Übersetzung: Winter in London

GeschichteDrama / P18 Slash
Dr. John H. Watson Sherlock Holmes
23.02.2011
17.04.2011
21
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23.02.2011 1.487
 
A.N.: Wie schon angedeutet, kommt das zweite Kapitel wegen der Kürze des ersten gleich hinterher. Eigentlich hatte ich vor, einmal wöchentlich zu updaten, aber da die ersten zwölf Kapitel praktisch fertig sind, weitere fünf in der Bearbeitungs- bzw Betaphase und nur noch vier nicht übersetzt, wird mich wahrscheinlich spätestens, wenn die Rohübersetzung komplett beendet ist, die Ungeduld packen und ich werde vermutlich zwei Kapitel pro Wochen hochladen.

Normalerweise höre ich keine Musik, wenn ich übersetze – es lenkt mich zu sehr ab. Aber während dieser ersten zwölf Kapitel habe ich Mogwai gehört, hauptsächlich dieses Stück (teilweise in Endlosschleife): http://www.youtube.com/watch?v=yC_3alnTE9g Es hatte einen fast schon hypnotischen Effekt und ich finde, es passt in seiner melancholischen Stimmung sehr, sehr gut. Aber wenn man zu depressiven Stimmungen neigt, sollte man es vielleicht nicht zu dieser Story hören. Zeitweise habe ich auch sämtliche Stücke von “Dark Passion Play” von Nightwish dazu angehört. Sucht es euch aus – das eine, das andere, beide oder gar nichts... ^^




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II



Komm, Mann, reiß dich zusammen. Was ist schon geschehen? Das ganze Ereignis kann vom Anfang bis zum Ende nicht mehr als fünfzehn Minuten gedauert haben. Als prozentualer Anteil meiner Lebenszeit ist es kaum existent. Welche Konsequenzen habe ich zu befürchten? Ich habe mich anfangs bezüglich der Möglichkeit einer Krankheit gesorgt, aber Wochen sind vergangen und ich glaube, ich kann zu Recht annehmen, dass ich gesund bin. Sicher, es war schmerzhaft, aber kaum vergleichbar mit dem, was ich in Afghanistan durchmachen musste. Nachdem wir uns einig geworden waren, machte der Schurke keinen Versuch, mir zusätzlich Schmerzen zuzufügen, wie ich eigentlich befürchtet hatte. Meine... Fügsamkeit war ihm offenbar genug. Die Verletzungen, die ich davontrug, hätten unendlich viel schlimmer sein können und sind längst verheilt.

Darüberhinaus war es ohne Zweifel notwendig. Von unten kann ich Violinmusik hören. Ich bedaure nichts.

* * *


Der Teufel soll den Mann holen. Wieso beginnt er jetzt, Verdacht zu schöpfen?

Es war ein durchaus gewöhnlicher Tag gewesen. Wir hatten uns beide über den schmutzigen Schnee in den Straßen beklagt und über den eisigen Lufthauch, der durch die Risse im Holz und im Mörtel unserer Wände drang und durch unsere Räume zog. Holmes' Anfälle niedergeschlagener Teilnahmslosigkeit nach unserem letzten Fall mildern sich nun zu einer ruhigen Mattigkeit und er hatte es sich mit seiner Korrespondenz auf dem Sofa gemütlich gemacht, wobei er sich über die unerträgliche Gewöhnlichkeit des Einen oder Anderen beschwerte. Er begann mit einem einzigen, langen Finger den Umriss der verblassenden, v-förmigen Narbe an seinem Kiefer nachzufahren, die immer noch von seiner Wunde sichtbar ist. Ich nehme an, dass sich mein Körper anspannte, als ich es sah, denn er ließ seine Hand abrupt fallen und setzte sich auf, während er sagte: „Sie waren seit dieser unangenehmen Sache mit Pelham Gilfoyle ausgesprochen niedergeschlagen, Watson.“

„Keineswegs“, antwortete ich.

„Oh, doch“, versicherte er mir, „es ist so.“

„Ich würde sagen“, erwiderte ich vorsichtig, „es war eine äußerst schmutzige Angelegenheit.“

Holmes nickte. „Das war es wohl, wenn auch, von einem analytischen Standpunkt aus gesehen, recht simpel.“ Er ließ sich wieder auf das Sofa zurückfallen, während er einen dünnen Arm über die Kante zum Boden hängen ließ. Ich dachte unwillkürlich daran, wie viel Kraft in diesen seltsamerweise so feingliedrigen Körperteilen steckte und gleichzeitig an all die Gewalt in der Unterwelt, durch die er sich schlagen musste, und daran, was sie ihm antun konnte.

Ich hatte gehofft, dass das Thema damit erledigt sei, aber offenbar war er in der Stimmung, weiter darüber zu sprechen, wenn auch sein Blick glücklicherweise auf einen Punkt an der Decke gerichtet war anstatt auf mich. „Wenn man einen Mord untersucht, wie traurig oder furchtbar er sein mag, besteht wenigstens keine Gefahr, dass das Opfer weiter leiden wird. Die Toten sind in einem gewissen Sinne... sicher. Man beweist die Schuld des Mörders und die Sache ist erledigt, es muss reichen. Aber wenn es mehr lebendige Opfer gibt, als man jemals zurückverfolgen kann, mehr, als man von fortgesetztem Schmerz retten kann, dann erscheint die Befriedigung, einen einzelnen Mann zu mehreren Jahren Zwangsarbeit zu verurteilen... nicht ausreichend.“

„Bis vor kurzem wäre es kaum möglich gewesen, ihn überhaupt zu bestrafen.“ 1)

Holmes' Augen verschleierten sich und ein seltsamer Ausdruck legte sich über sein Gesicht. „Wohl wahr. Aber aus manchen Blickwinkeln erscheint Justitias Schwert in der Tat zweischneidig.“

In diesem Moment hatte ich nicht die Seelenstärke, darüber nachzudenken, was genau er damit meinte. Das Gespräch zerriss mich zwischen zwei gegensätzlichen Kräften und doch setzte ich es fort. Es war eine Qual, der Erinnerung so nahe zu kommen und gleichermaßen ein verlockendes Stück Erleichterung, über einen Teil davon sprechen zu können.

Ich sagte leise: „Ich hätte mir nie vorzustellen vermocht, dass ein Mann solch entsetzliche Dinge so... beiläufig einfädeln könnte.“

„Nicht zu vergessen, dass es uns beinahe selbst den Kopf gekostet hätte.“

Ich lächelte so gut ich es fertig brachte und schwieg.

Holmes hob den Kopf und sah mich interessiert an. „Aber da ist noch mehr.“

Und auf einen Schlag war ich seltsam zornig auf ihn. „Was sollte sein? Sie waren so niedergeschlagen wie jedesmal nach einem Fall, sobald die freudige Erregung nach seiner Lösung abgeklungen war. Ich wusste, dass das geschehen würde. Aber von mir erwarten Sie, dass ich die gleichen Dinge mit Gleichmut betrachte? Und noch vor einem Augenblick haben Sie beredt über die Ungerechtigkeit der Welt philosophiert. Ist Ihnen bewusst, wie oft Sie solche Dinge aussprechen? Muss ich jedesmal anderer Meinung sein als Sie?“

Holmes blinzelte und war, erstaunlicherweise, um eine Antwort verlegen. „Ich weiß, ich habe manchmal meine Launen“, sagte er schließlich zögernd. „Aber Sie...“

Obgleich ich meinen Ausbruch schon bereute, fuhr ich fort: „Nun, warum nicht? Sie hatten die ganze Zeit recht, London ist eine stinkende Kloake und es ist überall dasselbe. Vielleicht haben Sie mich endlich davon überzeugt.“

Sein Gesicht spiegelte eine solche Betroffenheit wider, dass mich Reue und Erschöpfung packten. „Es tut mir leid, Holmes. Ich bin müde, dieser Winter scheint unendlich und wir haben beide zuviel von der Schlechtigkeit der Welt gesehen, das ist alles.“

Er starrte mich weiterhin an, die dunklen Brauen zusammengezogen, und in seinem Gesicht vereinten sich verwirrte Anteilnahme und nachdenkliche Distanz in höchst beunruhigender Weise miteinander. Ich konnte ihn denken sehen. Panik griff nach etwas in meiner Brust und drückte zu.

Er weiß es also wirklich nicht. Zumindest noch nicht. Ich werde weitaus vorsichtiger sein müssen.

Ein Teil von mir wollte in mein Zimmer fliehen, aber das hätte erst recht seine Neugier erregt und außerdem – aufs höchste angespannt und zornig, wie ich auf ihn war – schien doch trotzdem in seiner Abwesenheit alles dunkler und kälter. Und selbst dies lässt meinen Verstand mit Zweifeln erzittern, die ich kaum in Worte zu fassen wage.

Aus dem gleichen Grund bringe ich es nicht über mich, diese Räume gänzlich zu verlassen, trotz der seltsamen und ziellosen Furcht, die mich dazu drängt. Und es ist nicht nur die Angst, dass er entdecken könnte, was geschehen ist, es ist ein dumpfes, albtraumhaftes Gefühl, dass mit der Welt um mich herum etwas Grundlegendes falsch ist und dass alles, was es in Ordnung bringen könnte, verschwindet. Aber selbst wenn ich es ertragen könnte fortzugehen, wie sollte ich es ihm erklären? Zudem hat er meine Hilfe früher schon gebraucht und könnte sie wieder benötigen.

Ich kehrte zu meiner Lektüre zurück, quälte mich durch zwei Seiten, ließ aber nach einigen Minuten der Stille den Kopf gegen die Lehne meines Sessels sinken und schloss die Augen.

Der kalte Wind rüttelte an unseren Fenstern und heulte im Schornstein, so dass das Knistern des Feuers kaum zu hören war. Schließlich murmelte Holmes fast behutsam: „Sie schlafen nicht.“

Ich schlief nicht, aber ich war hundemüde. Ich ignorierte ihn.


* * *


Heute wurde wieder der Körper eines unglücklichen Geschöpfes aus der Themse gezogen. Offenbar hatte sie sich von der Waterloo Bridge gestürzt. Phyllis Mackey war Hausmädchen bei einem Mann, dessen Name mir von unseren Untersuchungen her bekannt war, obgleich er in dem eleganten Bordell in der Park Lane (übrigens ein Haus, dessen wahre Natur man von außen niemals erraten würde) einen anderen benutzte. Selbst dort war er berüchtigt. Ich glaube, ich kann mir vorstellen, was Phyllis zur Brücke getrieben hat.

Aber sicher gibt es einen Unterschied zwischen dem, was eine Frau gezwungen sein mag zu erdulden und dem, was ein Mann beschließt, als Teil eines... Handels zu ertragen.

Ich glaube nicht, dass ich den Fluss wählen würde. Wie kalt und dunkel und übelriechend muss das Wasser zu dieser Jahreszeit sein, von seinem Weg durch diese zugefrorene und schmutzige Stadt. Arme Phyllis – ich nehme an, sie hatte weder das Geld noch das Wissen, um eine sanftere Erlösung zu finden und vielleicht nicht einmal ein warmes, sicheres Bett, in das sie hineinkriechen konnte, um dort für immer einzuschlafen. Eine Überdosis Chloral würde genügen. Wäre ich kein Mediziner, würde man es vielleicht als Unfall durchgehen lassen.


Gott, was denke ich da?

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1)Erst der Criminal Law Amendment Act machte es möglich, die angesprochenen Verbrechen vor Gericht zu bringen.
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