Zwischen Himmel und Hölle

von Bastet1
GeschichteAllgemein / P12
 Lt. Archie Kennedy Edward Pellew Horatio Hornblower
06.02.2011
06.02.2011
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Zwischen Himmel und Hölle


Zeitrahmen und Inhalt: Hornblower und Kennedys erste Monate auf der „Indefatigable“ bis zum Überfall auf die „Papillon“ – POV: Captain Sir Edward Pellew

Disclaimer: Die Charaktere von “Horatio Hornblower” gehören AETN, der BBC, der Stiftung C.S. Foresters. Ich ziehe keinen Profit aus der Geschichte.

Anmerkung: Ich weiß, dass aus dramaturgischen Gründen Jacks Rückkehr und der Überfall auf die "Papillon" innerhalb von Stunden dargestellt wurden, doch im "wahren" Leben wäre das höchst unwahrscheinlich gewesen.

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Sir Edward genoss das sanfte Schaukeln seiner Gig, die ihn zu seinem neuen Schiff und Kommando brachte. Sein fachmännischer Blick strich über jede Einzelheit der Fregatte „Indefatigable“, die vor wenigen Tagen erst unter großer Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Marine in Dienst gestellt worden war - rechtzeitig zum Kriegsbeginn. Zufrieden sah er, wie sie von unermüdlichen und unzähligen Händen aufgeriggt wurde. Ein ganz neues Schiff, ein Prototyp, gebaut nach den neuesten Erkenntnissen mit schlanken Linien, gebaut für Geschwindigkeit und Wendigkeit und möglicherweise kriegsentscheidend, sollte sich der neue Typ bewähren. Und er hatte das Kommando. Eine sehr hohe Auszeichnung für den Mitvierziger. Würde er sich hier bewähren, dann würde ihn außer Verstümmelung und Tod kaum noch etwas aufhalten können auf dem Weg nach ganz oben.

Sie war mit Sicherheit nicht die größte Fregatte der Flotte, aber trügerisch in ihrer Eleganz und Schönheit, eine schnelle Jägerin, die ihre Beute blitzartig und gnadenlos schlagen würde. Richtig geführt und mit einer fähigen Besatzung würde sie dem Feind das Fürchten lehren. Er hatte bereits jetzt ein gutes Gefühl bei ihr. Sie war eine feine Lady und würde ihm treu dienen und willig seine Befehle ausführen: Französische Schiffe zu kapern und die "Indefatigable" auf ihre neuen Segeleigenschaften zu prüfen und der Admiralität und den Konstrukteuren der Werft regelmäßig Bericht zu erstatten und schließlich eine Empfehlung auszusprechen, ob die "Indefatigable" in Serie aufgelegt werden sollte.

Ein Schatten überzog sein Gesicht. Das Schiff und seine Befehle machten ihm weiß Gott keine Kopfschmerzen. Aber die Mannschaft. Sir Edward wusste, er hatte nicht nur Freunde und Fürsprecher in der Admiralität. Wie alle Ministerien war die Admiralität ein Pfuhl von Intrigen und Ränke und ihre Angestellten oft genug mehr damit beschäftigt, gegeneinander Krieg zu führen als gegen Bony. Sie hatten ihm zwar ein vielversprechendes, brandneues Schiff gegeben, aber jemand hatte dafür gesorgt, dass ihm Mannschaft und Offiziere an die Seite gestellt wurden, die wahrlich nicht zur Ehre der Kriegsmarine Seiner Majestät gereichten. Er seufzte innerlich. Man hatte ihm einen bunten Haufen an die Hand gegeben - Ungewollte, Unfähige und Überschüssige und Vergessene aus der gesamten Kanalflotte. Seine eigene, ausgezeichnete Offiziersmannschaft von der „Cornish Pride“ hatte er zurücklassen müssen. Besonders schmerzlich vermisste er seinen ersten Offizier, Leutnant Walter  „Papa“ Bracegirdle,. Seit 30 Jahren fuhren sie nun schon zur See und das Schicksal war ihnen dreifach gnädig gewesen. Es hatte sie relativ unverletzt die Jahre überstehen lassen, sie mit Karrieresprüngen belohnt und die Freunde immer wieder gemeinsam Dienst tun lassen.

Automatisch griff er sich an den Hut zum Gruß, als die Fallreepsgäste für ihn pfiffen. Wenige Augenblicke später war er schon im Gespräch, oder b Disnaput, mit seinem neuen Segelmeister, dem Superintendent der Werft und dem Chef der Marineversorgung. Drei Stunden später schließlich ließ er sich im schwindenden Licht der untergehenden Sonne in seiner Kajüte in einen Stuhl fallen. Sein Arbeitstag war noch lange nicht vorbei. Seine neuen Offiziere würden morgen an Bord kommen. Und der hatte bisher noch keine Zeit gehabt, sich näher mit ihnen zu beschäftigen. Sein erster und zweiter Leutnant sowie die Fähnriche und die Hälfte seiner Mannschaft waren ihm von der „Justinian“ zugewiesen worden. Der Kapitän der "Indefatigable" schnaubte. Jeder in der Marine wusste von dem verlorenen Haufen der "Justinian", die zuletzt nur einen Monat auf See gewesen war, nachdem sie fast 8 Monate zuvor nur im Spithead auf Reede gelegen hatte. Der alte Keene, ein bereits vom Tode gezeichneter Mann, hatte diese Zeit fast ausschließlich an Land auf seinem Landgut in Kent verbracht, um sich soweit herstellen zu lassen, dass er wenigstens vorübergehend seinen Dienst wieder aufnehmen konnte. Er hätte bereits vor Jahren in den Ruhestand gehen sollen, als seine schwere Lungenkrankheit diagnostiziert worden war. Doch der alte Sturkopf wollte nicht abtreten, sondern auf See sterben, wie es sich für einen Kapitän der Kriegsmarine geziemte. So hatte man ihm die "Justinian" übertragen. Ein 60 Jahre altes Linienschiff, das wie sein Kapitän seine besten Jahre bereits lang hinter sich gelassen hatte. Und nach und nach war das Schiff zum Auffangbecken der Marine geworden für diejenigen, die man aus dem einen oder anderen Grund nicht hatte entlassen können oder schlicht vergessen hatte.

Die Kerzen waren fast herunter gebrannt, als Sir Edward die Personalunterlagen schließlich zur Seite legte und nach seinem Steward rief. Seine Miene war beim Lesen der Akten immer finsterer geworden. Mit dieser Führungscrew konnte er sein Schiff und seine weitere Karriere gleich selbst versenken. Seine Leutnants waren erst vor knapp einem Jahr die Leiter eher hinauf gestolpert als geklettert, als während eines Orkans vor Irlands Küsten sowohl der erste wie auch der zweite Leutnant der "Justinian" unglücklicherweise über Bord gespült worden waren. Sein neuer erster Offizier Ecclestone, der Mann, auf den er sich am meisten würde stützen müssen, empfahl sich als der Bruder der Ehefrau eines Konteradmiralssohns. Zweiter Leutnant Chadd  zeichnete sich nur durch den langen Aufstieg durch die Ränge aus. Keine Beziehungen nach oben, keine Freunde nach unten und wenig Aussichten jemals weiter hinaufzukommen. Seine Fähnriche waren unter anderem der dritte Sohn des Earls of Ashford, ein Lowland-Schotte, und der Sohn von Keenes Arzt, der nichts besseres zu tun gehabt hatte, als zwei weitere, und vor allem erfahrene, Fähnriche seiner Majestät in einem Duell in den Abgrund zu reißen.

Doch Sir Edward war ein Mann, der stolz darauf war, einen Mann stets nur nach seinen Taten zu beurteilen und nicht nachdem, was andere über ihn berichteten.

1 TAG SPÄTER

„Wie beurteilen Sie Leutenant Chadd und die Fähnriche Kennedy und Hornblower?“ fragte Sir Edward, gespannt auf Ecclestones Antwort. Denn wie ein Mann einen anderen Mann beurteilte, ließ auch immer Rückschlüsse auf den Mann selbst zu. Ihm schien Ecclestone etwas träge, aber dennoch nicht unfähig. Obwohl....er hatte weder Lust noch Muße seine Leute mitzuziehen, sondern erwartete im Gegenteil von ihnen, dass sie ihn tatkräftig und vorausschauend unterstützten.

„Chadd ist ein fähiger zweiter Leutnant. Aber ich bezweifle, ob er das Zeug hat, weiter aufzusteigen. Kennedy ist ein Mann extremster Stimmungsschwankungen zwischen heiter-aufgekratzt und melancholisch-apathisch, neigt zu Panikattacken, hat keinerlei Ehrgeiz und leidet obendrein unter einer Art von epileptischen Anfällen meines Wissens. Er ist ein schlechter Navigator und ein noch schlechterer Mannschaftsführer. Er wurde nach zwei Jahren Dienst von der „Susanna“ auf die „Justinian“ abkommandiert. Seine Leute sind unmotiviert und respektlos ihm gegenüber. Hornblower ist neu. Er hat gerade mal zwei Monate Dienst hinter sich. Er ist ein Einzelgänger, krankhaft stolz, erfüllt von einem geradezu lächerlichen Ehrgefühl, in höchstem Maße ehrgeizig, aufsässig und lässt gelegentlich republikanische Züge erkennen. Ein Mann, der weder die Authorität über sich anerkennt, noch Männer selbst zu führen vermag. Unser dienstältester Fähnrich Simpson hatte seine liebe Müh, den Jungen zu disziplinieren. Allerdings ist er auch ein annehmbarer Navigator, was trotz allem für Hornblower spricht. Und es ist eine wahre Schande, dass Hornblower die Vermessenheit gehabt hat, einen Dienstälteren zum Duell zu fordern und dann feige zu kneifen. Fähnrich Clayton war ein fähiger Mann und treuer Kamerad, der unser aller Respekt verdient, weil er für Hornblower eingestanden ist.“

Nachdem er Leutnant Ecclestone entlassen hatte, kratzte sich Sir Edward das Kinn. Nun gut. Er würde sich selbst ein Bild machen. Stunden später war Sir Edward ein wenig ratlos. Chadd war ein guter Kerl, aber nicht wirklich Offiziersmaterial. Insoweit ging er mit seinem ersten Offizier konform. Doch Kennedy gab ihm Rätsel auf. Die Berichte über seine Zeit auf der „Susanna“ waren durchweg vielversprechend gewesen, während auf der „Justinian“ dann ein tiefer, geradezu unerklärlicher Absturz erfolgt war. Als ob der Kennedy der „Susanna“ ein völlig anderer war als der der „Justinian“. Die Dienstakte der „Justinian“ war eine einzige Schande für den jungen Mann. Fähnrich Kennedy war höflich gewesen, hatte das eine oder andere mal ein Lächeln angedeutet, doch ging von ihm ein vorsichtiges Misstrauen gegenüber seinem neuen Captain aus. Während er Kennedy prüfte, schien dieser ihn genauso einer Prüfung zu unterziehen. Und Pellew wusste nicht, ob er sie bestanden hatte. Dies war ein ungewohntes Gefühl. Einem untergebenen Offizier stand es nicht zu, seine Vorgesetzten zu beurteilen! Nun, er würde noch genug Gelegenheit erhalten, sich ein näheres Bild von ihm zu machen. Positiv überrascht war Pellew allerdings von der Aussage Kennedys, er wolle sich nicht nach oben kaufen wie so viele seines Standes, sondern dienen, was wiederum zu den Berichten der „Susanna“ passte. Aus welchem Holz Kennedy wirklich geschnitzt war, würde sich in den nächsten Monaten zeigen. Hornblower war alles, was Pellew nach Ecclestones Beurteilung erwartet hatte, wenngleich der Mann eine gewaltige, dominierende Präsenz im Raume verbreitete, und so hatte er ihn gleich in seine Schranken gewiesen. Er würde es nicht dulden, dass der Mann Unruhe stiftete. Ganz im Gegenteil. Wenn er seine Männer nicht in Griff bekam, würde er für ihr Fehlverhalten büßen. Er hatte keinen Platz auf seinem Schiff für Faulpelze und Unfähigkeit. Weiß Gott. Er würde aus diesem Sauhaufen eine funktionierende Mannschaft machen!

FÜNF  MONATE SPÄTER

Auch wenn es nicht den Anschein hatte, sah Sir Edward aufmerksam übers Deck. Wer arbeitete, wer nur herumlungerte, er hatte ein gutes Ohr für Töne und Stimmungen. Der Krankenstand war erstaunlich niedrig für ein Kriegsschiff und die Mannschaft willig, diszipliniert, fähig und guter Dinge. Der Wind sang in der Takelage und die Segel waren perfekt getrimmt, als die "Indifatigable" hart am Wind auf der Jagd nach weiteren Prisen lag. Vier hatte er bereits auf dem Weg nach England geschickt mit zwei Leutnants und den beiden dienstältesten Fähnrichen. Und Pellew war sehr zufrieden. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten war Ecclestone aufgewacht und erwies sich als überraschend zufriedenstellender erster Leutnant – umsichtig und umgänglich.

Doch was ihn zugegebenermaßen am meisten dieser Tage beschäftigte, waren zwei seiner verbliebenen Fähnriche. Kennedy wechselte gerade Scherzworte mit den Männern seiner Abteilung, die daraufhin mit erneutem Eifer ihren Aufgaben nachgingen. Er hatte sich zu einem guten Navigator und Mannschaftsführer entwickelt und hatte sich in einem kleineren Gefecht erste Meriten erworben. Er war beliebt und respektiert sowohl vor dem Mast wie auch hinter diesem.  Sein Blick wanderte nach Steuerbord. Dort saßen in Lee Hornblower und der kleine Biddings, der zwölfjährige Fähnrich. Nach dessen Feuertaufe hatte Kennedy den traumatisierten Jungen in der Fähnrichsmesse in seinen Armen gewiegt und getröstet wie ein kleines Kind und hatte ihn zusammen mit Hornblower (nach etwas energischer Aufforderung seitens Kennedys) nächtelang umschichtig aus seinen Albträumen geweckt. Zunächst war es Sir Edward nicht recht gewesen. Wie sollte der Junge seinen Dienst verrichten, wenn er gleich beim ersten kleinen Gefecht in die Knie ging und verhätschelt wurde? Doch dann war ihm der Leitspruch seines Freundes Walter Bracegirdle eingefallen. Der Dienst in der Marine war hart und unmenschlich. Deshalb durften sie niemals ihre eigene Menschlichkeit und ihr Mitgefühl verlieren. Sei es gegenüber Freund oder Feind. Walter war der Führungsaufgabe hinsichtlich der Menschenführung stets soviel besser gewachsen als er selbst, dem Tränen und Gefühlsregungen stets etwas peinlich waren und der es vorzog, laut zu poltern um Besorgnis und tiefere Regungen zu überspielen und dabei gelegentlich auch darüber  Diplomatie  und Takt vergaß.

Und diese Geste der Mitmenschlichkeit hatte sich mit Zins und Zinseszins bezahlt gemacht. Der Junge hatte sich wieder gefangen und beim nächsten „Klar zum Gefecht“ hatte er bereits erheblich gefasster seine Befehle gebrüllt. Fähnrich zur See Archibald Kennedy, auch Mr. Archie respektvoll und in Anlehnung an die tiefe Freundschaft zwischen Hornblower und Kennedy von der Mannschaft hinter seinem Rücken genannt, war Biddings großer Held. Alles in allem hatte er dabei keine schlechte Wahl eines Vorbilds getroffen, kam Pellew zum Schluss.

Der stets reserviertere und im Umgang mit Kameraden und Vorgesetzten unbeholfene Hornblower schien dem Jungen Nachhilfe in Navigation während seiner Freiwache zu geben. Als sie die "Marie Galante" aufgebracht hatten, hätte es eigentlich Kennedy als Dienstälterem zugestanden, die Prise nach England zu bringen. Doch ein Instinkt hatte ihn zögern lassen und er hatte sich stattdessen für Hornblower entschieden. Kennedy schien nicht verstimmt gewesen zu sein, dass er übergangen worden war und schien sich aufrichtig für seinen Kameraden und Freund zu freuen. Und sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Die "Marie Galante" war verloren gegangen, aber die Mannschaft hatte die Rückkehr der Indefatigables freudig begrüßt und Hornblower beglückwünscht. Es schien als habe er mit einer frechen Geste endgültig den Respekt, wenn nicht gar schüchterne Zuneigung seiner Abteilung und des ganzen Schiffes verdient.  Er schmunzelte innerlich, dass Hornblower sich erst entspannt hatte, als er das anerkennende Lächeln seines Freundes und die angedeutete Umarmung  erfahren hatte. Die Meinung seines Freundes war ihm wichtiger als die seines Kapitäns. Ja, das waren ein weiterer Pellew und Bracegirdle - Freunde durch dick und dünn. Inzwischen hatte er seine Meinung über Hornblower revidiert. Und er schrieb es sich und seiner Führung zu, dass diese beiden jungen Männer geradezu aufgeblüht waren. Besonders Hornblower sprühte geradezu vor Tatendrang und riss alle mit. Dieser junge Mann hatte etwas an sich….   Er hob noch einmal einen prüfenden Blick übers Meer. Es zog Nebel auf.


24  TAGE SPÄTER

Sir Edward starrte unzufrieden und angespannt hinaus in die Nacht und verfluchte das Schicksal. Am Horizont hob sich eine noch schwärzere Masse gegen die Schwärze der Nacht ab – französisches Festland, genauer gesagt, die Mündung der Gironde. Die "Indefatigable" hielt langsam aber stetig darauf zu. Alle Lampen waren an Bord gelöscht worden. Niemand sollte sie sehen, wenn sie ihre Ladung löschte – ein Drittel ihrer Besatzung, bewaffnet mit Entermessern und Pistolen, um in einem waghalsigen Unterfangen 18 Seemeilen die Gironde mit der Flut hinauf zu rudern, um dort die Papillon in ihre Gewalt zu bringen, um dann mit ablaufendem Wasser hoffentlich heil hinaus zu segeln und sich dann am vereinbarten Treffpunkt mit der "Indefatigable" zu vereinigen, um gemeinsam nach Hause zu segeln.

Die Hände auf die Reeling gestützt, blickte er auf die letzten Wochen zurück und fragte sich, wie sich das Blatt so sehr zu seinen Ungunsten hatte wenden können. Die unruhige und verängstigte Mannschaft machte die französischen Gefangenen unten im Kabelgatt für die Pechsträhne der "Indefatigable" verantwortlich. Das heißt, wenn er genauer darüber nachdachte, dann hielten sich die Männer der "Justinian" schon geradezu auffällig mit Schuldzuweisungen zurück. Es schien, als ob sie eine ganz andere Meinung hegten, die sie allerdings nur untereinander mit Blicken austauschten. Sir Edward pflichtete ihnen bei, was immer es war - die Besatzung der "Marie Galante" traf keine Schuld. Denn es hatte nicht mit den Franzosen begonnen, sondern mit dem von Gott verfluchten Nebel.

Eine halbe Woche waren sie blind gesegelt, hatten angestrengt auf Geräusche gehorcht und das Lot ausgeworfen. Sie hatten gewusst, der schwache Wind und die Strömung trieben sie unaufhaltsam auf die Küste zu. Und dann waren sie auf die sinkende "Justinian" gestoßen und hatten unvorbereitet eine volle Breitseite einstreichen müssen, ehe das verfluchte feindliche Schiff auf Nimmerwiedersehen im Nebel verschwunden war. Es hatte vier Tote, 39 zum Teil Schwerstverwundete und einen großen Schaden an Decksaufbauten und Takelage zurückgelassen. Es war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als die wenigen Überlebenden der "Justinian" aufzupicken und ihre eigenen Wunden zu lecken und alles zu tun, um schnellstmöglich aus der Reichweite der Küstenbatterien zu gelangen.
Der Kapitän hatte aufmerksam zugehört, als Fähnrich Simpson seine Geschichte erzählte und es hatte in seinem Kopf gearbeitet. Was hatte sich der alte Narr Keene dabei gedacht? Die "Justinian" hatte Kanaldienst, wenn sie im Einsatz war und hatte nichts in der Biskaya zu suchen. Es schien, als ob der Todgeweihte auf Gedeih und Verderb während der Schlacht sterben wollte und dabei hatte er ein Linienschiff Seiner Majestät versenkt und letztendlich den Tod von über 700 Mann Besatzung zu verantworten. Welch ein selbstsüchtiger Preis. Auf der anderen Seite hatte er scharf seine beiden verbliebenen Fähnriche beobachtet. Kennedy hatte ausgesehen, als ob er jeden Moment ohnmächtig vom Stuhl fallen wolle und Hornblower war angespannt wie eine Feder gewesen. Beide schienen nur körperlich anwesend gewesen zu sein, er bezweifelte sogar, dass sie auch nur ein Wort Simpsons gehört hatten.

Nachdem der Nebel sich nach einem weiteren Tag endlich verzogen hatte, war ein wütender Sturm über die "Indefatigable" hereingebrochen und sie eine Woche aufs Schwerste gebeutelt. Die Stürme der Biskaya waren zu Recht gefürchtet, doch ein Sturm dieses Ausmaßes im August war mehr als höchst ungewöhnlich. Wieder hatte die "Indefatigable" den Verlust von Menschenleben zu beklagen gehabt. Der kleine Fähnrich Biddings war über Bord gespült worden, als ein schwerer Brecher mittschiffs über sie hinweg gerollt war. Und es hatte sie zwei Tage gekostet, bis es endlich soweit aufgeklart gewesen war, dass sie das Mittagsbesteck hatten nehmen und ihre Position bestimmen können. Und wieder waren Tage vergangen, bis sie ihren Treffpunkt mit dem Versorgungsschiff erreicht hatten. Wenigstens waren Leutnant Chadd und seine Leute an Bord gewesen und hatten die Reihen der "Indefatigable" wieder aufgefüllt.

Und sie hatten die Jagd nach dem Teufelsschiff, wie die Besatzung die "Papillon" getauft hatte, endlich aufnehmen können. Doch das Schiff war wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Sie waren die französische Küste hinab gesegelt, doch von der Korvette war nichts zu sehen gewesen. Bis sie endlich, endlich ein Fischerboot hatten aufbringen können. Unter Androhung des Verlusts seines Lebens hatte der Fischer gestanden, dass die "Papillon" unter dem Schutz zweier Batterien seit Wochen in der Gironde ankerte und repariert wurde. Eine Nachricht, die Sir Edward mit gemischten Gefühlen aufgenommen hatte, bedeutete es doch einerseits, dass die „Justinian“ ihre Haut teuer verkauft hatte, wenngleich andererseits auch zu befürchten stand, dass die notwendigen Reparaturen an der „Papillon“ noch nicht zum Abschluss gekommen waren und sie nur bedingt einsatztauglich war.  

Ein Gedanke nagte unbewusst an Sir Edward. Wenn der Fischer nicht gelogen hatte, dann war die "Papillon" noch im dicksten Nebel vor Anker gegangen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Kein vernünftiger Seemann suchte die Küste in einem derartigen Nebel, dass sie zeitenweise vom Achterdeck nicht einmal das Vorschiff gesehen hatten. Die Mündung der Gironde zu verfehlen und in den Untiefen aufzulaufen war zu einfach. Von der schwierigen Aufgabe im mäandrierenden Hauptfahrwasser der Gironde zu bleiben ganz abgesehen. Der Kapitän musste ein wahrer... Teufel...skerl sein, der das gewagt hatte. Nein, es war unmöglich! Aber gab es eine andere Erklärung? Wieder kitzelte die Bemerkung Simpsons "...als wären es vier Schiffe gewesen..." in seinem Unterbewusstsein, wollte sich nach oben kämpfen, doch Sir Edward war zu sehr von dem geplanten Unterfangen eingenommen, um auf die leise Stimme zu hören.

Er wollte sich schon abwenden, um weiter über die seltsame Unruhe nachzudenken, die das Schiff befallen hatte. Der Krankenstand hatte ein alarmierendes Ausmaß angenommen. Zwanzig Prozent seiner Leute waren krank. Überall brachen jederzeit Raufereien aus, die Disziplin litt mehr von Tag zu Tag. Besonders die Abteilungen von Hornblower und Kennedy gebärdeten sich, als wären sie vom Teufel besessen und verweigerten den beiden jeden Respekt, nannten sie Rotznase und Pretty Boy hinter ihren Rücken. Er war gezwungen gewesen, beide Fähnriche hart zu bestrafen, doch wider Erwarten war keine Besserung eingetreten. Hmh, Hornblowers Leute waren schon immer ein undisziplinierter Haufen gewesen, doch in den vergangenen Monaten hatten sich Fähnrich und Mannschaft zusammengerauft und waren eine gute, verlässliche Einheit geworden. Jetzt war ihr alter Mannschaftsführer Simpson wieder an Bord. Hatte er seine Finger im Spiel? Als Dienstälterer hatte er Befehlsgewalt über Hornblower und seine Abteilung. Wurde das Duell auf anderer Ebene ausgetragen? Aber nein, schalt er sich. Simpson hatte sich gut eingeführt, dass musste man ihm lassen. Der Mann wusste, was er tat und wann er es tun musste. Nein, alles deutete eher auf Kennedy und Hornblower, besonders auf Hornblower hin.

Kennedy… die Wandlung, die der Mann in den letzten Wochen durchgemacht hatte, war erschreckend. War dessen koboldhaftes Lachen noch zuvor jederzeit und an jedem Platz des Schiffes zu hören gewesen, konnte dieser Tage allein Hornblower dem Mann ein angedeutetes Lächeln entlocken. Es schien, als sei er nur noch ein Schatten seiner selbst, als wolle er sich unsichtbar machen, erschreckte vor jedem Schatten, und war in sich gekehrt. Und Hornblower schien permanent in Gefechtsstellung zu leben, obwohl Sir Edward alles tat, damit dieser mit Simpson nicht in Berührung kam. Und dann kam  Ecclestone auch noch während der Manöverbesprechung auf die glorreiche Idee, Hornblower, Kennedy und Simpson in einen Trupp einzuteilen unter Simpsons Befehl. Pellew knirschte vor Wut mit den Zähnen, dass ihm sein erster Offizier so in den Rücken gefallen war. Und zuguterletzt gebärdete sich auch die "Indefatigable" unwillig, die Schiffsglocke schien dunkler zu tönen und die hellen, frischen Farben erschienen trübe. Es schien sich ein Schatten über das gesamte Schiff gelegt zu haben.

Sir Edward schalt sich einen sentimentalen Narren, der sich von der abergläubischen Furcht seiner Mannschaft anstecken ließ. Heute Nacht würden sie die "Papillon" entführen und die Pechsträhne ein Ende finden. Ein Flüstern, das von einem offenen Fenster unter ihm herauf wehte ließ ihn endgültig innehalten und lauschen.

„Hier….“ Pellew hörte wie das Gluckern aus einer Flasche. „Geht’s wieder, Archie...?“

Sir Edward hörte ein unterdrücktes Kichern.

„Geht’s wieder? Geht’s wieder?! Wenn du nicht in diesem Augenblick gekommen wärst…. Worauf wollen wir trinken, Horatio? Auf die neuen alten Zeiten?“ Kennedys Stimme schien für einen Moment ins Hysterische abzugleiten.

„Um Himmelswillen, reiß dich zusammen, Archie.“

„Ich kann nicht…. Horatio, ich schwöre dir, wenn Jack mich noch einmal von hinten anspricht… entweder bringe ich ihn um oder mich selbst. Egal, was dann aus mir oder meiner unsterblichen Seele wird. Ich bin acht Monate durchs Fegefeuer auf der "Justinian" gegangen, kein weltliches Gericht oder die Hölle können mich noch das Fürchten lehren. Ich habe so hart gearbeitet, wieder zu dem zu werden, der ich vor Jack und der „Justinian“ einmal war. Ich war ein verdammt guter Fähnrich. Ich hätte es unter Captain Jennings bis zum Leutnant bringen können. Horatio, nimm einen guten Rat von mir an. Flirte niemals mit einem Mädchen auf einem Ball, wenn du nicht weißt, wer ihre Familie ist. Du könntest dich sonst im Handumdrehen in der Hölle wiederfinden, um dein erhitztes Blut abzukühlen.“

„Shsh…Wir stehen das durch – gemeinsam.“

„Er hat sich Zeit gelassen, nicht wahr, ehe er sich direkt an uns rangemacht hat? Hat sich an unserer Angst um das Kommende geweidet. Hat sich Liebkind gemacht beim Sir. Unsere Glaubwürdigkeit und unseren Stand auf dem Schiff unterminiert. Jetzt sind wir ihm wieder ausgeliefert, Rotznase. Und dieses Mal wird er nicht ruhen, bis er dich getötet hat.“

„Und dich auch.“

„Du irrst. Mich wird Jack nicht umbringen. Ich bin doch sein Pretty Boy.“

Sir Edward zog die Augenbrauen hoch, als er hörte, wie Kennedy den Namen mit größter Bitternis und Selbsthass geradezu ausspuckte. Was ging hier vor? War da mehr gewesen als eine Beleidung über einem Kartenspiel? Wieso war Kennedy in den Hornblowers Händel mit Simpson involviert?

„Oh, nein, er wird mich nicht töten. Nicht solange er mich noch immer….demütigen und erniedrigen kann. Mich und meine gesamte Familie. Er weiß, ich werde niemals reden. Selbst wenn er dafür am Galgen hängen wird, der Ruf meiner gesamten Familie würde dabei ruiniert werden. Freddies Jagdgesellschaften für die Campbells, Regis Karriere im Außenministerium, Carolines Heirat mit dem Erben von Hallowbridge…die Arbeit meines Vaters im Oberhaus. Die Schande würde meine Mutter töten. Oh nein, es geilt ihn auf zu wissen, dass er das Schicksal einer ganzen Familie in seinen dreckigen Händen hält, wenn er...wenn ...“

Pellew hörte ein gequältes Schluchzen. Kennedy schien mit seinen Nerven am Ende zu sein.

„Und wenn wir es dem Sir sagen?“

"Ganz tolle Idee, Horatio!" schnauzte Archie Horatio unbeherrscht an. "Warum erzählst du's nicht gleich dem Navy Chronicle, hmh? Damit es auch noch der letzte in der Flotte und halb England weiß."

Horatio brauste auf.

"Ich weiß es, dass Simpson dich über Monate hinweg vergewaltigt hat. Ja, ich kann es aussprechen. VERGEWALTIGT. Clayton hat dir damals  die Fesseln gelöst  und dich von der Kanone 21 geholt, deine Wunden versorgt. Und ehe du ihn verfluchst.... er hat es mir nicht aus Boshaftigkeit erzählt, sondern als Warnung. Ich sollte aufhören, mich gegen Jack zu wehren, weil es noch schlimmeres gibt, als von ihm fast zu Tode geprügelt zu werden. Und die „Justinian“-Mannschaft weiß es auch, pretty boy! Aber ich denke, die Männer haben den anderen noch nichts gesagt. Sie wissen, du bist zum Opfer geworden in dem Moment, als Jack dich hinterrücks niedergeschlagen hatte … vor dem ersten Mal. Sie wissen, dass du es nie gewollt hast."

Archie schluchzte erneut auf. Pellew schloss oben gequält die Augen. Nicht ohne Grund stand in der Flotte auf Sodomie der Tod. Zu viele Männer auf zu engem Raum über zu lange Zeiträume hinweg eingesperrt. Ohne eine drakonische Strafe würde es täglich zu Übergriffen kommen. Pellew wusste aber auch, dass es trotz der Todesstrafe immer wieder geschah. Auf jedem Schiff, zu jeder Zeit. Er hatte den Tätern ins Auge geblickt, oft genug gute, anständige Kerle, denen einfach für einen Moment nach langen Monaten der Enthaltsamkeit die Sicherung durchgebrannt war. Sie waren in den Tod gegangen für eine Kurzschlussreaktion. Doch er hatte auch Männern ins Auge geblickt, die nichts bereuten. Die ihr sadistischen Vergnügen daraus gezogen hatten, Schwächere zu verletzten und zu demütigen. Und er hatte Opfer gesehen, die hinterher völlig gebrochen waren. Und er hatte aber auch Opfer von der Art Kennedys kennengelernt. Die irgendwie über diese Erfahrung hinweggekommen waren und weiterlebten. Doch diese Männer mussten nicht auf engstem Raum mit ihrem Peiniger leben, waren ihm  nicht weiter hilf- und wehrlos ausgeliefert durch eine unbarmherzige Befehlsstuktur und den Imperativ des absoluten Gehorsams unter Androhung der allgegenwärtigen Todesstrafe gegenüber Vorgesetzen und Dienstälteren.

„Archie, selbst wenn wir schweigen, der Sir wird es doch erfahren und Jack entsprechend behandeln. Und du könntest in Verdacht geraten, Simpson willig zu Diensten gewesen zu sein, weil du die Zeit über geschwiegen hast. Du musst es ihm sagen, so bald als möglich. Du MUSST reden!“

„Niemals! Und wie soll er es denn erfahren, solange wir nicht reden, hmh?“

„Er hat mir gesagt, ein Captain kontrolliert alles.“

„Wenn er das wirklich selbst glaubt, dann ist er ein Narr!“

Pellew fuhr auf. So eine Impertinenz!

„Archie, wie kannst du so etwas sagen. Der Captain wird es richten. Das weiß ich ganz sicher.“

„Ich weiß, er ist dein Gott, Horatio, aber wie soll er davon erfahren? Kraucht er vielleicht unter den Männern des Vorschiffs herum und fragt sie? Nein, ein Captain ist auf den Report seiner Offiziere angewiesen, die wiederum auf die Fähnriche, die ihnen melden, was im Schiff vor sich geht. Also angenommen, einer der Männer spricht mit einem der anderen Fähnriche. Was dann? Was bringt das? Und wo wird ein Report über Jack enden? Bei Ecclestone, und der wird alles daran setzen, alles zu verschleiern, weil ihm etwas an seiner Karriere liegt. Denn wenn Jack jetzt aufliegt, dann werden auch die Misshandlungen und Quälereien auf der „Justinian“ zur Sprache kommen, und dann wird Ecclestone den Kopf dafür hinhalten – nicht Keene, der ein so großer und verdienter Kapitän war, sondern der unbedeutende Erste Offizier.“

„Aber wenn der Sir nun doch…“

„Was soll er tun, sag es mir? Jack versetzen lassen? Das kann er nicht. Er kann nicht um die Versetzung eines Fähnrichs bitten und dabei einen neuen anfordern als Ersatz für den kleinen Jeffrey. Die Admiraltät wird ihm was pfeifen."

Pellew wusste, es war so, wie sein Fähnrich gesagt hatte. Ihm waren die Hände gebunden, wollte er nicht das Leben und den Ruf Kennedys und seiner Familie ruinieren. Hatte er Kennedy in mehr als einer Hinsicht unterschätzt? Der Mann hatte einen scharfen Verstand, wo man ihn aufgrund seiner jungen Jahre und seiner quicksilbrigen, oberflächlich erscheinenden Art  nicht vermutete und eine große innere Stärke, die jetzt, so schien es, allerdings erschöpft war. Der Schiffsarzt hatte ihm vertraulich berichtet, dass Kennedy seit Neuestem unter Ausbrüchen seiner Krankheit litt. Auf näheres Fragen hatte er erfahren, dass großer emotionaler Stress oft genug der Auslöser für die Anfälle waren.

Es blieb einen Moment still unter ihm.

"Ist es nicht bemerkenswert, dass wir einen Höllensturm ausreiten mussten und das einzige Opfer ist ausgerechnet ein kleiner Fähnrich?“ nahm Kennedy in der Kajüte den Gesprächsfaden wieder auf.

„Willst du damit sagen….das wäre Mord!“ fuhr Hornblower auf.

„Ich bin mir absolut sicher, dass es nicht sein erster gewesen wäre. Nein, mit Jeffreys Tod hat sich Jack hier einen Platz gesichert. Aber man wird ihm es, wie alles andere auch, nie beweisen können. Dazu ist er viel zu gerissen. Und die "Indefatigable" wird über kurz oder lang genauso enden wie die "Justinian" – ein Schiff der Hoffnungslosen, zusammengehalten von Nägeln, Teer, Verzweiflung und Angst.“

Doch Ecclestone hatte eine Lösung gefunden, erkannte Sir Edward. Angesichts dieser neuen ungeheuerlichen  Tatsachen begrub er seinen Groll gegen den Ersten Offizier. Sollte Simpson heute Nacht durch Feind oder "Freund" sterben, so würde er ihn in die Gefallenenliste eintragen und den Mantel des Schweigens über alles breiten und den Vorfall nicht untersuchen. Die Mannschaft würde sich beruhigen und das Leben aller konnte ohne Störungen weitergehen. Ohne Simpsons Einfluss hatte die Mannschaft Mr. Kennedy anständig und respektvoll Gefolgschaft geleistet. Die Männer vor dem Mast konnten durchaus intuitiv unterscheiden zwischen Unschuld und Schuld der Beteiligten und wussten um das Gefühl und die Realität des völligen Ausgeliefertseins. Wie hatte er sich von Jack Simpson nur so täuschen und einwickeln lassen? Mein Gott, er hatte Kennedy und Hornblower sogar Simpson als Vorbild hingestellt in einer Strafpredigt. Kein Wunder, dass sich ein Zug von Verachtung um Kennedys Mund gelegt hatte. Damals hatte er geglaubt, er galte Simpson, doch nun schien er sich mehr auf seine einige, Sir Edwards, Blindheit bezogen zu haben. Er würde es wieder gut machen an den beiden. Er wollte verdammt sein, wenn er zuließe, dass ein einzelner Mann seine vielversprechendsten Nachwuchsoffiziere verdarb und vor allem seine eigene Karriere unterminierte. Pellew starrte auf die drohende Schwärze des französischen Festlands.

„Meinst du er hat Ecclestone auch in der Hand?“ fragte Hornblower vorsichtig, als ob er sich an diese Art von Verdächtigungen erst gewöhnen müsse.

„Ich bin mir nicht sicher. Aber allein die Tatsache, dass er monatelang weggesehen oder geschwiegen hat, macht ihn zum Komplizen. Aber nun hat er ja eine Lösung für alle unsere Probleme gefunden - der gemeinsame Überfall auf die "Papillon"…. So ein Enterversuch ist immer chaotisch. Allerlei Dinge können dabei passieren...“ ließ Kennedy die Worte im Raum stehen und Gestalt annehmen.

„Das wäre unehrenhaft", kam sofort die Abfuhr.

„Es gibt keinen ehrenvollen Ausweg. Pellew hat dir verboten, dich noch einmal mit Jack zu duellieren.“

„Noch einmal? Du und Clayton habt dafür gesorgt, dass ich es nicht einmal das erste Mal tun konnte.“

„Wir haben getan, was notwendig war, als Clayton dich niedergeschlagen hat. Er wusste, was wir alle wussten. Du hast aufbegehrt und dich gegen Jack zur Wehr gesetzt. Auch wenn er dich dafür eine ganze Wache lang bei Regen und Wind in den Wanten hängen ließ, um dich von deiner Höhenangst zu kurieren oder dich immer wieder halb tot geprügelt hat, weil du der bessere Navigator bist und ein Lob vom alten Keene eingesteckt hast. Du hast dich nicht gebeugt unter sein Joch wie wir, hast seine psychologischen Machtspielchen nicht mitgemacht. Oh, nein. Du lässt dich von nichts aufhalten, das Wort zurückstecken kennst du nicht. Dein Wille zum Erfolg ist absolut. Du bist nicht so wie wir, du bist stärker…. Du bist brillant. Und deshalb hasst Jack dich mehr als alles andere auf der Welt. Er wird nie mehr als ein Fähnrich sein, aber du wirst eines Tages Admiral sein und deshalb hat Clayton die Forderung zum Wohle Englands und der Marine anstatt deiner erfüllt.“

Pellew hörte ein Schnauben, aus dem leichtes Amüsement deutlich herausklang.

„Ha, wenn ich Admiral bin, dann bist du es auch", brummte es verlegen.

„Nein, Horatio. Ich werde dein Flaggenkapitän sein“, die warme Zuneigung war unverkennbar.

„Auf immer zusammen?“

„Auf immer, Horatio…. Wie lang oder wie kurz immer auch sein mag.“

„Immer ist so lang, wie wir es machen, Archie. Wir sind nicht allein. Wir haben uns. Wir werden zusammen die "Papillon" entern und in die Rahen steigen.“

„Obwohl du Höhenangst hast.“

„Angst darf einen nicht davon abhalten, seine Pflicht zu erfüllen.“

„Horatio, du klingst wie ein aufgeblasener Phrasendreher. Gib einfach zu, dass du genauso viel Angst hast wie ich. Es macht dich nicht schwach, sondern nur menschlich“, flehte es unten.

„….Archie….ich hab entsetzliche Angst. Ich habe Angst, dass ich die Wanten nicht aufentern kann, dass ich auf halbem Wege einfach stehenbleibe und mich festklammere“, kam die schwache Antwort nach einiger Zeit.

„Und doch werden wir unseren Auftrag ausführen“, klang es bestimmt von Kennedy, der sich wieder zu fangen schien.

„Für Volk, König und Vaterland.“

Wieder blieb es für einen Moment ruhig, ehe es aus Kennedy heraus brach und seine Laune erneut umschlug.

"Weißt du, das wäre alles nicht passiert, wenn du nicht so verdammt....erfüllt wärst von deiner Ehre, deiner Pflicht und deinem Dienst für Volk, König und Vaterland. Wieso hast du Jack nicht einfach untergetaucht, anstatt ihn aus dem Wasser zu ziehen? Keiner, der Jack wirklich kennt, würde dir einen Vorwurf machen..... Du weißt, ich liebe dich wie einen Bruder, Horatio, aber manchmal....manchmal machst du es einem weiß Gott nicht leicht, dich nicht zu hassen. Es interessiert dich einen Scheißdreck, was mit uns anderen geschieht, Hauptsache Fähnrich zur See Horatio Hornblower erfüllt seinen Dienst ehrenvoll und mit größtmöglicher Perfektion wie ein Uhrwerk, ohne jedes Gefühl. Ich hab Neuigkeiten für dich, Horatio. Wir sind Menschen, keine mathematischen Gleichungen, die in perfekter Vollendung aufgehen. Und noch eine Neuigkeit für dich: Stell dir vor, Horatio. Du bist auch nur ein Mensch. Sogar der Sir ist nur ein Mensch. Ich denke, wenn dein Vater dich nicht so vollgestopft hätte mit Ideen von Stoizismus, Selbstverzicht,  Ehre, Wahrheit, Pflichterfüllung und dich mal in den Arm genommen hätte, dann hätte er dir einen größeren Dienst erwiesen. Denn dann hättest du begriffen, dass Ehre und Pflicht kalte Geliebte  sind und keinesfalls Mitmenschlichkeit, Freundschaft und Liebe ersetzen können.  Und das Leben ist auch keine perfekte Gleichung. Und deshalb tust du leider öfter ehrenhaft das Falsche als unehrenhaft das Richtige, weil du Angst hast. Weil du erbärmliche Angst hast nicht perfekt zu sein oder deine Pflicht nicht zu erfüllen, egal um welchen Preis. Eins würde mich mal interessieren. Würdest du um der Pflicht willen, sogar einem Freund schaden? Dein dunkelstes Geheimnis ist nicht deine Höhenangst, sondern dass du an deinen gottgleichen Ansprüchen an dich selbst scheiterst. Und du wirst scheitern. Früher oder später wirst du erkennen, dass du auch nur ein Mensch bist. Denk mal darüber nach... ach ja, vielleicht hast du ja keine Zeit mehr dazu, weil dir ein Psychopath im Nacken sitzt und der darauf brennt, die alten Zeiten wieder auferstehen zu lassen! Wobei du noch das bessere Los getroffen hast. Dich will er nur umbringen. Mich will er mit Leib und Seele langsam zu Grunde richten, so lange bis ich ein zerbrochenes, irreparables Spielzeug für ihn bin und er mich in einer dunklen Nacht über Bord wirft, wenn ich es nicht gar selbst tue, damit alles endlich ein Ende hat."

"Archie...ich...."

"Gehen Sie mir aus den Augen, Mr. Hornblower. Wir haben unsere Pflicht zu erfüllen, die "Papillon" zu entführen. Und wenn wir Glück haben, können wir sogar unsere zweite Pflicht gegenüber Volk und König erfüllen - am Leben zu bleiben." Kennedys bitterer Sarkasmus und seine implizierte Hoffnungslosigkeit schwebte im Raum.

Pellew hörte wie sich eine Kajütentür schloss und es herrschte Stille für den Moment, ehe erneut ein Flüstern Sir Edward einen Schauer über den Rücken jagte.

„Du irrst dich Archie. Ich habe keine Angst davor, nicht perfekt zu sein. Ich habe Angst davor, zu perfekt zu sein. Um jeden Preis meine Dienstpflicht zu erfüllen… Du bist meine Mitmenschlichkeit, meine Freundschaft und meine Liebe. Nein, meine geheimste Angst ist, dich zu verlieren, weil ich mich dann selbst verliere... Und Jack hat es längst erkannt.“

Die Kajütentür ging ein zweites Mal, ehe endgültig Stille im Deck unter ihm einkehrte. Pellew wurde das Herz für einen Moment schwer. Was immer der Dienst verlangte… Dennoch. Für einen kurzen Moment hob er den Blick hinauf in den Sternenhimmel und schickte ein Stoßgebet für Hornblower und Kennedy nach oben.

Mr. Kennedy hatte ihm heute Nacht einen großen Dienst erwiesen, erkannte er nach einer Weile. Er hatte ihn geheilt von seiner Überzeugung  der Allmacht des Kapitäns, und dass es sehr wohl Dinge gab, die außerhalb seiner Kontrolle lagen. Beschämt musste er sich eingestehen, dass er Hornblowers Einwand in seiner Hybris nicht angenommen hatte. Walter hätte diese Vorgänge und den Verursacher sicherlich schon längst identifiziert und unschädlich gemacht. Walter wusste für diese Dinge eine Lösung. Sobald die Aktion vorbei wäre, würde er einen langen Brief an ihn schreiben und ihm von Hornblower, Kennedy und Simpson berichten. Nach dieser Nacht würde er sich Kennedys besser annehmen und ihn stärker fördern. Er hatte sich zu sehr von Hornblowers Dominanz und Präsenz blenden lassen und den anderen darüber vernachlässigt.

Wenige Augenblicke später war die „Indefatigable“ an ihrer Position angelangt und Ecclestone ging die aufgestellten Reihen derer ab, die für die „Papillon“ vorgesehen waren. Hornblower schien Kennedy etwas zuzuflüstern, ihm vielleicht einen Ölzweig zu reichen, um den Streit der Freunde zu beenden, doch der Mann ignorierte ihn. Er schien in einer Art Trance zu sein. Sir Edward atmete tief durch, ehe er mit einem Nicken den Befehl gab.

Ende
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