My Dearest

GeschichteMystery / P16
Calcifer Hauro Markl Sophie
08.02.2011
27.04.2011
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08.02.2011 2.043
 
Sophie lehnte sich an das dürre Metallgeländer, das aussah, als würde es jeden Moment wegbrechen und sie dem Abgrund preisgeben. Doch sie wusste, dass Calcifer das Schloss zusammenhielt, und sie vertraute ihm. Nachdem er Hauro sein Herz wiedergegeben hatte, hätte er fortziehen können. Doch er war zurückgekehrt.
Der Wind spielte mit ihrem Haar und zerrte es mal in die eine, mal in die andere Richtung. Ihr Kleid flatterte so heftig, dass der Stoff knatterte. Sophie schloss einen Moment die Augen und sog die klare Luft ein, dann blickte sie hinab auf die Erde, hunderte Meter weit von ihr entfernt. Gewaltige Baumriesen schienen nicht größer als ein Stecknadelkopf, Menschen waren mit dem bloßen Auge nicht mehr erkennbar.
Die Welt dort unten hatte an Bedeutung verloren. Was zählte, waren Hauro, Calcifer und die anderen Bewohner des Schlosses.
Sophie lächelte, als sie an ihre neue Familie dachte. Welch seltsame Gestalten sie doch allesamt waren.
Zwei Verfluchte, ein Dämon, eine Waise, eine senile Hexe, der jede Magie genommen worden war, und ein hustender Hund, der mit Anstrengung und einigem Ohrengeflattere wie ein Huhn ein paar Meter weit fliegen konnte.
Eine weitere Bö erfasste ihr Kleid und eisige Luft fuhr an ihren Beinen entlang, so dass sie zusammenfuhr und erschauerte. Der einzige Nachteil an der ganzen Geschichte sind die eisigen Temperaturen hier oben, dachte sie und verließ den Balkon, auf dem sie gestanden hatte, durch eine eisenbeschlagene Holztür. Gemütliche Wärme empfing sie und das laute, sorglose Lachen eines Kindes. Marukuru und Hin jagten einander durch das Haus, wobei sie einen Höllenlärm veranstalteten. Der Hund schnaufte wie eine Dampflok und die Krallen an seinen merkwürdigen Füßen klickten auf den Holzbohlen, der Junge trampelte wie eine ganze Stampede und bei ihrer Jagd rissen sie Stühle, Eimer und Körbe um, deren Inhalt sich im ganzen Zimmer verteilte. Sophies Mundwinkel zuckten bei dem Anblick der beiden, doch als sie das Chaos bemerkte, runzelte sie unwillig die Stirn und stemmte die Hände in die Hüften. "Jetzt muss ich schon wieder saubermachen!" schrie sie Hin und Marukuru hinterher, die bereits die Treppe hinaufgerast waren. Von oben erklang gedämpft das Geräusch zu Boden prasselnder Metallgegenstände.
Leise vor sich hin schimpfend wich sie durcheinanderkullernden Äpfeln und Kartoffeln aus, um die Möbel wieder ordentlich hinzustellen und dann die umgekippten Körbe mit den Lebensmitteln zu füllen. Sie sammelte eine Kartoffel nach der anderen ein, doch durch die Flugbewegungen des Schlosses rollten sie ihr immer wieder aus den Händen. "Calcifer!" rief sie. "Kannst du nicht etwas ruhiger fliegen? Wie soll ich sonst hier aufräumen?"
"Ich tu' doch schon, was ich kann", tönte es aus einem anderen Teil des Schlosses. "Soll ich dir mal zeigen, was passiert, wenn ich damit aufhöre?"
"Schon gut!" antwortete sie und stapelte so viele Kartoffeln in ihrem Arm wie möglich, um sie dann in einen Korb fallen zu lassen.
Einen Moment lang überlegte sie, Großmütterchen um Hilfe zu bitten, doch die saß in der Zimmerecke in einem Sessel und schnarchte. Weil sie sie nicht wecken wollte, arbeitete sie allein weiter.
Als sie gerade einen besonders hohen Berg Kartoffeln im Arm hatte und ihn mit dem Kinn festzuklemmen versuchte, flog die Haustür mit einem Knall auf, und vor Schreck ließ sie alles wieder fallen.
Hauro kam hereingestürmt, würdigte dem Chaos keines Blickes und riss Sophie glatt von den Füßen, als er sie stürmisch umarmte. Mit viel Getöse landeten sie auf dem Boden  und brachten alles wieder durcheinander. Doch statt zu schimpfen, vergrub sie das Gesicht in Hauros Schulter und atmete heimlich seinen Duft ein. Er roch nach Tannengrün und Wolken, wie immer, wenn er wiederkam, und sie liebte diesen Geruch. Doch Hauro hatte gelacht, als sie ihm einmal davon erzählte. Seitdem schnupperte sie nur noch heimlich an ihm.
Sie ahnte nicht, dass Hauro sehr wohl wusste, was sie tat. Ja, er hatte damals gelacht, doch als er gesehen hatte, wie sich ihr Gesicht verdunkelte, tat es ihm sofort leid. Er ließ sie gewähren und gab vor, nichts zu bemerken. Dies war seine stillschweigende Entschuldigung an sie.
"Sophie!" rief er, und ein glückliches Lächeln erleuchtete sein Gesicht. "Sophie, komm mit!" Er zog sie auf die Füße und hinter sich her, die kleine Treppe hinab und aus der Tür hinaus. Einen Augenblick lang blieb ihr Herz stehen, als sie nichts als Wind unter ihren Sohlen spürte und sie gemeinsam wie ein Stein nach unten fielen.
Doch dann durchfuhr sie ein Ruck und sie segelten langsam vom Hauros blau gefiederten Flügeln getragen weiter. Sie schlugen schwer und ruhig, denn die riesigen Schwingen ließen keine allzu schnellen Bewegungen zu. Bei jedem Schlag stoben Federn auf und wirbelten vom Wind getragen davon. Sophies Schreck war schnell vergessen, und sie hätte aus vollem Halse gelacht, wäre ihr nicht der Wind in die Kehle gefahren, der jeden Ton abschnitt. So presste sie sich nur an Hauros ansonsten menschlich gebliebenen Körper und genoss das Gefühl der Sonne auf ihrer Haut, das Zwitschern eines Vogels, der knapp unter ihnen flog, und den Duft der Blumenwiese, der zu ihnen hinaufstieg, als sie sich langsam der Erde näherten.
Bald flogen sie so tief, dass Mohnblumen über Sophies Bauch strichen und ein paar Sekunden später kamen sie unsanft auf und kullerten vom Schwung getrieben einige Meter weit durch das Gras. Dabei zogen sie eine Spur aus abgeknickten Halmen und zerdrückten Blüten hinter sich her. Sophie landete auf dem Rücken, lachte und stöhnte gleichzeitig ob des harten Aufpralls. Doch diese Laute verklangen, als sie sich, noch immer auf dem Rücken liegend, ausstreckte und hinauf in den blauen Himmel starrte. Ein paar weiße Schäfchenwolken trieben langsam vorüber, und in diesem Augenblick tauchte hinter einer von ihnen ein kleiner dunkler Punkt auf. Er bewegte sich langsam und stetig, und Sophie wusste, dass es das Schloss sein musste. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Es war nicht das breite Lächeln eines kleinen, sorglosen Mädchens; es war das stille Lächeln einer alten Frau, die Freud und Leid gleichermaßen erlebt und nun einen ruhigen, warmen Ort zum Leben gefunden hat.
Auf einmal tauchte Hauros Kopf in ihrem Gesichtsfeld auf. Sein Blick folgte dem ihren, und als er das Schloss sah, seufzte er lautlos und zufrieden und legte sich neben Sophie ins Gras. Er legte seinen Arm um sie und genoss ihre Nähe, während sie gemeinsam hinauf in den Himmel schauten.
Sophie bemerkte, dass dieser Arm noch nicht vollständig zurückverwandelt war. Aus der braunen, lederartigen Haut stachen einzelne blaue Federn hervor und statt in feingliedrigen Fingern endete seine Hand in Klauen.
Früher hatte sie dieser Anblick erschreckt, doch nun war sie ihn längst gewohnt. Trotzdem achtete sie darauf, den Krallen nicht zu nahe zu kommen. Es hatte bereits ein paar schmerzhafte Begegnungen gegeben, die sie ungern wiederholen wollte.
"Hauro?" murmelte sie leise, um die Idylle um sie herum nicht zu zerstören. "Unser Haus fliegt weg."

Marukuru kam die Treppe hinabgepoltert. Völlig außer Atem sah er sich in dem Zimmer um und stellte fest, dass weder Sophie noch Hauro da waren, obwohl er gehört hatte, wie Letzterer eben durch die Tür gebrettert war. Sie mussten also wieder fliegen. Hauro liebte es, sie mitzunehmen.
Er ging zur Tür und drehte ihren Knauf auf blau. Dann zog er sie auf und eine kalte Bö wehte hinein. Von weiter hinten aus dem Raum hörte er Großmütterchen im Schlaf schmatzen, als sie die eisige Luft spürte, doch sie wachte nicht auf.
Er lehnte sich in einem Winkel hinaus, der jede Mutter in helle Panik versetzt hätte, und drehte den Kopf in alle Richtungen, bis er einen riesigen blauen Vogel von rechts herannahen sah. Schnell zog er sich ins Haus zurück, falls es wieder eine Bruchlandung geben würde, doch der dieses Mal vollständig verwandelte Hauro landete sanft auf der Schwelle und ließ Sophie von seinem Rücken klettern.
Der Junge lief die kleine Treppe hinauf und griff nach dem blauen Umhang an der Garderobe. "Sophie, gehen wir einkaufen?" fragte er begeistert und mit einem so breiten Grinsen, dass die Angesprochene lachen musste.
"Schon wieder? Wir waren doch vor kurzem erst!" antwortete sie, griff aber gleichzeitig nach ihrem Hut. Hauro hatte ihr riesiges Arsenal an pracht- und prunkvollen Hüten gezaubert, doch sie hatte sich geweigert, einen einzigen von ihnen auch nur ein Mal aufzusetzen. Schließlich hatte er ihr einen weiteren beschworen, der genau so aussah wie der, den sie früher immer getragen hatte. Sandfarben mit einem schlichten rosafarbenen Band. Als er Sophie diesen gab, hatte sie erfreut in die Hände geklatscht und ihm einen Schmatzer auf die Wange gegeben, bevor sie voller Elan mit ihrem neuen Hut auf dem Kopf aus dem Haus stürmte.
Ebendiesen setzte sie nun auf und griff nach einem Henkelkorb. "Wir sind bald wieder da," rief sie Hauro zu, der, wieder in seiner menschlichen Gestalt, nur nickte und die Treppe ins nächste Stockwerk hinaufstieg. Marukuru band sich seinen Umhang um, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, um die Maske mit dem riesigen Bart heraufzubeschwören, schaltete die Haustür auf rot, zerrte sie auf und zog Sophie mit sich nach draußen.
Sie schritten nebeneinander die Hauptstraße entlang, als Sophie etwas einfiel. "Hast du dir dieses Mal die Tür gemerkt?"
"Mist!"
Hauro hatte die neuen Türen erst vor ein paar Tagen eingerichtet und der Junge hatte noch ein paar Orientierungsschwierigkeiten in den Städten. Einmal wollte er allein zum Meer gehen, um zu angeln, und hatte auf dem Rückweg nicht mehr die richtige Tür gefunden. Stattdessen war er in eine üble Spelunke geraten, und da er seinen Maskenzauber trug, wurde er sofort von einer Schar hoffnungsvoller, aufgetakelter Prostituierten umringt. Er war sofort wieder auf die Straße gestürmt, wo Hauro ihn nach kurzer Zeit aufgegabelt hatte.
"Mach' ich nächstes Mal." murmelte er kurz angebunden.
"Sag mal, wieso trägst du dieses Ding da eigentlich noch?" fragte sie, als sie über den Marktplatz der kleinen Hafenstadt gingen, und nickte in Richtung des Umhangs. Marukuru warf ihr einen Das-ist-doch-klar-Blick zu. "Weil Hauro ihn für mich gemacht hat."
"Ah," machte Sophie und verkniff sich ein Lächeln. Der Junge wusste nicht, dass sie ihn genau verstand.
Er verschwendete auch keinen Gedanken daran, sondern lief plötzlich hellauf begeistert zu einem kleinen, knallbunten Süßigkeitenstand und begutachtete mit leuchtenden Augen die dargebotenen Waren. Bei dem Anblick von grünen und zartrosafarbenen Bonbons, Marzipanschweinchen, bunten Zuckerstangen und Schokolade lief ihm das Wasser im Munde zusammen.
Er gibt sich keine große Mühe mehr, die Illusion des alten Mannes aufrecht zu erhalten, dachte Sophie zufrieden. Es zeigte ihr, dass sie wirklich sicher waren.
Der Duft frischen Obstes schwebte in einer Wolke herüber, und sie blickte in die Richtung, aus der er kam. Ein Stand unter einem weíß und orange gestreiften Baldachin verkaufte Früchte aus dem Süden, die kaum weniger farbenfroh waren als die Süßigkeiten vor Marukurus Nase.
Leuchtende Orangen und Mandarinen, knallgelbe Zitronen, Bananen und Karambolen, rotgeschuppte Drachenfrüchte, grasgrüne Äpfel und Weintrauben, Wasser- und Honigmelonen stapelten sich in Kisten und Körben und zogen Kunden in Massen an, während der Fischverkäufer nebenan das Nachsehen hatte.
Sophie trat an den Stand heran und begutachtete die herrlichen Früchte. Sie dachte daran, einige von ihnen zu kaufen und blickte hinüber zum Süßigkeitenstand, doch dort war Marukuru nicht mehr. Er weiß doch, dass er das Geld hat und ich ohne ihn nicht bezahlen kann, dachte Sophie und sah sich nach ihm um. Der Markt war voller Menschen, doch nirgends konnte sie die Gestalt des bärtigen Mannes ausmachen. Und  kleine Jungen gab es hier en Masse, doch keiner von ihnen trug ein ihr bekanntes Antlitz.
"Marukuru?" rief sie. "Marukuru! Wo bist du?"
Doch einige desinteressierte Blicke waren die einzige Reaktion auf ihr Rufen. Sie stürzte sich in die Menge, wich Leibern und Handkarren aus und stolperte über ihre eigenen und über fremde Füße, als sie erst besorgt, doch dann immer ängstlicher nach dem Kind suchte. Als sie es auf dem Marktplatz nicht fand, wich sie in die Hauptstraßen aus und von dort aus in die Nebengassen, doch nirgends fand sie auch nur eine Spur. Stundenlang lief sie von tiefer Angst erfüllt durch das Städtchen, doch schließlich gab sie auf.
Tief bestürzt kehrte Sophie allein zum Schloss zurück.
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