Tupperwood (Storysammlung)

GeschichteHumor, Familie / P12 Slash
Andy Davidson Dr. Owen Haper Gwen Cooper Ianto Jones Jack Harkness Toshiko Sato
02.02.2011
23.02.2020
180
431220
20
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Auftritt: Kathy Swanson



Ianto rückte seine Krawatte zurecht, als über ihm das Schnurren und Quietschen des Mechanismus erklang, der die Luke am „unsichtbaren Lift“ schloss. Musst auch mal wieder geölt werden. Er machte sich eine mentale Notiz. Der Hub brauchte eine Generalüberholung – sollten sie irgendwann einmal die Zeit dazu finden.

Natürlich hatte Jack sie bei ihren vorherigen Besuchen über den mehr spektakulären Eingang am Fuß des Wasserturms in den Hub gebracht, statt über den eher praktischen durch das Büro der Touristeninformation.

Aber das war genau aus diesem Grund Teil seiner Aufgaben. Jack übernahm den Unterhaltungs- und Showteil (wobei ihn Kathys sachliche Reaktion auf Janet doch etwas enttäuschte), Ianto das Praktische. Er würde ihr die Türcodes für das Tourismusbüro und die Garage geben und ihre DNA ins System scannen.

Er legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben, als die Liftplattform in Sicht kam.

Falls Kathy Swanson aufgeregt war, ließ sie sich nichts davon anmerken. Sie stand mit einer Gelassenheit da als mache sie täglich die – zugegeben etwas ruckelnde – Fahrt aus luftiger Höhe. Natürlich war das heute auch nicht ihr erster Besuch im Hub, wenn auch der erste nicht als rein geduldeter Besucher. „Mister Jones!“, rief sie zu ihm hinab, als sie ihn erblickte.

„Willkommen bei Torchwood Drei, Detective Swanson“, begrüßte Ianto sie förmlich und hielt ihr lächelnd die Hand hin, um ihr galant den letzten Schritt vom Lift auf den Boden zu helfen.

„Was? Ich brauche keine Tagesparole?“, meinte Kathy lachend. „Welche Art von Supergeheimer Organisation ist das?“

„So förmlich geht es hier nicht zu.“ Er sah, dass sie seinem Wunsch entsprach und keine Waffe trug. Sie war ein „Licenced Officer“, hatte also die Erlaubnis und Ausbildung zum Tragen und Benutzen einer Schusswaffe, aber Torchwood hatte seine eigenen Vorschriften und dazu gehörte, dass niemand außer einem Torchwood-Agenten im Hub bewaffnet war. Ianto hatte ihr eine ausführliche eMail geschickt, um sie auf das Probetraining vorzubereiten.

„Hallo, Kathy“, begrüßte er sie warm. Über die Koordination des Trainings von Streifenbeamten und ihrer engeren Zusammenarbeit mit der Polizei mit Kathy, die als Liaison zwischen Torchwood und der Heddlu De Cymru, der  South Wales Police, diente, hatten sie sich angefreundet. Swanson hatte sich dafür extra in das Distrikthauptquartier, die Cardiff Bay Police Station versetzen lassen, um den Liaisonposten zu übernehmen. Natürlich hatte es auch nicht gerade von Anwärtern gewimmelt…

Jack wurde von einem Anruf daran gehindert, sie selbst zu empfangen und eilte jetzt aus dem Büro. Er stoppte praktisch mitten im Schritt, als Swanson Ianto umarmte und ihn auf die Wange küsste. Hallo! Hatte er da etwas verpasst? "Ka... Detective Swanson“, verbesserte er sich, als ihn ein kühler Blick traf.

„Das hier gibt dem Ausdruck "Man Cave" übrigens eine ganz neue Bedeutung“, meinte Kathy trocken, als sie Jacks Hand schüttelte.

„Willkommen zur Testwoche.“ Jack drehte den Charme ein wenig hoch und zog ihre Hand zu einem Handkuss an die Lippen. Wäre doch gelacht, wenn er nicht…

Kathy zog ihre Hand weg, und verpasste ihm einen kalten Blick, aber keine Umarmung oder gar einen Begrüßungskuss wie für Ianto. „Gehen wir an die Arbeit“, sagte sie trocken. „Wenn ich schon sonntags arbeite, dann bitte ohne überflüssiges Geschwätz.“

Ianto versteckte sein Lachen hinter einem Räuspern als Jack ihn irritiert ansah. „Ich denke, ich übernehme das dann ab hier, Sir?“ Er ließ es wie eine Frage klingen.

„Ja, sicher.“ Jack verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ohnehin noch etwas Wichtiges zu tun. Es wartet Arbeit auf meinem Schreibtisch.“ Er nickte den beiden zu und ging auf sein Büro zu.

Leider verdarb ihm Rhearns Auftauchen an der Tür – in ihrem Entchen-Schlafanzug und mit ihrem Lieblings-Kuscheltier unter dem Arm, verschlafen nach ihrem desertierten Daddy suchend – den dramatischen Abgang ein wenig.

Kathy lachte leise, als Jack einen kleinen Spurt einlegte, um seine Tochter auf den Arm zu nehmen, bevor sie auf Erkundungstour gehen konnte. „Sie hat ihn fest um den kleinen Finger gewickelt, oder?“

„Sie hat uns alle um den Finger gewickelt“, bestätigte Ianto lächelnd und winkte, als Rhearn schläfrig über Jacks Schulter in ihre Richtung spähte. „Sie sollte eigentlich noch schlafen, aber sie ist kaum zu halten, wenn ihre Neugier durchbricht. Glücklicherweise ist sie noch nicht so groß, dass sie alle Türklinken erreicht.“ Er wandte sich Kathy zu. „Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee, bevor wir dich ins System scannen? Dann kannst du auch den normalen Eingang oben über das Büro der Touristeninformation benutzen.“ Er wies in Richtung Kaffeeküche

„Oh, großartig!“ Kathy folgte ihm. „Benutzt ihr dieses Ding eigentlich um Leute abzuschrecken?“

„Es hätte schlimmer sein können. Wir haben mal nachts eine Wiederholung der alten Batman-Serie gesehen und Jack überlegte, ob wir nicht auch solche Rutschstangen einbauen sollten.“ Ianto sah sie über die Schulter an und zwinkerte.

„Du nimmst mich auf den Arm“, erwiderte Kathy.

„Das würde ich mir niemals mit einem Mitglied der Ordnungsmacht erlauben.“ Ianto holte eine Tasse aus dem Schrank über dem Spülbecken.

„Ich weiß das Torchwood… nennen wir es unkonventionell… ist. Auch abgesehen von Captain Harkness‘ Führungsstil.“ Kathy musterte die chromglänzende Kaffeemaschine, in der sich ihr Gesicht spiegelte. „Aber ehrlich, wie funktioniert das mit einem Kleinkind?“

„Ehrlich?“ Ianto füllte Wasser in der Maschine nach. „Mit einer Menge Kompromisse. Einer davon ist, dass ich die meiste Zeit hier im Hub verbringe – Touristeninfo, Organisation, Archiv und das Füttern der Raubtiere schaffe ich auch mit einem Auge auf Rhearn.“ Er lächelte. „Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, ich muss sie dazu anbinden, seit sie laufen kann.“

„Hat seine Hoheit das so bestimmt?“ Kathy deutete mit dem Kopf in Richtung Büro. „Das klingt nämlich nicht so richtig nach einem Kompromiss, eher danach dass du die komplette Arbeit mit ihr hast.“

Ianto stoppte einen Moment mit der Kaffeezubereitung und sah sie an. „Torchwood hat… Torchwood Drei, um genau zu sein… hatte in der Vergangenheit ein hohe Sterblichkeitsrate. Und ich habe festgestellt, dass es mir wichtiger ist, meine Tochter aufwachsen zu sehen, als im Feld zu arbeiten.“ Er stellte die Tasse in die Maschine. „Es ist nicht so, dass ich nur mit Babysitten beschäftigt bin, es gibt hier im Hub wirklich mehr als genug zu tun. Aber wir teilen uns die Arbeit mit ihr, so gut es geht. Wir versuchen jede freie Minute gemeinsam mit Rhearn zu verbringen. Und wir haben versucht, alle Vorkehrungen zu treffen. In Jacks Büro und oben in der Touristeninfo darf sie sich frei bewegen, dort hat sie ihre Spielecken und einen Schlafplatz. Wenn wir wirklich beide benötigt werden, dann springt jemand aus dem Team ein und passt auf sie auf – im Extremfall auch Rhys, Gwens Mann. Er sieht es als Übung an, für ihr eigenes Kind.“

„Ich bin noch nicht ganz sicher, wie ich es einen ganzen Tag in dieser Höhle aushalten soll“, murrte Kathy. „Aber ich nehme an, man gewöhnt sich daran.“ Sie nahm die Tasse, die Ianto ihr reichte. „Das bringt mich zu einer Frage, auf die mir bisher noch niemand so recht eine eindeutige Antwort gegeben hat. Ist die Kleine nun deine Tochter oder Jacks?“

„Sie ist unsere Tochter.“ Ianto holte Jacks blaugestreifte Tasse (beziehungsweise ihre xte Reinkarnation) aus dem Schrank und stellte sie in die Maschine.

„Ja, natürlich. Aber in biologischer Hinsicht.“ Sie lachte. „Ich weiß, es gibt seit Jahren dieses Gerücht, dass einer der forensischen Techniker Harkness an einem Tatort hat sagen hören, dass er schon mal schwanger gewesen wäre, aber das war ja wohl ein Scherz.“

„Kathy – mein Kaffee ist im Allgemeinen zu gut, um mit Retcon versetzt zu werden, also würde ich diese Unterhaltung gerne auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.“ Ianto füllte eine Kindertasse mit Milch und stellte sie in die Mikrowelle.

„Das verstehe ich nicht. Ist es ein Geheimnis?“, fragte Kathy. „Oh, hatte ihre Mutter auch mit Torchwood zu tun? Oder ist sie aus dem Rift gefallen, wie die Weevil?“

Ianto holte die warme Milch aus der Mikrowelle und rührte Kakaopulver hinein. „Nein, Rhearn ist nicht aus dem Rift gefallen.“ Er stellte beide Tassen auf ein Tablett und holte eine mit Blumen bedruckte Plastikdose aus dem Kühlschrank. „Es ist eine längere Geschichte wie Jack und ich zu einer Tochter gekommen sind.“ Er nahm das Tablett hoch. „Ich bringe ihr das rasch, sie ist immer hungrig wenn sie nach ihrem Mittagsschlaf aufwacht.“

Kathy sah ihm nach. Okay, das war eine ausweichende Antwort gewesen, wenn sie je eine gehört hatte. Vielleicht hatte sie mehr Glück bei einem der anderen Teammitglieder. Sie sah sich unbehaglich um. Wo war der Rest des Teams? Cooper befand sich vermutlich in einer Art Mutterschutz – angesichts der Tatsache, dass er selbst ein Kind hatte, musste Harkness Regelungen dafür haben – aber sie konnte sonst niemand sehen. Die Arbeitsstationen unterhalb der Kaffeenische waren unbesetzt.

Sie wandte sich um und zuckte zusammen, als sie sich unvermittelt Ianto gegenüber fand. „Ianto! Ich habe dich nicht zurückkommen hören.“

„Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Ianto hielt das leere Tablett hoch. „Jack redet auch immer davon, mir eine Glocke umzuhängen, aber ich denke es ist eher die Idee mir ein Halsband anzulegen, die ihm gefällt.“

Ein wenig verlegen nippte Kathy an ihrem Kaffee. „Wow. Das ist wirklich, wirklich guter Kaffee. Wenn du den im Hauptquartier anbieten würdest, könntest du dich vor Heiratsanträgen nicht retten.“

„Danke.“ Ianto schnitt eine Grimasse und trocknete sich die Hände ab. „Davon habe ich bereits alle, die ich brauche.“ Er hängte das Handtuch an seinen Haken. „Gehen wir an meinem Schreibtisch und erledigen die Formalitäten?“

Kathy folgte ihm. „Tut mir leid, aber Harkness ist der letzte, bei dem ich mir vorstellen kann, dass er einen Heiratsantrag macht. So wie er mit allem flirtet, das atmet.“

„Aber genau das ist der Punkt: er flirtet nur.“ Ianto zog die Tastatur zu sich herüber. „Okay, du wirst sehen, in Sachen Papierkram unterscheiden wir uns nicht so sehr. Fangen wir mit deinem vollen Namen an…“


###


Der Papierkram war erledigt und Ianto gab Kathy einen Überblick über die im Hub verwendeten Systeme – die genaue Einweisung würde sie von Tosh erhalten, schließlich kannte sie niemand besser als die Computerexpertin.

Im Anschluss zeigte er ihr die Archive und beendete dann ihren Rundgang in der Waffenkammer.

Kathy musterte gerade neugierig ein Schwert, das aussah als gehöre es in ein Museum, eine Mittelalter-Ausstellung oder aber in eine Folge von „Merlin“, als Jack im Türrahmen auftauchte.

Offenbar war Rhearns Mittagsschlaf vorbei, denn statt des Schlafanzuges trug sie jetzt Minijeans, ein warmes rotes Sweatshirt gegen die Kühle im Hub und ihre pinkfarbenen Turnschuhe mit den blinkenden Absätzen.

„Nun?“, fragte er. „Haben Sie schon etwas gefunden, dass Ihnen zusagt, Detective Swanson? Wenn nicht, zeige ich Ihnen gerne ein paar Stücke näher und wir...“

Ianto rollte mit den Augen und trat zu Jack, um Rhearn entgegen zu nehmen, die sich zufrieden an ihn kuschelte und neugierig Kathy musterte. „Ignorieren wir einfach das Gegockel deines Vaters, cariad“, flüsterte er ihr auf walisisch zu. Umso besser, dass sie ihn nicht verstand. „Wir haben uns gerade über die Verwendung von Hartgummi-Geschosse unterhalten, Jack.“

„Wozu? Weevils stoppen wir damit nicht.“ Jack befingerte eine der Laserwaffen, die martialisch aussahen, aber nur harmlose Lichtblitze abfeuerten. Der Sauerstoff in ihrer Atmosphäre machte sie praktisch nutzlos.


Sie hatten sie verwendet um Laser Tag zu spielen und dafür ein paar von Owens medizinischen Sensoren mit Hilfe von Jacks Wriststrap umprogrammiert, damit sie die Treffer registrierten. Der Arzt war überzeugt gewesen, seine Erfahrung mit Computerspielen garantiere ihm den Sieg und hatte mit Jack darauf gewettet. Gwen hatte sich ihnen angeschlossen und – Überraschung! – darauf gewettet, dass Jack gewann. Andy, damals noch ganz neu im Team, schloss sich unter Owens Schmähreden Gwens Meinung an. Ianto ließ sich trotz der Frotzeleien der anderen nicht zum Wetten überreden und niemand fragte Tosh, weil alle annahmen, sie würde wieder nur den Schiedsrichter spielen. Das tat sie aber nicht. Sie mischte mit und gewann haushoch. Es war ein ziemlicher Schock für alle außer Ianto, der sich mit ihr regelmäßig auf dem Schießstand maß und wusste, wie präzise sie selbst im Dunkeln schoss. (Und dass sie zu den Menschen mit ausgeprägter Nachtsichtigkeit gehörte.) Owen musste eine bittere Niederlage einstecken und feststellen, dass es nicht ausreichte, mit dem Joystick der Spielkonsole herum zu ballern. Gwen war schockiert, dass sie schlechter als Andy abschnitt, der als Streifenpolizist ebenfalls keine Waffenausbildung hatte und erst bei Torchwood unter Iantos Aufsicht (Jack machte ihn nervös) sein Waffentraining absolvierte. Ianto war mit seinem dritten Rang zufrieden – hinter Jack, der nur deshalb auf dem zweiten Rang landete weil er sich so leicht ablenken ließ. Ianto hatte tatsächlich in der dunklen Lagerhalle, in der sie spielten, mehr damit zu tun, Jacks Händen als seinem Lasertag zu entkommen. (Und musste zum Trost versprechen, dass sie das ganze nackt und in kleinerem Rahmen wiederholten – immer nur nackt Verstecken-Spielen wurde schließlich auch irgendwann langweilig…)


„Die Polizei testet sie gerade“, warf Ianto erklärend ein, der sich denken konnte, woher der abwesende Ausdruck in Jacks Augen kam. Er lächelte unverbindlich, als Jack zuerst auf die Laserwaffe, dann auf sich und auf ihn zeigte und ein Fragezeichen in die Luft malte.

Jack legte sie zurück an ihren Platz, als Rhearn ungeduldig wurde und auch nach dem hübsch glitzernden Ding greifen wollte, dass ihr Daddy in den Händen hielt. Er trat zu Ianto und tippte mit der Fingerkuppe Rhearn auf die Nasenspitze. „Du, mein Schatz, bist definitiv noch zu klein für so was.“

„Das will ich hoffen“, erwiderte Kathy trocken. Sie folgte den beiden nach draußen und sah zu, wie Jack die Waffenkammer abschloss. Dann räusperte sie sich. „Ist diese Abneigung gegen die Polizei eigentlich eine Torchwood-Tradition, oder eine persönliche Sache?“

Jack wandte sich ihr zu und Ianto machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, als er sah, dass Jacks Augen den leeren Ausdruck angenommen hatten, der das Aufflackern böser Erinnerungen ankündete. „Torchwood und die Polizei haben eine lange, gemeinsame Tradition“, sagte er, seine Stimme sehr leise, fast untypisch emotionslos. „Es werden also gerade Hartgummi-Geschosse getestet, ja? Neunzehnhundertzweiundfünfzig hat die Polizei in London einen neuen Munitionstyp getestet, es wurde geplant, bewaffnete Polizeistreifen einzuführen, weil Überfälle überhandnahmen, bei denen die Verbrecher meist mit alten Waffen aus Kriegszeiten ausgestattet waren. Torchwood schickte einen Agenten zu den Tests. Nicht als Berater oder Beobachter. Als Versuchsperson.“

„Jack“, warf Ianto leise ein. Rhearn begann unruhig zu werden und zerrte an seinem Jackett. „Willst du das wirklich hier und jetzt besprechen?“ Kathy Swanson wusste nichts von Jacks… Fähigkeit… und eigentlich hatten sie es ihr langsam beibringen wollen, für den Fall dass ihre Zusammenarbeit auch über diese Probezeit hinaus stattfinden würde. Natürlich gab es gewisse höhere Organe der Polizei, die über Torchwood Bescheid wussten und sicherlich gab es auch die eine oder andere streng vertrauliche Akte, die sich mit Captain Jack Harkness beschäftigte, aber als Detective würde sie keinen Zugriff darauf haben.

„Was heißt, als Versuchsperson?“, fragte Kathy scharf. „Und 1952? Was hat das heute noch mit…“

„Sie haben mich geschickt. Mich“, unterbrach Jack sie wütend. „Und sie haben ihre Munition an mir getestet, weil sie ein „menschenähnliches Ziel“ haben wollten. Ich habe noch mehr als genug Beispiele für die wundervolle Zusammenarbeit von Torchwood mit der Polizei, aber wenn ich die alle aufzähle, dann müssen Ianto und ich unseren Urlaub um eine Woche verschieben.“

„Jack!“ Iantos Ton war scharf genug, dass ihn alle drei überrascht ansahen. Er drückte eine zappelnde Rhearn in die Arme ihres Vaters. „Ich glaube das ist genug“, setzte er ruhig hinzu. „Du machst Rhearn noch Angst.“

Jack blinzelte einmal, dann küsste er seine Tochter auf die Stirn, Ianto dabei ansehend. „Entschuldige, baban.“

„Wieso geht ihr beide nicht und schnappt ein wenig frische Luft; ich bin sicher, Rhearn hat schon lange nicht mehr die Möwen gefüttert.“ Ianto deutete in Richtung Rolltor. „Kathy und ich setzen unseren kleinen Rundgang fort, bis Tosh und Owen kommen.“

„Okay.“ Jack zupfte Rhearns Sweatshirt zurecht. „Möchtest du Möwen füttern gehen, mein Schatz?“

Die Möwen von Mermaid Quay konnten zwar den Enten im Park nicht den Rang ablaufen, aber Rhearn nickte trotzdem, verunsichert von ihrem Daddy zu Tad sehend und dann zurück zu Dada. Er war immer noch laut. Innen drin.

Als Jack mit ihr wegging, wandte sich Kathy an Ianto. „Ich verstehe nicht“, sagte sie mit spröder Stimme. „Will er mir weismachen, dass er schon 1952 für Torchwood gearbeitet hat? Wie alt ist er? Vierzig?“

„Er versucht nicht älter als fünfunddreißig zu sein.“ Ianto deutete auf seinen Schreibtisch. „Vielleicht setzen wir uns erst einmal und dann versuche ich das zu erklären?“ Er führte sie an seine Arbeitsstation und wartete, bis Kathy saß. Dann holte er tief Luft. „Jack arbeitet seit über einhundert Jahren für Torchwood.“ Er hob die Hand, als Kathy ihn unterbrechen wollte. „Bitte. Lass mich das zuerst erzählen, und dann versuche ich deine Fragen zu beantworten. So gut ich es kann. Jack wurde nicht auf der Erde geboren. Er kommt aus dem 51sten Jahrhundert und ist ein Zeitreisender, der 1869 hier gestrandet ist…“


###


Ianto blinzelte ein paar Mal bis sich seine Augen an das helle Sonnenlicht draußen gewöhnt hatten, als er eine gute Stunde später aus dem Schatten des Tourismusbüros trat. Es war Sonntag und das Pier voll mit Leuten, die das gute Wetter genossen.

Er hatte Kathy mit mehr Koffein und dem inzwischen eingetroffenen Andy zur Gesellschaft zurückgelassen. Im Moment schien sie nicht sicher zu sein, was – oder ob überhaupt irgendetwas – sie von dem glaubte, was er ihr erzählt hatte. Und dabei hatte er Jacks „Unsterblichkeit“ noch ausgeklammert. Nun, so oder so war sie gezwungen alles was sie heute erfahren hatte, für sich zu behalten.

Obwohl er sich in etwa vorstellen konnte, wohin Jack und Rhearn gegangen waren, brauchte er fast zehn Minuten, bis er sie fand. Wie es aussah hatten die Möwen einen guten Tag erwischt. Neben Rhearn warfen noch drei andere Kinder Brotstückchen in die Luft – einige der Imbissbuden verkauften sie inzwischen extra an Touristen. Jack unterhielt sich mit zwei Frauen, entspannt gegen die Brüstung lehnend.

Rhearn sah ihn als Erste, sie ließ die Tüte mit dem Brot fallen und lief zu ihm hin, um seine Beine zu umarmen. Ianto ging vor ihr in die Hocke und zog ein Taschentuch aus seinem Jackett, um angetrocknete Eiscreme von ihrer Wange zu wischen. „Hey, habt ihr Spaß?“, fragte er lächelnd. „Sind die Möwen sehr hungrig?“

Sie nickte strahlend und zog ungeduldig an seinem Ärmel. Also stand er auf, nahm ihre kleine, klebrige Hand in seine und ließ sich von ihr zu Jack ziehen, der gerade seine Worte mit weitausschweifenden Gesten untermalte. Offenbar war er bei einer Pointe angelangt, sein Publikum lachte. Dann sah er auf und sein Lächeln wurde wärmer, intimer. „Hey. Darf ich vorstellen, das ist meine bessere Hälfte, Rhearns Vater.“

Ianto nickte grüßend und stellte sich neben Jack, der locker einen Arm um seine Taille legte. „Hallo. Tut mir leid zu stören, aber er wird wieder bei der Arbeit gebraucht. Wir warten auf dich.“

„Ihr müsst beide an einem Sonntag arbeiten?“, fragte die eine der Frauen, sie trug eine auffallende, rote Sonnenbrille und hatte glatte, kurze schwarze Haare. Sie zeigte in einem Spaghettitop und Short sehr viel braune Haut, die genau wie ihr Akzent verriet, dass sie vermutlich nur zu Besuch in Cardiff war. Oder gerade aus dem Urlaub kam. „Wie schade.“

Die andere Frau trug einen weiten geblümten Rock und ein T-Shirt. Ihre Haut war so blass wie Iantos, und sie hatte lange, rötliche Haare, die in einem dicken Zopf auf ihren Rücken fielen. „Vor allem für die Kleine.“ Sie lachte. „Ich habe noch nie ein Kind gesehen, dass so wild darauf ist, Möwen zu füttern. Sie ist sogar los und hat aufgelesen, was den anderen runtergefallen ist.“

„Normalerweise sind es die Enten im Park.“ Ianto hob Rhearn hoch, die an seinem Ärmel zupfte, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Ja, leider müssen wir gelegentlich auch am Sonntag arbeiten. Und wir sollten jetzt wirklich zurück.“

Nach ein paar Abschiedsworten riefen die beiden Frauen ihre jeweiligen Kinder zu sich und gingen weiter.

„Du hättest mich anrufen können, dann wäre ich zurückgekommen“, meinte Jack, als sie langsam zurück zum Hub schlenderten, mit halbem Ohr auf Rhearns Geplapper über Möwen und Eiscreme lauschend.

„Vielleicht wollte ich auch ein wenig frische Luft schnappen?“ Ianto rieb über die Wange seiner Tochter. „Wir hätten dich besser eincremen müssen, cariad“, murmelte er. „Nicht, dass du noch einen Sonnenbrand bekommst.“

„Alles okay mit Detective Swanson?“, fragte Jack, als sie die silberne Skulptur erreichten.

„Ich denke sie wird es überstehen“, meinte Ianto trocken. „Obwohl ich denke, dass du ihr immer noch nicht sehr viel sympathischer bist.“ Er lächelte, als er sich Jack zuwandte. „Irgendwie funktioniert das mit deinem Charme nicht bei ihr.“

Jack ging jedoch nicht darauf ein. Er nahm seine Sonnenbrille ab und verstaute sie in der Brusttasche seines Hemdes. Seine Finger spielten mit den Locken in Rhearns Nacken. „Was… genau… hast du ihr erzählt?“

„Das du älter bist als du aussiehst. Dass du nicht hier geboren bist und aus der Zukunft stammst – und das Torchwood dich in der Vergangenheit sehr schlecht behandelt hat. Und das du dir mehr Mühe geben wirst, sie nicht mit allen Polizisten über einen Kamm zu scheren.“

„Nichts über meine…“ Jack machte eine vage Handgeste.

„Ich dachte das wäre für einen Tag genug.“ Ianto sah ihn an. Er streckte die Hand aus und zeichnete eine Linie an Jacks Knopfleiste entlang. „Ich weiß, dass du sie im Grunde magst, sonst hättest du nie zugelassen, dass sie unsere Liaison mit der Polizei wird. Und deine schlechten Erfahrungen haben dich nicht davon abgehalten, Gwen oder Andy einzustellen.“

„Dada?“, fragte Rhearn und griff nach Jacks Hosenträger, also gab Ianto sie zu ihm zurück. Rhearn schlang beide Arme um Jacks Nacken und presste ihr Gesicht gegen seinen Hals.

„Sssch. Alles okay, Baban.“ Jack küsste sie auf die Schläfe. „Ich werde mich bei ihr entschuldigen. Später.“ Sie gingen auf das Büro zu. „Du hast recht. Es ist nicht die Polizei oder Detective Swanson“, meinte er, als Ianto den Zugangscode eingab und automatisch das schief hängende „Geschlossen“-Schild gerade rückte.

„Es ist seine Schuld“, entgegnete Ianto spröde und wischte ein paar Staubflocken von der Schreibtischfläche, nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. Gwen hatte Zeitschriften und die leere Verpackung eines Schokoriegels liegen lassen. „Die Schuld deines Doctors. Er taucht einfach auf, knallt uns die Neuigkeit vor den Latz dass die Erde knapp an einer kaum vorstellbaren Katastrophe vorbei geschrammt ist und weckt alle diese schlimmen Erinnerungen bei dir, nur um dann wieder zu verschwinden. Er war noch nicht wieder hier, oder?“

„Vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen“, meinte Jack und setzte Rhearn in ihrer Spielecke ab. Sie öffnete den Deckel der Spielzeugkiste und begann darin nach etwas zu suchen. „Das passiert oft. Es gibt so viele, die seine Hilfe brauchen.“

Ianto zog einen Staubwedel aus der untersten Schublade und machte erst einmal den Staubflocken auf der Schreibfläche den Garaus. Das Saubermachen verfehlte seine übliche beruhigende Wirkung.

„Hey.“ Jack trat zu ihm und legte die Arme von hinten um ihn, zog Ianto an sich zurück. „Er ist nur der Bote. Der Doctor ist hier nicht der Feind.“ Er küsste die Seite von Iantos Hals und stützte das Kinn auf seine Schulter.

Ianto ließ den Staubwedel fallen, drehte sich um und legte eine Hand an die Seite von Jacks Gesicht, seine Stirn gegen die des älteren Mannes pressend. „Ich hasse das. Ich sehe, dass du immer wieder daran denkst – und du leidest darunter und ich kann nichts dagegen tun.“

„Du musst nichts tun.“ Jack küsste ihn. „Du musst einfach nur weiter bei mir bleiben. Du und Rhearn. Solange ich euch beide bei mir habe, kann ich alles ertragen, okay?“ Er wartete, bis Ianto nickte, nahm die Hand des Jüngeren in seine, spielte mit seinen Fingern. „Und es sind nur Erinnerungen. Sie können mir nicht wirklich schaden.“ Er küsste Iantos Handfläche, lächelte. „Aber ich habe auch nichts dagegen, wenn du mir hilfst, neue und bessere Erinnerungen zu machen.“ Dieses Mal küsste er Ianto auf den Mund – doch der Kuss wurde abrupt unterbrochen, als Rhearn versuchte, sich zwischen sie zu drängeln.

Lachend nahm Jack sie auf den Arm, so dass sie zwischen ihnen war und Rhearn hielt ihm so schwungvoll ein Kuscheltier hin, dass es ihm praktisch ins Auge schlug. Er nahm es und betrachtete den Pinguin. „Für mich?“, fragte er und Rhearn nickte eifrig. „Danke, Baban.“

„Ich denke sie will dich trösten“, meinte Ianto erstaunt.

Jack küsste sie auf die Stirn und sah seinen Partner an. „Manchmal ist sie mir fast unheimlich. Sie ist sicher erst zwei Jahre alt?“

„Frühreif. Warum bin ich nicht überrascht“, murmelte Ianto und drückte auf den Knopf, der die Verkleidung zum Lift zurückgleiten ließ.

Kathy kam auf sie zu, als sie kurz darauf aus dem Lift stiegen. Sie räusperte sich und verschränkte dann die Arme vor der Brust. „Das wird ja auch langsam Zeit, Harkness“, sagte sie trocken. „Ich hatte eben einen Anruf von einem Kollegen, die Spielzeit ist vorbei. Offenbar sind Meldungen über die Sichtung eines…“ Sie holte tief Luft. „…eines Dinosauriers… eingegangen.“

„Sagten sie, ob es sich um einen kleinen oder großen Dinosaurier handelt?“, fragte Ianto sachlich, bereits halb auf dem Weg zu Jacks Büro. „Im SUV sind nur die mittleren und kleinen Dinosauriernetze.“

„Bitte?“ Kathy sah ihm fassungslos nach.

Ianto war keine Minute später mit Jacks Mantel, der Webley und zwei Bluethooth-Ohrhörern zurück. Er tauschte Rhearn gegen den Mantel und die Webley ein.

„Hey, vielleicht ist es ein Freund für Myfanwy“, meinte Jack, während er das Holster umschnallte, bereits zurück in der Rolle des Captains.

„Ein Dinosaurier“, wiederholte Kathy. „Das ist doch wohl ein Scherz.“

„Oh nein! Nein, Jack. Auf keinen Fall, wir behalten ihn nicht!“ Ianto nahm sein Earpiece aus der Tasche und befestigte es in seinem Ohr. „Egal wie niedlich er aussieht, wir haben keinen Platz, verstanden?“

„Spielverderber“, erwiderte Jack grinsend, und küsste Rhearn auf die Wange.

„Hast du nicht was vergessen?“, kam es trocken von Ianto.

Kathy schüttelte den Kopf, nahm jedoch den zweiten Ohrhörer, den Ianto ihr reichte. „Ein Dinosaurier, wirklich. Ist euch nichts eingefallen, das noch lächerlicher ist, um die Neue zu veralbern?“

Jack kam zurück und küsste Ianto – der mit unschuldiger Miene den Pinguin in Jacks Manteltasche schob.

„Ianto, ruf Owen und Tosh an, ob sie schon unterwegs sind. Und sag ihnen dass sie nicht erst hierher kommen sollen, sondern mich gleich dort treffen. Die Koordinaten…“

„Schicke ich dir aufs SatNav“, beendete der Waliser ruhig den Satz.

Kathy schien es aufgegeben zu haben, weiter zu protestieren. Sie folgte Jack einfach.

Der Captain stoppte vor dem Durchgang zur Garage. „Und Ianto - wenn wir zurück sind, zeig ihr unbedingt das Torchwood-Handbuch.“ Er wandte sich um. „Nach Ihnen, Detective Swanson.“ Jack deutete eine Verbeugung an.

Ianto sah Rhearn an, als die beiden im angrenzenden Korridor verschwanden. „Es war zu viel gewesen zu erwarten, dass wir einen ruhigen Nachmittag verbringen, nicht wahr?“ Er nahm sie mit an seine Arbeitsstation und setzte sie auf einen Stuhl. „Tad muss einen Moment arbeiten, mein Schatz“, sagte er zu ihr, während er die Polizeimeldungen aufrief und die Koordinaten an den Wagen schickte, damit Jack wusste, wo er hin musste. Dann zog er sein Handy aus der Tasche, um Tosh und Owen die frohe Kunde mitzuteilen.

Was gab es schon besseres, als an einem sonnigen Sonntagnachmittag Dinosaurier in Cardiff zu jagen…




Ende
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