Sternenkind

GeschichteFamilie, Tragödie / P12
19.02.2011
27.02.2011
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Dieses Kapitel
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Es geht hier um die Totgeburt eines im Mutterleib verstorbenen Kindes,
eine Stillgeburt, wie es im Gesetz genannt wird,
um Sternenkinder, wie „verwaiste“ Eltern sie nennen.




Ich möchte betonen, dass es sich hierbei um eine Gesetzeslage in Österreich handelt, die vielleicht leicht unterschiedlich zur bundesdeutschen ist.
Vergesst nicht, dass das ganze schon in den 1980ern war. Heute ist manches anders.




Warnung:
Diese Geschichte ist für erwachsene, reife Leser gedacht.
Bitte lest das nicht, wenn ihr schwanger seid oder wenn euch das Thema verstört.
Das 2. Kapitel ist das intensivste, aber der Schluss der Geschichte sollte euch in einer warmen Stimmung zurücklassen und ist das näheste, was man zu diesem Thema als Happy-End schreiben kann.




Falls Interesse besteht, gibt es dazu Helges Blog.
Aber Achtung - dort ging es um Spätabtreibungen, die gesetzlich bis knapp vor der Geburt gesetzlich erlaubt sind, wenn das Kind pränatal als behindert diagnostiziert wird. Damit besteht vom Gesetz her die Möglichkeit, ein ausgereiftes Baby zu töten, wenn Eltern und Ärzte es als "lebensunwert" befinden.
Da das von vielen Diskussionsteilnehmern mit Vergewaltigung und der 3-Monats-Fristenlösung in einen Topf geworfen wurde, und Babys bis zum Schwangerschaftsende als "Zellklumpen" bezeichnet wurden, war das die Initialzündung für mich, über den emotionalen Aspekt zu schreiben.

In meiner Geschichte geht es aber um eine ungewollte Totgeburt, NICHT um Abtreibung mit eugenischer Indikation.




Dies ist mein Erstlingswerk, und ich habe es im Jänner 2011 geschrieben und im Februar 2011 gepostet.
Es ist ungebetat. Ich hoffe, ich habe keine Tippfehler übersehen, und ich habe mich bemüht, dass ihr keine Probleme mit meiner österreichischen Sprache habt.
Die Großschreibung ist genauso wie die wechselnde Erzähler-Perspektive ein stilistisches Ausdrucksmittel für mich durch alle Kapitel.





Die Geschichte hat 4 Kapitel und ist aus Perspektiven des Ungeborenen und der Mutter in weiterführender Handlung beschrieben.

1. Kapitel - im Mutterleib                      Alles hat seine Zeit.
2. Kapitel - Geburt                                Es gibt eine Zeit der Stille....
3. Kapitel - wieder daheim                    .... eine Zeit des Schmerzes, der Trauer....
4. Kapitel - an meine Mama                 .... und eine Zeit der Erinnerung.




Sternenkind




Sternenkinder… Kinder, die nie leben durften…
Eltern… die ihr Kind nie im Arm halten durften…

Einen Teil von uns… loslassen müssen…
Nicht loslassen können ?

Jemanden verlieren… Etwas verlieren…
Sich verlieren ?




1. Kapitel  - im Mutterleib

Alles hat seine Zeit...




MEIN Papa  und MEINE Mama wollten immer drei Kinder. Sie hat drei Babys geboren. Und doch hat sie nur zwei Kinder, die sie an sich drücken darf.
Nein, das ist nicht wahr – sie hat drei Söhne ! In ihrem Herzen ist sie dreifache Mutter.
Es vergeht kein Tag, wo sie nicht an MICH denkt – wie sie auch an ihre anderen beiden schon erwachsenen Söhne denkt.

Auch diese wussten beide bereits als Kind, dass es MICH gab. Ihrem ältesten Sohn musste sie erzählen, dass ICH, das Brüderchen in ihrem Bauch, dass er sich so sehr zum Spielen gewünscht hatte,  nicht mehr drinnen war.  Ihr jüngster Sohn, nach MIR  geboren, sagte mit einer Weisheit, die nur ein besonders einfühlsames Kind im Kindergartenalter bei so einem Gespräch schon haben kann, daraufhin zu seiner Mutter: „Gelt, und so sehr hast du mich dann gewünscht.“ O ja, aber ersetzt hat er MICH nie.

MEINE Mama war eine ganz junge Ehefrau und auch bald Mutter geworden. MEIN Papa und sie loteten ziemlich am Anfang der Beziehung ihren Kinderwunsch aus. MEIN Papa als großer Bruder zweier Schwestern wollte immer drei Kinder, sie selber wusste auch, dass sie sich eine Ehe ohne Kinder nie vorstellen könnte.  

Drei Kinder zu haben….  sie vermisst das bis heute.
Sie vermisst MICH, den gesunden größeren Bruder, der ihrem Jüngsten nie vergönnt war als Rollenmodell und als Rückzug und Rückhalt, wenn das Leben für alle wieder schwierig wurde. Denn MEIN großer Bruder ist ein „spezielles“ Kind.
Nur wussten sie das damals noch nicht in letzter Konsequenz. Das stellte sich nach und nach im Laufe seiner kindlichen Entwicklung heraus. Aber das ist eine andere Geschichte…

Sie wurde immer sofort und leicht schwanger.  Sie war jung, sie war immer sportlich und Nichtraucherin, sie war fit, sie war schlank und gesund. Hatte ich erwähnt, dass MEINE Mama sehr hübsch war ?
Sie liebte es, schwanger zu sein. Die Hormone…. Als quirliger Typ tat es ihr gut, durch diese natürliche Veränderung zur Ruhe zu kommen, alle Dinge gelassener zu sehen.  Sie strahlte von innen, wie nur Schwangere strahlen können. Sie strahlte wegen MIR.

ICH wäre als Wunschkind  im Frühling zur Welt gekommen. Noch nicht so heiß, aber angenehm, um mit mir im KInderwagen spazieren zu gehen – dachten MEINE Eltern. MEIN errechneter Geburtstermin wäre zufällig nur zwei Tage nach dem Geburtstag MEINER Mama gewesen. Vielleicht hätten wir am gleichen Tag Geburtstag gehabt ?

Das zweite Trimenon einer Schwangerschaft...
 
Das schönste Schwangerschaftsdrittel für jede werdende Mutter, auch für MEINE Mutter. Die Gefahr einer Fehlgeburt vorüber, der Körper noch nicht so belastet. Ihre Morgenübelkeit war vorbei, ihr Bauch noch nicht in einem Umfang eines Nilpferdes, das sie bald wie eine watschelnde Ente gehen lassen würde.
Sie erfreute sich einfach an allem.  Mit allen Sinnen. Ihre Haut war weicher, ihr Geruchssinn geschärft, sie durfte also ohne schlechtes Gewissen meinen Papa den Müll entleeren schicken, und erst der Geschmackssinn… ach…

Meine Eltern genossen es, sich körperlich zu lieben. So bin ICH entstanden.  In der Schwangerschaft durch ihre geschärften Sinne empfand MEINE Mutter noch intensiver. Wenn sie Sex hatten, dann spürte ICH diese Liebe, dann liebten sie MICH auch. ICH wurde sanft geschaukelt in MEINEM Fruchtwasserbett durch ihre wahrscheinlich nicht ganz so sanften Bewegungen, aber ICH spürte auch die Verbindung, die dabei zwischen ihnen bestand und die MICH einschloss.

MEINE Mutter lebte ihr Leben und MEIN Leben mit. Sie war so im Einklang mit sich selber wie nie zuvor. Sie wusste schon, was auf sie zukommt, da war keine Unsicherheit mehr, nur Vorfreude und Frieden.
Ein Bruder, der sich einen Baby-Bruder „nur einen Bruder zum Spielen, bloß keine Schwester“… MICH… gewünscht hat. Ein Ehemann, der stolz war und sie auf Händen trug. Weil ICH in ihrem Bauch war, also ein Vater, der MICH bereits auf Händen trug.

Das zweite Trimenon…  Die Kindsbewegungen…
Schlank und beim zweiten Kind spürte sie diese ersten Stupser noch früher. Sie spürte MICH, ICH kommunizierte mit ihr und sie mit MIR. MEINE Eltern sprachen mit MIR, sie streichelten MICH durch die Bauchdecke, ICH stupste zurück.

ICH hatte ein richtiges Baby-Gesicht im Ultraschall und weiß nicht, warum MEINE Mama da immer so glücklich war, wenn sie das sah.  Ultraschallkontrolle bei den vorgeschriebenen ambulanten Untersuchungen im Spital…  Sie sagte, es wäre kalt und glitschig. ICH fand, es stupste mich viel stärker als MEINE Mama. ICH wollte MICH immer wegdrehen.
MEINE Mama wollte nicht wissen, ob ICH Bub oder Mädchen sei, sie sagte, es wäre wie ein Geschenk schon vor dem Fest auszupacken. Das habe ICH nicht verstanden. ICH bin doch ICH.

Oft nuckelte ICH an MEINEM Daumen, der rutschte irgendwie so ganz von selbst immer in MEINEN Mund.  MEINE Netzhaut nahm Licht wahr, für MICH ein rötliches, gedämpftes Licht durch die Bauchdecke.  Und ICH konnte hören, ICH wusste, welche Geräusche ICH mochte, welche MICH aufregten oder gar aufweckten, dann gab es Klänge, die MICH beruhigten und wiegten, vor allem erkannte ICH die Stimme MEINER Eltern und MEINES Bruders.

ICH trank ihr Fruchtwasser und schmeckte, was MEINE Mama gegessen hatte. Scharf mochte ICH nicht, da bekam ICH Schluckauf. Und das mochte MEINE Mutter nicht. Also aß sie mild und gesund. Sie war eine disziplinierte Mutter, sowieso Nichtraucherin trank sie keinen Kaffee, keinen Alkohol, was ihr beides nicht schwer fiel, sogar auf Cola verzichtete sie. Sie war immer darauf bedacht, MIR das Beste zukommen zu lassen.
Sie und MEIN Papa hatten in einem Buch gelesen, dass ICH schlucken kann und MEINE Nieren ausscheiden, und so witzelten sie, dass ICH jetzt in ihren Bauch pinkle. Iiihh, das würde ICH doch nicht machen, oder ?

ICH mochte, wenn meine Mutter ging und sich bewegte, ICH mochte nicht, wenn sie sich niederlegte.  
"Hopp auf", sagte wohl MEIN Stupser. Sie stupste zurück:  "Du Quälgeist", lachte sie. Ich runzelte MEINE Stirn und rollte mit MEINEN Augen. Das kann ICH schon !

Langsam veränderte sich etwas für MICH.  MIR kam vor, als ob das Wasser, in dem ICH so schwerelos schwebte, sich trüben würde, ICH hörte schlechter und sah das rötliche Licht nicht mehr so hell. ICH war sehr müde. ICH wollte meine Mutter gerne treten, vor allem, wenn sie oder MEIN Papa MICH wieder mal stupsten, aber irgendwie fiel MIR das immer schwerer. Oft schlief ICH ein, bevor ICH MICH aufraffen konnte, zurückzuboxen.

ICH bin sooo müde…
ICH hab dich lieb, Mama.




"Eine Mutter ist der einzige Mensch auf der Welt, der dich schon liebt, bevor er dich kennt." (Johann Heinrich Pestalozzi, 1746-1827, Schweizer Reformpädagoge)




"Sternenkind" wurde geschrieben im Dezember 2010

Kapitel 1 "im Mutterleib" hat formatiert ca. 1.500 Wörter

© Net Sparrow



Kapitel 2 folgt


Das war eigentlich ein Prolog - die richtige Geschichte beginnt jetzt.



Nachtrag am 20. Juni 2011:

Ich danke  Maya2  für die liebe und so lange nach Veröffentlichung der Geschichte noch aufmerksame Geste, an mich zu denken, als sie mir heute zu dem mir davor noch nicht bekannten Lied
den Link "Sternenkind" von Michelle
sendete (das Ungeborene der dt. Schlagersängerin und 3fachen Mutter ist 2009 auch in ihrem Bauch im 6. Schwangerschaftsmonat gestorben).   



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