerkuppen an und ließen sich weder streichen noch zupfen. Sie waren starr und unnachgiebig, als würden sie nicht mehr für ihn klingen wollen, auch sonst schien es einfach nicht richtig, was er hier tat.

Er schüttelte über seine eigene Unfähigkeit den Kopf.
Nobu gab auf.

Das Instrument rutschte von seinem Schoß und blieb auf dem Boden liegen. Seine Augen glitten zum geöffneten Fenster, suchten den grauen Himmel ab. Seit Stunden regnete es, in seinen Ohren ein  guter Rhythmus zum Komponieren eines neuen Liedes. Doch die Gitarre verweigerte ihm strikt den Dienst. Ungeschickt stolperten seine Finger über die Saiten und dennoch brachte er es zu nichts. Den ganzen Tag hatte er damit vergeudet und war schlussendlich doch zu keinem Ergebnis gekommen. Er konnte seine Gedanken einfach nicht beieinander behalten, immer wieder stoben sie wie Federn beim kleinsten Windhauch auseinander.

Ein schweres Seufzen kam Nobu über die Lippen und er ließ sich mit ausgestreckten Gliedern nach hinten fallen. Die Gitarre schob er mit dem Fuß von sich, dann schloss er die Augen.

„Ich ergebe mich, Dämonenkönig. Du hast gewonnen, für heute ist Schluss“, rief er in die Stille hinein und lauschte gebannt dem Trommeln der Tropfen auf der Fensterbank. Sein verschlissener Pullover lag wie ein Panzer auf seinem Brustkorb und das Atmen fiel ihm schwer. Mit aller Macht wehrte er sich gegen den Gedanken an Hachiko und ihr Ungeborenes. Er war es leid immer und immer wieder darüber nachdenken zu müssen, sich damit herumzuquälen und dennoch keine Antworten finden zu können. Unterschwelliger Schmerz pochte gegen seine Schädeldecke und ließ Nobu entnervt aufstöhnen. Das Thema bereitete ihm schlichtweg Kopfschmerzen.

Doch eine vertraute Stimme riss ihn aus den trüben Gedanken.
„Also mir hat es gefallen.“

Überrascht hob er den Blick und verdrehte die Augen in Richtung Tür. Shin lehnte dort im Rahmen, einzelne Regentropfen perlten ihm von der Nasenspitze und fielen lautlos zu Boden. Nobus kaputter Regenschirm lag wie ein Dolch in seiner Hand Die blauen Augen waren halb unter den Lidern versteckt, ein schemenhaftes Lächeln lag auf seinen Lippen. Der Blonde richtete seinen Oberkörper auf und drehte sich auf den Bauch. Seinen Kopf bettete er dabei auf den Armen.

„Gegen Rens Lieder kommt mein Schund aber noch lange nicht an.“

Beide grinsten sich verstohlen an, was Shin als Einladung in das Zimmer seines Bandkollegen ansah. Er stieß sich vom Rahmen ab und trat auf Nobu zu.

„Ich hätte auch ohne das Ding gehen können“, Shin tippte mit der Spitze des Schirms gegen Nobus Schläfe und strich sich die an der Stirn klebenden Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Es hat mich kein bisschen vor dem Regen geschützt.“ Das weiße Hemd haftete eng an der Haut des Jüngeren an. Der Stoff seiner roten Bondagehose war dunkel gefärbt und hing ihm schlaff in den Kniekehlen. Nobu verfolgte die Wasserspur, die die Schuhe des Neuankömmlings auf seinem Holzboden hinterlassen hatten und rappelte sich schließlich auf.

„Entschuldige, ich weiß, dass er ein paar undichte Stellen hat.“

„Ein paar undichte Stellen?“, Shin spannte den Schirm auf und besah ihn sich eingehend. Löcher klafften in der Oberfläche und Stofffetzen vermochten kaum noch Schutz vor dem Regen zu bieten. Belustigt hob er eine Augenbraue und sah seinem Freund in die Augen. „Du untertreibst.“

Nobu nahm ihm den Gegenstand ab und warf ihn blindlings auf sein Bett, gegen das er sich gelehnt hatte. Ihm war wirklich nicht danach sich mit Shin über den Zustand seines einzigen Regenschirms zu unterhalten. Das Wetter schlug ihm schon genug aufs Gemüt, was dem Jüngeren nicht verborgen blieb. Dessen Augen schweiften von der lieblos behandelten Akustikgitarre über das leere Blatt Papier bis hin zum Blondschopf selbst. Stille breitete sich über den beiden Freunden aus und führte Nobu längst wieder in seine eigene Welt, abwesend starrte er auf den Boden zwischen seinen ausgebreiteten Beinen. Schnaubend betrachtete der Jüngere derweil dieses Trauerbild. Während er sich die Mühe gemacht hatte und extra einkaufen gewesen war, hatte Nobu nichts anderes gemacht als an Hachi und ihre gemeinsame Zeit zu denken, dessen war er sich sicher. Und nun durfte er hier bibbern und sich den Tod holen ohne dass Nobu auch nur ein Fünkchen davon zur Kenntnis nahm. Shin ließ den Einkaufsbeutel an Ort und Stelle fallen und scherte sich nicht darum, dass die Getränkedosen und das wenige Obst, dass er um diese Uhrzeit noch hatte erstehen können, herausfielen.

Entschlossen griff er sein durchnässtes Hemd und streifte es sich in einer fließenden Bewegung über den Kopf. Seine Schuhe schüttelte er sich von den Füßen und trat sie in Nobus Richtung, so dass diese ihn geradewegs am Kopf trafen. Irritiert blickte er auf, sah in Shins düsteres Gesicht.

„Ich dachte hier in Japan sei man gastfreundlicher“, schnarrte der Jugendliche. Feine Gänsehaut überzog den freien Oberkörper und machte Nobu bewusst, wie kalt es in Wirklichkeit bereits im Zimmer sein musste. Er stand auf und wankte zum Fenster, schob dieses zu und drehte sich dann um.
„Entschuldige Shin, ich bin nur etwas durcheinander“, gab er zu und bückte sich nach den Schuhen, die ihn so unsanft zurück in die Gegenwart befördert hatten. Auch wenn er kein großer Freund von Ordnung war, so wollte er doch, dass wenigstens noch etwas Platz zum Sitzen frei war. Und allein das war schon durch seine Plattensammlung schwierig zu bewerkstelligen. Der Jüngere lud sein Hemd ebenfalls bei ihm ab und sank dann auf die weiche Matratze. Nobu bedachte Shin mit einem undefinierbaren Blick, ehe er ihm ein Handtuch reichte und die nassen Sachen zum Trocknen über den kleinen Heizkörper legte. Das gefärbte Haar wurde eilig unter dem Handtuch behelfsmäßig trocken gerieben, so dass die langen Strähnen Shin klamm und wild ins Gesicht fielen. Die letzten Reste des Haarsprays ließen sein Haar widerspenstig wirken, doch es stand ihm, wie Nobu für sich selbst feststellen musste.

„Deine Hose!“, forderte der Blonde und streckte die Hand nach dem Kleidungsstück aus, „Die ist auch nass.“
Wie auf Befehl stieg Shin aus seiner der Bondage und kam Nobu entgegen. Er sah dem Älteren dabei zu, wie dieser gewissenhaft die feuchte Kleidung auf dem Gerät drapierte und wandte den Blick auch nicht ab, als sich sein Gegenüber fragend zu ihm umdrehte.
„Ist etwas?“, hakte Nobu nach. Shins Verhalten war seltsam. Nicht nur, dass er sich so abrupt ausgezogen und nicht einmal an seinem Kleiderschrank vergriffen hatte, auch schien er nicht sonderlich gut gelaunt zu sein. Die Gesichtszüge des Jungen waren hart und ernst,  sie machten ihn ungewohnt erwachsen. Die blauen Augen blitzten unter den Strähnen hervor und fixierten Nobu.
„Also wenn dir kalt ist, kann ich dir gerne etwas leihen“, begann der Ältere erneut und lächelte schief.

„Du denkst immer noch an Hachi, stimmts?“

Es war eine Feststellung, die Shin da aussprach. Keine Frage. Nobu zuckte unmerklich zusammen, sah sein Gegenüber fast schon ungläubig an.

„Wa...?“

„Ich vermisse sie auch“, schwer seufzte der Kleinere auf und hob resignierend die Schultern, „Aber wie es scheint, ist sie glücklich.“

Nobu öffnete den Mund und wollte etwas erwidern, einwenden, sagen, dass er sich längst mit den Umständen abgefunden hatte. Doch er blieb stumm, atmete hörbar aus. Es war wie mit der Musik. Er brachte einfach keinen vernünftigen Ton zustande.

„Wir müssen sie gehen lassen, wenn sie nicht mehr bei uns sein will“, der Jüngere näherte sich Nobu, packte ihn am Kragen seines Pullovers. Ihre Augen suchten und fanden sich. „Wir machen es ihr nur unnötig schwer.“

Der Blonde schluckte, eine dämmrige Ohnmacht schwebte über ihm. Wie sehr hatte er verhindern wollen mit jemandem darüber reden zu müssen? Er war immer um dieses Thema herumgeschlichen, hatte sofort abgelenkt, war ausgerissen und hatte die Flucht ergriffen. Wie von selbst legten sich seine schlanken Finger um die nackten Schultern.

„Ich weiß“, wisperte er, seine Stimme war seltsam belegt und klang fremd, erschreckte ihn selbst, „Aber ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Vergiss sie“, erklärte Shin schlichtweg und legte Nobu die Hände an die Wangen. „Man kann Frauen nicht auf ewig halten.“

Der Ältere schmälerte daraufhin skeptisch die Augen und feixte: „Ich hatte ganz vergessen, dass du Experte in Liebesangelegenheiten bist, Shin.“
„Ich weiß eben, wann der richtige Moment gekommen ist“, erwiderte dieser leichtfertig und legte dann den Kopf an die Brust seines Bandkollegen, „Mir ist kalt.“
Nobu zog an einer der gefärbten Haarsträhnen: „Ich hab dir doch gesagt, dass du Sachen von mir haben kannst.“

Shin hob den Kopf und kaute nachdenklich auf seinem Lippenpiercing: „Mir ist aber gerade mehr nach Körperwärme. Und da du neben mir nun mal der einzige hier im Raum bist...“
Nobus Augen wurden groß und er versuchte den Jüngeren von sich zu schieben. „Du spinnst wohl! Geh zu einer deiner Liebschaften, wenn du Sex willst!“ Peinlich berührt versuchte er die Finger des anderen aus seinem Oberteil zu befreien, doch er scheiterte. „Ich hätte mir ja denken können, dass das bei dir wieder darauf hinaus läuft. Du bist echt unverbesserlich!“
Shin grinste und nutzte Nobus Redeschwall zu seinen Gunsten. Er lehnte sich mit seinem gesamten Gewicht gegen den Blonden und veranlasste diesen somit dazu, dass er die Arme um den schmalen Körper legen musste um das Gleichgewicht halten zu können. beim Berühren ihrer Lippen schoss Nobu das Blut in den Kopf und er taumelte einige Schritte rückwärts. Er war wie betäubt, starrte durch sein Gegenüber hindruch. Shins Haut fühlte sich gut an, obwohl er sie nur den Bruchteil einer Sekunde spüren konnte. Die vorwitzige Zunge hatte ein einziges Mal über seine bebende Unterlippe geleckt und war dann gewichen. Sofort schob er den Jüngeren bestimmt von sich, wagte es gar nicht erst dessen entblößten Körper zu betrachten. Unfähig etwas zu sagen, starrte Nobu auf den Fußboden, verdächtige Röte umspielte seine Nasenspitze.

„Und jetzt spiel für mich!“, Shin riss ihn mit einem unerwarteten Ruck an seinem Halsband zu Boden und drückte ihm die Gitarre in die Hand. Völlig perplex starrte Nobu das Instrument an.
„Jetzt, da du nicht mehr an Hachiko denken musst, kannst du ein neues Lied spielen. Mir ist eh langweilig“, gebieterisch verschränkte Shin die Arme ineinander, sah auf Nobu herab. Dieser rieb sich kurz über die Augen, blinzelte, kniff sich selbst in den Oberarm.
„Kein Traum“, bestätigte der Jugendliche und wich nicht von seinem Platz. „Irgendwie musste ich dich ja auf andere Gedanken bringen.“

Der Ältere legte die Finger auf die Saiten und spielte eine leise Melodie an.
„Du bist echt bescheuert“, merkte er an und linste zu Shin, der zufrieden nickte. Nun glitten Nobus Finger wieder mit einer Leichtigkeit über die Gitarre, die er kaum für möglich gehalten hatte. Auf einmal fühlte es sich wieder richtig an. Das Gefühl von weicher Haut kribbelte noch zart auf seinen Fingerspitzen, kitzelte sie. Die Saiten waren nicht mehr hart, sie folgten ganz seinem Willen und bogen sich zu einem beruhigenden Rhythmus. Seine Lippen brannten vom kurzen Kuss, er biss sich darauf und konzentrierte sich auf den Fluss der Musik. Er konnte den eindringlichen Blick im Nacken spüren und genoss ihn.

Shin war wie Musik für Nobu. Immer präsent und heilend.

„Danke.“
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