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Ashtrails

von ashtrails
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
22.02.2011
22.02.2011
3
4.660
 
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Ticking



Ding ding. Ding ding.
Die klingen überall gleich.
Diese Dinger an Bahnübergängen meine ich. An so einem stand ich grad. Der Motor meines alten Nissan Patrols rumpelte so vor sich hin, während Wagons in einer Endlosschleife vor meiner Windschutzscheibe davonrasen. Nacht und Regen brachen sich in den Scheinwerfern während eine Digitalanzeige am Übergang von 5 Minuten runter zählt.
Warum auch scheiß Züge bauen die nicht zehn Kilometer lang sind?
Meine müden braunen Augen sahen mich aus dem Rückspiegel vorwurfsvoll aus einem Jetlag gezeichneten Gesicht an. Zu Recht, ich hatte viel zu lange nicht geschlafen und mein Arsch und mein Rücken taten vom langen Autofahren auch weh. Aber woher sollte ich auch wissen, dass Hamburg im Norden dieses dämlichen Landes lag? Ich strich mir stachelige rote Strähnen aus dem Gesicht und massierte mir die Schläfen, mich im Sitz zurücklehnend. Fast schon automatisch tastete ich nach dem Kippschalter, der auf an schnappt, dann nach dem Regler und nach kurzer Suche quakt mich der CB Funk voll. Ich versteh nur die Hälfte von dem was da gesagt wird. Wahrscheinlich irgendein einsamer Lowtech Pirat. Tat trotzdem gut eine Stimme aus dem Kasten zu hören, die mal nicht für Produkte wirbt oder mich mit Mainstream Musik zumüllt.
Ist nicht der einzige Aether mit dem ich mich auskannte. Mal sehen wie weit die 5 Minuten die ich hier stehe reichen, um zu erklären warum.
Und mir ist hier egal, ob das eine dämliche Überleitung ist, das ist meine Geschichte, also lebt damit.
Wir schlagen das Buch Phillipa Perez mal nicht ganz am Anfang auf. Normal aufgewachsen, so normal das eben in einer erwachten sechsten Welt geht, in der deine Chummers schonmal grüne Haut und Hauer haben und ein elfischer Arzt dir an deinem zehnten Geburtstag sagt, dass du magisch aktiv bist.
Letzteres war für meine Mutter das Größte, vor allem als sich herausstellte dass ich sehr begabt war. Von Phillipa, ihrer Tochter, zu Phillipa ihrer Trophäe.
Big Deal.
Von da an wird man einer von vielen Fischen im Teich langweiliger hermetischer Studien. Viele denken jetzt, wie wahnsinnig spannend es sein muss Tod, Zerstörung, Heilung und Macht über alles und jeden in den Händen zu halten, was ist da schon etwas Arbeit gegen?
Ich liebe auch Mr. K. Kombatmage. Aber leider ist es nicht ganz so einfach. Stellt es euch so vor als wenn jemand versucht euch Physik oder Mathematik als spannend zu verkaufen. Merkt ihr was?
Bei dem Drek nicht nur zuzusehen und „ooooooh!“ zu rufen ist anstrengend und Kräftezehrend. Genug geheult, on with the Show:
Ich stellte mich gut an. Was für manche Wunderkinder ihr Klavier, war für mich Magie. Vermutlich konnte man das auf meine Begabung schieben, ansonsten hatte ich nichtmal die Aufmerksamkeitspanne um mir beide Schuhe nacheinander zuzubinden und hab mir statt Bücher lieber Crashderbies und Rennen im Trideo angesehen.
Dad wäre wohl stolz, dass ich mir dieses bisschen Normalität bewahrt hatte, aber Daniel und Maria Perez waren seit meiner Geburt geschieden. Er wollte nie Teil der Konzernwelt werden, an die meine Mutter sich so bereitwillig ranmachte.
Konzerne suchen nach begabten Metas. Wie große gefräßige Trüffelschweine, die jede Bevölkerungsschicht nach Verstärkung für ihre magischen Reihen durchwühlen. Maria, meine Mutter, machte sich nicht erst großartig Mühe mich zu fragen, schließlich war es so nur das Beste, fand sie. Ich muss zugeben, auch ich war damals von der Summe die ich später verdienen würde und den Ausbildungsmitteln beeindruckt.
Ein letzter Abend mit der Crew also. Der einzige Grund, warum es mir leid tat, die ganzen Langweiler aus der Schule zurückzulassen war, dass Konzernlangweiler noch eine Ecke schlimmer sein mussten. Ich war zu der Zeit siebzehn und wir verbrachten nen weichgespülten Abend von dem ich mich nach ein paar Stunden verdrückte. Auf dem Weg nach Haus, durch Seattles nicht ganz so düstere Häuserschluchten überlegte ich mir, warum ich das eigentlich mitmachte.
Es war meine Magie. Nicht die irgendeines Corps, nicht die meiner Mutter, sondern meine Scheiß Magie.
Blöd dass ich so ein Waschlappen war und das nie angemerkt hatte.
Ich steckte mir eine Zigarette an. Rauchen an sich war gar nicht so toll. Aber ich sah gern dem Rauch und der Asche zu. Jeder hat so seine Spleens. Vielleicht war’s auch irgendein anderes Psychoding, versteckte Rebellion oder so.
„Hey, haste auch eine für uns?!“
Ich schreckte auf und auf der Motorhaube eines schwarzen Geländewagens saßen zwei Straßentypen, die so gar nicht zum Auto passen wollten, ein Orc mit schwarzem, kurzen Haar in einem alten, grauen Duster und ein Norm der trotz der Kälte nur ein braunes Shirt und eine zerrissene Jeans trug. Wahrscheinlich hielt er seine tribal Tatoos für cool.
Ich lächelte rüber und überlegte was mein Manablitz den ich gelernt hatte wert war, wenn die zwei versuchen wollten mich zu vergewaltigen. Hey, alle Welt hat Vorurteile gegen Magier, da werd ich doch welche gegenüber zwei Typen die mich mitten in der Nacht anquatschen haben dürfen?
„Ihr zwei tut ganz schön lässig, dafür dass ihr nen Wusso fahrt!“ meinte ich stattdessen.
„Hä?“ fragte der Norm empört.
„Das da ist wohl der einzige „Geländewagen“ der Angst vor nem Jackrabbit haben muss. Keine Leistung, kein Handling, scheiße verarbeitet…“ wenn man online jedes Auto fahren kann, lernt man das eine oder andere.
Der Orc stieß seinen Freund vorwurfsvoll an, hielt dann ein Sixpack hoch und machte einen Alternativvorschlag. „Wir haben Bier!“
Wir haben Bier.
Ich hab vorher nie Alkohol getrunken. Trotzdem kam mir diese Einladung so selbstverständlich cool vor, dass es mir dämlich vorkam sie auszuschlagen. Das wär’s wohl gewesen, was ich gemacht hätte wenn ich n Norm wie jeder andere wär und Freunde gehabt hätte. Auf der Straße an nem Auto sitzen und Bier trinken.
Ich schwing also mit ein wenig Mühe meine 1,70 die hohe Motorhaube rauf, zwischen den Orc und seinen Chummer und bot ihnen eine Kippe an, dafür bekam ich ne Dose billiges Bier.
Beide waren vielleicht drei oder vier Jahre älter als ich, grob geschätzt. Bei Orcs weiss man’s ja nie so genau.
„Ich bin Mike, das is ‘ Harry.“ stellte er knapp vor, der Orc nickte nur.
„Phillipa. Und warum fahrt ihr jetzt so eine Dreckskarre?“
„Is geklaut.“ gluckste Mike und öffnete sich eine Dose Bier.
„Habn wir ja dem armen Schwein n Gefalln getan. Was machstn du hier?“ wollte Harry wissen, sich etwas von seinem polierten Hauer puhlend.
„Ich komm grad von ner lahmen Party.“ Ich verzog das Gesicht. Das erste mal Bier trinken war widerlicher als ich dachte. Die Erfahrung stritt sich um die Erstplatzierung mit der vier Wochen überfälligen Milch die ich mal versehentlich getrunken hatte.
„Haben wir dir ja auch n Gefallen getan.“ Harry grinste diebisch.
„Gilt es zu beweisen, Mr. Orc.“
Scheinwerfer, Autos, Nachtschwärmer, wahrscheinlich der eine oder andere Critter, das alles ging so an uns vorbei. Die beiden waren vielleicht von der Straße, aber definitv keine Penner, oder hirnlose Junkies, Schläger oder Verbrecher, wie einem das Trid oft über ihres gleichen suggeriert. Mike war Assistent in nem Radioshack, Harry arbeitete manchmal in einem Supermarkt um sein Amateurcombatbiking zu finanzieren. Den beiden war oft langweilig und heute hatten sie halt ein Auto geklaut.
Nach ein paar Bier machte das durchaus Sinn für mich (und das Zeug schmeckte auch nicht mehr so furchtbar).
„Und du?“ wollte Mike wissen, nachdem wir eine vorwitzige Ratte mit leeren Bierdosen beworfen hatten.
„Ich…“ ‚bin Magier und kann euer Hirn rösten!?‘ „studier.“ Sagte ich diplomatisch.
„Pah und da sitzt das feine Collegegirl mit den Punks auf nem geklauten Weichei Schlitten!“ Mike schwankte schon merklich und seine Dose stieß gegen meine, Schaum spritze auf die Motorhaube. Ich steckte mir eine neue Zigarette an und beschloss die Dinge in eine Richtung zu lenken die mich nicht Gefahr laufen ließ meine neuen „Freunde“ durch meine Gabe zu verunsichern.
„Hast recht, die Karre ist einfach Scheiße. Gibt’s da in der Gegend nichts Besseres?“ hätte meine Mom gehört wie ich vorschlage ein Auto zu klauen, hätte man sie direkt an die Herzlungenmaschine anschließen können.
„Ne Idee was für ein? Nich dasser dir wieder nich gefällt…“
Ich zuckte mit den Schultern „Was weiß ich…n Citymaster?“
„Okay, ich weiss wo’s so einen gibt!“ Mike rutschte von der Haube und stieg in den Geländewagen. Wahrscheinlich log er. Wo sollte man um die Zeit ein Polizeitruppentransporter ohne Wachleute oder Polizisten finden?
Trotzdem stieg ich mit ein.
Und die Geister wissen, das war die schlimmste Nacht meines Lebens.
Trotzdem. Meine Verbundenheit mit der Straße hat bis hierhin geschlafen und dabei ihr Kissen vollgesabbert. In dieser Nacht ist sie aufgewacht. Und dafür bin ich dankbar.

„Schrottreif…aber ein Citymaster. Respekt, Mike.“ Das war mein Ernst.
Kurze Erklärung: Ich wollte schon immer mal einen verdammten Panzer fahren!
Erklärung Ende.
„N echter Detective isser, was Collegegirl!“
„Weniger Craptalk, ihr zwei, mehr Räuberleiter!“
Wir wuchteten den drahtigen Punk die Mauer rauf, dann half er zuerst, mir, und schließlich Harry. Die Silhouette des Citymaster dominierte den alten Polizeistellplatz am Rand des düsteren Distrikts im Sprawl. Genau genommen ist jeder Distrikt hier in Seattle bis auf einige Ausnahmen düster. Aber an manchen Orten merkt man erst, wie sehr die Beschreibung eigentlich passt. Und hier gibt es sie, die Junkies, Squatter und Verbrecher. Das Licht im Wachhaus war aus, keine Kameras zu sehen, keine Scheinwerfer, nur eine flackernde alte Laterne auf dem Hof. Ich warf sogar mal einen astralen Blick in den Hof, aber abgesehen von der störenden Hintergrundstrahlung der Stadt gab der Platz nicht viel her.
So verlassen wie die Wracks die hier abgestellt wurden.
Am Citymaster angekommen stellten wir fest, dass er furchtbar alt war, aber zumindest noch fahrtauglich wirkte. Wir hätten beinahe laut losgelacht, als wir feststellten dass die Karre nicht mal verschlossen war. Und die Schlüsselkarte steckte. Als Harry und Mike sich immer noch stritten wer fahren sollte, schwang ich mich auf den Fahrersitz und steckte die Karte in den Slot.
„Meine Idee, also fahr ich auch!“ bestimmte ich, der Truppentransporter gurgelte, stotterte und grummelte dann wie ein mürrischer alter Mann, erwachte aber schließlich zum Leben.
Kumpel Adrenalin hat ab da irgendwie übernommen.
Ich weiß nicht mehr, was zwischendurch alles passiert ist, aber wir haben wohl zunächst mal das Gittertor (Stahl) niedergewalzt, ein paar Mülltonnen und diverse parkende Jackrabbits plattgemacht und ich bilde mir ein Dunkelzahn überfahren zu haben.
Was ich ziemlich genau wieder weiß, ist wie Harry plötzlich „Fuck, Cops!“ ruft und man laut Sirenen inklusive Aufforderung hört, rechts ranzufahren.
Das Problem an einem zwanzig Jahre alten Citymaster ist, der fährt leider nicht sehr schnell. Es kam mir in dem Moment unwahrscheinlich schlau vor zu improvisieren und den tonnenschweren Panzer einen U-Bahnschacht runterzulenken. Die angenehmen grünen und blauen Lichter im inneren färbten sich plötzlich alle penetrant rot, schrilles Piepen erfüllte das Cockpit und wir wurden ordentlich durchgeschüttelt.
In dem Moment fiel mir auch ein, dass anschnallen eine sehr gute Idee gewesen wäre. Die Dreckskiste überschlug sich mehrmals mein Kopf schlägt irgendwo gegen und das Licht geht aus.
„…hier, Chummer!“ Mike.
„…blutet…nich einfach…lassen!“ Harry. Es riecht irgendwie nach Rauch, Blut. Und ich hab so ein Rauschen in den Ohren.
„Zur Hölle, Harrold, die Schlampe ist eh hinüber!“ Ich bin etwas empört, dass man sich zuerst Gedanken um irgendjemand anders macht, bis mir dann dämmert wer gemeint ist.
„Dann verpiss dich halt, feiger Wichser!“
Irgendwas zieht an meinem Arm und der schmerzt als wenn jemand ihn angezündet hätte.
Ich sah noch Schatten von Menschen und eine stehende U-Bahn. Dann wurde ich Ohnmächtig.
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