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Not macht erfinderisch

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
V
26.02.2011
26.02.2011
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Schnellen Schrittes verschwand V um eine Ecke, hinein in einen der dunklen, unterirdischen U-Bahn Tunnel und weg von der Schattengalerie.
Ich lief ihm hinterher, „V … Bitte lauf nicht wieder weg von mir!“ Rief ich, leicht außer Atem und mit verzweifelter Stimme. Meine langen, schwarzen Haare wehten hinter mir, wie der Umhang hinter V.

„Ivi bitte.“, seufzte er bedauernd, blieb endlich stehen und drehte sich zu mir um.
„Warum fliehst du immer vor mir?“ Fragte ich traurig und hatte beinahe Tränen in den Augen, als ich ihn endlich erreicht hatte.
Noch ein bedauerndes Seufzen von V. „Ich muss, … ich kann nicht.“ Erklärte er ruhig und so rätselhaft wie immer.
In mir herrschte ein Sturm von Gefühlen die ich kaum noch in Zaum halten konnte. Mein Herz raste und jeder Schlag tat weh als wäre es kurz davor zu bersten.

„Aber ich versteh es nicht … jedes Mal wenn ich denke, wir kommen uns näher, weichst du wieder vor mir zurück. Sag mir nur warum!?“ Flehte ich.
„Ivi.“, keuchte er gequält.
„Bitte, sag mir warum!“ Ließ ich nicht locker und meine Augen musterten sein maskiertes Gesicht, in der vergeblichen Hoffnung vielleicht irgendeine Gefühlsregung erahnen zu können.
„Nein!“ War seine harte Antwort, die keine Diskussion zuließ und mir wie einer seiner Dolche mitten ins Herz stach.
Jetzt kam zu meiner Traurigkeit, Resignation dazu und ich kehrte ihm den Rücken mit den Worten, „dann wirst du es sicher begrüßen, wenn ich die Schattengalerie verlasse. Ich hol nur noch meine Sachen.“

So hatte ich mir unseren Abschied nicht vorgestellt. Wenn ich ihn mir überhaupt schon einmal vorgestellt hätte, dann hätte ich ihm gesagt wie dankbar ich ihm dafür war, was er alles für mich getan hatte. Dass er sein Heim mit mir, ohne zu zögern geteilt hatte und somit sein Leben noch mehr einschränkte, da er nun ständig maskiert sein musste. Dass ich seine Gesellschaft liebte, seine Art, unsere anregenden Gespräche und den Klang seiner Stimme. Ja sogar dass ich ihn liebte.
Ich hatte mich schon ein paar Schritte von ihm entfernt, als er plötzlich, „darf ich mich erkundigen wo du hin willst?“, fragte.

Waren da ein unterschwelliger Ton von aufrichtiger Sorge und ein Hauch von Flehen, dass ich meine Entscheidung noch mal überdenken solle, in seiner Stimme?
Wohl eher nicht. Mein Verstand spielte mir sicher wieder einen Streich, genauso wie vorhin als ich ihn ohne Handschuhe gesehen hatte und seine Hände ohne Abscheu ergriff. Als ich mit meinen Fingern sanft über die Unebenheiten seiner Haut strich, dachte ich V ganz leise seufzen zu hören und er war für einen Moment wie erstarrt gewesen, bevor er die Berührung für einen Augenblick lang, zaghaft erwiderte. Ja, ich hatte gedacht er würde die Berührung genießen, doch dann war plötzlich ruckartig vor mir zurückgewichen. So als wäre ihm erst jetzt bewusst geworden, was gerade geschah. Verlegen hatte er so was wie: „es tut mir leid.“, gemurmelt, während er sich umgedreht hatte und davon eilte. Völlig verwirrt über diese jähe Reaktion, war ich V hinterher gelaufen, hatte zu tun ihn aufzuholen und hier waren wir nun. Und jetzt war ich diejenige die ihm den Rücken kehrte und von ihm weg ging.

Und ich war auch diejenige die jetzt mit einem erbarmungslosen „nein!“ antwortete, sowie V es vorhin getan hatte.
„Ivi.“ Hörte ich ihn bitten.
„Du hast soviel für mich getan und dich nie beschwert und dafür danke ich dir aus tiefsten Herzen, doch ich sehe wie dich meine Gesellschaft belastet.“ Entgegnete ich erst kühl, bevor ich mit einem weitaus sanfteren Ton und geknickt, fortfuhr: „Ich will dir das nicht länger zumuten. … Das hast du nicht verdient.“

Ich hatte das Gefühl ich würde innerlich zerreißen und kämpfte gegen die Tränen an die sich ihren Weg in meine Augen bahnten.
V kam mir nach und als er nach meiner Hand griff, zuckte ich zusammen. Seine Berührung war wie ein glühendes Eisen das sich in meine Haut brannte und ein Feuer von Gefühlen in mir entfachte. Es passierte jedes Mal, egal ob wir uns unabsichtlich streiften, oder wie jetzt, wo er einfach nur meine Hand hielt. Es war als würde er mich jedes Mal im Augenblick unseres Kontaktes, in meinem tiefsten Innersten berühren und ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren.
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm.

„Du weißt dass das Unsinn ist.“ Sagte er ruhig. Seine tiefe Stimme klang jetzt wie flüssige Seide die meine Seele streichelte und mich auf ihrem Strom davon schwimmen ließ. Doch wusste ich es wirklich, oder hoffte ich es nur?
„Ist es das?“, fragte ich, nicht hoffnungsvoll, sondern prüfend und legte meine freie Hand flach auf seine Brust, direkt über seinem Herz.
„Du hast eine Mauer um dich herum errichtet und immer wenn ich glaube dass sie zu bröckeln beginnt, dass ich endlich den Mann dahinter sehen kann, ziehst du sie neu hoch. Noch dicker, höher und undurchdringlicher als je zuvor.“

Ein leichtes Beben durchlief Vs Körper, strömte direkt durch meine Hand in meinen aufgewühlten Verstand und meine Sinne waren plötzlich so scharf wie die eines Raubtieres. Ich hörte seinen Atem durch die Mundöffnung seiner Maske strömen und konnte seinen, viel zu schnellen Herzschlag deutlich spüren.

„Das ist richtig.“ Stimmte er mir, nach einer kurzen Pause, leise zu.
„Ich kann verstehen warum du sonst niemanden an dich heran lässt, aber warum lässt du mich nicht? Ist es aus Hochmut, weil du weißt dass du keinen Menschen brauchst, … oder ist es die Angst davor, auch nur irgendjemanden an dich heran zulassen, weil du so sehr verletzt wurdest?“ Fragte ich mitfühlend und spürte wie mir die Tränen jetzt unaufhaltsam in die Augen stiegen.

„Weder, noch …, “ begann er zögernd und senkte seinen Kopf, nicht mehr fähig mir in die Augen zu sehen, „ … sie … soll dich schützen.“, erklärte er dann und seine Körpersprache vermittelte Demut und … war das etwa Schuld?
„Mich schützen?“, fragte ich verwirrt. „Wovor?“, und dann traf mich die Einsicht, „ etwa vor dir?“

V antwortete nicht, dennoch, oder vielleicht gerade deswegen wusste ich, dass ich recht hatte und plötzlich verstand ich ihn etwas besser.
Es war nicht so dass meine Gesellschaft eine Last für ihn war. Er genoss sie wohl genauso sehr, wie ich seine. Was ihn belastete war, dass es nicht in seinen Plan passte, etwas zu genießen und dass er es sich nicht erlaubte an etwas anderem als Blut und Rache, Freude zu haben. Es stand ihm nicht zu, solche Gefühle zu haben. Weil er sie nicht verdient hatte, oder es nicht wert war? Die Antwort wusste nur er selbst.
Immer wenn er sich endlich einmal zu öffnen begann und ich ihm zu nahe kam, trat er, in dem Irrglauben, mich vor ihm und seinen Gefühlen schützen zu müssen, sofort wieder den Rückzug an. Er hielt sich wohl für ein Monster. Und ein Monster darf einen Engel nicht mit solchen Gefühlen `beschmutzen´.

„V“, hauchte ich und strich mit meinen Händen über sein Haar bevor ich sie auf den Wangen seiner Maske ruhen ließ und seinen Kopf leicht anhob, sodass er mich wieder ansehen musste und sehen konnte, wie todernst ich meinte, was ich sagte, „weißt du denn nicht dass ich keinen Schutz vor dir brauche?“
Und mit diesen Worten zog ich ihn näher an mein Gesicht. Ich spürte keinen Widerstand seinerseits, auch nicht als ich sanft die kalten Lippen seiner Maske küsste. Als seine mit schwarzen Leder behandschuhten Hände ganz leicht auf meinen Hüften zu liegen kamen, wusste ich, dass er meinen Kuss förmlich spüren konnte.

„Ivi“, hauchte er gequält, als ich mich kurz von ihm trennte und seine Stimme zitterte in Anstrengung, Herr über sich selbst zu bleiben.
„Ich liebe dich!“, war meine flüsternde, aber dennoch aus tiefsten Herzen kommende Antwort, bevor ich ihn noch einmal küsste. Ich konnte fühlen wie er erstarrte und sein Griff an meinen Hüften etwas fester wurde.

„Du weißt nicht wen … was du liebst.“ Sagte er heiser, nachdem ich mich von ihm gelöst hatte und senkte wieder seine Kopf.
Und da waren sie wieder, Demut und Schuld.
„Doch das weiß ich!“ Widersprach ich V, ohne mich anstrengen zu müssen, überzeugend zu klingen, denn es war die Wahrheit.
Doch er blieb beharrlich. „Oh nein, teuerste Ivi. Du hast keine Vorstellung von…“
„V“, unterbrach ich ihn, und zwang ihn noch einmal mich anzusehen, indem ich meinen Zeigefinger unter das metallene Kinn seiner Maske legte, um seinen Kopf wieder zu heben.

„Ich muss nicht wissen, oder mir vorstellen wie dein Gesicht, oder der Rest von dir aussieht und es kümmert mich auch nicht, denn das bist nicht DU. Liebe sieht mit dem Herzen, nicht mit den Augen, deswegen ist Cupido auch blind gemalt. … Ich kenne und liebe deinen Geist.“ Ich tippte bei diesen Worten leicht gegen seine Schläfe. „Und ich kenne und liebe dein Herz.“ Meine flache Hand berührte sanft die Stelle seiner Brust, wo das besagte darunter schlug, dabei verlor ich nie den Augenkontakt. „Das ist, was DU bist, was DICH ausmacht und alles was drum herum ist, was du so vehement versteckst, weil es nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, ist nur die äußere Hülle. Eine Hülle die vergänglich ist, so wie meine eigene. Jedoch eine Hülle, mit dem wohl wunderschönsten Inhalt der mir je begegnet ist.“ Ich machte eine kurze Pause.

V war wie paralysiert, die einzigen Regungen die ich registrierte waren sein Griff an meinen Hüften der noch fester geworden war und ein schweres Schlucken, welches ich hörte bevor er noch einmal, in dem Versuch mich zur Vernunft zu bringen „Ivi nicht“, hauchte. Doch ich konnte förmlich hören wie seine `Mauer´ einzustürzen begann, denn, so sehr er sich auch anstrengte, es als Warnung klingen zu lassen, kam es doch nur als ein kehliges Raunen, tief aus seiner Brust und machte die Warnung zu einem Flehen. Einem Flehen um Erlösung.

„Der Bettler und die Auster.“ Fuhr ich fort und sah wie sich Vs Maske fragend, beinahe verwirrt, zu einer Seite neigte. Ich holte tief Luft und begann zu erzählen.
„Seinen Hungertod kommen spürend, ging ein Bettler zum Meer um ein letztes Mal den Sonnenaufgang zu sehen. Er wusste dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt und wollte sich schon völlig entkräftet und dem Tode nahe, in den Sand setzen, als er im dämmrigen Licht kleine, schwarze Steine am Strand liegen sah.“

V lauschte aufmerksam und ich machte eine kurze Pause um die Spannung zu erhöhen.
„Verwundert darüber wo sie wohl herkamen, hob er einen Stein auf und betrachtete ihn. Schwarz, unscheinbar und offenbar ohne jeglichen Wert, lag er in seiner zitternden Hand. Doch als er genauer hinsah, bemerkte der Bettler dass es keineswegs ein Stein war, sondern eine Auster und als er auf die anderen, noch am Boden liegenden, blickte, sah er dass auch sie keine Steine waren. Die ersten Sonnenstrahlen färbten den Horizont orange-rot, als der Bettler die Auster in seiner Hand öffnete. Ihr Innenleben war wunderschön, mit, in allen Farben schillerndes Perlmutt ausgekleidet und darauf gebettet, ihr nahrhaftes Fleisch. Er dankte der kleinen Auster und aß sie gierig. Doch das war nicht alles was sie ihm zu bieten hatte. Sie enthielt auch noch eine große, weiße, wie reine Seide schimmernde Perle und der Bettler wusste um ihren Wert. Die Sonne ging mit einem gleißenden Licht auf und mit ihr begann ein neuer Tag. Es war der erste Tag vom Rest seines Lebens. Die einsame, sich in ihrer Schale einschließende Auster hätte sich nie zu träumen gewagt, dass sie jemals jemanden soviel bedeuten könnte. Sie hatte ihn nicht nur vor dem sicheren Hungertod gerettet, sondern auch aus seiner Not.“
Ich verstummte.

Einen Augenblick lang sahen wir uns schweigend an, dann hob V plötzlich einen Arm und ich spürte ganz zart seine Fingerspitzen über meine Wange streichen. Ich schloss meine Augen im Genuss dieser Berührung und schmiegte mein Gesicht in seine Handfläche. Er musste nichts sagen, ich wusste dass er meine Geschichte verstanden hatte und was diese Berührung bedeutete.

„Du warst der Sonnenaufgang am ersten Tag vom Rest meines Lebens, für den ich Gott seither jeden Tag danke.“, hauchte ich und drückte einen sanften Kuss auf das schwarze Leder, welches seinem Handballen überzog. „Dein Herz und dein Geist nähren mich“, ich öffnete meine Augen wieder und blickte in die verblendeten Öffnungen von Vs Maske. Sein Atem zitterte leicht und nicht einmal das, auf ewig festgefrorene Lächeln und die Tatsache, dass ich seine Augen nicht sehen konnte, konnten darüber hinwegtäuschen dass er weinte.

„Du bist die Perle die mein Leben rettet“, fuhr ich wispernd fort und hatte jetzt selber Tränen in den Augen, „und hätte ich nicht genauer hingesehen … dann wäre mir der wahre Schatz unter der Hülle, verborgen geblieben … ich weiß was ich liebe, ich liebe dich.“ Mit meinen letzten Worten, erstickte meine Stimme in Tränen, die jetzt über meine Wangen liefen und Vs schwarzen, Lederhandschuh benetzten.

Er hatte mir die ganze Zeit über aufmerksam und schweigend, zugehört.
Vorsichtig und ganz sanft wischte er mir mit seinem Daumen eine Träne von der Wange und entließ einen Atemzug. „Und ich …“, begann er leise und das Sprechen schien ihm schwer zu fallen, „ … bin auch wie die einsame, sich in ihrer Schale einschließende Auster, die sich nie zu träumen gewagt hätte, dass sie jemals jemanden soviel bedeuten könnte.“
V ließ seine Hand an meinem Gesicht nach hinten gleiten, seine Finger schoben sich in mein Haar, bis sie zärtlich in meinen Nacken zu ruhen kamen.

„So ist es aber.“, flüsterte ich und spürte, wie nun V mich sachte näher an seine Maske zog. Kurz bevor sich unsere Lippen berührten, hielt er inne, als wollte er sich noch einmal von meinem Einverständnis überzeugen. Die Zeit schien plötzlich still zu stehen und ich konnte seinen heißen Atem, der durch die Mundöffnung seiner Maske strömte, auf meinen Lippen spüren. Und dann küsste er mich endlich, so hauchzart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Ich schloss meine Augen und vergaß alles um mich herum. Mein Dasein reduzierte sich auch die Stellen wo V mich berührte. Seine Hand in meinem Nacken, seinen Arm, den er jetzt enger um mich schlang und meinen Körper sanft an seinen drückte und die, von seinem Atem nun erwärmten Lippen seiner Maske, auf meinen.
Ich schlang meine Arme um seinen Hals, presste mich noch enger an ihn und so starr das Fawkesche Grinsen auch sein mochte, in diesem Augenblick hatte ich das Gefühl ich würde die Lippen von V selbst küssen.

Mein Herz hatte begonnen so heftig gegen meine Rippen zu hämmern, dass ich dachte es würde raus springen, als er sich langsam von mir löste und mich schwer atmend, ansah.
„V, ich liebe dich so sehr.“ Keuchte ich einmal mehr. „Und ich liebe dich, Ivi.“, bestätigte er endlich, was ich so sehr gehofft hatte, mit heiserer, tiefer Stimme. Er hob mich hoch, in seine Arme und ich lächelte ihn glückselig an.

„Willst du immer noch gehen?“ Fragte er vorsichtig mit bangendem Unterton. „Nur wenn du willst, dass ich gehe.“ Antwortete ich mit der gleichen unterschwelligen Angst. „Bitte verzeih mir Ivi, es lag nie in meiner Absicht dir das Gefühl zu vermitteln, nicht willkommen zu sein.“ Erklärte V entschuldigend.
„Ich weiß“, wisperte ich an seinem Hals und schmiegte mein Gesicht in die Beuge zwischen seiner Schulter und der Maske.
Und dann trug er mich auf seinen Armen, zurück in die Schattengalerie.

Die samtweichen Haare seiner Perücke streiften meine Stirn und ich sog ihren und seinen Duft tief in mich ein. Eine Mischung aus Sandelholz, Rosen, Leder und etwas absolut Männliches, wobei es sich nur um Vs persönliche Duftnote handeln konnte.
Ich hatte plötzlich Schmetterlinge in meinem Bauch und dachte gerade darüber nach ob es eine Sünde war, für einen Mann, so verboten gut zu riechen, als er mich mit seiner tiefen, warmen Stimme, die mich ebenso betörte wie sein Duft, aus meiner Träumerei riss.

„Von wem stammt die Geschichte `Der Bettler und die Auster´?“ Fragte V und fügte nachdenklich hinzu, „ich muss gestehen, mich nicht entsinnen zu können, sie schon mal gehört zu haben.“
Ich musste mir ein Lachen verkneifen und versuchte so ernst wie möglich zu klingen, als ich sagte: „Sei nicht zu streng mit dir, selbst du kannst nicht alles wissen und kennen.“
Er seufzte zustimmend und ich sprach weiter: „Es ist ein sehr junges Werk von einem, noch nicht entdeckten Talent.“

Wieder in der Schattengalerie, in der Haupthalle angekommen, blieb V stehen und ich hob meinen Kopf von seiner Schulter, um ihn anzusehen.
„Ein literarisch, sehr vielversprechendes Talent, wie ich bemerken darf und höchst imposant.“ Erwiderte er gedankenvoll und so sehr ich mich zuvor bemühen musste, nicht zu lachen, gingen mir seine Worte jetzt runter wie Öl. Jemanden wie V zu beeindrucken war nahezu unmöglich und mir sollte es tatsächlich gelungen sein?

„Weißt du den Namen dieser zweifellos eindrucksvollen Persönlichkeit?“ Fragte er schließlich und jetzt konnte ich ein breites Grinsen nicht mehr zurückhalten.
„Nun“, begann ich langsam und tat ein wenig geheimnisvoll, „ich weiß nur, dass sie Yvonne heißt, aber der den sie liebt, und NUR der, darf sie Ivi nennen.“ Jetzt übertraf mein Grinsen dass von Vs Maske, doch es entglitt mir mit sämtlichen Gesichtszügen, als er mich abrupt am Boden abstellte und vor mir zurückwich.

War ich zu weit gegangen? Fühlte er sich von mir auf den Arm genommen und beleidigt, oder noch schlimmer,  hatte ich ihn in seinem Stolz verletzt? Meine Gedanken rasten und ich fühlte Panik in mir aufsteigen.
Plötzlich nahm er seinen Hut ab, hielt ihn gegen seine linke Brustseite, kniete nieder und senkte seinen Kopf.
Jetzt verstand ich gar nichts mehr.

„Wa … was machst du?“ Stotterte ich verwirrt.
„Ich fühle mich geehrt, die Gesellschaft einer so fesselnden Persönlichkeit genießen zu dürfen, ziehe meinen Hut in Anerkennung, knie nieder in Ehrfurcht und verbeuge mein Haupt in Demut vor diesem beeindruckenden Talent.“ Erklärte V untertänig, bevor er sich langsam wieder zu seiner vollen Größe erhob und ich zu ihm aufblicken musste.

Jetzt fühlte ich mich auf den Arm genommen und ich spürte wie mir Schamesröte ins Gesicht stieg.
„Es tut mir leid“, sagte ich leise, mit hängenden Schultern und sah wie sich seine Maske zur Seite neigte, wie er es normal nur machte, wenn er eine Frage seinerseits stellte. Und dann kam sie auch schon. „Wofür entschuldigst du dich, Liebste? Ziemt es sich nicht einem Künstler seine Wertschätzung auszudrücken?“

Meine Welt stand Kopf. Hörte ich da Unsicherheit in seiner Stimme? „Du … du meinst das ernst?“ Fragte ich verdutzt und er antwortete jetzt mit absolut überzeugender, aber dennoch ruhiger Tonlage: „Aber natürlich, es war doch auch dein Ernst.“
Ich verstand den indirekten Wink auf die Ehrlichkeit meiner Aussage und versicherte ihm dass mir die Geschichte in dem Moment meiner Verzweiflung, aus dem Stehgreif eingefallen war, was auch der vollen Wahrheit entsprach. V hielt mir seine Hand entgegen und ich ergriff sie zögernd.

Heißes Blut erzeugt heiße Gedanken und heiße Gedanken erzeugen heiße Werke, und heiße Werke sind Liebe.“* Zitierte er mit theatralischer Stimme, bevor er meine Hand an seine unbeweglichen, Fawkeschen Lippen für einen Kuss führte. Ich spürte wie auch mir heiß wurde und das einzige was ich raus brachte war: „Shakespeare.“
„Sehr gut!“ Lobte V und zog mich näher an sich. „Du steckst voller Überraschungen.“, fügte er noch hinzu und ich lächelte geschmeichelt, „hoffentlich nur Gute.“
„Daran hab ich keinen Zweifel.“ Versicherte er mir aufrichtig.

Und ich zweifelte keinen Augenblick daran dass auch V voller Überraschungen steckte und wir einer wundervollen Zukunft entgegen sehen konnten.



*Shakespeare

AN: Ich hoffe euch hat die Story gefallen auch wenn diesmal keine Evey dabei war ;-)
Es ist meine erste FF die ich veröffentliche. Bisher habe ich immer nur zum eigenen Spaß geschrieben und nur hin und wieder mal was einer Freundin lesen lassen. Also bitte zerreißt mich nicht in der Luft. Es hat mir viel Überwindung gekostet eine FF von mir zu veröffentlichen. Jedoch für konstruktive Kritik bin ich dankbar, ebenso für Reviews! :-))
LG, eure Emmanuelle
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