Leseprobe - Harlekin

LeseprobeRomanze / P18 Slash
11.02.2011
13.03.2011
8
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Dieses Kapitel
15 Reviews
 
 
Hallo meine Lieben,

ich hoffe, euch hat der Prolog von Harlekin gut gefallen - auch wenn er etwas verwirrend war ;)

Aber jetzt beginnt die Geschichte erst richtig.
Heute lernt ihr den Hauptcharakter und Ich-Erzähler Max kennen (mein Baby - also seid nett... ;)

Noch eine kleine Ankündigung für die, die es nach Leipzig zur Buchmesse schaffen:
die ersten 30 Käufer pro Tag (Fr./Sa./So.) am Stand des Verlags Cursed Side auf der LBM (Halle 2, Stand Nr. 402 – direkt um die Ecke von Carlsen) erhalten ein kostenloses Poster zum Buch dazu.
(Na, wenn das kein Anreiz ist... ;)


Zum Schluss noch etwas für alle Pansyndrom-Leser.
ein kleines Meisterwerk - viel Spaß!!!!!!!!!!!
http://www.youtube.com/watch?v=KjbbHbX-9bE
Danke, Saiyi!

Eure Libby




1. Kapitel -
in dem es regnet und auch sonst alles so ist wie immer



„… und jetzt zum Wetter. Beate Fliege - unsere Wetterfrau - wird uns verraten, wie das Wochenende wird. Beate, können wir einen gemütlichen Grillabend mit Freunden auf dem Balkon planen?” Der Radiomensch lacht.

Man hört es, wenn jemand beim Sprechen lacht. Oder lächelt.
Am Telefon, im Radio. Man hört es einfach.
Es macht den Sprecher sympathischer, fröhlicher, menschlicher.

Und ganz offensichtlich legt man bei diesem Sender um kurz vor sechs Uhr morgens besonders viel Wert auf Fröhlichkeit.

Ich schaudere.

Eilig gehe ich in die Knie und fummle an den Schnürsenkeln meiner Turnschuhe herum.
Übereinander, untereinander, eine Schleife, ein Knoten und festziehen.
Fertig.

„Ja, Till”, sagt nun eine samtige Frauenstimme. Wahrscheinlich Beate, - die Wetterfrau. „Wir dürfen mit einem sonnigen Wochenende rechnen. Aber leider müssen wir dafür noch diesen verregneten Freitag ertragen. Heute Abend werden im Süden Deutschlands einige schwarze Regenwolken…”

Ich ziehe mir eine graue Kapuzenjacke über das schlichte, weiße T-Shirt und blende Beates weitere Ausführungen aus.

Handy und Schlüssel werden in der Jackentasche verstaut.

Dann trete ich hinaus in den Flur. Fast lautlos fällt die Wohnungstür hinter mir ins Schloss.

Im Treppenhaus ist es ruhig und dunkel. Es riecht nach kalten Gewürzen.
Curry oder so.

Ich beeile mich, die Stufen nach unten zu gelangen.
Zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoss.

Jeder meiner Schritte hallt im Flur wieder. Die Wände sind kahl, schmutzig und hässlich. Ihr Anstrich ist ockerfarben.

Draußen regnet es.

Nieselregen.

Genau wie von Beate prophezeit.

Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und schaue auf die Uhr.
Fünf Minuten nach Sechs.

Ich lasse das unauffällige Mehrfamilienhaus hinter mir, als ich mich langsam in Bewegung setze.

Ein Schritt vor den anderen. Ich laufe federnd, entspannt, werde nach und nach schneller.

Die Luft ist kühl und feucht. Es riecht nach nassem Teer und einem verregneten Julimorgen.

Grau und düster dämmert der neue Tag. Fast scheint es ihm an Motivation zu fehlen, an dem Wunsch anzubrechen und sich zu zeigen.

Ich halte den Kopf gesenkt.
Meine Augen heften sich auf den pechschwarzen Asphalt des Bürgersteigs. Ich kenne die Straßen, dieses Viertels.

Ich lebe seit vier Jahren hier, seit dem Ende meines Studiums.

Es ist ein ruhiger Stadtteil. In den meisten Häusern wohnen Familien oder Rentner. Kleine Gärten und Parkanlagen gestatten den Bewohnern die Illusionen von Natur und Ruhe in einer sonst so hektischen, betongepflasterten und abgasverseuchten Stadt.

Wie von selbst tragen mich meine Füße die lange Straße entlang.
Meinen Rhythmus habe ich längst gefunden.

Jeder Atemzug und jede Bewegung ist aufeinander abgestimmt.

Wie bei einer Maschine.

Ich genieße das tägliche Laufen.

Immer eine halbe Stunde. Dreißig Minuten. Auf die Sekunde genau.
Ich kenne die Strecke auswendig. Es ist immer dieselbe. Die lange Straße entlang, immer weiter um den Block, vorbei an einer kleinen Grundschule, einem Kindergarten und der Kirche des Viertels.

Neben dem Friedhof befindet sich ein kleiner Park. Ein paar alte, hohe Bäume reihen sich um einen stillgelegten, runden Steinbrunnen, in dem nie Wasser fließt.
Sparmaßnahmen der Stadt.

Ich umrunde den Brunnen einmal und tippe dabei den mit Moos bewachsenen Rand an. Meine Fingerspitzen streichen über den kalten, glitschigen Stein.

Tag ein, Tag aus der selbe Weg.

Warum ich nicht mal eine andere Strecke ausprobiere?

Ich weiß nicht, darauf habe ich keine Antwort. Es hat sich einfach so eingespielt.

Jeden Morgen um Viertel nach Sechs berühre ich den alten Steinbrunnen. Ich berühre ihn und weiß, dass er da ist, dass er schon gestern da war und dass er morgen wieder da sein wird.

Das fühlt sich gut an.

Dann mache ich mich auf, den Rückweg.

Auf dem unebenen Schotterweg haben sich Pfützen gebildet. Von den hohen Bäumen tropft das Wasser. Die Blätter hängen satt grün und feucht glänzend an ihren Ästen.

Ein morgendlicher Spaziergänger führt seinen Hund aus. Den Kopf gesenkt, schlurft der ältere Mann durch den Park. Der Hund schnüffelt an dem runden Stamm einer prächtigen Kastanie. Er hebt das kurze Bein, und markiert sein Revier, während der Mann gähnend stehen bleibt und wartet.

Ich mag die Stadt, wenn sie noch so verschlafen ist.
Stille Trägheit.
Unaufdringliche Ruhe.

Zwischen all den vielen Menschen kann man doch ein bisschen für sich sein. Und alle lassen einen in Frieden. Wunderbar.

Ich lasse den Mann und seinen Hund hinter mir.

Der Kies knirscht unter meinen Füßen.

Ich fühle mich angenehm gefordert, lebendig und gesund.

Der gesamte Körper erwacht, lebt – nur das Hirn, das darf noch ein bisschen ruhen. Ja, ich genieße diese herrliche Leere in meinem Kopf.

Diese halbe Stunde am frühen Morgen ist die einzige gedankenlose Zeit, die ich mir gönne.

Dreißig Minuten in denen man nicht überlegen, zweifeln, kalkulieren und hinterfragen muss. Dreißig Minuten ohne Cleverness, Vernunft, Kreativität und Überlegenheit.

Wieder geht es vorbei am Friedhof, der Kirche, dem Kindergarten und der Schule.

Wie jeden Morgen begegnet mir ein Mann mit Aktentasche. Wie jeden Morgen nicken wir uns kurz zu. Wie jeden Morgen schauen wir uns dabei nicht ins Gesicht.

Ist es nicht seltsam? Täglich trifft man sich auf der Straße und trotzdem schaut man nicht wirklich hin.
Lustig oder traurig?

Ich werde langsamer.
Sofort spüre ich die Wärme in meinen Muskeln. Die Lungen blähen sich auf, saugen den Sauerstoff ein. Das Herz pumpt. Mein Gesicht und die Hände sind nass vom Regen.

Auch der Stoff der Sweatshirtjacke ist feucht. Tief ausatmend streiche ich mir eine dunkelbraune Haarsträhne aus der Stirn.

Am Hauseingang treffe ich auf eine Nachbarin. Sie wohnt ein Stockwerk unter mir. Eine Frau mittleren Alters. Kettenraucherin. Auch jetzt hat sie eine Zigarette im Mundwinkel. Wenn sie durch das Treppenhaus schleicht, stinkt es noch eine halbe Stunde später nach kaltem Rauch und schlechtem Atem. Sie hat ungepflegtes Haar und trägt ständig einen abgenutzten, alten Morgenmantel.

Mit verbissener Miene fummelt sie an ihrem Briefkasten herum. Sie hat irgendein widerliches Boulevardblatt abonniert. Kurz sieht sie mich an. Ein böser, hämischer Blick aus blutunterlaufenen Augen.

Sie grüßt mich nicht.
Die meisten Leute aus dem Haus grüßen mich nicht. Man will nichts mit mir zu tun haben.

Ich bin eine Schwuchtel, ein Homo, eine Tucke, ein Schwanzlutscher, Warmduscher, Arschficker, ach, es gibt so viele charmante Bezeichnungen, die man jemanden wie mir, hinterher rufen kann.

Ich finde es fast schon amüsant, von einem Haufen alter, arbeitsloser Biedermänner ohne Ausbildung und Niveau diskriminiert zu werden.

Natürlich könnte ich mich über diese maßlosen Unverschämtheiten, falschen Vorurteile und miesen Verleumdungen aufregen.
Recht dazu hätte ich allemal.

Aber ich tue es nicht.
Vielleicht bin ich zu alt, um dem inneren Drang nach Gleichberechtigung und Akzeptanz nachzugeben.
Vielleicht zu klug.

Aber ich denke, die Wahrheit ist, dass ich einfach keine Zeit und keine Lust habe, um mich intensiv mit meinen beschränkten Nachbarn zu beschäftigen und Demoplakate für die Rechte der homosexuellen Gemeinschaft zu malen.

Meine Freunde bezeichnen mich manchmal als illoyal.
Ich nenne sie im Gegenzug naiv.

Mit angehaltenem Atem gehe ich an der Alten vorbei.
Schnell sind die Stufen zu meiner Wohnung erklommen.

Warum ich immer noch in diesem Haus wohne, werde ich öfters gefragt. Weil es bequem ist, gebe ich dann immer zu.
Es ist billig und sehr zentral. Die Wohngegend ist ruhig, einigermaßen sauber und sicher. Die Verkehrsanbindungen sind ideal. Ich bin in einer halben Stunde auf dem Land bei meinen Eltern und in fünfzehn Minuten in der Stadt, wo ich arbeite.

Was will man mehr?
„… und nun der sommerliche Gute-Laune-Hit von Großbritanniens neuem Superstar…“ Der Radiomann hat immer noch gute Laune. Mit beschwingter Stimme sagt er einen Pophit nach dem anderen an.

Ich streife mir die Laufschuhe von den Füßen und verstaue sie ordentlich in ihrem Fach im Schuhschrank. Die durchweichte Jacke hänge ich zum Trocknen auf. Meine restlichen Klamotten wandern in den Wäschekorb.

Nackt betrete ich das winzige Badezimmer und steige unter die Dusche.

Ich bin kein eitler Mann. Stunden im Bad und vor dem Spiegel zu verbringen, liegt mir fern. Für Eigenlob und selbstverliebte Egobezeugungen fehlt mir das Selbstbewusstsein.

Wenn ich früher in den Spiegel geschaut habe, blickte ich in die grünen Augen eines dünnen, unscheinbaren, kleinen Schuljungen mit kurzen Haaren und einem schmalen, blassen Gesicht.

Keiner bemerkte mich. Und wenn sich doch einmal ein Blick in meine Richtung verirrte, dann blieb er nie lange an meiner schmächtigen Gestalt hängen.

Warum auch?

Ich war langweilig. Grau wie eine Maus.

Heute, mit siebenundzwanzig Jahren, hat sich das etwas geändert.

Ich bin nicht sehr groß. Gerade mal 1,78 m.
Mein Haar ist immer noch dunkelbraun, aber der Schnitt hat sich mit den Jahren etwas geändert. Hinten trage ich das Haar modisch kurz, vorne fallen mir längere Strähnen in die Stirn.

Auch meine Figur ist nicht mehr die eines schwachen Schuljungen. Ich bin zwar immer noch schlank, aber nicht mehr ganz so schmächtig. Die täglichen Laufeinheiten und die gelegentlichen Besuche im Fitnesscenter haben ihren Teil dazu beigetragen.

Ich bin zufrieden mit meinem Äußeren und genieße die interessierten Blicke auf der Straße, die mir gelegentlich folgen. Für Eitelkeit und Arroganz reichen sie aber noch lange nicht aus.

Mit schnellen Handgriffen rasiere ich mich, putze mir die Zähne und verteile sparsam ein paar Tropfen Parfum auf Hals, Brust und Handgelenke.

„… das war ein Hit aus den 80er Jahren, von Soft Cell: ‚Tainted Love‘. Es ist nun ganz genau sieben Uhr an diesem verregneten Freitagmorgen und wir steuern auf ein schönes Wochenende zu…“ Der Radiomensch kündigt die Nachrichten an, als ich mir das dunkelblaue Hemd zuknöpfe.

Ich werfe einen schnellen Blick in die riesigen Spiegeltüren meines Kleiderschranks. Schwarze, enge Stoffhose, dunkles, figurbetontes Hemd. Klassisch.
Elegant.

Zögerlich fummle ich an einem der oberen Knöpfe des Hemds herum. Offen lassen oder schließen? Ich seufze und mache ihn sicherheitshalber zu.

Mit kritischer Miene betrachte ich meine Frisur, entscheide dann aber, dass es wohl nicht besser geht, und verlasse eilig das Schlafzimmer.

Eine ernste Stimme berichtet gerade über die neusten Konflikte im Nahen Osten, als ich das Radio ausschalte.

Kontrollierend lasse ich meinen Blick durch die kleine, saubere Wohnung gleiten. Alle Fenster sind geschlossen? Gut. Der Herd ist aus? Auch gut. Elektronische Geräte sind aus? Ja.

Okay. Zufrieden schnappe ich mir mein schlichtes, schwarzes Jackett und die modische Umhängetasche, die viel zu teuer gewesen ist, die ich aber trotzdem unbedingt haben musste.

Eilig schließe ich die Wohnungstür hinter mir. Mit langen Schritten haste ich die Stufen in den zweiten Stock hinunter.

Es befinden sich immer zwei Wohnungen auf einem Stockwerk.
Ich bleibe vor der linken Tür stehen. Ohne lange suchen zu müssen, wähle ich einen Schlüssel an meinem Schlüsselbund aus. Ich stecke ihn ins Schloss und drücke gleichzeitig auf den Klingelknopf, neben der Tür.

„Agnes!“, rufe ich, als ich den dunklen Flur betrete. Ohne auf eine Antwort zu warten, durchquere ich den schmalen Raum und klopfe hart an eine geschlossene Holztür.

„Hm…?“

Ich öffne die Tür und stecke den Kopf in das Zimmer.

„Guten Morgen, Schlafmütze“, sage ich freundlich. „Steh auf, es ist schon sieben.“

„Max?“, fragt eine dünne Stimme aus der Dunkelheit.

Ich seufze. Ja, natürlich bin ich es. Wer denn auch sonst?

Blind gehe ich zum Fenster und ziehe den Rollladen nach oben. Trübes Tageslicht fällt in den kleinen Raum.

Das einzige Möbelstück, das diese Bezeichnung auch verdient hat, ist ein großes, altes Bett, dessen Gestell aus massivem Eisen ist. Es steht an einer der vier Wände, umgeben von nichts, außer Büchern, die sich auf dem Parkett stapeln, zahlreichen abgebrannte und Kerzen in allen Größen, und wild wuchernden Zimmerpflanzen, Kleidungsstücke und Kissen, liegen verstreut auf dem Boden.

„Ich muss jetzt zur Arbeit“, sage ich. „Du stehst auf und frühstückst etwas. Ja?“

Ich warte auf eine Antwort. Es ist immer dieselbe. Jeden Morgen.

„Ja…“ Die dünne Stimme klingt verschlafen.

Ich betrachte den mausbraunen Haarschopf, der unter der Bettdecke hervorlugt. Das schmale, blasse Gesicht ist mir zugewandt, graue, übergroße Augen blinzeln mich glasig an. #

„Heute wird der Müll abgeholt“, sage ich ernst. „Denk daran, ihn runter zu bringen. Mach das am besten gleich.“

„Okay…“

Ich bin mir sicher, sie vergisst es, sobald ich die Wohnung verlassen habe. So wie sie fast alles immer sofort vergisst.

„Ich komme heute Abend nach der Arbeit wieder bei dir vorbei.“ Ungeduldig werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr.

„Okay...“ Sie ist immer noch nicht richtig wach.

„Bis dann.“ Ich beuge mich zu ihr runter und streichle kurz das wirre Haar.

„Bis dann, Max…“, murmelt sie leise.

Wie jeden Morgen verlasse ich die Wohnung mit einem unguten Gefühl. Würde sie ohne mein Wecken überhaupt aufwachen?

Seufzend schiebe ich die beunruhigenden Gedanken über Agnes von mir. Sie ist kein Kind mehr. Mit fünfundzwanzig sollte man im Stande sein, selbstständig zu leben.
Zu überleben.

Doch Agnes ist nicht normal. Sie ist verträumt. Ein Genie - aber nicht von dieser Welt.

Der Regen ist stärker geworden. Ich hole einen kleinen Schirm aus meiner Umhängetasche und spanne ihn auf.

Immer darauf bedacht, nicht in eine der zahlreichen Pfützen zu treten, eile ich die lange Straße entlang. Ein Postauto rauscht vorbei und fährt holpernd über ein Schlagloch. Das darin angesammelte Wasser spritzt platschend in alle Richtungen.
Ich weiche fluchend zurück, bin aber nicht schnell genug:
Flecken auf meiner teuren Hose.

Die Feuchtigkeit lässt mich schaudern. Ich werfe erneut einen Blick auf meine Uhr und beschleunige meine Schritte.

In zwei Minuten fährt meine U-Bahn.

Gemeinsam mit anderen Pendlern stürme ich die steilen Treppen zum Schacht hinunter.

Unten flimmert das grelle Licht unzähliger Leuchtstoffröhren. Es riecht nach feuchter Kleidung, nach Schmutz, überfüllten Mülleimern, Urin und dem ganz eigenen Geruch des endlos langen, kalten, tiefschwarzen Tunnelsystems.

Unausgeschlafen und schlecht gelaunt steht die brave Arbeiterschicht auf dem Bahnsteig und starrt mit sturen Blicken die teilweise abgerissenen und bemalten Werbeplakate an, die überall an den Wänden angebracht sind.

Das strahlende Lächeln eines verliebten Pärchens, das über einen weißen Sandstrand flaniert und für eine bestimmte Reisegesellschaft wirbt, könnte man fast schon als provozierend und beleidigend bezeichnen.

‚Schaut, schaut, ihr Deppen, schaut, was für eine gute Zeit wir haben. Ihr hingegen müsst fünf Tage die Woche, vierzig Stunden lang arbeiten und könnt euch dafür gerade mal zwei Wochen Halbpension auf Mallorca leisten. Ha!‘

Die Bahn hat Verspätung. Warum auch nicht?
Schnaubend und leise vor sich hinmurmelnd machen die Leute ihrem Unmut Luft.

Im Stillen addiere ich einige Zahlen zusammen. Kleine Mathematikaufgaben für den Alltag. Das mache ich immer.

Ich überlege: Die Bahn braucht zehn Minuten bis zum Hauptbahnhof. Ich muss mir noch etwas zum Frühstücken besorgen – ein Zeitaufwand von etwa zwei Minuten. Die Agentur ist zu Fuß sehr gut erreichbar. Wenn ich mich beeile und nicht an jeder Ampel warten muss, benötige ich etwa sechs bis sieben Minuten. Es sind also aufgerundet zwanzig Minuten bis ich im Büro ankomme.

Ich schaue auf die Uhr. Zwanzig Minuten. Ich hoffe, die beschissene Bahn kommt gleich…

Da ich Unpünktlichkeit hasse, achte ich immer darauf, zeitig von zu Hause aufzubrechen. Ich komme nie zu spät. Weder im Berufs- noch im Privatleben.

Sowohl meine Kollegen, als auch meine Freunde amüsieren sich gerne über meine Überpünktlichkeit. Ich kann nichts Lustiges daran finden. Ist es jetzt auf einmal uncool oder spießig, wenn man sich an Absprachen hält? Wozu vereinbart man sonst Ort und Uhrzeit?

Noch einmal wandert mein Blick auf das runde Ziffernblatt meiner Armbanduhr. Ich beiße die Zähne aufeinander und atme tief aus. Um halb zehn habe ich eine sehr wichtige Besprechung mit einem potentiellen Kunden…

Eine emotionslose, langsame Stimme schallt aus den unsichtbaren Lautsprechern. Sie klingt geschlechtslos und mechanisch. Rauschend breitet sie sich in dem unterirdischen Schacht aus. Die Information ist dermaßen uninformativ, dass sie kaum als eine solche bezeichnet werden kann. Ich verdrehe die Augen.

Wir erfahren lediglich, dass die U-Bahnlinie sechs Verspätung hat – was uns ja bereits aufgefallen ist.

Außerdem werden wir um Geduld und Verständnis gebeten. Beides ehrenwerte Tugenden, die hier aber nur schwer aufzubringen sind.

Ich hole mein Handy aus der Hosentasche und tippe schnell eine Nummer ein.

„Agentur Steiner; Werbung und Design; Hilda Illbrich; Guten Morgen.“ Die Stimme klingt freundlich, ruhig und offen – genau wie man es von der perfekten Empfangsdame und Chefsekretärin erwarten würde.

„Hilda, ich bin’s: Max…“, sage ich eilig.
„Max, guten Morgen, mein Lieber.“ Die Stimme legt ihre förmliche Höflichkeit ab. Jetzt ist sie einfach nur noch freundlich und warm.

„Morgen“, antworte ich knapp. „Du, meine U-Bahn hat Verspätung, würdest du bitte die Unterlagen für den Termin um halb zehn in den großen Konferenzraum bringen? Sie liegen auf meinem Schreibtisch. Es ist schon alles fertig gemacht … blaue Plastikmappen, sieben Stück…“

„Alles klar“, unterbricht sie mich. Ich weiß, dass sie gerade belustigt lächelt. „Ich kümmere mich darum.“

„Danke.“ Ich seufze erleichtert. „Für Getränke ist gesorgt?“
„Selbstverständlich.“
„Und Beamer und Laptop stehen auch bereit?“
„Natürlich.“
„Gut… und…“
„Max, mach dir keine Gedanken“; unterbricht sie mich freundlich. „Wir haben alles im Griff.“
„Ich weiß. Tut mir leid.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen.

Hilda macht ihren Job seit über fünfundzwanzig Jahren – und sie macht ihn verdammt gut.

„Ich will nur, dass alles klappt… der Auftrag ist so wichtig…“, erkläre ich ihr und komme mir dabei noch viel dümmer vor. Natürlich ist ihr klar, wie wichtig dieser Kunde ist…

„Schon gut, Max“, beruhigt sie mich freundlich.
„Also…“ Verlegen beiße ich mir auf die Unterlippe.
„Bis gleich“, sagt sie.
„Ja, hoffentlich.“

Dann lege ich auf.

Hilda ist eine fantastische Mitarbeiterin. Sie kennt die Abläufe innerhalb der Firma so gut wie keine andere. Sie ist über alles informiert und hat für jedes Problem die passende Lösung. Die Bezeichnung „gute Seele des Unternehmens" hat sie mehr als nur verdient – sie verkörpert sie voll und ganz.

Mein kleiner hysterischer Anfall war also total unangebracht.

Ich beiße mir fest auf die Unterlippe und senke den Blick. Meine Lippe schmerzt. Ich werde sofort ein bisschen ruhiger.

Diese abgeschwächte Art von Masochismus hilft mir immer wieder, die Wut auf mich selbst in den Griff zu bekommen.

Und ich muss gestehen: ich bin oft wütend auf mich selbst. Es gibt einfach zu viele Dinge an mir, die nicht so sind, wie ich sie gerne hätte.

Am schlimmsten sind meine Nerven. Sie geraten viel zu leicht durcheinander, lassen sich reizen und stressen.

Lautlos schnaubend zupfe ich an meinem Hemd herum. Ich recke das Kinn in die Höhe und streiche mir ein paar Haarsträhnen aus der Stirn.

Selbstbeherrschung.
Innere Ruhe.

Eine junge Frau, keine zwei Meter von mir entfernt, mustert mich schüchtern.

Ich schenke ihr einen kühlen Blick, sie zuckt ertappt zusammen, wird rot und schaut schnell woanders hin.

Ja, diese Wirkung habe ich auf viele Menschen.

Man nennt mich kalt. Man nennt mich arrogant.

Im Studium war ich als Einzelkämpfer bekannt, als Egoist, der seine Sachen am liebsten selbst macht.

Man wunderte sich über mich, schließlich war es ja nicht normal, dass einem Einundzwanzigjährigen seine Prüfungen und Noten wichtiger waren, als eine gute Party. Aber so bin ich eben.

Es fällt mir nicht leicht, mit Fremden ein Gespräch zu beginnen.

Was hat man einem Menschen, den man nicht kennt, denn schon groß zu erzählen?

Das Wetter und Kartoffelchips haben nie zu meinen Lieblingsthemen gehört.

Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, wie man bedeutungslosen Smalltalk führt.

In meinem Beruf ist diese Fähigkeit nun mal essentiell.

Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es eine erbärmliche Sache ist sie dazu zu nutzen, in überfüllten, schlecht belüfteten Räumen rumzugammeln, nach möglichen Sexualpartnern Ausschau zu halten und dabei einem Wildfremden einen Vortrag über den letzten Griechenlandurlaub zu halten.

Die junge Frau an meiner Seite schaut nun nicht mehr in meine Richtung.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Kurz überlege ich, ob ich ihr zulächeln oder gar ein paar freundliche Worte sagen soll… dann lass‘ ich es doch sein.

Die U-Bahn hat mittlerweile zehn Minuten Verspätung.

Die Leute murren nun immer lauter. Man brabbelt wütend vor sich hin und lässt die angestaute Wut und Frustration auf eine fiktive Person, die man „Immer-diese-Bahn“ nennt, heraus.

Ich schaue noch zweimal auf die Uhr, zupfe erneut an meinem Hemd herum und spiele unruhig mit dem Schirm in meiner Hand. Mehr kann ich nicht tun. Für ausschweifende Hasstiraden und peinliche Selbstgespräche fehlt mir der Sinn.

Dann erscheinen endlich zwei runde, gelbe Lichter im Dunkeln des Tunnels. Sie kommen näher. Ratternd rauscht die gelbe U-Bahn heran.

Ein allgemeines Aufatmen wandert den Bahnsteig entlang.

Kaum, dass sich die automatischen Türen geöffnet haben, drängen sich die Wartenden schiebend und schubsend ins Innere der Bahn.

Ich lasse der jungen Frau den Vortritt und ernte dafür ein dankbares Lächeln. Damit habe ich meine Grobheit von eben wohl wieder ausgebügelt.

Im Inneren des Wagons suchen sich die gereizten Pendler einen Sitzplatz. Rücksicht wird hier klein geschrieben.

Ich setze mich neben einen Jungen, den ich nicht älter als fünfzehn schätze, aber so genau kann man das ja heutzutage nie sagen.

In seinen Ohren stecken zwei Kopfhörerstöpsel, die mit seinem Handy verbunden sind. Der Junge lässt sich von lauter HipHop-Musik beschallen.

Ich kann jedes Wort verstehen. Derbe Ausdrücke reihen sich an seltsam verzerrte, englische Begriffe. Ein Kauderwelsch, der mich erschaudern lässt.

Auf einmal fühle ich mich sehr alt.

Die breiten Fensterscheiben sind beschlagen. Die Luft im Wagon ist dunstig und schlecht. Ich vermeide es, tief Luft zu holen.

Der Blick aus den Fenstern zeigt düstere Tunnelgänge und schmutzige Betonwände. Ich zähle innerlich die Sekunden bis die Bahn endlich langsamer wird.

Eine Frauenstimme vom Band kündigt die nächste Station an. Erst auf Deutsch, dann auf Englisch. Gemeinsam mit einem Großteil der Fahrgäste erhebe ich mich, als wir in die unterirdische Station einfahren.

Auf dem Bahnsteig eile ich schnellen Schrittes auf die Rolltreppen zu.

In der modernen, großen Bahnhofshalle ist wie immer eine Menge los. Reisende und Pendler hasten zwischen den Gleisen hin und her. Manche haben es unheimlich eilig, andere trödeln und stehen etwas verloren im Weg herum.

Immer wieder schallen Lautsprecherdurchsagen durch die Luft.

An den zahlreichen Imbissständen haben sich längere und kürzere Schlangen gebildet.

Die müden Menschen sehnen sich nach einem heißen Kaffee.

Auch ich steuere hungrig einen kleinen Laden am hinteren Ende der belebten Halle an.

Starbucks.
Total überteuert, aber sehr lecker. Hier hole ich mir jeden Morgen meinen Kaffee und ein Sandwich.

Der Geräuschpegel und der hektische Betrieb der Halle verstummen, als sich die Eingangstür des Coffeeshops hinter mir schließt.

„Morgen“, sage ich und nicke dem Typen zu, der hinter der langen Theke steht und gerade eine Kundin bedient.

„Morgen, Max.“ Der Mann lächelt mich an. Er hat nicht einmal aufgeschaut. Ist nicht nötig, er weiß auch so, dass ich es bin. „Der Mensch ist ein extrem wetterfühliges Wesen“, sagt er nun zu der Kundin. „Man kann es nicht bestreiten. Es gibt definitiv genug Beweise für diese These. Die Selbstmordrate in den grauen Wintermonaten ist nur ein Beispiel.“

Die Frau, eine korpulente Dame, die ihre langen Haare mit Henna karottenrot gefärbt hat, nickt hastig. „Da haben Sie vollkommen recht“, bestätigt sie ernst. „Beim Wetterumschwung bekomme ich immer sehr starke Kopfschmerzen…“
„Wirklich?“
„Es ist schrecklich.“
„Das glaube ich. Aber auch auf unseren emotionalen Gemütszustand hat das Wetter einen unglaublichen Einfluss…“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und mache ein möglichst ungeduldiges Gesicht. Der Typ hinter der Theke heißt Eddi. Zumindest steht das auf dem Namensschildchen, das er an seinem weißen Hemd angebracht hat. Vielleicht wurde ihm dieser Name auch nur von der Geschäftsführung verpasst, weil er sich so wunderbar in das Image des Unternehmens einfügt. Von einem „Eddi“ lässt man sich doch viel lieber einen Muffin verkaufen, als von einem „Jochen“ oder einem „Torben“.

Eddi ist ein schlanker, kleiner Mann. Er hat kurzes, dunkles Haar und kleine, dunkle Augen. Alles in allem ist er unheimlich nichtssagend und fast schon langweilig.

Er arbeitet bereits seit einigen Jahren hier.

Und immer dann, wenn ihn das ‚Kaffee verkaufen‘ mal wieder nicht intellektuell ausfüllt, fängt er an, mit seinen Kunden über Gott und die Welt zu philosophieren. Eddi ist ein großer Laienphilosoph. Er hat zu jedem Thema eine These und auch fast immer Fakten – die er natürlich nie wirklich belegen kann.

Ich bin kein Fan von Menschen, die hinter Glastheken stehen, klebrigen Kuchen verkaufen und dabei mit ihren Weisheiten um sich werfen.

„Einen Augenblick“, sagt er nun zu der Dame und lächelt freundlich.
Dann wendet er sich mir zu.

„Ich hätte gerne…“, fange ich langsam an.
„… einen großen Milchkaffee zum Mitnehmen und dazu ein abgepacktes Salatsandwich.“ Eddi grinst breit. „Wie jeden Morgen.“

Er drückt kurz einige Knöpfe an der großen, schwarzen Kaffeemaschine hinter ihm.

Ich erwidere nichts. Er hat recht. Genau das wollte ich bestellen. Ich fühle mich seltsam ertappt. Die Frau schaut mich interessiert an.

„Du bist heute zwölf Minuten zu spät dran“, meint Eddi. Seinen Tonfall könnte man fast schon als spöttisch bezeichnen.
„Die Bahn hatte Verspätung“, brumme ich.
„Aha.“ Eddi reicht mir eine Papiertüte, in der sich das Sandwich befindet.

Den Preis, den ich bezahlen muss, nennt er nicht. Er lächelt mich nur erwartungsvoll an. Ich krame in meinem Geldbeutel. Natürlich weiß ich auswendig, was ich dem Kerl schuldig bin … es ist ja jeden Morgen dasselbe…

Nachdem ich ihm das Geld und er mir einen Becher mit heißem Kaffee überreicht hat, verlasse ich nickend den Laden.

„Bis Montag!“, ruft er mir fröhlich hinterher.
Ich hebe nur kurz die Hand.

Ja, es stimmt. Ich gehe jeden Morgen hier einkaufen.
Und ja, ich entscheide mich auch immer für das Selbe.

Ist das schlimm? Ich trinke nun mal gerne Milchkaffee – und?

Wenn ich mir eine Pizza bestelle, ist es immer die mit Salami. Im Kino esse ich stets gezuckertes Popcorn und auch beim Einkaufen wähle ich immer die gleichen Marken.

Ich variiere nicht gerne. Ich bleibe bei den Dingen, die ich kenne, die ich mag.

Eine Eigenschaft, über die meinem Umfeld schon das ein oder andere Mal gelacht hat. Ob ich denn nie etwas anderes ausprobieren will? Nein. Warum auch?

Trotzdem ärgert mich das Verhalten von Eddi. Dieser einfache Kaffeeverkäufer hält mich für berechenbar… nun… er hat ja auch irgendwie recht.

Wieder beiße ich mir fest auf die Unterlippe.

Der Kaffeebecher fühlt sich unangenehm heiß in meiner Hand an. Ich verstaue die Tüte in meiner Tasche und versuche gleichzeitig, meinen Schirm aufzuklappen, während ich durch eins der großen, steinernen Eingangstore marschiere.

Es regnet immer noch. Inzwischen prasseln die Tropfen laut und hart auf den kleinen Platz vor dem Bahnhof.

Ich eile an den Taxis vorbei, die sich hier zu einer ordentlichen Reihe aufgestellt haben.

Als Teil eines bunten Schirmmeers überquere ich eine breite Straße.

Meine Füße führen mich mit schnellen, sicheren Schritten die lange, graue Straße entlang.

Die Bürogebäude wirken eintönig und wenig einladend hinter dem hässlichen Regenschleier. Grau in Grau. Ich beeile mich und bereits nach wenigen Minuten habe ich den gläsernen Kasten erreicht, in dem sich die Agentur befindet.

Ein modernes Gebäude, wie es sie fast überall zuhauf gibt. Groß, protzig und auffällig. Das Haus hat acht Stockwerke. Wir besetzen den vierten. Neben einigen Anwälten und ein paar Steuerberatern aus dem sechsten Stock betrete ich die spartanisch eingerichtete Eingangshalle.

Es riecht nach Putzmittel. Eine Reinigungskraft wischt gerade den schwarzen Marmorboden. Sie wirft uns gehässige Blicke zu, als wir den glänzenden Boden volltropfen. Die feuchten Ledersohlen verursachen unschöne, quietschende Geräusche. Die Frau schnaubt und murmelt etwas in einer fremden Sprache.

Während die anderen Anzugträger auf die Fahrstühle zusteuern, wähle ich die Treppe. Es ist ein ganzes Stück bis in den vierten Stock hinauf, aber Treppen laufen ist gesund. Jeder Arzt wird einem das bestätigen. Man sollte sich nicht vor körperlicher Ertüchtigung scheuen. Niemals. Nein.

Und außerdem… außerdem habe ich Angst vor Aufzügen.

Sie sind eng. Sie sind winzig. Sie sind gefährlich.

Ich möchte nicht in einem dieser Kästen sterben. Da erklimme ich lieber die zahlreichen Stufen.

Nass und leicht gereizt komme ich schließlich oben an.

Da ich in der einen Hand den tropfenden Schirm und in der anderen meinen mittlerweile lauwarmen Kaffee halte, muss ich die Glastür mit der Hüfte aufstoßen.

„Agentur Steiner; Werbung und Design“ steht in großen, geschwungenen Lettern auf der Eingangstür. Darunter befinden sich die Kontaktdaten.

„Guten Morgen, Max“, ruft Hilda. Sie sitzt hinter ihrem breiten Schreibtisch, der gleichzeitig auch der Empfangstresen ist. „Du bist ja so nass…“ Sie lächelt mich frech an.

„Regen…“, murre ich und verdrehe die Augen.
„Was du nicht sagst.“ Sie mustert mich amüsiert.

Hilda ist eine mollige Frau mittleren Alters. Sie hat ein rundes Gesicht, rosige, weiche Wangen und große, blaue Augen. Viele Menschen unterschätzen sie wegen ihres gutmütigen und freundlichen Aussehens, was jedoch ein großer Fehler ist. Hilda ist klug und sehr selbstsicher. Sie deutet auf meine Bürotür.

„Soll ich dir ein Handtuch bringen?“
„Danke, es geht gerade noch so…“ Ich reiche ihr meinen Schirm. „Den darfst du zum Trocknen aufspannen.“
„Wie nett.“ Sie lacht. „Ich bekomme gerne wichtige Aufgaben, bei denen ich mein ganzes Talent unter Beweis stellen kann.“ Sie zwinkert mir zu und tätschelt dann meine Wange.
„Überarbeite dich nicht“, stichle ich und betrete eilig mein Büro.

Ich habe einen eigenen kleinen Raum, was mich sehr freut und auch etwas stolz macht. Bereits nach so kurzer Zeit bei der Firma habe ich das Vertrauen und die Anerkennung meiner Arbeitgeber erworben. Das Büro ist nicht gerade luxuriös, aber es hat ein Fenster, einen großen, gläsernen Schreibtisch, ein schickes Regal und zwei moderne, schwarze Ledersessel. Ich fühle mich hier wirklich wohl.

Stöhnend lasse ich nun meine Umhängetasche fallen und stelle den Kaffeebecher auf dem Schreibtisch ab. Ich schalte den Computer ein und streiche mir die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Der Schirm konnte mich nicht ganz vor dem Regen schützen.

Während der Rechner hochfährt, hole ich einen dicken Ordner aus dem Regal und suche nach den Unterlagen für die heutige Besprechung. Ich finde sie fast sofort.

In meiner Ordnung geht nur selten etwas verloren.

Ein hastiger Blick auf die Armbanduhr – gut, ich habe noch genügend Zeit, um mich auf den Termin vorzubereiten.

„Morgen.“ Eine vertraute Stimme.

Ich schaue auf.

„Morgen“, sage ich lächelnd. Ich beuge mich über meine PC-Tastatur, um das gefragte Passwort einzugeben.

„Kann es sein, dass du wirklich eine Viertelstunde zu spät dran bist?“
„Kann sein…“ Ich verdrehe die Augen.
„Oh mein Gott – der Weltuntergang ist nahe…“ Mein Gegenüber presst sich geschockt die flache Hand auf die Brust und lässt sich dann in einen der Ledersessel fallen.

„Das ist nicht lustig, Abel“, antworte ich ruhig. „Meine Bahn hatte Verspätung.“

„Ich bin schockiert.“ Abel blinzelt mich amüsiert an. Um seinen Mund und seine Augen bilden sich einige Lachfältchen, in seinen Wangen kommen kleine Grübchen zum Vorschein.

„Wenn du mich nur aufziehen willst, dann kannst du gleich wieder gehen“, sage ich gelassen. „Ich habe noch einiges zu tun.“

„Ja?“

„Der Termin mit dem neuen Kunden…“ Ich mache ein vielsagende Handbewegung und öffne dann meinen Email-Account, um ihn nach wichtigen Nachrichten zu durchsuchen.

„Ach… natürlich…“ Abel nickt und in seinen braunen Augen funkelt es schelmisch. „Sag mal, wo sind eigentlich die Präsentationsunterlagen, die wir den Kunden mitgeben möchten?“

„Unterlagen?“ Ich schaue verwirrt auf. Hektisch suche ich meinen Schreibtisch ab. „Ich habe Hilda eben am Telefon gebeten, alles vorzubereiten. Hat sie die Mappen nicht in den Konferenzraum gebracht?“
„Nein.“ Abel schüttelt den Kopf.

Ich suche weiter. Wo sind die Dinger dann? Nervös reiße ich verschiedene Schubladen auf, von denen ich sicher weiß, dass sie die Mappen nicht beinhalten können. Ich verfalle in eine leichte Panik.

„Also, gestern Abend habe ich sie extra auf meinem Schreibtisch liegen lassen und… und Hilda ist doch normalerweise so zuverlässig… ich… ich werde sie sofort fragen…“ Ich haste um meinen Schreibtisch herum und stürme auf die Bürotür zu.

Abel schnappt nach meinem Handgelenk. Er umklammert es fest und zieht mich mit einem schnellen Ruck zu sich. Ich lande in den starken Armen. Sie schließen sich um mich und drücken mich an seine breite Brust. Die Muskeln spannen sich unter dem weißen Hemd.

„Du bist hinreißend, wenn du dich aufregst.“

Er küsst mich.

Der Kuss ist vorbei, bevor ich mich entschieden habe, ob ich mich gegen ihn wehren oder ihn erwidern möchte.

„Du sollst mich nicht immer so aus dem Konzept bringen“, schimpfe ich Abel atemlos. „Du weißt, wie sehr ich das hasse.“

„Ja, ich weiß.“ Er grinst mich an. Er ist etwas größer als ich. Vorsichtig lehnt er seine Stirn gegen meine. Das kurze, dunkelblonde Haar kitzelt. Ich betrachte sein Gesicht. Ich kenne es so gut und ich mag es.
Sehr sogar.

Seine markanten Gesichtszüge, das ausgeprägte Kinn und die dichten Augenbrauen unterstreichen seine unübersehbare Männlichkeit.
Abel ist wahnsinnig attraktiv.
Sehr sexy, stark und selbstbewusst.

Er ist wie einer dieser alten, amerikanischen Comichelden.
Superman.

Ich kann einfach nicht fassen, dass ein Mann wie er sich für jemanden wie mich interessiert.

Aber so ist es.

Abel ist nicht nur der Sohn der Firmengründer und somit mein Chef, seit etwa einem halben Jahr sind wir auch ein Paar.

Er hat recht lange um mich geworben. Immer wieder fragte er mich, ob ich mit ihm ausgehen wollte, aber ich lehnte jedes Mal ab. Nicht weil ich ihn abstoßend fand ich habe ihm schlicht nicht geglaubt, dass er es ernst mit mir meinte.

Abel war für seinen lockeren Lebensstil bekannt.

Er steht offen zu seiner Homosexualität und wenn ihm ein Mann gefällt, dann macht er auch kein großes Geheimnis daraus.

Neben all seinen nächtlichen Eroberungen kam ich mir sehr blass und langweilig vor.

Warum sollte ich ihm also glauben, dass er sich ernsthaft in mich verliebt haben könnte?

Aber schließlich gab ich nach. Mehr aus Ermüdung, als aus fester Überzeugung. Doch ich sollte es nicht bereuen.

Mit Abel zusammen zu sein, ist schön.
Schön und befriedigend.
Gerade so perfekt, dass es noch wirklich ist.
Was will man mehr?

Er hält mich immer noch im Arm.
Sein Körper ist warm.
Ich kann die erhitzte Haut unter dem weißen Hemd fühlen.

Fühlt sich gut an.

„Du lässt dich zu leicht verunsichern“, sagt er mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.

Um seine Anschuldigung abzuschwächen, drückt er mir einen kleinen Kuss auf die Wange. Ich verziehe das Gesicht.

„Ich will doch nur alles richtig machen“, verteidige ich mich und klinge dabei wie ein kleines, beleidigtes Kind.
Das passiert mir öfter.
Vor allem wenn ich mit Abel zusammen bin.

Seine Stärke und sein Selbstbewusstsein sind die Eigenschaften, die mich am meisten zu ihm hinziehen. In meinen Augen machen sie ihn unheimlich attraktiv und begehrenswert… und sie erinnern mich jedes Mal an meine eigenen Schwächen…

Manchmal kommt er mir so groß vor…

Ich beiße mir auf die Unterlippe.

Abel verteilt kleine Küsschen auf meiner Wange. Federleicht huschen seine Lippen über das rechte Ohrläppchen und meinen Hals. Ich entspanne mich langsam, lehne mich an seine breite Brust und schließe leise seufzend die Augen.

„Ich hab noch viel zu tun…“, nuschle ich halbherzig.
„Ich bin dein Chef und ich bestimme, wann du was zu tun hast…“, raunt Abel.

Seine heiße Zunge streift wie zufällig meine Halsschlagader.
Ich bekomme eine Gänsehaut.

„Das ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“, sage ich lächelnd.
„Korrekt.“

Er beginnt gezielt an meinem Hals zu saugen.
Da bin ich sehr empfindlich.

Tausend Nervenenden scheinen sich genau auf diese Stellen konzentriert zu haben. Ein Feld aus winzigen Sensoren. Alle anfällig für Berührungen.

Kleine elektrische Schauer, Impulse, Wellen.

Sie verteilen sich, wandern sofort ins Hirn, zum Herzen, in den Bauch und tiefer…

„Abel… nicht hier… wenn einer kommt…“ Keuchend blinzle ich in Richtung der immer noch offen stehenden Bürotür.
Auf den Tratsch der Kollegen kann ich gut verzichten.

„Du weißt, wie sehr mich diese Location anmacht…“, haucht Abel mit tiefer Stimme an meinem Ohr.

Ja, das weiß ich.

Sex im Büro ist für ihn das Größte.

Er steht auf das Risiko, entdeckt zu werden.
Das Wissen, dass im Raum nebenan die Kollegen ihrer täglichen Büroarbeit nachgehen, während man selbst es auf dem Schreibtisch treibt, ist in seinen Augen sehr reizvoll.

Ich würde mich nicht gerade als prüde bezeichnen, trotzdem bringen mich seine Offensiven gelegentlich in Verlegenheit.

Schamlos nutzt seine Hand den Schutz der Dunkelheit und tastet nach meinem Schritt, während wir mit Freunden in einem überfüllten Kinosaal sitzen und bei gemeinsamen Shoppingtouren muss ich ständig damit rechnen, dass er in den Umkleidekabinen über mich herfällt.

Den Höhepunkt seiner Unverfrorenheiten bildete jedoch der Golfausflug mit seinen Eltern vor etwa drei Wochen.

Wir hatten uns zu einem gemütlichen Brunch im Restaurant des Clubs, in dem seine Eltern treue Mitglieder sind, verabredet. Nach Champagner und Lachshäppchen stiegen wir in unsere Golfwagen und machten uns auf den Weg zum ersten Loch.

Ich hatte noch nie zuvor Golf gespielt und wollte mich natürlich nicht vor meinen Arbeitgebern und Schwiegereltern in spe blamieren. Darum gab ich mir besonders viel Mühe.

Abel jedoch schien mein Debüt in diesem edlen Sport nicht wirklich zu unterstützen. Er hatte seine eigenen Ziele und Vorstellungen von einem gelungenen Vormittag auf einem Golfplatz.

Und so lehnte ich schon bald mit dem Rücken an der harten Rinde eines hohen Laubbaums, umgeben von dichten, grünen Büschen und fragte mich verwundert, warum mir meine Hose bis zu den Knöcheln heruntergerutscht war, während Abel vor mir kniete und an meinem Schwanz saugte.

Seine Eltern, in der festen Annahme, dass wir auf der verzweifelten Suche nach einem verirrten Golfball seien, durchstöberten nur wenige hundert Meter von uns entfernt ebenfalls ein dichtes Gestrüpp und fragten uns immer wieder, ob wir das weiße, runde Bällchen mittlerweile gefunden hätten?

Allein die Erinnerung an diesen Vorfall treibt mir heute noch die Schamesröte ins Gesicht.

Nicht, dass mir Abels Aktivität nicht gefallen würde… Ich fühle mich nur manchmal etwas überrumpelt.

Vielleicht sollte ich etwas selbstsicherer sein.
Mein Freund steht auf Sex und was noch viel wichtiger ist, er steht besonders auf den Sex mit mir.

Kein Grund zur Beschwerde, oder?

Abels kräftige Finger tasten gierig über meinen Hintern.

Sofort spüre ich wieder das reflexartige Aufbäumen des keuschen Schutzmechanismus.

Ich drücke Abel hastig von mir.

Mein Kopf fühlt sich heiß an.

„Lass mich!“, fordere ich ihn auf. Ich ärgere mich über meine Stimme, die hoch und heiser klingt und über meine kindliche Schamhaftigkeit.

„Max…“ Abel sieht mich an. Sein Blick bittet um Verzeihung, kann die Enttäuschung aber nicht ganz verbergen. „Tut mir leid, wenn ich…“

„Schon okay…“ Ich beeile mich und sorge dafür, dass sich der Schreibtisch wieder zwischen uns befindet. „Ich bin nur etwas angespannt… wegen dem Termin… du weißt schon…“

„Ja.“ Er nickt.

„Aber heute Abend…“ Ich lächle ihn vielsagend an. „Wir können uns viel Zeit nehmen und endlich wieder einmal etwas miteinander unternehmen. Was hältst du von einem kleinen Abstecher in Fredas Bar und anschließend…“

„Max“, unterbricht mich Abel hastig. „Hast du das Abendessen bei meinen Eltern vergessen?“
„Abendessen?“
„Ja.“ Er lässt sich in einen der Ledersessel fallen und lächelt spöttisch. „Große Familienvereinigung…“

Ein Augenrollen. „Mein kleiner Bruder kommt doch heute nach Hause. Schulferien…“ Er grinst. „Wozu schickt man seine Kinder denn in ein Internat, wenn sie einem dann die ganzen Ferien über zu Hause rumhocken und auf die Nerven gehen?“

„Ich weiß nichts von diesem Essen“, sage ich ernst. Das ist die Wahrheit. Ich höre gerade zum ersten Mal davon.

„Das habe ich dir doch erzählt…“, brummt Abel.
„Hast du nicht.“ Hat er wirklich nicht.

Hektisch krame ich in meiner Umhängetasche und hole meinen Kalender hervor. Schwungvoll schlage ich den heutigen Tag auf.
Nichts.
Keine Notiz.
Ich habe es doch gewusst.

„Siehst du!“ Zur Bestätigung halte ich ihm meinen Kalender unter die Nase.

Er mustert ihn kurz, muss dann erst grinsen und schließlich herzhaft lachen.

„Du hast natürlich recht, Süßer. Ich kann dir gar nichts von diesem Treffen erzählt haben, sonst hättest du es hundertprozentig in deinen Kalender eingetragen – so wie du einfach alles hundertprozentig einträgst…“ Er zwinkert mir zu.

Der Spott in seiner Stimme ist nicht zu überhören.

Beleidigt klappe ich das Buch zu und lasse es wieder in meiner Tasche verschwinden.

Ja, es stimmt, ich mache mir häufig Notizen.

Wann wird der Müll abgeholt? Wann muss ich meine Mutter anrufen? Wann putze ich die Fenster in meiner Wohnung und wann steht die nächste Datensicherung meines PCs an?

Ich schreibe mir Erinnerungen, Mahnungen, liebe to-do-Listen und setze gerne Haken hinter erledigte Aufgaben.

Abel zieht mich gerne mit meiner Pingeligkeit auf.
Er fragt mich ständig, ob ich unsere sexuellen Aktivitäten auch so sorgfältig im Voraus plane?

Ich reagiere bissig auf seine Neckereien.

Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich dem Sex mit Abel in meiner Wochenplanung wirklich eine gewisse Beachtung schenke – jedoch halte ich diese Überlegungen nicht schriftlich fest…

„Wie dem auch sei“, brumme ich beleidigt. „Du hast mir nichts von diesem Abendessen erzählt…“

„Ich entschuldige mich“, raunt er und schenkt mir einen treuherzigen Blick. „Du kennst mich doch – ich bin eben manchmal etwas unorganisiert…“
„Allerdings.“ Ich sehe ihn nicht an.
„Aus diesem Grund passen wir doch auch so gut zusammen“, sagt Abel mit sanfter Stimme. „Du bist wirklich meine bessere Hälfte… du wertest mich auf…“

Widerwillig muss ich mir eingestehen, dass mich seine süßen Worte rühren.

Ich lächle ihn kurz an.
Ein Zeichen der Versöhnung.
Abel deutet es richtig und grinst zufrieden.

„Gut, dann besuchen wir also heute Abend meine Eltern…“
„Eigentlich hatte ich etwas anderes vor…“, gebe ich leise zu.

Erst wollte ich mich mit ein paar Freunden treffen und anschließend hatte ich gehofft gemeinsam mit Abel…

„Es wird nicht lange dauern, Süßer“, versichert mir mein Freund. „Essen, Plaudern und Interesse heucheln – Fertig! Geht ganz schnell. Anschließend fahren wir zu mir und machen da weiter, wo wir eben aufgehört haben…“ Er grinst mich an. In seinen Augen funkelt es. „Und dann lasse ich kein ‚Nein’ gelten…“

Die dunkle Drohung klingt rau und sanft zugleich.

In meinem Magen kribbelt es angenehm und ich kann schon wieder die Hitze in meinem Kopf rauschen spüren.

„Okay“, sage ich langsam.

Er steht auf und stützt sich mit beiden Armen auf der Tischplatte ab. Sein muskulöser Oberkörper beugt sich zu mir herunter.
Ich schmecke die warmen Lippen.

Eine stille Vorfreude macht sich in mir breit.

Die Erwartung einer lustvollen Liebesnacht.

Mit meinem Freund.
Meinem Partner.

„Ich freu’ mich, Süßer“, raunt Abel.
Seine Hand streicht kurz über meine Wange.

„Ich mich auch“, gebe ich leise zu.
„Schön.“ Er spielt mit dem Kragen meines Hemds. Flink öffnen seine Finger den ersten Knopf.

„Viel besser“, sagt er und grinst mich augenzwinkernd an.
Er lässt von mir ab und dreht mir den Rücken zu.

Ich schaue Abel hinterher, als er das kleine Büro verlässt, und seufze lautlos.

Dann widme ich mich wieder meiner Arbeit.

Ja, so ist es, mein Leben.

Es ist gut.

Wie von selbst wandern meine Finger zum Hemdkragen. Sie tasten über die entblößte Haut.
Ich zögere.
Dann schließe ich den ersten Knopf wieder.