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Der Jäger

von MariLuna
GeschichteMystery / P16 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
15.02.2011
04.04.2011
18
34.375
4
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
15.02.2011 1.847
 
An dieser Stelle wieder ein Danke an all meine Reviewer ... :-))
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8. Kapitel

Das Geräusch der Türklingel schreckt ihn aus seinem Schlaf. Er fühlt sich nicht wirklich gut, die Grippe hat ihn voll erwischt, aber da er weiß, daß Ursula ein Paket erwartet, quält er sich tatsächlich aus dem Bett. Zum Glück schläft er heute extra deswegen in einem neutralen Jogginganzug.
Hätte ihm noch gefehlt, daß die Nachbarn sich über ihn das Maul zerreißen. Er hat schließlich einen Ruf zu verlieren.
Auf dem Weg zur Tür schellt es noch zweimal, und er stolpert fast über Annas Hoverboard – muß die Göre immer alles herumliegen lassen? Die ist wirklich schlimmer als jeder Junge in ihrem Alter, müssen wohl seine Gene sein, die da durchkommen.

Fast schon erleichtert, es ohne größere Knochenbrüche geschafft zu haben, reißt er die Tür auf.

„Texas Gregory“, ein kurzer, versichernder Blick hinüber zum Türschild, „Dubois?“

Einigermaßen verwirrt starrt der andere seinen Besucher an. Er registriert zweierlei: erstens, das dort ist definitiv nicht der Paketbote und zweitens sieht der Typ haargenau aus wie er.
Und dennoch berichtigt er automatisch:

„Nur Tex. Nicht Gregory.“

Ein Nicken, und plötzlich wird ihm ein Revolver an die Stirn gedrückt.

„Man nennt mich Smith. Und es gibt einen zuviel von uns. Sag Lebewohl.“

Er drückt ab, und im selben Moment hechtet Tex Dubois zur Seite und nach hinten, die Kugel verfehlt ihn und bleib in der Flurwand stecken.
Smith macht einen Schritt in das Haus hinein und erstarrt, als er plötzlich selbst eine Waffe auf sich gerichtet sieht.

„Waffe weg“, knirscht Tex Dubois. „Du hast dich mit dem Falschen angelegt. Du weißt wohl nicht, wer ich bin.“

„Du bist ich“, ist die unterkühlte Antwort. Smith denkt nicht daran, dem Befehl Folge zu leisten und hält den Lauf seines Revolvers weiterhin auf den Kopf des anderen gerichtet. Er weiß, aus dieser Entfernung kann er ihn unmöglich verfehlen.

Fast gleichzeitig peitschen die beiden Schüsse durch das leere Haus.
Beide Männer fallen zu Boden, aber nur einer steht wieder auf.
Gleichmütig tastet Smith nach der Kugel, die in seinem kevlarverstärkten Mantel steckengeblieben ist, dann tritt er an den reglosen Mann heran und jagt ihm aus kurzer Distanz noch zwei Kugeln in den Kopf.

Um seine Lippen spielt ein triumphierendes Lächeln, als er sich zur Tür wendet. Einen Kopfgeldjäger hatte er noch nie auf seiner Liste, und er weiß diese Ironie sehr wohl zu schätzen.

***


Tex zuckt so heftig zusammen, daß das ganze Kanu ins Schwanken gerät.
Brave Starr hört, wie Tex hinter ihm plötzlich nach Luft schnappt, aber bevor er sich zu ihm umwenden kann, hat er alle Hände voll zu tun, das wild hin und her schaukelnde Boot wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Als er sich dann aber endlich umdrehen kann, sieht er sich einem am ganzen Körper zitternden, totenbleichen Tex Hex gegenüber.

„Tex.“

Achtlos landet das nasse Paddel im Kanu. Vorsichtig läßt er sich auf die Knie nieder und nimmt den anderen ohne zu zögern in seine Arme.

Gefangen in einem Meer aus Schmerzen, Angst und Wut klammert sich Tex Hex an das einzige, was ihm Halt und Sicherheit verspricht, und es sind die Wärme und der Geruch – dieser süchtig machende Geruch – die ihn zurück aus der Dunkelheit holen.

Geraume Zeitlang geschieht gar nichts, aber irgendwann spürt der Marshall, wie der Körper in seinen Armen zu zittern aufhört, und dann macht Tex einen tiefen, rasselnden Atemzug, und dies ist der Moment, wo Brave Starr ihn behutsam – und sehr widerwillig – so weit von sich schiebt, bis er ihm bequem in die Augen sehen kann.

Er fragt nur ein einziges Wort.

„Smith?“

Tex nickt.

Geradezu zärtlich streicht ihm Brave Starr eine verirrte Strähne aus der schweißnassen Stirn.

„Es tut mir leid. Wir kriegen diesen Bastard, das verspreche ich dir.“

Um Tex’ Mundwinkel zuckt ein schwaches Lächeln.

„Ja.“

Und obwohl sich Tex Hex schnell erholt, bleibt die Stimmung gedrückt.

Es dauert vier Stunden, bis sie den See einmal umrundet haben, aber sie haben ja auch ein etwas langsameres Tempo angeschlagen, und irgendwann, ungefähr eine halbe Stunde nach Tex’ neuem „Anfall“, können sie es auch wieder richtig genießen. Unter anderem wohl auch, weil Tex zum ersten Mal über das redet, was er gezwungen war zu durchleben.
Und Brave Starr erkennt es als das, was es tatsächlich ist: ein Vertrauensbeweis.

***


Die Sonnen stehen noch nicht im Zenit, als sie zurückkehren. Sie lassen das Kanu im Schatten einer Palme liegen, denn  - auch wenn sie es nicht laut aussprechen – spielt jeder von ihnen mit dem Gedanken so einen kleinen Ausflug zu wiederholen.

Zurück im Haus besteht Tex darauf zu kochen, und Brave Starr geht ihm dabei zur Hand, fühlt sich aber schon nach wenigen Minuten ziemlich nutzlos und beschließt daher, den Briefkasten aufzusuchen und das Werbematerial der letzten Wochen herauszuholen, etwas, was er eigentlich schon gestern hätte machen sollen, aber in der Aufregung ganz vergaß.

Während er die fünfundzwanzig Meter über den Kiesweg zum Tor zurücklegt, denkt er über eine Möglichkeit nach, wie er den Anführer der Carrion Bunch aufheitern könnte. Etwas Ablenkung würde ihm gewiß gut tun. Ob er ihn vielleicht in eines der wenigen Restaurants ausführen soll, die es in dieser kleinen Siedlung gibt?
Er grübelt noch darüber nach, als er den überfüllten Briefkasten leert.
Und dann – als hätten die Götter ihn erhört – hält er plötzlich diesen Flyer in den Händen.

„Hey Tex“, zwei Minuten später hält er ihm das bunt bedruckte Papier begeistert vor die Nase, „laß uns heute Abend dorthin gehen.“

Tex springen sofort die Worte „Freigetränke“ und „beste Cocktails am Ort“ ins Auge, für den Rest hat er nicht viel mehr als einen flüchtigen Blick übrig, und alles, was ihm dazu einfällt, ist ein spontanes, angenehm überraschtes:

„Es gibt in dieser Spießergegend tatsächlich eine Bar?“

***


„Holy shit!“ Normalerweise flucht Tex nicht in diesem Maße, schließlich besitzt er eine gewisse Erziehung, aber in diesem Falle rutscht es ihm einfach heraus.
Sprachlos starrt er den Mann an, der gerade vor dem großen Schrankspiegel steht und sich kritisch betrachtet.

Aber da dreht sich Brave Starr schon mit einem kläglichen Lächeln zu ihm herum.

„So schlimm, ja?“

„Nein.“ Tex schluckt einmal heftig und hat wirklich Mühe, seinen Kiefer in Normalstellung zu belassen. Brave Starr sieht immer blendend aus, aber dieses himmelblaue Poloshirt in Verbindung mit der schlichten schwarzen Jeans unterstreicht aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grunde dessen körperliche Attraktivität nur noch.
Schlicht und ergreifend einfach umwerfend, vor allem, wenn er sich noch die feine indianische Fransenjacke dazudenkt.

„Du siehst klasse aus. Die Mädels werden dir hinterhersabbern.“

Zu seiner großen Verwunderung verdreht Brave Starr nur die Augen.
„Ja“, murrt er wenig begeistert, „das befürchte ich auch. Egal, wo ich hingehe, alle wollen ein Date mit dem Helden Marshall Brave Starr.“

„Du Ärmster“, spottet Tex milde. Da es bei ihm eher anders herum läuft, kann er nicht wirklich Mitleid für den jungen Mann aufbringen.

Sekundenlang stehen sie sich nur gegenüber und starren sich gedankenverloren an.

Ganz langsam läßt Brave Starr seinen Blick an der hochgewachsenen Gestalt des anderen hinab- und wieder hinaufgleiten. Anders als er ist Tex schon längst fertig und scheint sich nicht halb soviel Gedanken um sein Outfit gemacht zu haben wie er. Ein schlichtes  T-Shirt, darüber diese unglaubliche Lederjacke und die obligatorischen Jeans, alles schwarz in schwarz. Und wieder mal scheint er sich nicht im geringsten darüber bewußt zu sein, wie gut ihm dies steht.

„Ich glaube“, meint Tex plötzlich leise, „es wäre für deinen Ruf besser, wenn nicht alle wissen, mit wem du einen Trinken gehst.“

Und dann beginnt seine Gestalt rot aufzuschimmern, und Brave Starr, der genau weiß, was dies bedeutet, knurrt ein warnendes:
„Wehe, du gehst zu weit.“ Und dann bricht es beinahe flehend aus ihm hervor: „Nicht deine Hautfarbe. Und bitte nicht deine Augen. Nicht die Haare!“

Tex blinzelt erstaunt, als ihm die Worte des Marshalls durch den ziehenden Schmerz der Transformation ins Bewußtsein dringen. Und für einen kurzen Moment ist er sowohl gerührt wie auch amüsiert.

„Och Menno“, schimpft Brave Starr gleich darauf los.

„Besser geht’s nicht“, grinsend streicht sich Tex durch sein jetzt kurzes, braunes Haar. „Sonst wird doch noch jemand mißtrauisch.“

Brave Starr zieht eine Grimasse, muß aber zugeben, daß Tex mal wieder Recht hat. Glücklicherweise gehören wenigstens seine Haut- und Augenfarbe zu den typischen Merkmalen seiner Rasse, und auch, wenn es nicht viele seiner Art auf New Texas gibt, wird er nun nicht groß auffallen.
Nicht mit diesem furchtbar normalen Gesicht. Und ohne Schnurrbart sieht er nur noch fremder aus.

Brave Starr kann nicht anders.
Wehmütig legt er dem anderen seine Hand an die Wange und fährt mit dem Daumen die jetzt nicht mehr ganz so markanten Wangenknochen nach. Ganz kurz huscht sein Blick hinunter zu Tex' Lippen, die zu einem leichten Lächeln verzogen sind, aber in seinen Augen verfügt Tex' gesamte Mimik nur noch über halb soviel Ausdrucksstärke wie zuvor.

Als Skullhead ist Tex nun einmal einzigartig, und genau diese Einmaligkeit fehlt ihm nun.

Plötzlich spürt Brave Starr ein leichtes Kribbeln auf seiner Haut. Überrascht zieht er seine Hand zurück und starrt in den Spiegel.

„So erkennt dich auch niemand“, meint Tex leise.

Brave Starr nickt beklommen, und der junge Mann mit der hellen Haut im Spiegel macht es ihm nach. Obwohl Tex nur seine Hautfarbe verändert hat, ist es verblüffend, wie anders er jetzt aussieht.

„Sag mal, Tex“, nachdenklich legt er den Kopf schief. „Ich habe mich schon immer gefragt…“

„Wieso ich so selten meine Gestalt wandle?“ vollendet Tex amüsiert und setzt dann auch gleich zur Antwort an: „Ich weiß, oberflächlich betrachtet, scheint das viel einfacher zu sein und würde mein Strafregister erheblich entlasten, aber selbst bei meinem derzeitigen Magielevel halte ich das nur einen halben Tag durch. Und sobald ich einschlafe, verwandle ich mich sowieso wieder zurück. Und wache am nächsten Morgen mit einer ausgewachsenen Migräne auf.“

„Aber dein Miniparder … das Kanu … und jetzt das hier …?“

„Ganz einfach: andere, magielose Wesen und Gegenstände sind problemlos. Aber bei mir ist meine Magie immer versucht, den Ursprungszustand wieder herzustellen. Dieses Talent ist zur Eigenanwendung einfach nicht gedacht. Daher kann ich auch nicht lange bleiben. Aber bis zur Sperrstunde sollte es kein Problem sein.“

„Hm, aber ich will auch nicht ewig hellhäutig bleiben…“

Tex Hex verbeißt sich ein kleines Grinsen. Er versteht die Skepsis des Marshalls vielleicht besser als dieser glaubt, schließlich macht er sich selbst auch ungern von anderen abhängig.

„Ich war so frei, den Zauber auf dich zeitlich zu beschränken. Du wirst selbst bemerken, daß die Pigmentierung irgendwann von selbst zurückkehrt. Aber auch bei dir dürfte es bis zur Sperrstunde genügen.“ Plötzlich hält er inne und runzelt die Stirn. „Wobei mir einfällt – wie lange genau ist die Sperrstunde hier eigentlich? Ich hab jetzt mit ein Uhr nachts spekuliert, wie es bei Handlebars Saloon üblich ist. Ist immerhin ’ne Spießergegend hier“, setzt er naserümpfend hinzu.

Brave Starr bestätigt ihm grinsend, daß er in seiner Annahme richtig liegt, und fünf Minuten später schließen sie die Haustür hinter sich ab und sind im matten Licht der ersten Sterne unterwegs zu einer kleinen Bar, in der heute ein Event der besonderen Art steigt – was jedoch keiner von ihnen weiß, weil sie den Flyer nicht sorgfältig genug gelesen haben…

***
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