Wenn Liebe bricht

von jinkizu
GeschichteRomanze / P18
10.02.2011
23.10.2011
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„Ich hasse dich!“

Angelegentlich betastete er die kleine Narbe auf seiner Wange. Kaum sichtbar war sie, eine schon längst abgeheilte Wunde und dennoch schmerzte sie ihn jeden Tag aufs Neue. Marian hatte ihn mit dem Ring am Finger, den er ihr geschenkt hatte, dort, als sie ihn schlug, verletzt und ihm dabei diese Worte ins Gesicht geschleudert. Er hatte sich dafür auf seine Art erkenntlich gezeigt. Ihr Zuhause war nichts weiter mehr als ein armseliger Haufen aus Schutt und Asche und ihr Vater fristete sein Dasein in Ketten im Kerker von Nottingham. Marian selbst wandelte scheinbar frei durch das Schloss, doch beständig wurde sie von einer Wache begleitet. Sie war wie ein giftiger Stachel in seinem Fleisch und er war unfähig ihn herauszureißen. Er hat ihr die Ehe geboten, Sicherheit und Liebe. Er hatte ihr die Welt zu Füßen gelegt, doch sie strafte ihn dafür mit Verachtung. Er hatte sich auf die Suche nach ihr gemacht und entdeckte sie in einem der Laubengänge von der Burg.

Rastlos lief sie herum, auf der Suche nach einem Ausweg aus diesem goldenen Gefängnis, außerdem fühlte sie sich wegen ihrem Vater schuldig. Zum ersten Mal bereute sie ihre Entscheidung. Machtlos musste sie mit ansehen, wie Gisborne ihr Zuhause zerstörte und ihren Vater in Ketten legte. „Es hätte schlimmer kommen können!“, zischte er ihr noch grob zu, ehe er sie von seinen Soldaten wegbringen ließ. „Ja das hätte es“, seufzte sie leise. Er hätte ihren Vater auch töten können und nichts und niemand hätte das verhindern können. Nicht einmal Robin. Tief in ihrem Herzen zürnte sie auch ihm. Er hatte sie im Stich gelassen. Wo war er, als sie ihn brauchte? Warum hatte er das alles nicht verhindert? Es war ungerecht von ihr so zu denken, aber … sie hatte sich tief im Herzen gewünscht, er würde kommen und ihr beistehen. Robin Hood, der überall gegen das Unrecht und für das Volk kämpfte, hatte ihr Vater und sie ihrem Schicksal und Guy of Gisborne überlassen.

„Ich hätte mir nehmen können, was Ihr mir bisher versagt habt, aber ich habe Euch, gegen meines besseren Wissens, geschont. Könnt Ihr mir nur einen vernünftigen Grund nennen, warum ich es getan habe?“ Aufkeuchend schwang Marian herum. Sie hatte ihn gar nicht kommen gehört. „Sir Guy …ich…“, stieß sie atemlos hervor. „So sprachlos? Habt Ihr keine Anklagen, keinen Spott, keine Hasstiraden heute gegen mich vorzubringen? Ist Euch der Gesprächsstoff über mich schon ausgegangen? Oder wartet Ihr immer noch auf Locksley damit er zu Eurer Errettung eilt?“ Spott lag in seiner Stimme und sie konnte es ihm nicht einmal verdenken.

Wenn seine Gefühle auch nur ein bisschen echt waren, dann hatte sie ihn mit ihren Spielchen wahrlich verletzt. Aber er hatte es nicht besser verdient. Guy of Gisborne war grausam, sadistisch, gemein und ungerecht. Jede erdenkliche Strafe, die es gab, hat er mehr als tausendmal verdient. Nein, sie würde kein schlechtes Gewissen haben, nur, weil sie so tat als wären ihr seine Avancen willkommen gewesen. Sie hatte einer Ehe mit ihm nur ihrem Vater zuliebe eingewilligt. Als sie dann am Traualter vor ihm stand und ihr klar wurde was sie im Begriff stand zu tun, da konnte sie es einfach nicht.

Dieser Mann war kein Mann, er war ein Monster und sie hätte sich beinahe für immer an ihn gebunden. Doch niemals würde sie das tun, eher wollte sie sterben. „Ich habe Euch nichts zu sagen, Sir Guy!“, erwiderte sie hochnäsig und wollte an ihm vorbeirauschen. Noch ehe sie verschwinden konnte, schnellte sein Arm hervor und hielt sie grob fest. „Nicht so hastig, meine Liebe. Ich war noch nicht fertig mit Euch“, sagte er kalt. „Was könntet Ihr mir noch antun, was Ihr nicht bereits getan habt? Ihr habt mich meines Vaters und meines Zuhauses beraubt und mir die Freiheit genommen. Mir ist nichts geblieben“, warf sie ihm zornig vor. Heftig ging ihr Atem und ihre Wangen waren gerötete, was ihr, ohne sich dessen bewusst zu sein, reizvolles Aussehen verlieh.

Guy hasste sich dafür und mochte ihn auch Gott dafür verdammen, er begehrte sie noch immer. Dabei sollte ihm die Narbe ihm Gesicht Mahnung und Lehre zugleich sein. Niemals würde Marian ihm gehören, geschweige den ihn lieben. „Die Unschuld, liebste Marian, die ist Euch noch geblieben, außer ihr hätte sie euch von Robin stehlen lassen!“, provozierte er sie und kassierte dafür eine Ohrfeige. „Wie könnt Ihr es wagen so zu mir zu sprechen?“, fauchte sie ihn gereizt an. „Ich spreche zu Euch, wie es mir gefällt. Findet Euch damit ab“, erwiderte Guy kalt. Für einen Moment wollte er zurückschlagen, aber er tat es nicht. „Ihr seid ein Verbrecher und eines Tages werdet Ihr für eure Taten bezahlen!“, zischte sie leicht hysterisch. Furcht schürte ihr die Kehle zu. Sie war ihm hier auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Weder ihr Vater noch Robin konnten ihr helfen.

„Ihr schimpft mich Verbrecher und euren Geliebten einen Helden – wie naiv Ihr doch noch seid!“ Guy spürte, wie die Wut in ihm hoch kochte. Diese Lobeshymnen auf Robin hatte er schon zu oft gehört. Dabei war Robin nichts weiter als ein Dieb und Mörder. „Robin kämpft für eine gerechte Sache! Ihr seid es der im Unrecht ist!“, trumpfte Marian siegessicher auf. Sir Guy war im Irrtum und ihr geliebter Robin sorgte dafür das die Menschen nicht noch mehr unter dem Joch vom Sheriff und von Sir Guy zu leiden hatten. „Ich habe Euch beobachtet. Ihr beutet die Menschen aus, behandelte sie schlecht und verurteilt sie für Verbrechen, die sie nicht begangen haben. Ihr …“ Weiter kam sie nicht, denn Guy fiel ihr gnadenlos ins Wort.

„Ihr habt keine Ahnung von Regierungsgeschäften, wie den auch? Ihr seid nur eine Frau und glaubt vermutlich, geblendet durch sein falsches Lächeln, alles was Euch Locksley an Lügen auftischt! Habt ihr euch jemals gefragt, was das was Robin tut für Konsequenzen für das Volk hat?“ Verstört blickte sie ihn an. Was meinte er damit? Von welchen Konsequenzen sprach er? Das er und der Sheriff noch grausamer als sonst gegen jedes noch so kleine Delikt vorgingen? „Von Locksley angesteckt kriecht das Diebesgesindel aus all seinen Verstecken. Wir schaffen es kaum noch die einzelnen Bürger vor Raub und gewalttätigen Übergriffen zu schützen. Seine Gesetzlosigkeit greift um sich.“ Auf Marians Gesicht machte sich ein zufriedener Ausdruck breit und ließ Guy für einen Moment verstummen. „Ihr findet das gut? Das Volk leidet wegen Locksley und Ihr habt dafür ein Lächeln übrig?“

Bestürzt sah sie ihn an. „Das Volk müsste nicht leiden, wenn Ihr und der Sheriff es nicht mit so hohen Steuern belegen würdet!“, widersprach sie energisch. Gisborne war nur erzürnt, weil sie ihn verschmäht hatte und nun versuchte er einen Keil zwischen sie und Robin zu treiben, indem er ihr Lügen erzählte, aber sie glaubte ihm kein Wort. „Dann seid Ihr noch viel dümmer, als ich dachte. Was dachtet Ihr würde passieren, wenn er die Steuern raubt? Der Sheriff ist gezwungen, um dem König die ihm zustehenden Abgaben zu liefern, die Steuern zu erhöhen und darunter leidet das Volk.“ Marian schnappte empört nach Luft. Wie konnte Gisborne es wagen ihrem Robin die Schuld am Leid der Menschen zu geben? Dafür waren nur er und der Sheriff verantwortlich. Robin versuchte den Menschen zu helfen, wo er nur konnte.

„Ihr seid ein Monster!“, beschimpfte sie ihn und wollte erneut davon stürmen, aber wieder hielt er sie fest. „Ich bin also ein Monster und was seid dann Ihr?“ Unwillig runzelte Marian die Stirn. Sie verstand nicht, worauf er hinaus wollte. „Ihr habt über Monate hinweg mit mir und meinen Gefühlen gespielt. Ich bot euch die Ehe an. Versprach Euch Sicherheit und Reichtum und was tatet Ihr?“ Erneut war er versucht die Hand zu heben, um über die kleine Narbe an seiner linken Wange zu streichen. Energisch unterdrückte er diesen Impuls. Sie sollte nicht sehen, wie tief sie ihn mit ihrer Zurückweisung getroffen hatte.

„Ich habe das nie gewollt. Weder Euch noch euer Geld, nichts davon!“ Marian fühlte sich den Tränen nahe. Sie wollte nur Robin und mit ihm glücklich sein, sonst nichts. „Warum konntet Ihr mir das nie sagen?“ Offen blickte er ihr in die Augen. Er wollte ihr die Möglichkeit geben ihm endlich die Wahrheit zu sagen. Das tat er nicht für sie, sondern für sich. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, er hatte immer noch Gefühle für sie.
All die Demütigungen, Erniedrigungen und Lügen hatten nicht genügt um sie sich aus dem Herzen reißen zu können. Mühsam schluckte Marian. Konnte sie es tatsächlich wagen und offen sprechen?

„Ich … ich hatte Angst und ich wollte meinen Vater nicht enttäuschen.“ „Stattdessen habt Ihr mich enttäuscht und getäuscht und Euch selbst damit großen Schaden zugefügt. Ihr hatte nie vor meine Frau zu werden!“ Abwartend betrachtete er sie. Zuerst stand sie starr da, dann begann sie langsam den Kopf zu schütteln. Guy wandte sich ab und schloss die Augen. Er kannte die Antwort schon, aber sie tatsächlich von ihr zu bekommen … Er dachte er wäre darauf vorbereitet, aber das war er nicht. Kurz ballte er die Hände zu Fäusten um seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Es blieb noch eine Sache zu klären. „Unser Hochzeitstag ich … war das alles nur ein Spiel für Euch?“ Auch wenn er es nicht wollte, so war doch der Schmerz aus seiner Stimme zu hören. „Nein … ich … natürlich nicht. Ich habe nicht weiter nachgedacht. Ich wollte nie …“, stammelte sie unfähig ihm erklären zu können, dass auch sie in eine Situation geschlittert war, die sie weder kontrollieren noch steuern konnte. „Ihr hättet vorher mit mir sprechen können, doch Ihr brauchtet scheinbar diesen großen Auftritt vor meinen Männern um mich vor ihnen und ganz Nottinham zu demütigen!“

Zögernd hob Marian ihre Hand um sie ihm auf den Arm zu legen, überlegte es sich dann aber anders und ließ sie wieder sinken. „Ich habe euer Lächeln gesehen.“ Robin war gekommen um sie zu holen. An jenem Tag dachte sie nichts und niemand mehr konnte sie trennen, aber nun war sie hier ohne Robin. „Ich habe nicht über Euch gelacht, das müsst Ihr mir glauben. Ich war nur froh …“ Marian sprach den Satz nicht zu Ende. Egal was sie sagte, es würde Guy nicht gefallen. Sie war froh, dass Robin, der Mann den sie liebte, zu ihrer Rettung kam. Sie war froh, Sir Guy entkommen zu sein und sie war froh nicht seine Frau zu sein. „Ihr müsst noch sehr viel lernen, Marian und dieses kindische, unreife Verhalten hinter Euch lassen. Vor seinen Problemen wegzulaufen, ist keine Lösung“ Marian stellte sich an seine Seite und blickte gerade aus. „Ihr habt recht, das ist keine Lösung. Wenn ich könnte, ich würde es anders machen“, versprach sie halbherzig.

„Ihr lügt!“

„Wie könnt Ihr nur!“, stieß sie nach Luft schnappend aus. „Eine Ehe habt Ihr mit mir abgelehnt. Ich werde Euch dieses Angebot kein zweites Mal unterbreiten. Wenn Euch wirklich so viel, wie Ihr beständig betont, an dem Volk und eurem Vater liegt, wäre dies die beste Möglichkeit ¬gewesen beides zu schützen!“ Bei diesen Worten fühlte Marian sich in die Enge getrieben. Bewusst legte er das Schicksal ihres Vaters in ihre Hände. Indem sie sich gegen ihn entschieden hatte, wurde ihr Vater dafür bestraft. „Was erwartet Ihr von mir?“

„Loyalität mir gegenüber. Das Versprechen Euch ein eigens Bild über die tatsächlichen Umstände im Land zu verschaffen. Ich möchte Euch die Augen öffnen über den von Euch ach so geliebten Robin! Nicht alles, was er tut ist, Goldes wert.“ Aus ihm sprach der tiefe Hass, den er gegenüber seinem Feind empfand. Mit seiner glorreichen Rückkehr aus dem Gelobten Land hatte er alle Träume von ihm zerstört. Guy empfand tiefe Bitterkeit über ihn. „Robin kämpft für eine gerechte Sache gegen das Übel dieser Welt!“ Und ich unterstützte ihn dabei, hätte sie noch gerne triumphierend hinzugefügt, wagte es aber aufgrund ihrer momentanen Lage nicht. Gisborne würde für jedes voreilige Wort von ihr nicht sie, sondern ihren Vater bestrafen.

„War es gerecht in ein fremdes Land zu ziehen und dort Menschen zu töten?“ Marian öffnete den Mund und schloss ihn wieder ohne etwas zu sagen. Das heilige Land war so weit weg und im Grunde dachte sie ähnlich wie Gisborne. Warum in ein fremdes Land ziehen, wenn es doch im eigenen Land genug Probleme gab? Sie war so glücklich an jenem Tag gewesen, als Robin endlich nach Hause kam. Alles würde besser werden, dachte sie, aber war es das? Sie zwang diesen Zweifel nieder. Niemals würde sie sich von Gisbornes Worte vergiften lassen. „Ihr und der Sheriff hockt hier wie Schlangen im Nest und beutet das Volk aus, peinigt es und straft es für Nichtigkeiten!“, spie sie ihm zornig vor die Füße. Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und betrachtete ihn von der Seite her abweisend. Nicht eines seiner leugnerischen Worte würde sie ihm glauben.

„Ihr versucht mich mit euren Worten nur zu verwirren, aber das wird Euch nicht gelingen. Ich weiß, was ich gesehen habe und was ich gehört habe. Ihr seid es, der dem Land schadet und Robin wird Euch aufhalten, solange bis König Richard von den Kreuzzügen zurückkommt und dem Land wieder Frieden bringt. Ihr werdet es sehen!“ Müde stütze sich Guy an Balustrade ab. „Ich werde bestimmt noch vieles sehen, aber bestimmt nicht, dass ein König Richard besser ist als ein Prinz John, glaubt mir“, erwiderte er trocken. „Egal wer an der Macht sitzt, es wird immer Ungerechtigkeiten geben.“

Marian erfuhr an diesem Nachmittag mehr über Gisbornes Weltbild, als sie je wissen wollte. Dieser Mann hatte schon lange aufgegeben gegen irgendwelche Windmühlen zu kämpfen. Er hatte keine Illusionen, keine Träume mehr, außer vielleicht sie. Immerhin wollte er sie zur Frau haben. „Wie konntet Ihr nur so werden, wie Ihr seid?“

Guy drehte sich ihr zu. Auf seiner Stirn hatte sich eine tiefe Falte gebildet. „Warum fragt Ihr das?“ Marian senkte ihren Kopf. Soviel, wie heute hatte, sie bisher noch nie von sich preisgegeben. Er wusste es nun auch aus ihrem Munde, für wen ihr Herz schlug und was sie von ihm und dem Sheriff hielt. All diese Worte konnten für sie den sicheren Tod bedeuten. Sie hatte keine Ahnung warum sie so wagemutig, oder war es eher Dummheit, war. Vielleicht lag es daran, dass sie beinahe alles was ihr lieb und teuer war, dank ihm verloren hatte.

„Ihr seid so kalt und grausam und ich fürchte mich vor Euch“ Dies war etwas, was er immer geahnt hatte, aber tief in sich hoffte sich zu irren. „Ihr seid noch nicht bereit mich wirklich kennenzulernen, vielleicht seid ihr das auch nie. Es bedarf schon eines gewissen Mutes über seinen eigenen Tellerrand hinauszusehen und zu erkennen, dass da mehr ist, als man wahrhaben wollte“

„Ihr sprecht für mich in Rätseln“ Marian war es leid mit ihm zu reden. Je mehr er sagte, desto weniger verstand sie.

„Was seid ihr für ein Mensch? Was seid ihr für ein Mann? Bei Robin weiß ich es. Er hat ein gutes Herz und versucht das richtige zu tun, aber Ihr … ihr seid mir unbegreiflich!“ Mit weit ausholenden Schritten eilte sie davon. Einzig seine Stimme folgte ihr. „Ihr werdet das Schloss nie mehr verlassen!“
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