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Mal da, mal fort

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor / P6 / Gen
28.02.2011
28.02.2011
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852
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28.02.2011 852
 
Kichernd und mit den Beinen baumeln sitzt sie da, auf der Kante meines Schreibtisches, das diabolische Grinsen auf dem Gesicht, das ich liebe und gleichzeitig fürchte. Liebe, weil es Spannung, Aufregung, Ideen und Inspiration verheißt. Fürchte, weil ich nie wissen kann, wohin die Reise geht, weil es alles und nichts verspricht, weil es mich mit unheimlicher Kraft an den Schreibtisch zieht und weil ich nie weiß, wann sie mich fallen lässt mit ihrem Grinsen, nach einem Kapitel, einer Seite, einem Absatz – einem Wort?
Voller Eile und voller Ideen und Gedanken im Kopf stürze ich mich auf das Blatt Papier, setze kaum den Füller ab, lasse verschnörkelte Tintenstriche zu Wörtern werden, fliege von Zeile zu Zeile, versinke vollkommen in der Geschichte, die wie ein Film in mir abläuft. Fast ohne eigenes Zutun fließen Worte, Bilder, Beschreibungen und Personen auf das Papier, leben, lachen und weinen… - bis sich quietschende Federn und schrilles Kichern in meine Vorstellung drängen, völlig unpassend auf meiner Blumenwiese von Gedanken auftauchen und mich aus dem Fluss reißen.
Sie sitzt natürlich nicht mehr auf meinem Schreibtisch, hat mich allein gelassen. Wild kichernd und mit fliegender Haarmähne springt sie auf meinem geliebten Lesesofa auf und ab, hin und her, versucht sich eher erfolglos an einem Salto und landet einigermaßen unsanft auf dem Allerwertesten. Hoffentlich hat’s wehgetan.

Dass sie sich auch immer so leicht ablenken lässt… Im einen Moment verhilft sie mir zu den schönsten literarischen Höhenflügen und Minuten später hat sie etwas anderes gefunden, das ihre Aufmerksamkeit für sich beansprucht – so wie jetzt gerade mein bedauernswertes Sofa. Im Gegensatz zum Schreibtisch-Beine-Baumeln macht das Sofa-Hüpfen scheinbar leider nur mit einem gewissen Maß an Körpergewicht Spaß. Mir schaudert ein wenig bei dem Gedanken, was sie in Größe und Verhalten eines vielleicht fünfjährigen Kindes gerade der ohnehin durchgesessenen Federung meines armen Sofas antut.

Mein entnervtes Zischen, sie möge doch bitte aufhören mein Mobiliar zu demolieren und in vernünftiger Gestalt wieder auf meinem Schreibtisch Platz nehmen, ignoriert sie gekonnt. Bei dem Gequieke müsste es mich eigentlich nicht einmal wundern, wenn sie es wirklich nicht gehört hätte… Du hast es nicht anders gewollt… Ich krieg dich schon du miese Muse!
Aus purer Rücksicht meinen ohnehin schon geplagten Mitbewohnern gegenüber stürze ich mich ohne Kriegsgebrüll in Richtung Sofa, bereit sofort zuzupacken und sie wieder in Richtung Schreibtisch zu schleifen.
Das nächste, was ich registriere, ist dass ich mit dem Kopf voran in einem Berg meiner zahlreichen Kissen und Plüschtiere stecke, alle Viere von mir gestreckt. Ungünstig, wenn man vor lauter unterdrücktem Kampfgeschrei den Sofatisch übersieht…

Wo ist das Biest denn jetzt schon wieder hin?

Mittlerweile geflügelt und in handlicher Unterarmlänge umschwirrt sie mittlerweile vor sich hin summend meine Deckenlampe, an der jetzt einige verschiedenfarbige Stofffähnchen baumeln. Einfache schwarze, weinrote aus Satin, gelb und orange gestreifte… - Mooooment!
Mit hochrotem Kopf rupfe ich meine Unterwäsche wieder herunter und stopfe sie in die Schublade, in der sie eigentlich auch schon längst hätten sein sollen, wäre ich nicht aus irgendeinem Grund zu beschäftigt gewesen, meine Frischwäsche wieder in den Tiefen meiner Schränke zu verstauen. Unglaublich, diese Unverfrorenheit… Vielleicht sollte ich doch auf schwerere Geschütze zurückgreifen und die Fliegenklatsche zu meinem Jagdwerkzeug machen?

Die Tatsache, dass in diesem Augenblick meine sorgfältig verfassten Vorlesungsmitschriften in Papierfliegerform an mir vorbei aus dem Fenster gleiten, trägt nicht unbedingt dazu bei, dass die Alternative weniger verlockend wird – dennoch: Seine eigene Muse zu erschlagen wäre doch eine eher dumme Tat.
Ergo: Zähne zusammenbeißen, stillhalten, beobachten, abwarten… Scheinbar resignierend ziehe ich mich auf meinen Schreibtischstuhl zurück, den Kopf starr auf das Blatt Papier vor mir gerichtet, das sich einfach nicht füllen will, lustlos vor mich hinkritzelnd. Alle paar Worte halte ich inne, muss den Satz noch einmal durchlesen, streiche ganze Absätze wieder – ich komme einfach nicht mehr in den Fluss. Das was dabei herauskommt ist zwar ein grammatisch vernünftiger Text, aber irgendwie keine Geschichte. Schmollend starre ich auf meine textlichen Gehversuche ohne musische Hilfe, sehr wohl registrierend, dass sie – neugierig, wie sie nun einmal ist – in Singvögelchengröße neben meinem rechten Ohr auf und ab schwirrt. Ich wage es kaum, einen Muskel zu rühren, geschweige denn Luft zu holen, schiele nur angestrengt aus dem Augenwinkel in Richtung Ohr. Muse also. Und dann? Ein Zucken, ein Packen, ein Quieken – und die miese Muse steckt in meiner geschlossenen Faust, der Kopf unten, die Füße oben herauslugend. Da hilft dann auch kein Jammern, kein Quengeln und kein Fluchen: jetzt muss sie.

In der linken Hand die murrende Muse, in der rechten wieder meinen heißgeliebten Füller. Ein Blick auf die letzten beiden Sätze genügt um mich wieder vollständig in meiner eigenen Vorstellung versinken zu lassen: Die Geschichte nimmt ihren Lauf, meine Hand fliegt über das Papier, Trubel, Gelächter und Freude, tintenblaue Zeilen spannen sich wie Girlanden über ein rauschendes Fest, die Szene erblüht unter blumigen Beschreibungen, ausgelassene Stimmung herrscht… Bis ein lautes Klirren mich wieder zurück an den Schreibtisch reißt: Das kleine Biest hat doch tatsächlich meine Unaufmerksamkeit genutzt um sich aus meiner Faust zu befreien – natürlich nicht, ohne bei dem Versuch meine halbvolle Teetasse zu Boden zu werden.

Na warte du miese Muse – ich krieg dich schon noch!
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