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Der Jäger

von MariLuna
GeschichteMystery / P16 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
15.02.2011
04.04.2011
18
34.375
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15.02.2011 2.157
 
7. Kapitel

Da ist wieder dieses Gefühl des Fallens. Und wieder ziehen verwischte Formen und Farben an seinen Augen vorbei. Er spürt einen scharfen Luftzug – Wind – heiß und sengend, doch er kommt irgendwie aus einer völlig falschen Richtung.
Und er fällt immer noch …
Der Wind wirbelt um ihn herum, und dann weht ein leises Wimmern an seine Ohren.
Eine wohlvertraute Stimme, deren Klang eine Saite in seinem Inneren zum Schwingen bringt.

„Tex! Bei den Göttern, Tex!“

Kühle Finger an seiner Halsschlagader, die sich zitternd zu seinem Gesicht hocharbeiten, ihm eine verirrte Haarsträhne zurückstreichen, seinen langen Schnauzer ordnen.

Tex Hex blinzelt irritiert, noch ganz benommen, fühlt sich immer noch, als würde er fallen, und es dauert eine geraume Zeit, bis er dem dunklen Gesicht vor sich einen Namen zuordnen kann. Zum Glück fällt genug Mondlicht durch das große Fenster, um Einzelheiten erkennen zu können.

„Hm, Brave Starr“, nuschelt er noch ganz schlaftrunken, „wasn los?“

Eigentlich sollte er alarmiert sein, aber sein ganzer Körper fühlt sich schwer wie Blei an, und auch wenn er weiß, daß er normalerweise sofort zu seinem Hexmaker unter seinem Kopfkissen gegriffen hätte, kann er sich jetzt nicht einmal dazu aufraffen, sich auf die Ellbogen zu stemmen.

Aber das ungewohnt blasse, ängstliche Gesicht des ansonsten so mutigen Marshalls beunruhigt ihn schon.

„Neinein, alles in Ordnung“, haspelt Brave Starr schnell herunter, während seine Hand immer noch fahrig über Tex’ Wange streicht, „ich hatte nur einen furchtbaren Traum. Ich mußte mich vergewissern, daß du … entschuldige, entschuldige, ich wollte dich nicht wecken.“

Es dauert eine geraume Weile, bis die Information in Tex’ müdes Hirn vordringt.

„Wie … du hattest einen Alptraum? Du? Wieso? Ist doch eher meine Spezialität.“

„Jaja, ich hab geträumt, dir wäre etwas Schlimmes …“ mitten im Satz unterbricht sich Brave Starr, stutzt und mustert ihn irritiert, aber auch leicht erschrocken. „Was soll das heißen? Hast du etwa auch Alpträume? Regelmäßig? Ist es wegen Smith?“

Seine Hand berührt Tex’ Gesicht, streichelt diesen immer noch, und plötzlich sitzt er auf dem Bettrand und beugt sich zu ihm hinunter, zieht den verdutzten Desperado in eine ungeschickte Umarmung.

„Oh, Tex, das tut mir so leid.“

Tex ist müde und nur bedingt aufnahmefähig, er will nur endlich weiterschlafen, und so zieht er den anderen kurzentschlossen richtig zu sich herunter, und Brave Starr wehrt sich nicht, vergräbt nur erleichtert aufseufzend sein Gesicht an Tex’ Hals, atmet tief dessen stets leicht nach Kräutern duftenden Geruch ein und umschlingt ihn noch fester.
Er hat das Bedürfnis, ihn festzuhalten, muß ihn spüren, sich davon überzeugen, daß sein Traum nicht zur Realität geworden ist.

Tex rückt ein wenig zur Seite, um ihm Platz zu machen und breitet dann seine Decke über sie beide. Er spürt leichte Gewissensbisse – er hat dem armen Jungen viel zu viel auf einmal erzählt, da ist es doch kein Wunder, wenn dieser Alpträume bekommt.
Allerdings muß er zugeben, daß es in diesem großen Bett jetzt gleich viel gemütlicher geworden ist. Und die Art, wie ihn der Marshall hält, erfüllt ihn mit soviel Wärme und Geborgenheit wie seit Ewigkeiten schon nicht mehr.
Er hofft nur, daß Brave Starr am nächsten Morgen noch weiß, was passiert ist und ihn nicht mit einem Kinnhaken à la Bärenkräfte weckt.
Mit diesem Gedanken gleitet er hinüber in einen tiefen und ausnahmsweise einmal völlig traumlosen Schlaf.

***


Warm und sicher.
Das ist das erste, was Tex Hex fühlt, als er am nächsten Morgen erwacht. Seine innere Uhr verrät ihm, daß es um halb sieben Uhr in der Früh ist – Zeit zum Aufstehen.
Doch irgend etwas ist anders als sonst.

Gute zehn Sekunden blinzelt er orientierungslos an eine gelbe Wand, betrachtet leicht befremdet die helle Ausziehcouch und die zerwühlte Bettdecke, die halb auf dem Fußboden liegt. Hm, Laminat im Steinfliesendekor. Das hier ist definitiv nicht sein Zimmer.
Und dann kehren die Erinnerungen zurück.
Er wird sich des Armes bewußt, der sich um seinen Oberkörper geschlungen hat und registriert endlich die warme Haut des muskulösen Unterarms, den er die ganze Zeit schon streichelt. Der warme Atem in seinem Nacken, das leise Schnarchen und der schwere Körper, der sich von hinten an ihn schmiegt.
Jetzt hat er genau zwei Möglichkeiten. Entweder, er windet sich so behutsam wie möglich aus den Armen des anderen Mannes und versucht, aus dieser verfänglichen Situation so unbeschadet wie möglich herauszukommen oder …
Sein Wunsch nach Geborgenheit siegt. Um seine Mundwinkel spielt eines seiner seltenen, absolut ehrlichen Lächeln, als er seine Finger mit denen Brave Starrs verschränkt und sich noch fester an diesen schmiegt. Das blaue Veilchen nimmt er dann gerne in Kauf.
Mit dem Gefühl äußersten Wohlbehagens dämmert er wieder ein.

Auch um Brave Starrs Lippen zuckt ein kleines Lächeln, als dieser im Halbschlaf spürt, wie Tex nach seiner Hand greift, und als dieser sich dann auch noch so vertrauensvoll noch fester in seine Umarmung kuschelt, pocht ihm das Herz plötzlich bis zum Halse.
Und wieder breitet sich dieses warme Kribbeln in ihm aus, das sich erst in seinem Magen sammelt und dann noch tiefer rutscht.
Zum Glück ist er frühmorgens so träge, daß er seinen Instinkten nicht nachgehen kann. Er sucht sich nur eine etwas bequemere Position, und so kommt es, daß er eines seiner Beine über Tex’ Hüfte schlingt, und seine Körpermitte noch etwas fester an diesen drückt, um so einen erträglichen Gegendruck zu schaffen.
Kurz darauf gleitet er wieder zurück ins Traumland, die Nase fest in Tex’ weichem, nach Kräuter duftendem Haar vergraben.

Tex Hex schreckt aus seinem dösigen Zustand auf, als er spürt, wie sich etwas hart gegen seinen verlängerten Rücken drückt. Er erkennt sofort, worum es sich dabei handelt.
Überrascht reißt er die Augen auf und runzelt gleich darauf die Stirn.
Nur sehr schwerfällig beginnt sein Hirn zu arbeiten, aber als er dann versteht, in welch prekären Lage – im wahrsten Sinne des Wortes – sie sich befinden, schießt ihm das Blut in die Wangen.
Peinlich berührt teleportiert er sich aus Brave Starrs Armen direkt vors Bett, wo er dem jungen New Cheyenne – der sich plötzlich seines „Kuscheltieres“ beraubt sieht und verschlafen aufschnieft – hastig ein Kissen in die Arme drückt, bevor er selbst eilig ins Bad flüchtet, um nicht doch noch schwach zu werden.

***


Zu seiner großen Verwunderung erwacht Brave Starr nicht nur allein, sondern auch mit einem Kissen in seinen Armen. Von einer Sekunde auf die andere hellwach, schießt er in die Höhe. Sein Falkenblick aktiviert sich fast automatisch. Eine Sekunde später seufzt er erleichtert auf, hat er doch festgestellt, daß Tex Hex, vollständig angekleidet, unten in der Küche steht und das Frühstück macht.

Trotzdem – das ist nicht in Ordnung!

Er muß da jemanden wohl noch einmal die Spielregeln eintrichtern.

Wütend springt er aus dem Bett und läuft – ungeachtet der Tatsache, daß er nur mit einem schlabbrigen T-Shirt und Boxershorts bekleidet ist – hinunter ins Erdgeschoß. Mit Pumageschwindigkeit.

Was fällt dir eigentlich ein?

Ziemlich unsanft packt er Tex an der linken Schulter und ignoriert absichtlich dessen schmerzhaftes Aufkeuchen, als sein Rücken höchst unsanft mit der Vorratsschrankwand Bekanntschaft schließt.

„Was denkst du,  was das hier ist?“ zischt Brave Starr ungehalten. „Wie soll ich dich beschützen, wenn du dich einfach davonschleichst?“

Tex Hex ist für einen kostbaren Moment regelrecht betört von dem Geruch, der dem anderen entströmt – Nachtschweiß, vermischt mit purem, unverfälschten Brave Starr-Aroma – und er benötigt eine Sekunde, um sich zu sammeln.

„Du hast geschlafen“, erwidert er dann seelenruhig und versinkt in diesen Augen, die vor Wut jetzt fast schwarz wirken. „Ich wollte dich nicht wecken. Und Smith ist noch lange nicht hier.“

Dumpf knurrt Brave Starr auf und bohrt seine Finger noch nachdrücklicher in Tex’ Schulter. Ein Teil von ihm genießt es, wie sich dessen Muskeln unter seinem Griff verspannen.

„Du. Hast. In. Meiner. Nähe. Zu. Bleiben. Kapiert?“

Für den Bruchteil eines Atemzuges flammt es in Tex Hex’ roten Augen gefährlich auf, und die Luft um ihn herum vibriert förmlich vor Magie, doch dann blinzelt er nur, senkt die Lider auf Halbmast und schielt ihn unter dichten, schwarzen Wimpern verschlagen an. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem schlauen Lächeln, und dann hebt er seine rechte Hand und legt sie an Brave Starrs Wange.

„Kapiert“, schnurrt er samtweich. „Weißt du“, raunt er und nähert sein Gesicht dem des Marshalls, bis sich ihre Nasenspitzen fast berühren, „dir konnte ich noch nie etwas abschlagen.“

Eine Sekunde später hat er sich geschickt unter dem Griff des Marshalls hervorgewunden und steht wieder vor der Mikrowelle, während dieser noch versucht, sich von seiner Überraschung zu erholen.

„Ich … na ja…“ verlegen fährt sich Brave Starr durch das vom Schlaf noch ganz zerzauste Haar, „…ich geh dann mal duschen…“

„Ja, mach das“, tönt es gleichmütig zurück.

Tex wartet, bis Brave Starr die Treppe erreicht hat, bevor er ihm leise und betont sanft hinterherruft:

„Andererseits soll ich ja in deiner Nähe bleiben. Soll ich daher doch nicht lieber mitkommen?“

Brave Starr erstarrt und wirft einen vorsichtigen Blick über seine Schulter zurück. Doch Tex’ Miene ist frei von jeder Häme und völlig neutral.
Ganz kurz beißt sich Brave Starr auf die Unterlippe, bevor er hastig den Kopf schüttelt und reichlich verstört die Treppe hinaufstolpert. Die Bilder, die Tex’ Worte in seiner Fantasie auslösen, verfolgen ihn noch bis unter die Dusche.

***


Als der Marshall frisch geduscht, in Muskelshirt und knielanger Cargohose die Treppe herunterkommt, empfängt ihn der aromatische Geruch frischgebrühten Kaffees. Und prompt meldet sich sein schlechtes Gewissen – da hat er absichtlich dieses ausgesprochen legere Outfit gewählt, um Tex seinen Spruch heimzuzahlen, und dann sowas. Schließlich weiß er ganz genau, daß Tex Hex kein Kaffeefreund ist.
Er dagegen aber schon.

Der Frühstückstisch ist reich gedeckt, mit allem, was ihm schmeckt: Toast, Butter, Marmelade und Honig. Tex sitzt schon dort und wirft ihm über den Rand seiner mit Kakao gefüllten Tasse wieder einen dieser Blicke zu, bei dem er immer eine Gänsehaut bekommt. Jetzt bereut er es, daß er soviel nackte Haut zeigt und rechnet fast wieder mit einem bissigen Kommentar. Oder einem lasziven Grinsen.
Aber nichts davon geschieht.

Auch während des gesamten Frühstücks erwähnt Tex den kleinen Vorfall von vorhin mit keiner Silbe und benimmt sich ganz allgemein so, als wäre gar nichts geschehen.
Brave Starr ist verwirrt, doch er würde sich lieber die Zunge abbeißen als etwas anzusprechen, was ihn nur in größte Verlegenheit stürzen würde.
Und da das Frühstück in einer lockeren, absolut freundlichen Atmosphäre abläuft, entspannt er sich ziemlich bald wieder.

Der Parder kommt mal kurz vorbei, holt sich seine Streicheleinheiten ab, honoriert die Freundlichkeiten mit einem lauten Schnurren, und dann wird Brave Starr Zeuge eines Katers, der höchst geschickt die Terrassentür entriegelt und dann in den Garten hinausschlüpft, um dort wieder die Dodous zu ärgern.

„Ich glaube, da steckt doch noch viel Mensch in ihm“, meint er dann verblüfft zu den ihm gegenüber sitzenden Mann.

Tex aber schüttelt den Kopf. „Er schaut sich nur viel von uns ab, das ist alles.“

Brave Starr hat da so seine Zweifel, doch er behält sie lieber für sich.

„Was hälst du heute von einer Kanufahrt um den See?“ fragt er, als sie zehn Minuten später auf der sonnenbeschienenen Terrasse stehen, um zu überprüfen, wie sich ihr Parder mit der plötzlich aufgetauchten Nachbarskatze verträgt – die beiden ignorieren sich gekonnt, sehr zu Brave Starrs Erleichterung, denn er will keinen Streß mit seinen Nachbarn.

Diese Kanufahrt ist etwas, was er schon immer machen wollte, nur hatte bisher niemand das Bedürfnis mitzukommen, und alleine hatte er dann auch keine Lust mehr.

Zu seiner großen Freude ist Tex sofort bereit. Aber als Brave Starr zu den Nachbarn gehen und sich eines von deren Booten leihen möchte, hält Tex Hex ihn zurück und deutet ihm an, ihm hinunter zum See zu folgen.
Dort lächelt er verschmitzt, konzentriert sich auf einen der am Ufer liegenden Felsbrocken und verwandelt den unscheinbaren Stein in ein modernes, leichtes Kanu in klassischem indianischen Design. Er hat sogar an die Paddel gedacht.
Brave Starr ist begeistert, und er wäre ihm gewiß um den Hals gefallen, wenn er es gewagt hätte. So aber beläßt er es bei einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.

Er sitzt vorne, Tex hinter ihm, und während sie mit ruhigen, langsamen Paddelschlägen das kristallklare Wasser durchpflügen, vorbei an den Nachbargrundstücken – deren geschniegeltes Aussehen in Verbindung mit den prächtigen Villen von Reichtum zeugt – läßt Tex seinen Blick ganz ungeniert über Brave Starrs Rückansicht schweifen.
Er genießt das Spiel der Muskeln unter dieser bronzenen Haut, das Funkeln der Wassertropfen auf Brave Starrs Armen, dessen Art, sich zu bewegen, und vor allem, wie sich sein langes Haar, das er diesmal tatsächlich offen trägt, leicht im Wind bewegt.

Ganz kurz blitzt in seinem Kopf der Gedanke auf, daß sein Marshall niemals soviel Vitalität und Stolz ausgestrahlt hat. Niemals so sehr seine indianischen Wurzeln zutage getreten sind.
Und als Brave Starr ihm einen kurzen, nichtsdestotrotz aber feurigen Blick über die Schulter zurückwirft und ihn leise neckt, daß er gefälligst nicht so faul sein soll und endlich mal mitpaddeln könnte, weht ihn für einen Augenblick dieses ganz bestimmte Gefühl an: Glück.

Es ist genauso schnell vorbei, wie es auftauchte, aber es reicht, um ihn hoffen zu lassen.

***
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