Übersetzung: Winter in London

GeschichteDrama / P18 Slash
Dr. John H. Watson Sherlock Holmes
23.02.2011
17.04.2011
21
53369
4
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89 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 
 
Titel: Winter in London

Autor: w_a_i_d auf LiveJournal

Übersetzer: Lapislazuli67

Originallink: Winter in London
(autorisierte Übersetzung)

Genre: Drama mit einem Schuss Romanze

Rating: P18 Slash

Pairing: Holmes/Watson (wenn man das denn schon Pairing nennen kann)

Vorlage: Kleine Verbesserung: waid sagt, dass ihr persönlicher Holmes immer ein bisschen wie Jeremy Brett aus der Granada-Serie klingt und aussieht, aber canon!Holmes ist viel jünger als er, von daher könnte man sich genauso Buch!Holmes vorstellen – Watson ist für sie ein bisschen der russische Watson, ein bisschen Jude Law und ein bisschen niemand spezielles ;-). Freie Auswahl für euch...

Warnung: Emotionale Aufarbeitung einer Vergewaltigung, stellenweise Erwähnung von Kindesmissbrauch und Prostitution

Disclaimer: Nicht meins, der Originaltext dieser Geschichte ist von w_a_i_d

Kurzbeschreibung: Watson versucht allein mit den Folgen eines grässlichen Handels fertig zu werden.


A.N.: Ich habe wieder einmal ein Juwel entdeckt. Wie schon öfter ist mir eine Geschichte von einer Art begegnet, die ich sonst nicht mag - und deshalb meist links liegen lasse - und hat mich völlig in ihren Bann gezogen. Thema Vergewaltigung eines der Protas? Erzählperspektive in der ersten Person? Nichts wie weg. Oder?
Nein. In diesem Fall passt alles – nicht die Tat an sich steht im Mittelpunkt, sondern die Verarbeitung und obwohl die Geschichte in der Ich-Form geschrieben ist, ertrinkt man keineswegs in jedem Kapitel in einem Meer von Selbstmitleid der Protagonisten.

Das P18-Slash-Rating bezieht sich NICHT auf explizite Sexszenen, sondern auf die Vergewaltigung.


Beta: Ein riesiger Dank geht an meine Beta lk-sm, die mich mit ihrer Begeisterung („Mehr! Mehr! Ich glaube, ich bin süchtig!“ und „Wann bekomme ich das nächste Kapitel?“ sind so die Sätze, die mir am besten im Gedächtnis geblieben sind) derart beflügelt hat, dass ich nur halb so lang für die Übersetzung gebraucht habe wie ursprünglich vorgesehen.







Winter in London



I


Manchmal frage ich mich gar, ob er schlicht und ergreifend nicht so brillant ist, wie wir beide uns zu glauben gestattet haben. Wo sind nun seine außerordentlichen Fähigkeiten, diese übermenschlich rasche Auffassungsgabe, die mich so oft geblendet hat? Mein Freund, die Fakten liegen klar vor Ihnen. Einige meiner Kleidungsstücke haben Sie seit Wochen nicht gesehen. Ein Hemd und eine Weste, zwei Tage vor dem üblichen Termin gewaschen, liegen ohne Erklärung ungetragen in meinem Schrank. Andere Kleidungsstücke habe ich gar zerstört. Aber wieso? Ich ziehe mich zu ungewohnten Zeiten in mein Zimmer zurück, wenn es mich gar zu sehr erschöpft, mich in Ihrer Gegenwart zu benehmen, wie Sie es von mir gewohnt sind. Ich habe aufgehört, Ihnen der siebenprozentigen Lösung und des Morphiums wegen lästig zu fallen, da ich nun selbst nicht mehr ohne chemischen Beistand auskomme. Ich werde nicht zu Ihren bevorzugten Drogen greifen, obgleich mir ihre Anziehungskraft nicht mehr so unbegreiflich erscheint wie vordem. Aber ich musste mir eine kleine Flasche Chloral zulegen, da mein Schlaf nun ebenso kostbar wie unzuverlässig ist. Ich bin sicher, es gibt noch mehr zu sehen. Wann kamen diese Veränderungen zupass? Was denken Sie über darüber? Offenbar nichts.

Sie sehen, aber Sie beobachten nicht.


* * *


Ich weiß nicht, warum ich schreibe, als wünschte ich mir, dass mein Freund herausfinden möge, was ich unter so großen Mühen vor ihm zu verbergen suche. Ich muss in aller Ehrlichkeit sagen, ich fühle mich in jedem einzelnen Augenblick, als würde ich mich auf tausenderlei Arten verraten. Wann immer ich das Haus verlasse, erwarte ich, dass noch der stumpfsinnigste meiner Mitbürger mit nur einem Blick auf mich erkennt, was geschehen ist. Mit dem einzigen beratenden Detektiv der Welt zusammenzuleben, einem Mann, der ein ganzes Leben zurückverfolgen kann anhand eines Handschuhsaums oder der abgewetzten Stelle an einem Stiefel und ihm dabei zuzusehen, wie er in offensichtlicher Ignoranz eines Ereignisses lebt, das meinen Verstand in seinem erbarmungslosen Griff hält, was ich auch tue – es fühlt sich an, als würde ich auf einer Messerschneide balancieren.

Oder als würde ich in einem Nebel leben, in dem alle Geräusche und Gegenstände seltsam verzerrt scheinen und ich nicht weiß, was Wirklichkeit ist und was nicht.

Im Gegensatz zu ihm bin ich kein Schauspieler. Zumindest war ich bisher dieser Meinung. Ich war immer ein offener und ehrlicher Mensch. Manchmal lobt er mich dafür, manchmal lacht er über mich. Und dennoch erhebe ich mich jeden Morgen, nachdem ich eine Weile schwach vor Furcht angesichts des neuen Tages liegengeblieben bin, frühstücke mit meinem Freund und höre ihm zu. Ich arbeite an meinen Notizen und den ganzen Tag über kann ich meine eigene Stimme wie aus weiter Entfernung hören – wie ich ihm zustimme, ihn schelte, über ihn lache – als wäre alles in bester Ordnung. Vielleicht ist es nicht gar so seltsam, denn mit Sicherheit wüsste ich nicht, wie ich sonst handeln oder was ich sonst tun sollte.

Er kratzt an der Wunde, die in seinem Gesicht noch sichtbar ist und ich sage ihm, er solle es lassen, wenn er keine Narbe behalten möchte. Ich erwähne nicht, wie viel es mir bedeuten würde, dass sie ganz verschwindet.

Ich möchte nicht, dass er weiß, was geschah, während er blutend und besinnungslos dort auf dem Marmorboden lag. Aber dass ich in der Lage sein sollte, ihn dergestalt in die Irre zu führen und er nicht fähig, meine Täuschung auf einen Schlag zu erkennen – manchmal denke ich, ich erkenne keinen von uns beiden wieder.

Es hat erneut geschneit. Es scheint, wir können diese Zimmer einfach nicht genügend wärmen. Die Kälte beißt in meine Schulter und betäubt meine Finger. Sherlock Holmes liegt lang ausgestreckt so nahe wie möglich am Feuer, wie eine große, träge Katze und selbst so, selbst wenn ich versuche, ihn nicht anzusehen, bemerke ich, wie er zittert.

* * *


Natürlich gibt es noch eine andere Interpretationsmöglichkeit. Es mag sein, dass er es weiß, aber zu angewidert oder verständnislos ist, um darüber zu sprechen. Nun, das ist im Prinzip meine eigene Sichtweise, daher sollte mich das kaum überraschen.
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