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Als Ilúvatar sich erbarmte

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P18 / Gen
11.02.2011
25.02.2011
3
9.664
3
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Dieses Kapitel
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11.02.2011 3.076
 
Moin moin!

Hier nochmal ein offizielles Dankeschön an meine beiden lieben Reviewerinnen, an die Favorisierer und alle anderen Leser! Ich hoffe, ihr bleibt auch weiterhin dabei. Über Lob, Kritik, Interpretationen, Spekulationen, Stellungnahmen, Widersprüche etc. etc. freue ich mich, auch wenn ich mich bei mehrkapiteligen Geschichten mit dem Antworten etwas schwer tue (bin wohl eher eine Ficlet-Autorin). Aber ich gebe mir Mühe. - Und hoffe, dass euch Kapitel 2 gefällt.


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Kapitel 2: Lothlórien, Elb der Dunkelheit


Urod hat nichts. Keine Heimat, keine Identität, keine Vergangenheit, keine Kleider. Er hat nur sich und seinen fremden Körper.

In der Abenddämmerung erreicht er den Wald Lothlórien. Er hat keine Angst. Aber instinktiv sucht er nach einem sicheren Unterschlupf für die Nacht, denn er vermutet, dass die Orks ihn so weit verfolgen werden wie sie können. Sie betreten diesen Wald nie und er selbst hat die orkische Angst davor verloren. Aber er ist dennoch vorsichtig. Dass er kein Ork mehr ist, macht ihn noch lange nicht zu einem Elben. Er weiß das und will hier nur in Deckung gehen, um am nächsten Tag im Schutz der Sonne seine Flucht am Waldrand entlang fortzusetzen. Er hat kein bestimmtes Ziel, außer sich so weit wie möglich von Moria zu entfernen.

Er schreitet durch den Wald und überlegt, ob er auf einen Baum klettern sollte, um zu nächtigen. Er hält es für keine schlechte Idee und sucht nun gezielt nach einem geeigneten Schlafplatz. Moria-Orks sind sehr gute Kletterer und so ist ihm jeder Baum recht, dessen Geäst wenigstens halbwegs bequem aussieht. Da er sich jedoch nicht mehr auf die Vorsicht konzentriert, geht er versehentlich tiefer in den Wald hinein als er beabsichtigt hatte. Als er das merkt, bleibt er abrupt stehen, murmelt ein paar Schimpfwörter und macht kehrt.

Oder besser: Er will kehrtmachen, aber er kann das nicht, weil er von einer Sekunde auf die andere plötzlich von Elben umzingelt ist, die ihre Bögen gespannt haben und ihn mit steinernen Gesichtern anblicken. Sie haben ihn schon lange bemerkt und beobachtet, ungesehen durch ihre besonderen Mäntel, und nun, da er zu tief in ihr Reich vorgedrungen ist, wollen sie ihn gefangen nehmen.

Urod spürt bei ihrem Anblick einen Anflug von Angst. Nicht von Natur aus, sondern aus reiner Gewohnheit. Weil er schon immer Elben gehasst und gefürchtet hat. Aber seine naturorkische Angst ist nicht mehr da. Deswegen gerät er nicht in Panik und versucht nicht zu entkommen. Er fürchtet sich im Kopf, aber sein Körper bleibt ruhig.

Auch den Elben ist er nicht ganz geheuer. Er sieht aus wie einer von ihnen, ein mittelgroßer Elb mit silberblonden Haaren, einem alterslosen Gesicht und spitzen Ohren. Aber sie merken, dass er nicht wie sie ist. Sie wissen nicht, wer er ist, was er ist und ob sie ihn töten dürfen oder sollen.

Ihr Anführer bemüht sich um eine Kontaktaufnahme. Die Galadhrim verkehren wenig mit der Außenwelt und deswegen sprechen die meisten nur akzenthaftes Sindarin, ganz zu schweigen von Westron. Da der Hauptmann sich nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann, dass es Orks in Elbenkörpern geben kann, versucht er es mit Sindarin und bekommt dafür nur einen starren, feindseligen Blick.

"Und Westron? Versteht Ihr das?", bemüht er sich, jedes einzelne Wort durch Zungenverrenkung stanzend.

Urod beherrscht Westron, zumindest die orkische Version. Er hat es gelernt, um notfalls mit anderen Orkvölkern kommunizieren zu können, gebraucht hat er es allerdings nie.

"Ja", stanzt er kaum besser als der elbische Hauptmann.

"Wer seid Ihr? Wo kommt Ihr her? Was wollt Ihr hier?"

Als Ork war Urod zwar nicht intelligenter als Gad, aber selbst vor der Verwandlung hätte er genug Verstand gehabt, in einer solchen Situation nicht sofort die ganze Wahrheit zu sagen. Sein Leben hängt an einem dünnen Härchen, das weiß er. Es ist unklug, den Elben jetzt zu sagen, dass er in Wirklichkeit ein Ork ist. Es würde sie nur verwirren und noch misstrauischer machen.

"Ich bin auf der Flucht vor den Orks aus Moria. Ich hoffte, hier sicher die Nacht zu verbringen, bevor ich meine Reise fortsetze. Ich gedenke nicht, in diesem Wald länger zu bleiben als nötig."

Zwar schauen die Elben nicht allzu freundlicher drein, aber sie lassen ihre Waffen sinken. Doch der Anführer will nicht lockerlassen.

"Wer seid Ihr?", wiederholt er streng.

Nun hat Urod keine andere Wahl als die Wahrheit zu sagen: "Ich weiß es nicht."

Die Elben tauschen Blicke. Sie sind ein sehr feinfühliges Volk und wittern, dass er nicht lügt. Aber sie verstehen es nicht. Deswegen beschließen sie, ihn als ihren Gefangenen zu behalten. Er erscheint ihnen sehr merkwürdig, aber in ihren Augen ist er bis zu einem gewissen Grade elbisch, weswegen sie sich verpflichtet fühlen, ihn gut zu behandeln. Sie fesseln ihn nicht, geben ihm Kleidung und Nahrung und lassen ihn auf einem ihrer Fletts schlafen. Er hat an diesem Tag so viel durchlebt, dass ihm das Einschlafen nicht schwer fällt. Seine Wachen sind erstaunt, als ihm die Augen zufallen. Elben schlafen nämlich mit offenen Augen. Doch sie sagen nichts und wecken ihn erst im Morgengrauen, als der Bote, den sie eiligst mit einem Bericht von ihrem sonderbaren Fund nach Caras Galadhon entsandt haben, mit einer Antwort zurückkommt.

Urod soll zu den Herren Lothlóriens gebracht werden, die über sein weiteres Schicksal bestimmen werden, heißt es. Der Wächter, der ihm seine Ersatzkleidung geliehen hat, bringt ihm Frühstück, bevor sie aufbrechen. Am Abend zuvor haben die Elben alles auf Urods Erschöpfung zurückgeführt, aber jetzt staunen sie über sein Gebaren. Orks verstehen nämlich nicht viel von Essmanieren, von Wörtern wie "bitte" und "danke" ganz zu schweigen. Den Elben läuft es kalt den Rücken herunter, als sie zusehen, wie ihr vermeintlicher Artgenosse beim Essen grunzt und rülpst. Sie tauschen Blicke wie so oft in den letzten Stunden.

Nach dem Frühstück brechen sie auf. Sie müssen lange gehen und erreichen Caras Galadhon erst am Nachmittag. Urod beäugt die hohen Mellyrn mit skeptischem Blick. Einerseits hält er aus Gewohnheit nicht viel von Bäumen und zweitens erinnern die Mellyrn ihn entfernt an die Säulen von Khazad-dûm, deren Dunkelheit er gerade erst entkommen ist. Und er wird ausgerechnet den höchsten Mallorn hinaufgeführt. Aber Urod hat keine Angst. Die hat er schon längst hinter sich gelassen. Er hat nichts zu verlieren und ergibt sich seinem Schicksal. Er ist ganz ruhig und bewundert nicht einmal die zeitlose Schönheit der Baumstadt. Er hat nie gelernt, diese Schönheit wahrzunehmen, und so ist sie für ihn nicht mehr als eine Ansammlung von Ästen, Blättern und Lichtern.

Schließlich tritt er vor die Herren Lothlóriens, Celeborn und Galadriel. Groß und mächtig stehen sie vor ihm und blenden ihn mit ihrem Licht. Aber Ehrfurcht? Urod weiß nicht, was das ist. Sie schauen ihn an und er schaut sie an. Da er kein Ork mehr ist, hasst er sie nicht. Und andere Gefühle sind ihm unbekannt.

Galadriel ist kurz erstaunt, als sie diese ungewohnte Reaktion auf ihr Erscheinen bemerkt, doch sie hat das Licht der Bäume gesehen und ist weise genug, die Gründe zu durchschauen. Sie spürt, dass sie lediglich nur die Hülle eines Elben vor sich hat, aber was sich im Inneren befindet, kann nicht einmal sie definieren. Alles, was sie sieht, ist nur eine Vergangenheit in Dunkelheit und Sklaverei, eine Vergangenheit jenseits von Glück und Unglück, der Verlust geliebter Fesseln.

"Ihr wart einst ein Ork", schlussfolgert sie.

Auch wenn es vorher schon still war, wird es nun noch stiller. Es wird totenstill, die Umstehenden nehmen nicht einmal das Rauschen der Blätter wahr. Celeborn lässt sich nicht viel anmerken, denn auch er hat etwas in der Art vermutet. Doch die Wächter, die Urod begleitet haben, schauen mit angehaltenem Atem von ihrer Herrin zu ihrem Gefangenen, an dem sie ihren Blick schließlich festnageln.

"Doch das seid Ihr nicht mehr", fährt Galadriel fort. "Euer früheres Ich ist vergangen und Euer Leben ist nun ein neues, leeres Blatt. Wir haben keinen Grund, Euch Leid anzutun, und wir könnten es auch nicht, selbst wenn wir es wollten. Denn Euer einziges Leiden ist groß und unverständlich für uns. Ich weiß nicht, wieso Ihr zu einem Elben wurdet, wieso Ihr hier seid, doch alles auf dieser Welt hat einen Grund. Und wenn es der Wille der Valar oder gar von Ilúvatar selbst ist, dann dürft Ihr unter uns bleiben, wenn und so lange wie Ihr wollt. Doch wie sollen wir Euch nennen?"

"Ich habe keinen Namen mehr", antwortet Urod wahrheitsgemäß.

"Dann lasst mich Euch Moredhel nennen, Elda, der aus der Dunkelheit kam", sagt Galadriel und von nun an wird Urod von den Elben so genannt.

Moredhel bleibt in Lothlórien. Irgendwo muss er ja bleiben. Aber das heißt nicht, dass er sich wohlfühlt. Er ist von fremden Lebensformen umgeben, die ihn umhüllen, durchleuchten und umschweben wie Visionen und Träume von Parallelwelten. Die Elben sind ihm fremd. Er sieht sie nur als Masse der Fremdartigkeit.

Nun ist er aber selbst ein undefiniertes Objekt. Wer glaubt, dass es ihm dadurch leichter fallen sollte, eine neue Identität anzunehmen, ist für seinen Optimismus zu beneiden. Er hat den Ork in sich verloren, aber den Elben kann er nicht annehmen. Er versteht sein Problem selbst noch nicht ganz. Aber er kann sich einfach nicht als Elb bezeichnen, obwohl er mit der Zeit einen tieferen Einblick in ihre Kultur erhält, was in seinem Inneren eine gewisse Neugierde weckt.

Urod war nie ein Ork gewesen, der gerne Neues lernt. Aber Moredhel hat keine andere Wahl, als den Lernprozess über sich ergehen zu lassen. Und mit der Zeit kann er ihn gut leiden. Er spürt förmlich, wie die Welt wächst und gedeiht, während er immer neue Aspekte der Existenz entdeckt. Und er kann sich für den Lernprozess sogar begeistern, wenn er merkt, dass er einige Dinge mittlerweile so gut kennt, dass er nicht mehr nur auf Sachinformationen angewiesen ist, sondern sich viel Wissen selbst erarbeiten kann. Er entdeckt völlig neue Dimensionen in sich selbst. Er fühlt eine neue Welt in seinem Inneren aufsteigen, eine Welt, die über die Grenzen eines Orkdaseins hinausgeht.

Ihm ist jedoch manchmal unwohl, wenn er es mit den Elben zu tun hat. Nicht nur er betrachtet sie als Fremde, sondern auch sie schwärmen zusammen, um ihn zu beäugen wie ein besonders seltenes Tier. Sie verletzen ihn nicht absichtlich, denn dass er in der Gunst ihrer hochverehrten Herrin steht, ist für sie ein wichtiger Grund, ihn sehr höflich und freundlich zu behandeln. Aber sie möchten gerne wissen, was das für ein Wesen ist, das einst ein Ork war. Sie wollen sich von dem unglaublichen Wunder selbst überzeugen. Sie stellen ihm neugierige Fragen, die er ausgesprochen dumm findet. Sie fragen mehrmals täglich nach seinem Wohlbefinden und wie ihm die Mellyrn gefallen. Was hat er zum Frühstück gegessen? Das Essen in Lórien schmecke doch sehr viel besser als das in Moria? War es ein Schock zu erfahren, dass es ganz viele Sprachen gibt, nicht nur die Grunzlaute der Orks? Es gehe ihm doch sicherlich viel besser, seit er in Lórien lebt und nicht mehr der Tyrannei seiner Befehlshaber ausgeliefert ist? Ist es nicht furchtbar in ewiger Dunkelheit zu leben? Ob er sich schon als Elb fühle?

Er macht sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen und antwortet ehrlich, dass er mit Bäumen noch nie etwas anfangen konnte. Zum Frühstück habe er merkwürdiges Zeug gegessen, das man ihm vorgesetzt hat. Richtig schmecken könne ihm das Essen in Lórien nicht, da Elben anscheinend nicht um die Köstlichkeit von rohem, blutigem Fleisch wissen. Nein, es sei kein Schock gewesen, da ein durchschnittlicher Ork für gewöhnlich drei Sprachen beherrsche, nämlich Westron, die Schwarze Sprache sowie den eigenen Stammesdialekt. Ebenfalls nein, in Lórien werde er nämlich ständig mit dummen, sinnlosen Fragen belästigt, für die man in Moria für gewöhnlich auf der Speisekarte der jeweils Belästigten lande, und die Tyrannei der Befehlshaber sei gar nicht so schlimm, zuweilen sogar ganz lustig, wenn Gad sich mal wieder amüsante Foltermethoden einfallen ließ. Das ewige Dunkel gebe ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Geborgenheit. Als Elb fühle er sich ganz bestimmt nicht und allein die Vorstellung, er könnte es jemals, bereite ihm Bauchschmerzen.

Dass die Elben auf seine harschen Antworten mit angewiderten Gesichtern reagieren, macht sie in seinen Augen nicht sonderlich sympathischer. Denn je besser er sie kennenlernt, desto weniger kann er sie ausstehen. Für seinen Geschmack grübeln sie mehr als ihnen gut tut und sind sehr zögerlich, wenn es um das Treffen von Entscheidungen geht. Sie seien feige und unentschlossen, folgert er. Sie würden ihre Zeit und Kraft für sinnlose Tätigkeiten wie Musik verschwenden und ihre Obrigkeiten seien viel zu lasch, um überhaupt ernstgenommen zu werden. Sie würden nur in ihren Erinnerungen schweben und seien komplett unfähig, die Gegenwart adäquat wahrzunehmen. Ihre Wahrnehmung der Natur sei verfälscht und romantisiert. Überhaupt würden sie eher träumen als leben, denn zum Leben seien sie zu unfähig und der knallharten Realität da draußen überhaupt nicht angepasst. Es sei nur logisch, dass ihre Zeit in Mittelerde zu Ende geht. Man müsse sie ständig beschützen und behüten, weil sie psychisch gesehen so schwache und verletzliche Wesen seien. Sie verstünden auch keinen Humor, findet er, und ihr eigener sei nicht witzig und künstlich.

Es ist kein Wunder, dass er schon bald zu dem Schluss kommt, dass Orks die besseren und überlebensfähigeren Wesen sind. In der Tat, seine Schmerzen legen sich sogar fast, als er für sich feststellt, wie orkisch er noch ist und dass er viel besser ist als alle Elben zusammengenommen, da selbst der mickrigste, dümmste Ork sein Leben besser auf die Reihe bekommt als sie. In dieser Zeit ist sein Respekt vor Morgoth größer als je zuvor. Er ist ihm dankbar, dass er aus einer solchen primitiven Lebensform wie den Elben das starke Volk der Orks gemacht hat.

Doch da er allein unter Elben ist, behält er Gedanken dieser Art für sich. Er teilt sie nicht einmal mit Ninmîth, seiner ständigen Begleiterin auf Anweisung Galadriels. Sie ist eine ihrer Zofen, mit ihren 200 Jahren nach elbischen Maßen noch sehr jung, dafür aber gebildeter als die meisten Galadhrim, denn immerhin spricht sie Westron und Sindarin nahezu ohne Akzent. Ihre Sprachkenntnisse sind der Grund, wieso Galadriel ausgerechnet sie an Moredhels Seite gestellt hat.

Weder Ninmîth noch Moredhel sind glücklich über diese Verordnung, doch sie beugen sich dem Wunsch ihrer Herrin. Jeden Tag holt Ninmîth Moredhel von dem Flett, das man ihm zur Verfügung gestellt hat, ab und gemeinsam streifen sie durch Caras Galadhon und die Umgebung. Sie erfüllt ihre Pflicht, ihn Sindarin und die Sprache und Kultur der Galadhrim zu lehren. Und da Moredhel nichts anderes zu tun hat, lernt er.

Sie sind widerwillig zusammen, sitzen also gerade dadurch im selben Boot und das verbindet. Sie haben das stumme Abkommen, dass sie sich gegenseitig freundlich behandeln und wenigstens versuchen, eine Freundschaft aufzubauen.

Was sich allerdings als sehr schwierig erweist. Ninmîth ist oft verärgert, weil Moredhel die selbstverständlichsten Dinge in Frage stellt, schöne Dinge hässlich nennt, ein widerliches Benehmen an den Tag legt und sich über das Gebaren der Elben beschwert. Er seinerseits murrt über ihre elbische Naivität und mentale Eingeschränktheit, ihre nur zu elbische Geschmack-, Humor- und Taktlosigkeit und ihre viel zu zart besaitete Natur.

Die Zwangsfreundschaft droht zu zerbrechen, der Konflikt und die Frustration eskalieren und eines Morgens wartet Moredhel vergeblich auf Ninmîth. Pünktlichkeit ist bei den Orks nicht selbstverständlich, deswegen ärgert er sich nicht sonderlich, aber er findet es doch merkwürdig, dass sie nicht kommt. Er will aufgeklärt werden und so macht er sich auf die Suche nach ihrem Flett. Er weiß nicht genau, wo es ist, also fragt er sich durch.

Als er es schließlich findet, ist sie nicht da. Er fragt die Nachbarn, wo sie sein könnte. Einige von ihnen haben ihm früher mal "dumme" Fragen gestellt und unfreundliche Antworten erhalten, sind ihm aus irgendeinem Grund jedoch nicht böse und helfen ihm gerne weiter. Ein Elb vermutet, sie könnte an ihren Lieblingsort gegangen sein, den er selbst zwar noch nie gesehen hat, von dem er aber wenigstens die ungefähre Richtung kennt.

Mit diesen groben Hinweisen verlässt Moredhel Caras Galadhon und hält Ausschau nach Ninmîth. Er muss einige Stunden ziellos umherirren, bis er endlich Glück hat und zwischen Blättern und Baumstämmen ihre Gestalt ausmacht. Sie sitzt einsam auf einer Lichtung, um sie herum die großen, prächtigen Bäume Lóriens, über ihr der strahlend blaue Sommerhimmel. Geistesabwesend lässt sie ihren Blick über die Wiese schweifen und rupft saftig grüne Grashalme.

Moredhel hält den Atem an. Eine dicke Mauer der Fremde nimmt ihm den Mut, die Lichtung zu betreten. Eine bisher ungekannte Furcht vor Feigheit hindert ihn, wieder zurückzugehen. Er steht wie angewurzelt da und starrt sie an.

Sie rührt sich. Ein kaltes Kribbeln im Rücken und ein Gefühl der Unruhe bringen sie dazu, sich zu ihm umzudrehen. Auch sie starrt ihn an. Emotionslos, so scheint es, doch innerlich brodelt sie. Sie will ihn ohrfeigen und ihn bemitleiden, ihn schlagen und in die Arme schließen, ihn für alles auf der Welt beschuldigen und ihn demütigst um Vergebung bitten. Wenn er in ihrer Nähe ist, findet sie ihn unerträglich, er ermüdet sie und macht sie unglücklich. Wenn er jedoch nicht da ist, versucht sie ihn zu verstehen, sich selbst zu verdeutlichen, was für eine schwere Zeit er gerade hat, und in ihrer jugendlichen, reinen und unverdorbenen Naivität möchte sie etwas für ihn tun. Sie spricht mit den Elben, die er durch seine Art beleidigt hat, gibt ihr Bestes, um in ihren Herzen Verständnis und Mitgefühl zu wecken. Doch wenn er sie am nächsten Tag wieder verletzt, ist sie aufs Neue verärgert und niedergeschlagen.

Dass dieses Chaos, dieser ständige Wechsel, irgendwann das Innere zerrüttet, versteht sich von selbst.

Sie starren sich sehr lange an, dann reißt sie ihren Blick von ihm los und betrachtet wieder die Schönheit der Natur. Doch die Grashalme rupft sie nicht mehr, sondern presst sie in verkrampften Fäusten zusammen. Ihr ganzer Körper ist angespannt. Sie wird sich nicht mehr entspannen, selbst wenn er weggeht. Ihre Begegnung ist ein Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gibt.

Was Moredhel angeht, so ist die Mauer dadurch, dass Ninmîth ihn gesehen hat, kleiner geworden. Und die Furcht umso größer. Also sieht er für sich keine andere Wahl, als sich zu ihr zu gesellen. Mit zitternden Knien und bebendem Herzen schlurft er langsam auf sie zu und lässt sich in einem bestimmten Abstand der Schüchternheit ins Gras fallen.

Zusammen sitzen sie eine Ewigkeit lang und sprechen kein Wort. Aber zum ersten Mal im Leben verstehen sie sich.


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Fortsetzung folgt …
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