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Des schwarzen Ritters Lebensmut

von Kairelle
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Fenryl Tiranu
27.02.2011
27.02.2011
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27.02.2011 8.367
 
Die Nacht war über das Land herein gebrochen. Eine kalte trostlose Nacht. Der Mond und die Sterne waren von Wolken verhangen. Nur ein paar Laternen spendeten etwas Licht, welches, sich wiederspiegelnd, auf den sanften Wellen des Hafenbeckens tanzte. Allein zwei Schiffe waren zurück gekehrt. Zwei Schiffe voll von Verletzten. Und Toten... Gab es überhaupt noch unbeschadete Körper auf diesen mächtigen Kolossen, die im Sturm lediglich wie Nussschalen gewirkt hatten und ebenso untergegangen waren? Nein. Zumindest nicht unter den Elfen. Die Blessuren reichten von relativ harmlosen Zerrungen und Schnittwunden bis zu Wunden, die den Verletzten dem Tod näher als dem Leben brachten. Seit Stunden eilten die Heiler von einem Krankenlager zum nächsten. Man musste sie nicht gesehen haben, um zu wissen, dass sie am Ende ihrer Kräfte waren. Und wofür all dies Leid? Für eine Prinzessin, die womöglich nicht einmal gerettet werden wollte und sich nun vielleicht schon auf dem Weg in die Hallen ihrer Götter, oder wo auch immer sie hinkommen möge, befand.
Missgelaunt blickte er zu den Dielen seiner Kabine. Es hatte seine Vorteile ein Fürst Albenmarks zu sein. Man hatte wesentlich mehr Privatsphäre als die gewöhnlichen Ritter. Vielleicht hätte man erwartet, dass sich jemand zu ihm gesellte. Kaum jemand würde nach solch einer Schlacht allein sein wollen, um sich in düstere Gedanken zu stürzen. Doch hier war niemand. Er war schon immer allein gewesen. Und er genoss die Einsamkeit. Aber wer hätte auch schon in seiner Nähe sein wollen? Er war Tiranu, der Sohn Alathaias, der Abtrünnigen. Dies war schon Grund genug, ihn zu meiden. Nie war er wie die anderen gewesen oder wie sie behandelt worden, zwar hatte er sich auch daran gewöhnt, doch daraus war auch der Hass auf viele der selbsternannten Gerechten entstanden. Wenn doch nur seine Schwester endlich Zeit für ihn hätte. Es wäre so demütigend, würde jemand herein kommen und ihn so sehen. Seufzend strich er sich eine blutverklebte Haarsträhne aus dem Gesicht. Die schwere Rüstung, die er angelegt hatte, war ihm letztendlich zum Verhängnis geworden. Sie hatte sich bei der Landung auf dem Hof der Ordensburg verformt. Eine Bleikugel hatte ausgereicht eine der Beinplatten, die seinen rechten Oberschenkel schützen sollte, zu zerschlagen. Das schwarze Metall hatte sich in sein Fleisch gebohrt und steckte nun im Knochen fest. Doch jenes war nicht das Erniedrigende. Er lag nackt in den weißen Laken. Nur eine dünne Leinendecke verhüllte seine Scham und den größeren Teil seines Oberkörpers. Schwer ausatmend schlug er den Stoff über sein unverletztes Bein. Ihm war nicht kalt. Niemals war es kalt in Vahan Calyd. Ihm war es nur unangenehm halbnackt und wie auf dem Präsentierteller herum zu liegen.

Die Tür öffnete sich. Jemand betrat den Raum. Das Schloss rastete ein. Ein hämisches Grinsen. Greifvogelaugen starrten ihn an.
„Was willst du?“
„Morwenna sagte, ich solle dir Gesellschaft leisten. Sie wird heute nicht mehr zu dir kommen können.“
Fenryl schritt auf ihn zu. Es war äußerst belustigend den stolzen Befehlshaber der Schnitter so vor sich liegen zu sehen.
„Auf dein geheucheltes Mitgefühl kann ich verzichten.“
„Ich empfinde kein Mitgefühl für dich. Genauso gut könnte ich heute Nacht an Ollowains Lager sitzen, aber ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass du nicht unverwundbar bist.“
Tiranu stieß einen verächtlichen Laut aus und versuchte sich aufzurichten. Vergebens. Seine Wunde schmerzte und machte ihn fast bewegungsunfähig. Der Kopf des Grafen ruckte.
„Sieht aus, als ob es wehtun würde.“
„Tue uns beiden einen Gefallen und verschwinde endlich.“
Jedoch war zu gehen das Letzte was der Windsänger wollte. Er amüsierte sich zu köstlich dafür und er war bereit, das Spiel noch ein wenig weiter zu treiben. Ungefragt setzte er sich auf das Bett und bettete den Kopf des Kriegers in seinem Schoß.
„Hasst du deine Schwester nun auch, weil sie mich zu dir geschickt hat?“
„Sie ist von meinem Blute. Wie könnte ich sie je hassen? Es reicht mir, wenn ich meine Wut an Personen wie dir auslassen kann.“
Wie er es doch verabscheute so hilflos zu sein. Aber was blieb ihm schon anderes übrig. Wenn er ehrlich war, dann brauchte er sogar Hilfe, jetzt wo Morwenna nicht mehr kam.
„Ich muss dich um etwas bitten. Zieh die Metallplatte aus meinem Bein. Das ist etwas, was ich nicht selbst tun kann.“
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil ich sterben werde, wenn nicht bald etwas geschieht. Durch die Verletzung wird Knochenmark in mein Blut gelangen, das Fieber wird mich ereilen und nach ein paar Tagen werde ich jämmerlich zugrunde gehen.“
„Was würde es nützen, wenn ich die Platte herausziehe. Die Wunde würde bleiben.“
„Ich könnte mich selbst heilen. In mir steckt dasselbe Potenzial wie in meiner Schwester. Was sagst du?“
Der Blonde lächelte süffisant und verschmierte mit einer kreisenden Bewegung seines Zeigefingers einen Blutstropfen auf dem hellen Oberschenkel. Dann leckte er sich den roten Saft vom Finger, ehe er antwortete.
„Wenn ich es nicht tue, würde deine Schwester mir vermutlich den Schädel spalten.“
„Dann spare dir deine Worte und ziehe die Platte endlich heraus.“
Diese Aufforderung zur Schmerzverursachung ließ er sich nicht entgehen. In einer flinken Bewegung zog er an dem schwarzen Metall, welches sogleich mit einem schmatzenden Laut das geschundene Fleisch freigab. Der Fürst von Langollion vergrub indes seine Finger in der Matratze, um sich nicht die Blöße eines Wimmerns zu geben. Zitternd legte er die rechte Hand auf die Wunde und wob die Zauber der Heilung. Doch es geschah nichts. Dort war etwas. Wie Gift. Nur schleichender. Ein Stückblei. Es musste von der Kugel abgesplittert sein, welche die Rüstungsplatte in seinen Oberschenkel getrieben hatte.

„Ist etwas nicht in Ordnung oder hast du dich nur ein weiteres Mal selbstüberschätzt?“
Diese höhnische Stimme. Er konnte das Grinsen geradezu spüren.
„Ein Bleisplitter. Kannst du ihn herausziehen?“
„Können Adler fliegen?“
Welch eine einfältige Frage. Natürlich konnte er. Die Frage war, ob er es wollte. Jedoch weidete er sich zu sehr am Leid dieses Herrschsüchtigen, um jetzt einfach zu gehen. Mit spitzen Fingern und der Geduld eines Raubvogels auf Beutezug griff er in die Wunde. Der Körper des Schwarzhaarigen erbebte. Er verbiss sich im Kopfkissen. Jede einzelne Faser war angespannt und drohte sich selbstständig zu machen. Wo war der Splitter? Es hatte leichter geklungen, als es war. Da! Nein... Oder doch? Wenn doch nur das viele Blut nicht wäre. Ob es wohl sehr schmerzte? Die Antwort folgte auf dem Fuße. Tiranu tat etwas, was wohl niemand je von ihm erwartet hätte. Er griff nach der freien Hand des Grafen. Schien sie verquetschen zu wollen. Vor Schmerzen. Fenryl hielt inne. Das war eine Illusion oder ein Traum. So etwas würde der stolze schwarze Ritter nicht tun.
„Beeile dich, verdammt...“
Presste dieser zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Es war Realität. Der Splitter. Er hatte ihn gefunden. Seine Hand war blutverschmiert, dennoch befand sich das kleine Stückmetall darin. Eine kreideweiße Hand schob sich über das nun stark blutenden Bein. Ein letztes Aufbäumen gegen den Schmerz. Dann fiel der weiße Arm auf das Bett und schweres Keuchen erfüllte den Raum. Der Graf strich Tiranu eine schwarze Strähne aus der Stirn, welche vom kalten Schweiß der Pein getränkt war.
„Du bist verrückt.“
„Ich? Verrückt? Wer von uns beiden hält sich denn für einen Adlerbussard?“
„Vielleicht sollte ich dir mit meinen Krallen die Augen auskratzen...“
„Du hast keine Krallen und selbst in meinem Zustand würde ich dich bei einem Kräftemessen mit Leichtigkeit schlagen.“
„Dann beweise es, Fürst.“
Es mochte kindisch wirken. Ihr Spiel. Doch für die beiden Herrscher war es eine Frage der Ehre und so fand sich der blonde Herr von Carandamon in die Kissen gedrückt wieder.
„Unterschätze niemals ein Kind Langollions.“
„Wer sagt denn, dass ich nicht damit gerechnet habe?“
Mit einem undefinierbaren Grinsen strich er dem Schwarzhaarigen über die Brust und hinterließ dort eine Gänsehaut. Ruckartig eroberte er sich daraufhin die Dominanz in diesem Machtkampf zurück.
„Hast du etwa Angst?“
„Vor dir? Du beginnst zu träumen.“
„Träumen... Eine nette Idee. Was sind deine Träume? Kommt dies darin vor?“
Langsam bewegte er sich rückwärts und näherte sich immer mehr der Haut des Fürsten. Immer Näher. Bis seine Zunge die Stelle berührte, an der sich eben noch die gefährliche Wunde befunden hatte. Sie fing das restliche Blut auf. Auf eine anregende Art und Weise.
„Lass das!“
Sein Kopf wurde weggedrückt. Er sah hinauf in die wenig amüsierten Augen. Sein Kopf ruckte. Langsam richtete Fenryl sich auf und zog sich das Hemd über das Haupt.
„Oder ist es dies, was du begehrst?“
„Was sollte an dir schon begehrenswert sein?“
„Ich bin anders. Ebenso wie du.“
„Hör auf damit.“
Tiranu zog ihn erneut hinab auf das Bett und drehte sich herum.
„Vielleicht bist du es der mich begehrt, doch erwarte nicht, dass ich deiner billigen Aufforderung folgeleiste.“
„Das Einzige, was es an dir zu begehren wert ist, ist dein Körper. Deine Seele ist aus Stein.“
„Ich könnte dich jeder Zeit dazu bringen, mir willig jeden Wunsch von den Augen abzulesen.“
„Wohl ein weiterer deiner Träume. Einen Adler kannst du nicht in die Knie zwingen.“
„Es wäre einen Versuch wert.“
Es war nur ein Hauchen, welcher das Ohr des Blonden streifte, während sich eine Hand zwischen seine Schenkel schob und sie massierte. Kühl blickte er den anderen an. Dennoch spürte er, wie sein Blut schneller zu fließen begann.
„Nicht ein Laut wird meine Lippen verlassen, Schnitter.“
„Das werden wir noch sehen.“
Er kroch über den Grafen und presste seine Lippen auf die des Unteren. Ein Fehler. Der Spatzenvogel küsste gut. Zu gut. Sie sahen sich an. Eine schier unüberwindbare Distanz. Dennoch näherten sich ihre Körper einander. Sie lösten sich.
„Bist du so leicht zu brechen, Fenryl?“
„Bist du es, Tiranu?“
Aufmüpfiger Schwachkopf. Der Fürst von Langollion griff ihm in den Schritt. Es dauerte einen Moment, doch schließlich brachte er das Vögelchen zum Singen, oder besser zum Keuchen. Es gefiel dem Grafen scheinbar sehr. So sehr, dass er stöhnte und... seine Augen schloss? Er hatte geblinzelt. Noch nie hatte er geblinzelt.
„Wirst du jetzt sentimental?“
„Vielleicht...“
Die hellbraunen Augen öffneten sich. Sie waren nicht mehr leer und in die Ferne gerichtet, wie die eines Adlers. Sie waren warm und nur auf den Schwarzhaarigen fixiert. Unglaublich... Unglaublich anziehend. Es brach das Eis. Machte alle guten Vorsätze und jeden Widerstand zunichte. Sie küssten sich. Tief und verlangend. Ihre Körper pressten sich aneinander. Sie spürten die Erregung des Anderen. Es peitschte ihre eigene Lust in die Höhe. Tiranu riss ihm die Hose herunter. Fenryls Bein schlang sich um das Seine. Ihre Körper wurden eins. Mochten die Alben sie doch verfluchen. Es war egal in diesem Augenblick. Nur noch dieser Raum und dieses Lager zählten. Das Stöhnen. Die Lust. Sie drehten sich herum. Der Blonde ritt ihn. Das helle lockige Haar umspielte den weißen Körper. Die hellbraunen Augen waren geschlossen... Wieder küssten sie sich. Das Spiel war vorbei. Und begann wieder von vorn. Wieder und wieder...

Erschöpft lagen sie nebeneinander, als der Morgen sich silbrig am Horizont ankündigte. Der Fürst warf die Decke über sich und den Grafen.
„Was war das?“
„Der Krieg.“
„Du bist jünger als ich, was weißt du schon vom Krieg?“
„Mehr als es mir lieb ist. Du hast geblinzelt. Warum hast du das getan?“
Da! Er blinzelte wieder.
„Ich weiß nicht was du meinst.“
Er merkte es nicht und dennoch war er heute seinem früheren Ich näher, als er es in den letzten Jahren je gewesen war. Hatte er das bei dem Blonden ausgelöst? Aber wieso? Es war doch nur die erdrückende Last des Krieges, die sie zu dieser Nacht getrieben hatte.
„Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst. Ich wünsche zu schlafen.“
„Auch mir verlangt es danach, also werde ich bleiben.“
Es war ihm egal. Sollte der Kerl doch machen, was er wollte.

Der Graf erwachte zur Mittagszeit. Es war wie immer schwül und stickig. Er setzte sich auf. Seufzend blickte er auf den Körper neben sich. Was hatte Tiranu nur mit ihm gemacht? Wieso hatte er sich dem Fürsten so sehr hingegeben? Wolkentaucher würde sich totlachen, wenn er könnte. Wieder sah er zur Seite. Nicht einmal im Schlaf konnte dieser Angeber die Zauber der Kühlung über sich legen. Unbeeindruckt strich er eine schwarze Strähne aus der verschwitzen Stirn. Sie glühte förmlich! Alarmiert setzte er sich auf. Der Schwarzhaarige hatte hohes Fieber. Der Versuch ihn zu wecken brachte keinen Erfolg. Er war nicht ansprechbar. Schnell zog Fenryl sich an und eilte zu Morwenna. Besorgt hatte sie nach ihrem Bruder gesehen. Die Angst, ihn zu verlieren, stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Das Fieber hat ihn ereilt. Es war wohl bereits Knochenmark in seinem Blut.“
„Kannst du ihm helfen? Das Heer braucht ihn.“
„Jemand muss bei ihm bleiben und auf ihn acht geben. Aber ich kann es nicht. Es sind noch so viele Verletzte zu versorgen.“
„Ich werde es tun.“
Und er machte sein Versprechen wahr. Die ganze Zeit über blieb der Graf von Carandamon an der Seite des schwarzen Ritters und pflegte ihn. Mehrere Tage lang, die er in Bewusstlosigkeit dahin dämmerte. Doch schließlich öffneten sich die dunklen Augen wieder und schauten verwirrt in die Welt hinaus oder besser durch die Räumlichkeiten seines Gemachs in Vahan Calyd, in dass man ihn gebracht hatte.
„Wie bin ich hierher gekommen?“
Eigentlich eine Frage an sich selbst richtend erschrak er einwenig, als er eine Antwort bekam.
„Du hattest hohes Fieber und warst mehrere Tage lang bewusstlos. Morwenna hat dich herbringen lassen.“
„Was tust du hier?“
„Ich habe mich um dich gekümmert.“
„Eine nette Geschichte. Was willst du wirklich?“
„Nichts.“
Die hellbraunen Augen sahen ihn ruhig an. Ein Blinzeln. Sie waren nicht ausdruckslos.
„Was ist mit dir geschehen? Du bist anders.“
„Das ist nicht von Bedeutung.“
Die Tür öffnete sich. Kalte Adleraugen sahen zu der eingetretenen Person. Morwenna.
„Den Alben sei Dank! Es geht dir besser. Ich hatte schon befürchtet, Mutters Erbe allein verwalten zu müssen.“
„So leicht sterbe ich nicht.“
Der Blonde erhob sich.
„Entschuldigt mich. Ich werde nach Ollowain sehen.“
Seine Arme zuckten wie ein Flügelschlag. Dann war er aus der Tür.

Zwei Tage später saßen die Kinder Alathaias gemeinsam am Tisch, um das Frühstück einzunehmen. Es war still. Fenryl hatte sich nicht mehr sehen lassen und sie sprachen auch nicht über den Grafen.
„Ich werde zurück nach Drusna reisen.“
Erschrocken blickte die Schwarzhaarige auf.
„Aber weshalb? Du bist einer der Elfenritter.“
„Die Prinzessin des Fjordlandes ist zurückgeholt worden. Der Verband der Elfenritter löst sich auf. Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun.“
„Es gibt immer etwas, das erledigt werden muss. Sprich mit Ollowain, er wird sicher eine Aufgabe hier für dich haben.“
„Sorgst du dich etwa um mich Morwenna?“
Er schloss seine Augen und schwenkte das Weinglas in seiner Hand. Ein interessanter Gedanke. Morwenna hatte immer mehr in der Gunst ihrer Mutter gestanden als er.
„Wir haben schon Mutter verloren. Ich will dich nicht auch noch verlieren.“
„Geschwätz. Im Gegensatz zu mir, wirst du von den anderen, ja sogar von Emerelle, geachtet. Ich bin und war hier nie erwünscht. Es ist besser, wenn ich zu meinen Schnittern nach Drusna zurück kehre.“
„Wann wirst du abreisen?“
„Noch heute.“
„Aber warum so plötzlich? Hat es nicht noch einige Tage Zeit?“
„Nein. Es ist besser so. Glaube mir.“
Was er Morwenna nicht mitteilte, war der eigentliche Grund für seinen fluchtartigen Aufbruch. Der Windsänger hatte ihn verführt. Eine Schwäche, die er sich nicht eingestehen konnte. Es war besser zu verschwinden, bevor dieser Trottel damit herum prahlte. Und dennoch hatte er geblinzelt... Wütend schob er diese Gedanken beiseite. Lächerlich. Als ob er für den plötzlichen Sinneswandel des Grafen verantwortlich war. Wahrscheinlich war es nur die Abwesenheit seiner ‚Familie’, die dies bewirkt hatte. Eine überdimensionierte Festtagsganz als Bruder zu bezeichnen. Eine abartige Vorstellung. Je eher er von hier verschwand, desto schneller würde sein Geist wieder in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Der Krieg war sein Metier. Nichts weiter. Allerdings sollte er sich allmählich eine Frau suchen. Sein Stammbaum führte sich schließlich nicht von allein fort. Am einfachsten wäre es wohl sich eine von Emerelles Hofdamen zu sichern. Sie waren hübsch und naiv. Perfekt geeignet für einen Krieger. Von der Nacht mit der blonden Taube würde niemand etwas erfahren. Er würde es abstreiten. Wer glaubte schon einem Elf, der sich für einen Vogel hielt und sich in unbeobachteten Momenten gerne mit den Armen rudernd aus dem Fenster stürzte, in der Hoffung davon fliegen zu können? Es war besser zu gehen.
„Woran denkst du?“
Kühl hob er den Blick, der die ganze Zeit auf den Wellen gehangen hatte, die sein Wein schlug. Seine Schwester schien ehrlich betrübt.
„Sei so freundlich und arrangiere in zwei Monaten ein Treffen mit einer von Emerelles Hofdamen. Ich habe vor mir eine Gefährtin zu wählen.“
„In diesen Zeiten?“
„Wenn nicht jetzt, wann dann?“
„Ich bitte dich, tue nichts, was du später bereuen könntest.“
„Wenn niemand in unserer Familie Fehler begehen würde, wärst du ein noch verwöhnteres Einzelkind.“
„Sprich nicht so über Mutter!“
„Ich spreche nicht über Mutter, sondern über Vater. Wenn wir überhaupt den selben Vater haben...“
„Hör auf damit!“
„Womit? Die Wahrheit zu sagen? Mutter war eine Hure, die es wohl verstand mit ihren Reizen zu spielen. Eine Schande für unser Volk. Und Vater? Ein Feigling, der darauf hereinfiel. Wir kennen ihn nicht einmal. Einfach erbärmlich.“
Zornig erhob sich Morwenna und schritt auf ihren Bruder zu.
„Nimm das zurück!“
„Niemals. Mich hasst die ganze Welt, da kommt es auf dich auch nicht mehr an.“
„Scheusal!“
In einem Moment der völligen Unüberlegtheit griff sie nach dem Weinkrug und schüttete den roten Rebensaft in Tiranus Gesicht. Dieser blickte sie nur zynisch lächelnd an.
„Wie unedel von dir Schwesterlein. Was wohl deine Freunde bei Hofe dazu sagen werden?“
Der gläserne Krug zerbarst auf dem steinernen Boden. Sie war fort. Doch was kümmerte es ihn? Er war schon immer allein gewesen. Ein leicht verrücktes Lachen verließ seine Lippen. Sie würde zurück kommen, wenn sie etwas brauchte. Alle kamen sie zurückgekrochen, wenn sie seiner Hilfe bedurften.

„So, du willst also nach Drusna zurückkehren?“
Eine blonde Augenbraue hob sich im Zweifel.
„Irgendjemand muss zurückkehren, sonst wird Drusna schneller fallen, als es uns lieb ist.“
„Was auch immer du vorhast, du wirst das Land nicht verteidigen können und dadurch zu Ehre und Ansehen gelangen.“
Ein verächtliches Lächeln stahl sich auf die Lippen des Schwarzhaarigen. Die dunkeln, ja beinahe schwarzen Augen blitzten kampfeslustig auf.
„Ich bin ein Krieger. Dort wo gekämpft wird, werde ich sein, egal ob es eine Aussicht auf einen Sieg gibt oder nicht. Eigentlich dachte ich, du würdest ebenso denken.“
Ollowain sah aus dem Fenster in die langsam steigende Sonne. Die Hitze machte die Schmerzen in seinem Bein nicht besser. Noch konnte er nicht aufstehen und es bereitete ihm Mühe, dies vor dem schwarzen Ritter zu verbergen. Außerdem war dort diese Stimme in ihm, die einst mehr war, als ein Wispern in seinem Inneren. Vor vielen Jahrtausenden war er einer der größten Helden seines Volkes gewesen. Falrach. Geliebter der heutigen Königin und Sieger vieler epischer Schlachten. Das heiße Blut des Krieges war durch seine Adern geflossen und hatte sich in seine Seele eingebrannt. Falrach versuchte immer wieder den Schwertmeister in aussichtslose Gefechte zu treiben, doch bisher war es ihm nicht geglückt. Auch wenn die Stimme immer lauter wurde.
„Ein Teil von mir tut dies. Es ist nicht der bessere Teil meiner Seele.“
„Alles, was ich von dir will, ist deine Erlaubnis mit meinen Schnittern nach Drusna zurückkehren zu dürfen.
„Wenn ihr gehen wollt, dann geht. Ich verlange von niemandem jetzt noch hier zu bleiben.“
Die schmalen Lippen des Fürsten wurden von einem zufriedenen Lächeln umspielt, als er sich graziös erhob und eine leichte Verbeugung andeutete. Der Etikette halber.
„Dann Lebewohl, Schwertmeister.“
Er ging nicht mehr zu seiner Schwester und auch verabschiedete er sich von niemandem. Alles was er wollte, war so schnell wie möglich fort aus den Mangroven zu kommen. Warum wusste er selbst nicht genau. Lag es an den Temperaturen? Der schwülen Hitze, die immer wieder eine harte Probe für das beherrschte Gemüt war. Oder war dort noch etwas anderes? Wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte er es gar nicht heraus finden, sondern einfach nur fortgehen. Ja. Fortgehen. Weglaufen. Das war alles was er bisher gekonnt hatte. Nie setzte er sich mit den Problemen anderer auseinander. Aus Egoismus? Nein. Aus der Scheu sich zu sehr auf etwas zu konzentrieren und Schwäche zu zeigen. Lieber blieb er der kalte unnahbare Schwarze Ritter, als Gefühle zu zeigen und dadurch verwundbar zu werden. Er wollte nicht so enden wie diese Prinzessin aus dem Fjordland. Sie hatte es gewagt zu lieben und nun hatte sie niemanden mehr und war ein Schatten ihrer Selbst. Wie erbärmlich die Menschen doch waren. Stolz schwang er sich in den Sattel des schwarzen Hengstes, welcher daraufhin unruhig hin und her trabte. Ein harscher Zug an den Zügeln, brachten das Tier zum stillstehen. Auf dem Kai warteten bereits seine Schnitter.
„Worauf wartet ihr? In Drusna gibt es mehr als genug Arbeit für euch!“
Mit wiehernden Pferden und wehenden Umhängen galoppierte die kleine Einheit davon. Die meisten von ihnen würden Vahan Calyd, den grünen Hafen in den Mangrovenwäldern, nie mehr erblicken.

Tiefschwarz und beinahe sternenlos erstreckte sich der Himmel Drusnas über ihren Köpfen. Drei Monate waren seit der Schlacht in Valloncour vergangen, doch nichts schien sich verändert zu haben. Den ganzen Tag lang hatte die Schlacht getobt. Um das letzte Fürstentum Drusnas. Das letzte Bollwerk zwischen den Ordensrittern und dem Fjordland, aber auch dieses war kurz davor zu fallen. Seit Stunden blickte Tiranu in den Nachthimmel. Die Gestirne über Albenmark waren wesentlich schöner, als diese hier. Jedoch hätte selbst der schönste Stern seine Laune nicht bessern können. Königin Gishild schlug sich tapfer, allerdings konnte auch sie nichts gegen die Überlegenheit des Ordens ausrichten. Bei der heutigen Schlacht waren viele seiner Schnitter gefallen. Nicht durch das Schwert oder die Kanonen, sondern durch Brandgeschosse. Petroleum in kleinen Tonkrügen, welches ein Inferno verursachte, wenn es sich aus einem berstenden Gefäß über einen oder mehrere Krieger ergoss. Etliche waren einfach verbrannt. Die Menschen glaubten, dass noch etwas anderes unter das Öl gemischt worden war, um sicherzugehen, dass ein Gegner wirklich zu Asche verbrannte. Doch der Fürst wusste es besser. Das ständige Leuchten bedeutete, dass die meisten der Gestorbenen ins Mondlicht gegangen waren. Von dem knappen Dutzend seiner Schnitter, die zu den Elfenrittern gerufen worden waren, waren nur noch drei übrig. Vier waren unter den Brandopfern, der Rest starb schon vor längerer Zeit. Angewidert nahm er den Geruch war, den das Feuer vor ihm verbreitete. Einer der Jarle des Fjordlandes hatte mit ihm gespeist, um den Tag Revue passieren zu lassen. Sie hatten dabei einen Hasen verzehrt, doch während er die Knochen feinsäuberlich geordnet neben sich auf den Boden gelegt hatte, hatte der Mensch seinen Abfall in die Flammen geworfen, welche nun den Geruch von verbranntem Fleisch und Knochen verbreitete. Ihm wurde übel, da der Gestank ihm die Bilder von der Schlacht wieder ins Gedächtnis rief. Der Qualm war in seine Haare und Kleidung gezogen. Stunden hatte er damit verbracht, sich in dem See im Wald die Haare zu waschen, dennoch war es ihm nicht gelungen, den üblen Geruch loszuwerden. Und nun musste er ihn wieder in voller Schärfe wahrnehmen. Alles ihn ihm schrie danach zum nächsten Gebüsch zu rennen und sich zu übergeben, doch er kämpfte dagegen an. Er wollte sich nicht eine solche Blöße geben. Es war unter seiner Würde, einfach seinen Mageninhalt in einem Strauch loszuwerden. Außerdem zeigte es Schwäche und dies könnte seine Position gefährden. Schlimm genug war schon, dass sich herum sprach, eine der Hofdamen Emerelles hätte ihn zurückgewiesen. Eine Lüge. Er hatte sie wieder fortgeschickt, da sie seinen Ansprüchen nicht genügte. Mittlerweile zog er es vor in die Flammen zu starren, weil sein Hals allmählich steif wie ein Schwertgriff wurde. Alle Welten schienen sich gegen ihn verschworen zu haben. Dies war eine Erkenntnis, die ihn alle Jahre wieder traf. Eine Art Depression, die ihn in regelmäßigen Abständen heimsuchte. Was würde er nur für ein sicheres zu Hause geben, in dem er willkommen war und wo eine Familie oder zumindest eine geliebte Person auf ihn wartete...
„Wie heißt sie?“
Erschrocken fuhr er auf. Sein Blick musste ein wenig wehleidig oder sehnsüchtig geworden sein, denn der Schnitter, welcher ihm gegenüber lag, sah ihn nun neugierig an. Der Brandwein, den ihm die Menschen gegeben hatten, schien ihn vergessen zu lassen, dass sein Fürst es für gewöhnlich bestrafte, wenn man ihn in seinen Gedanken störte. Normalerweise hätte der Schwarzhaarige ihm umgehend den Kopf von den Schultern getrennt, doch dieser Krieger war schon gestraft genug. In der Schlacht hatte er eine Hand verloren, als er sich erfolgreich gegen drei feindliche Ritter verteidigt hatte. Jedoch endete sein Arm jetzt nach der hälfte des Unterarms. Die meisten der Heiler unter den Elfen waren gefallen und somit hatten sich die Menschen um diese Verletzung gekümmert. Sie hatten den Stumpf mit Pech verschlossen, allerdings zeigten sich bereits die ersten Anzeichen von Wundbrand. Vermutlich würde er die Nacht nicht überleben. Warum ihn also bestrafen?
„Ich habe an niemanden gedacht.“
„An irgendetwas müsst Ihr gedacht haben. Dort war eine Sehnsucht in Eurem Blick, wie ich sie vorher noch nie sah. Obgleich ich bei Euch noch nie Sehnsucht sah.“
„Mir ging durch den Kopf, was auf mich warten würde, wenn der Krieg vorbei wäre und wir ihn tatsächlich gewinnen würden.“
„Es scheint nicht sehr viel auf Euch zu warten.“
Angesäuert sah Tiranu ihn an. Ihm gefiel es nicht, wie dieser Fiebertolle mit ihm sprach.
„Was wartet auf dich?“
„Meine Gefährtin. Ich wünschte sehr, dass ich bei ihr sein könnte. Sie erwartet ein Kind. Doch wahrscheinlich werde ich es nie zu Gesicht bekommen.“
Wehmütig sah er auf seinen Stumpf. Er wusste, was ihn erwartete. Jeder Krieger wusste, wie eine solche Verletzung enden konnte. Und meistens war dies der Tod.
„Gefühle machen uns schwach. Wir werden angreifbar und unkonzentriert. So wie du.“
„Was wisst Ihr schon von Gefühlen? Statt eines Herzens habt Ihr nur einen Klotz aus Eis. Jeder denkt es und ich spreche es aus, Ihr werdet nie eine Frau finden, die auch nur einen Augenblick ihres Lebens mit Euch verbringen möchte.“
„Schweig! Oder du wirst früher sterben, als du es denkst!“
„Und danach? Wollt Ihr in einigen Jahren in das Gesicht eines Kindes blicken und ihm erklären, warum Ihr seinen Vater getötet habt?“
Zornig starrte er ins Feuer. Dieser Bastard würde sowieso sterben, doch man würde ihn einen Mörder schimpfen, wenn der dessen Ableben beschleunigte. Und warum? Weil dieser Verrückte etwas hatte, was er vielleicht nie besitzen würde? Ein wahres Zuhause? Eine ganze Weile schwiegen sie sich an. Niemand traute sich herüber zu kommen, da alle vom grimmigen Geschichtsausdruck des Fürsten abgeschreckt wurden. Schließlich seufzte der Schnitter und ließ sich gequält zurücksinken. Ihn verließen die Kräfte und vermutlich würde es nicht mehr lange dauern, bis ein toter Körper mehr aus dem Lager geschafft werde würde.
„Verzeiht, es stand mir nicht zu, so mit Euch zu sprechen.“
„Schweig endlich still!“
„Es tut mir Leid, aber es ist die wohl die Angst um meine Gefährtin, die mich nicht loslässt. Was soll bloß aus ihr werden, wenn ich nicht mehr bin?“
Tiranu schnaubte verächtlich und starrte weiter ins Feuer. Was nutzte es, sich über Dinge Gedanken zu machen, die man nicht ändern konnte? Wenn er seine Trübsinnigkeit so offen zur Schau stellen würde, wäre er niemals soweit gekommen. Das Leben als ein unnahbarer Feldherr war ein einsames, jedoch ein gutes. Zumindest hatte er dies bisher immer geglaubt. Aber was wenn er sich irrte? Wenn es doch nicht umsonst war auf bessere Tage zu hoffen? Tage an denen er nicht mehr allein sein würde. Dieser Gedanke war so absurd für ihn, dass er sich zunächst dagegen wehrte. Er war der Sohn Alathaias. Niemand würde ihm je seine Zuneigung zeigen. Und dennoch hatte er geblinzelt... Erschocken zuckte der Feldherr zusammen. Wieso dachte er immer wieder an den blondgelockten Grafen von Carandamon? Mit einem energischen Kopfschütteln versuchte er den Gedanken zu vertreiben, doch alles was er vor seinen geschlossen Augen sah, war das Bild Fenryls, wie dieser sich unter ihm wand. Das glänzende Haar. Die lustverhangenen mandelfarbenen Augen, sich im Rausch der Gefühle glücklich schließend. Die milchig weiße Haut, von einem leichten Schweißfilm überzogen. Er hasste sich für diese Gedanken und trotzdem lösten sie immer wieder wohlige Gefühle in ihm aus. Drusna lenkte ihn ab, aber die Erinnerungen konnte es nicht vergehen lassen. Von sich selbst verwirrt blickte er wieder auf und sah eine Träne aus den traurigen Augen seines Untergebenen rinnen. Sie rührte nicht von der Angst vor dem Tod, sondern von der Sorge um die Familie, welche noch nicht einmal vollständig war. So viele seiner Männer waren bereits gefallen, doch diesen konnte er retten. Er musste nicht sterben. Er sollte nicht. Nicht so. Schwach an einem Lagerfeuer. Der Fürst erhob sich und schnitt mit seinem Schwert ein kleines Stück vom hinteren Ende eines Astes ab, welcher auf dem Stapel mit dem Feuerholz lag. Er hob den Kopf des apathischen Ritters an, während er ihm den kleinen Holzstab entgegen hielt.
„Du solltest darauf beißen, ich kann deine Wunde heilen, aber ich habe nie gelernt den Schmerz mit dem Verletzten zu teilen, wie andere Heiler es tun.“
„Warum tut Ihr das?“
„Ich weiß es nicht und jetzt tu, was ich dir gesagt habe, bevor ich es mir anders überlege.“
Er legte seine rechte Hand auf den Stumpf des anderen. Dieser blickte ihm standhaft entgegen. Das würde sich gleich ändern, wenn er die Heilung begann. Behutsam fing er an, den Zauber zu wirken. Am Anfang versuchte der Schnitter noch die Schmerzenslaute zu unterdrücken, doch es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er schrie, als ob er bei lebendigem Leibe geröstet werden würde. Es mussten Höllenqualen sein, die er durchlitt. Tiranu presste den Kopf, an dem die Adern hervor traten, an seine Brust, um ihn vor den Blicken der umliegenden zu schützen. Es war besser, wenn so wenige wir möglich dies mit ansahen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie einige Menschen  aufgesprungen waren und Anstalten machten, zu ihnen herüber zu kommen. Vielleicht dachten sie, dass er dem Kämpfer etwas antun wollte. Doch die anderen Schnitter hielten sie zurück. Ein heftiges Geplänkel entbrannte. Er hörte etwas knacken. Der Verletzte hatte so stark auf das Holz gebissen, dass es dabei war zu splittern. Im nächsten Moment wurde er ohnmächtig und sein Haupt lehnte leblos an der Brust des Fürsten. Sachte legte er ihn zurück auf das Lager und nahm das Beißholz aus seinem Mund. In seiner Hand hielt er das abgefallene Pech, unter dem ein gutverheilter Stumpf zum Vorschein gekommen war. Der Ritter lebte noch. Er war am Ende seiner Kräfte, aber er lebte und würde wieder auf die Beine kommen. Möglicherweise schon am morgigen Tag. Dann würde man ihn zurück nach Albenmark schicken. Ohne seine Schwerthand war er nicht mehr von Nutzen für den Krieg in Drusna. Dies war etwas wonach sich jeder Kämpfer in diesem Lager sehnte. Nach Hause gehen zu dürfen. Seine Schnitter blickten ihn an, als würden sie etwas von ihm erwarten. Einen Befehl. Ein paar Worte.
„Kümmert euch um ihn. Ich erwarte ihn morgenfrüh in meinem Zelt.“
Damit ging er, um sich zur Ruhe zu betten. Es würde wohl in den nächsten Tagen keine weitere Schlacht geben. Somit herrschte eine kurze Atempause in diesem Wirrwarr aus Tod und Verderben. Genug Zeit also, um für eine geringe Zeitspanne Abstand von Drusna zu nehmen.

Streng blickte er am nächsten Tag in das blasse Antlitz des Kriegers. Er hatte viel Blut verloren und war eigentlich nicht in der Lage zu reisen, doch er würde seinen Fürsten heute auf den Weg nach Albenmark begleiten.
„Ich erwarte von dir, dass du all deine Habseligkeiten beieinander suchst und bei dem Albenstern nahe dem Waldrand auf mich wartest. Wir werden so bald wie möglich aufbrechen.“
„Ja, mein Fürst.“
Vorsichtig verbeugte er sich, geriet dabei jedoch ins Wanken. Es sah erbärmlich aus, wie er sich wieder fing und allmählich aus dem Zelt hinaus schlich. Der Schwarzhaarige würde dafür sorgen, dass sie beide zu Pferd reisen konnten. Sie mussten schnell sein, denn er hatte nicht viel Zeit für seine Angelegenheiten. Er zog ein Lederband aus seinem Wams, band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz und ließ den Zopf locker über seine Schulter fallen. Danach nahm er den Zweihänder auf, welcher an einer Truhe lehnte, und schnallte ihn sich auf den Rücken. Kaum dass er sein Zelt verlassen hatte, schickte er nach zwei Elfenpferden. Eine weitere seiner Wachen brachte die Nachricht zu den Jarlen, dass er für einige Zeit unabkömmlich sein würde. Es dauerte nicht lange, bis sie die Albenpfade auf dem Weg zur nördlichsten Insel Langollions betraten. Tiranu war in diesen Zaubern erfahren genug, um das goldene Netz an einem niederen Albenstern zu betreten oder zu verlassen und es zu durchschreiten. Er fürchtete die Yingiz nicht, die jenseits des Pfades lauerten. Auch wenn er sich gelegentlich fragte, ob die Kreaturen wohl auf Rache sinnten, nachdem seine Mutter versucht hatte sie zu zähmen. Die Sonne schien warm vom Himmel, als sie Albenmark betraten. In weiter Ferne waren die Häuser der wenigen Elfen zu erkennen, die hier oben im Norden lebten. Ihr Weg führte sie über die sanften grünen Hügel zu der kleinen Siedlung. Der Schnitter lebte dort. Mit seiner Gefährtin. Die Zeit schien für den Fürsten von Langollion unendlich langsam zu vergehen. Die Siedlung rückte kaum näher. Zumindest hatte er dieses Gefühl, bis sie an den ersten Bauten vorbei ritten. Dieser Teil seines Fürstentums war von einfacher Schönheit. Der Prunk, den er in seinem Schloss wiederfand, war hier der Schlichtheit gewichen. Es war gemütlich, jedoch entschieden zu klein für ihn. Die Pferde begannen in einen leichten Trapp zu verfallen, als würden sie wissen, dass sie einen der Reisenden heimbrachten. Kaum dass sie stehen geblieben waren, sprang der Schnitter aus dem Sattel und pochte an die dunkle Eichentür seines Hauses. Eine hager aussehende Elfe öffnete. Ihr Gesicht war von Kummer und Sorge gezeichnet. Ein äußerst erschreckendes Bildnis, wenn man ihren unübersehbaren Umstand bedachte. Fassungslos riss sie die Augen auf. Mit zitternden Händen berührte sie ihren Gefährten an den Wangen, als würde er wie Schaum auf den rauen Wellen des Meeres zerspringen, wenn sie ihn zu fest anfasste. Er schloss die Arme um sie und sie weinte stumme Tränen. Nach all den Berichten von der Front, hätte sie nie erwartet den Vater ihrer Leibesfrucht je lebendig wieder zu sehen. Es war ein Wunder. Ein Geschenk der Alben. Glücklich blickte sie empor zu dem Begleiter ihres Geliebten, doch ihre Miene versteinerte in schreckhaftem Erstaunen, als sie den Reiter erkannte. Untertänig ließ sie sich auf die Knie sinken, während sie eine Demutshaltung einnahm.
„Mein Fürst! Ich flehe Euch an, gebt meinen Gefährten frei. Er diente bereits eurer Mutter und hat genug für dieses Land getan.“
„Maralee, es herrscht Krieg...“
„Du hast genug gekämpft! Sollen doch andere ihr Leben riskieren. Ich bitte dich, Jalverun. Gehe nicht zurück in die Menschenwelt.“
Verzweifelt schaute sie auf den Stumpf, der früher einmal ein Schwertarm gewesen war. Zwar war sie keine Kriegerin, doch man musste in diesen Belangen nicht bewandert sein, um zu wissen, dass er nicht zurückkehren würde, sollte er abermals nach Drusna reisen. Sie klammerte sich an seinen vollständigen Arm, in dem unendlichen Wunschgedanken, dass sie ihn festhalten könnte, ihn für immer bei sich behalten, egal ob nun eine Zeit des Krieges oder des Friedens die Welt in Atem hielt. Doch er löste ihre Hände von seinem Arm und griff nach den Zügeln des Pferdes, welches ihn getragen hatte. Ein letztes Mal hatte er sie gesehen und mit dieser Freude konnte er nun ruhigen Gewissens in der Schlacht für Albenmark sterben. Er würde ihr alles wertvolle, was er besaß zurücklassen, damit sie und das Kind für einige Jahre versorgt waren.
„Jalverun, ich habe nicht diesen Umweg gemacht, damit du dich von deiner Gefährtin verabschieden kannst. Sage mir, was du meiner Streitmacht noch nützt, wenn dir dein Schwertarm fehlt? Es wäre die reine Verschwendung einer Seele dich noch einmal auf ein Schlachtfeld zu schicken.“
„Aber Fürst Tiranu, weshalb sind wir dann hier? Und was ist das Ziel unserer Reise?“
„Meine Ziele sollen für dich nicht von Belang sein. Deine Reise endet hier. Ich denke damit an die Zukunft meines Reiches, wenn wir den Krieg gewinnen sollten. Wer soll noch Kinder zeugen, wenn alle Männer in der Schlacht gestorben sind?“
Der Schnitter wusste nicht, wie er reagieren sollte. Dies war nicht der herzlose unnahbare Sohn Alathaias, den ganz Albenmark kannte und fürchtete. Zweifelsohne war der Herrscher Langollions ein großer Feldherr, doch was bezweckte er damit nun Güte zu zeigen, in einer Zeit in der Güte das Letzte war, was sich jemand in seiner Position leisten konnte?
„Es sind schon zu viele gestorben oder ins Mondlicht gegangen. Unsere Heere verkraften keine weiteren Ausfälle, oder wir werden den Krieg verlieren.“
„Ich will ehrlich mit euch sein. Der Krieg ist längst verloren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Tjuredpriester über diese Hügel kommen werden. Nichts wird sie aufhalten und niemand wird von ihnen verschont bleiben. Nicht einmal vor ihren eigenen Kindern machen sie halt, wenn es darum geht uns auszurotten. Wir sind für sie Dämonen, welche nichts anderes als den Tod verdienen. Nutzt die Zeit die euch noch bleibt, bevor Albenmark endgültig vernichtet wird.“
Das Paar sah ihn ungläubig an. Er wusste, wie grausam seine Worte klangen, doch sie entsprachen der Wahrheit. Aber dann begann Maralee zu lächeln. Sie stand auf und nahm einen Anhänger ab, welchen sie an einem Lederband um den Hals trug. Er war aus schwarzem Vulkanglas gefertigt, vermutlich stammte er aus dem untergegangenen Phylangan.
„Ich danke Euch dafür, dass ihr meinen Liebsten gehen lasst. Ihr seid wahrlich ein größerer Herrscher als Eure Mutter es je gewesen wäre. Die Frau, die einmal Eure Gefährtin wird, kann sich glücklich schätzen, bitte nehmt dies als Zeichen meines Dankes und gebt es ihr, falls ihr sie bereits gefunden haben solltet.“
Er nahm den verschlungenen Anhänger und nickte ihr zum Dank zu. Diese Elfe war entweder äußerst weise oder äußerst naiv. Wie sollte er ein großer Herrscher sein? Wo ihn doch jedermann nur als den Sohn der Hexe Alathaia kannte und fürchtete. Man konnte seinen Pelz nicht ablegen. Ein schwarzes Schaf blieb immer ein schwarzes Schaf, auch wenn sein Fell geschoren oder gefärbt wurde, im Kern war es immer noch schwarz. Dies war eine harte Lektion, die er bereits früh gelernt hatte. Selbst wenn er Emerelles Leben retten würde, so würde man  ihm stets nachsagen, dass er dies nur getan habe, um sie später selbst töten zu können. Selbstlosigkeit war eine Eigenschaft, die nicht zum Fürstengeschlecht Langollions passte.

Nun, da er allein weiterreiste, kam ihm sein Vorhaben recht einfältig vor. Ob er wohl umkehren sollte? Ratlos stand er auf dem Albenstern, durch welchen er gekommen war. Im Grunde genommen hatte er nichts zu verlieren. Außer dem letzten Rest Würde, den er in den Augen der andern Albenkinder vielleicht doch noch besaß. Aber er war immer ein Mann gewesen, der seinen Weg bis zum Ende ging. Vermutlich würde er sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen können, wenn er nun einfach umkehrte. Noch etwas unsicher in seinem Entschluss trat er auf die Albenpfade. Er würde sie dieses Mal an einem großen Albenstern verlassen. Jedoch war die Reise weit und nun, da er an seinem Weg zweifelte, schien ihm auch die Schwärze immer näher zu rücken. Flüsternde Stimmen drangen an sein Ohr. Ob nun eingebildet oder nicht, sie bereiteten ihm ein leichtes Unbehagen und auch der Hengst wurde unruhig. Die Yingiz rochen Angst und Unsicherheit und stürzten sich mit Freude auf diese Wesen auf den Albenpfaden. Das Netz war an dieser Stelle ein Mal durch Emerelle verletzt worden. Wenn sie die Schutzzauber nicht richtig gewirkt hatte, könnten die Yingiz an dieser Stelle entkommen. Er trieb das Pferd weiter an. Es war sicherer kein Risiko einzugehen. Man würde über ihn spotten, wenn er zum Fraß für die Yingiz würde. Endlich verließ er die Pfade und kühle Luft rauschte ihm entgegen. Vor sich sah er eine weite Eiswüste und in einiger Entfernung das Ziel seiner Reise. Rosenberg. Der Sitz des Grafen von Carandamon. Das schwarze Reittier schnaufte und schnupperte ein wenig, als es auf die Festung, welche von hohen bläulichen Mauern um geben war zu schritt, der Fährte eines Schneehasen folgend. Wie in den meisten Fürstentümern und Grafschaften waren auch hier die Straßen wie ausgestorben. Viele kämpften im Krieg und wer sich nicht auf dem Schlachtfeld befand, weil er zu jung oder kein Krieger war, war im Angesicht der drohenden Gefahr auch nicht zu einem morgendlichen Plausch beim Bäcker aufgelegt. Die wenigen, die ihm begegneten, mieden ihn. Selbst wenn sie ihn nicht erkannten, so vermittelte er dennoch nicht gerade den Eindruck eines freundlichen Zeitgenossen. Bald schon tauchte das Tor zur Burg vor ihm auf und eine Wache in silberner Plattenrüstung und weißem Umhang trat ihm entgegen.
„Halt! Wer dort?“
„Ich bin Fürst Tiranu von Langollion, richte deinem Grafen aus, dass ich ihn zu sprechen wünsche.“
Die Wache schien zunächst verblüfft, jedoch blickte sie ihn gleich darauf kühl an.
„Wenn Ihr im Auftrage der Königin Emerelle kommt, so lasst Euch gesagt sein, dass mein Herr keine weitere Miteinbeziehung seinerseits im Krieg mehr wünscht.“
„Ich wurde nicht von der Königin geschickt und nun sage ihm, dass ich hier bin, oder ich werde mir selbst Zutritt zur Burg verschaffen.“
Man kannte den Fürsten hier gut. So gut, dass der Wächter wusste, dass dieser sich im harmlosesten Fall bei Nacht in die Burg schleichen würde. Daher zog er es vor, ihn anzumelden. Doch es dauerte lange, bis der Diener eine Nachricht vom Grafen brachte. Zu allem Übel würde der Sohn der Hexe vorgelassen. Auch der Diener, welcher ihn zu ihrem Herren bringen sollte, schien nicht erfreut davon zu sein. Es ging vorbei an frostüberzogenen Mauern, bis sie im Innenhof, der von einem riesigen eiserstarrten Brunnen dominiert wurde, das Innere des Bauwerks betraten. Man führte ihn anscheinend direkt in die Gemächer des Grafen und dort fand Tiranu ihn auch. An einem Balkon stehend. Die Unterarme auf der sehr massivwirkenden Brüstung abgelegt. Der Diener verneigte sich kurz vor dem Rücken seines Gebieters und verließ dann schnellen Schrittes den Raum. Eine knisternd kühle Stille breitete sich zwischen den beiden aus. Bis der Blonde, seufzend das Wort ergreifend, sich umdrehte und seinen Gegenüber ebenso kühl ansah.
„Was willst du hier Schnitter?“
„Ich wollte dich sehen.“
„Mich sehen? Nun, das hast du. Also kannst du wieder gehen.“
„Ist es wirklich das, was du willst, Fenryl?“
„Was ich will, ist für dich doch nicht von Belang.“
Der Graf erschien wie der eisige Hauch des Winters selbst. Verkörpert in perfekter Vollendung. Weiße Stiefel mit einem Besatz aus Kaninchenfell, dazu eine hellblaue enganliegende Hose. Unter dem dünnen weißen Mantel, welcher nur bis zur Hüfte geknöpft war und einen tiefen Ausschnitt besaß, lugte ein Hemd in einem etwas dunkleren Blau hervor, dessen Ärmel sich über dem Handgelenk weiteten und deshalb wie Blütenkelche aus den Ärmeln des Mantels heraus schauten. Das blonde Haar fiel ihm offen über die Schultern und den Rücken, doch der alles gefrierende Blick wollte ihn einfach nicht sympathisch wirken lassen. Er löste etwas in dem Schwarzhaarigen aus. Jedoch waren es mehr Faszination und Unbehagen, als warme Gefühle. Er nahm seinen Zweihänder ab und stellte ihn wie einen Gehstock vor sich auf den Boden. Eine Pose aus längst vergangenen Tagen, in denen die Drachen noch den Himmel und die Erde Albenmarks beherrschten. Heute jedoch eher der krampfhafte Versuch, sich an etwas festzuhalten.
„Woher nimmst du deine Sicherheit bei dieser Überzeugung?“
„Aus den Taten eines Mannes, der nicht schnell genug aus Vahan Calyd verschwinden konnte.“
„Dieser Mann ist Vergangenheit.“
„Und was ich vor Augen habe, soll nun die Zukunft sein?“
Eine blonde Braue hob sich in Zweifel und Verachtung. Es herrschte eine nicht zu greifende Spannung in der Luft. Sie sprachen in Rätseln und doch verstanden sie einander. Ein Chaos aus Emotionen, Worten, Mimik, Gestik. Der außenstehende Betrachter hätte sie für geisteskrank gehalten.
„Nein. Du siehst die Gegenwart. Die Zukunft habe ich im Auge.“
„Mir scheint, du träumst einen Tagtraum.“
„Wenn dem so ist, dann hoffe ich, dass ich niemals erwache.“
Der Graf schritt auf ihn zu. Mit eiligen Schritten. Kurz. Schnell. Laut. Fordernd. Abrupt blieb er vor dem Schwarzhaarigen stehen. Eine Strähne seines wallenden Haares fiel ihm über die Schulter. Keiner rührte sich. Während die Farbe des Rehs auf tiefes Dunkel traf.
„Das Träumen habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben.“
„Aber verlernt hast du es nicht. Das ist das schöne an den Dingen aus der Kindheit. Sie bleiben erhalten.“
Weiterhin gebannt kam nun Regung in die beiden Körper. Der Fürst nahm seine linke Hand vom Schwertknauf und fasste damit nach der ausgebrochenen Haarsträhne. Vorsichtig wie einen kostbaren Schatz hielt er sie in Händen, um die goldenen Locken nicht zu zerdrücken. Einige Augenblicke später legte sich sanft und leise eine weiße Hand auf die, welche noch auf dem Schwert ruhte. Umsichtig wie eine Schneeflocke, die bedächtig zu Boden sank, um bei der Verschmelzung mit den weißen Weiten sofort unsichtbar zu werden.
„Es ist nicht Recht.“
„Was ist heutzutage noch Recht und Gerechtigkeit?“
„Das Wort der Königin.“
„Siehst du sie hier?“
„Nein.“
„Dann triff selbst eine Entscheidung.“
Fenryl ergriff die Hand, die sein Haar festhielt und führte sie fort. Entwand das Gold den warmen, verlockenden, feingliedrigen und dennoch leicht rauen Fingern.
„Lass uns gemeinsam träumen.“
Das Schwert fiel mit einem lauten Klirren auf den marmornen Fußboden. Aus Schneeflocke und Schneedecke schien eins zu werden, auch wenn sie eigentlich so unterschiedlich wie Tag  und Nacht waren. Ihre Lippen pressten sich auf einander, als wäre es lebensnotwendig. Gefahr wo man nur hinsah. Eine Tür flog ebenso krachend auf und wieder zu und der Teppich auf dem Parkett das Schlafzimmer musste seinen Herren sehr bedauern, da dieser scheinbar seine Beine nicht mehr benutzen konnte und das Bett somit nicht auf seinen eigenen grazilen Füßen erreichte. Das Spiel aus den Mangroven wiederholte sich. Obgleich die beiden Herrscher es nun viel detaillierter und leidenschaftlicher begingen.

Das zarte orange der Abendsonne stahl sich seinen Weg durch die beinahe bodentiefen Fenster. Es verfing sich in den weißen Vorhängen, drehte sich ein paar Male um sich selbst und fiel schließlich auf die beiden Gestalten, die in dem weichen Federbett lagen und den Frieden genossen. Besitzergreifend hatte Tiranu die Hand des anderen in seine genommen, während er sie nun gegen seine Brust gedrückt hielt, nahe bei seinem Herzen. Der Besitzer eben dieser Hand hatte sich einwenig aufgesetzt und sah auf den Schwarzhaarigen, welcher seinerseits auf ihre Hände blickte. Ein glänzender schwarzer Anhänger ruhte auf der Brust des Blonden. Er strich noch einmal darüber, während er sich fragte, wie lange sie hier wohl noch in trauter Zweisamkeit liegen konnten.
„Du musst bald zurück, nicht wahr?“
„Ja.“
„Lässt du mich dann wieder allein zurück?“
„Ja. Hier wo dir nichts geschehen kann.“
„Du weißt selbst, wie töricht dieser Gedanke ist.“
Der Fürst seufzte und schlug die Decke beiseite. Für töricht hielt er ihn also. Schweigend suchte er nach seiner Hose. Doch als er gerade dabei war, sie hochzuziehen, spürte er kühle warme Finger, gefolgt von heißen Lippen, die über seinen Bauch strichen, ihn küssten, liebkosten.
„Bitte geh noch nicht.“
„Ich wollte nicht gehen.“
Ein schmales Lächeln zierte seine Züge, derweil er sich zurück in das Bett legte, seinen rechten Arm um ihn legend, den Grafen an sich zog und wieder dessen Hand an seine Brust nahm. Er platzierte einen Kuss auf dem hellen Haar, wünschte sich dabei nichts sehnlicher, als dass sie für immer so verharren könnten. Doch man wunderte sich sicher bereits, was die beiden Herrscher solange in den privaten Gemächern trieben und bald würde wohl ein Diener kommen, um zu fragen, ob er das Abendmahl anrichten sollte. Es würde sicherlich kein besonders schönes Licht auf sie beide werfen, wenn man sie auf diese Weise fand. Er wollte noch länger diesen Gedanken nachgehen, doch eine Stimme riss ihn daraus hervor.
„Wenn der Krieg vorbei ist und wir ihn tatsächlich gewinnen. Werden wir uns dann immer noch sehen, oder wirst du dir eine hübsche Elfe zur Gefährtin wählen?“
„Wie kommst du darauf?“
„Es ist naheliegend. Du bist jung. Ein Fürst Albenmarks. Deine Linie muss fortbestehen.“
„Was kümmert mich meine Blutlinie? Ich und die meinen werden immer für die Taten meiner Mutter gestraft sein.“
Fenryl richtete sich auf und sah ihn traurig an. Seine Hand streichelte dabei wehmütig über die gut trainierte Brust des anderen.
„Aber was willst du dann mit mir? Du bist selbst gebrannt genug. Willst du auch noch den Spot über mich auf dich nehmen? Glaubst du ich wüsste nicht, wie sie über mich reden? Wie auch du einst über mich geredet hast?“
„Es sollte dich nicht scheren, was andere über dich denken. Es ist nur wichtig, wie du dir selbst begegnest. Mir ist es einerlei, ob man über uns reden wird oder nicht. Für mich zählen andere Dinge.“
„Willst du es wirklich riskieren? Ich bin nicht einfach. Mal habe ich gute Tage, so wie heute, aber manchmal... Was wenn ich mich wieder, in dem Versuch auf dem Sanhalla davon zu fliegen, aus dem Fenster stürze?“
„Dann werde ich dort sein und dich festhalten und wenn alle Bande brechen, werde ich mich notgedrungen hinterher stürzen.“
„Sag so etwas nicht. Bitte... Ich...“
Auch Tiranu setzte sich nun auf und nahm das verstörte Gesicht des Blonden in seine Hände. Er stich mit den Daumen über die blassen Wangen, berührte die hellroten Lippen und fand seinen gegenüber in diesem Moment eigentlich nur noch hübsch und kindlich.
„Fenryl, akzeptiere es. Ich wage noch nicht auszusprechen, was ich denke zu fühlen, aber zwinge mich nicht dazu, diese Empfindungen wieder zu vergessen. Ich habe schon zu lange nicht mehr so etwas gefühlt. In meinem Leben gab es nicht viel Sonnenschein.“
Damit küsste er seinen Gegenüber sanft und voller Zuneigung. Eine seiner Hände ging auf Wanderschaft und streifte dabei den Anhänger, von dem er nun sicher wusste, dass er aus dem Vulkanglas Phylangans stammte. Als sie sich trennten, hatte sie unschuldige Hand den anderen soweit zur Seite gedrängt, dass sie nun Arm in Arm aus dem Fenster blicken konnten. Der Kopf des Grafen ruhte bald darauf auf seiner Schulter, bevor erneut seine Stimme ertönte.
„Wir sollten uns wirklich anziehen.“
„Ja, das sollten wir, aber gib uns noch einen Moment, um diesen Sonnenuntergang  zu genießen.“
Sie schauten in ein Meer aus warmen Farben und obwohl dies der Untergang der Sonne war, so waren sie sich jedoch sicher, dass danach ein strahlender Mond in einer wunderschönen sternenklaren Nacht aufgehen würde.
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