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Eide

von ashtrails
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
02.02.2011
02.02.2011
5
4.668
 
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Narben


Zwanzig Jahre Kämpfen beschert einem viele Verletzungen und mindestens genausoviele Narben, das ist mal sicher.
Ich beklage mich nicht. Schmerz zu spüren heißt, man ist am Leben. Narben bedeuten, man hat etwas gelernt und kann es mit Stolz oder Scham immer noch erzählen.
Es hat einen Grund, warum ich Korporal in der Infanterie geworden bin und kein Feldscher.
Ich kann eine schlimme Blutung stoppen, ein gebrochenen Knochen richten und weiß wie ich Schlachtfeldfieber vermeide. Aber viele kleine Wunden, Schürfungen und Blessuren vernünftig -am Ende sogar mit Kräutern- versorgen, übersteigt meine bescheidenen Fähigkeiten.
Larric war mir dabei auch keine große Hilfe, also musste ich das Stechen und Brennen auf unserem Marsch ertragen.
"Wir brauchen Vorräte." Der Rekrut wies mich auf ein bekanntes Problem hin.
Unsere wenigen Marschrationen waren verbraucht oder durch das Flusswasser unbrauchbar geworden.
"Im nächsten Dorf, Junge. Wir behaupten einfach, wir seien versprengt worden und wären nun auf dem Weg nach Gareth." Ich war nicht stolz, aber fest entschlossen diesen Weg zu Ende zu gehen. "Kriegshelden wird man sicher keine Mahlzeit verwehren."
Der Schmiedesohn, dem der Schlaf wahrlich gut getan hatte -sah er doch schon viel weniger aus als eine der wandelnden Leichen- runzelte die Stirn. "Nun sind wir also auch noch Lügner? Reicht es nicht, dass wir Verräter sind?"
Ich knurrte, aber er konnte schon nicht mehr auf die Warnung reagieren.
Flink wie Silber waren meine achteinhalb Spann Sehnen und Muskeln bei dem jüngeren Soldaten. Ich packte ihn am Kettenhemd und stieß ihn hart gegen eine knorrige Eiche.
Manchmal staune ich selbst, zu was mein Körper bei Zeiten im Stande ist.
"Hör zu, Bursche! Hör genau zu!" fuhr ich ihn an und brachte mein zorniges Gesicht ganz nahe an seines. "Ich habe dich nicht mitgenommen, weil ich ein verfluchtes Gewissen brauche! Das liegt zusammen mit meinen Männern, meinen Freunden und meinem Glauben in der Asche und dem Blut des Mythraelfeldes!"
Wütend und angewidert, von ihm und mir gleicher Maßen, stieß ich den jungen Soldaten von mir. Mich entsetzt, furchtsam anblickend nickte dieser nur und hob den Schild auf, der im matschigen Erdreich steckte, weil er ihm zuvor aus der Hand gerutscht war.
"Ich habe dich mitgenommen.", setzte ich erneut ruhiger an, "weil du mich darum gebeten hast, Larric. Weil du ebenso wie ich gesehen hast, dass es keinen Sieg gegen diesen Feind geben kann. Wenn du anders darüber denkst, wenn du glaubst, Gareth wird es anders ergehen als Wehrheim dann, bei den Göttern, geh sobald wir den nächsten Weiler erreicht haben. Ich versuche mein Glück im Süden."
"Verzeihung, Korporal.",  presste Larric hervor. "Ich erinnere mich sehr gut daran, was uns widerfahren ist." Er fuhr sich durch die kurzen blonden Haare bis in den Nacken und verharrte für einen Augenblick dort wo seine Haut gezeichnet war. "Aber es ist ein schwerer Weg den wir hier gehen..."
Ich seufzte und trank einen Schluck aus meiner Feldflasche, mich im Wald umblickend, der von dünnen Schwaden aus Nebel durchzogen war, die nach den Stämmen der Bäume griffen.
Bilder der Schlacht rasten verschwommen vor meinen Augen. Die Schatten der Nephazzim, der endlose Schwarm der körperlosen Dämonen, die die toten beseelten und wie Puppen führten; die sich wie Krähen auf die Leichen stürzten, oder wie Ratten in dünnen schwarzen Schwaden über den geschundenen Boden glitten, auf der Suche nach den Gefallenen.
Ich schüttele den Kopf um wieder klar zu werden, Larrics Blick eine Mischung aus Sorge und Verwunderung.
"Und wir haben ihn uns ausgesucht. Du hattest die Wahl mit den anderen dein Schicksal in Gareth zu finden. An der Seite der wenigen Helden und Verbündeten, die dem sterbenden Reich geblieben sind."
Die Worte rissen sich mit scharfen Klauen von meinen Lippen.
Und wenn ich ehrlich bin, ich hatte sie damals mehr für mich selbst ausgesprochen, als für Larric.
Doch auch ihn schienen sie zu bewegen.
Er folgte mir weiter.
Praios Auge vertrieb den Nebel, aber erst als es schon hinter den Baumkronen versunken war, sahen wir den einladenden Rauch und die warmen Lichter des nächsten Dorfes.
Mein Plan war Wasserdicht. Man würde uns die Geschichte abkaufen, dass wir versprengte Kämpfer auf dem Weg zu einer größeren Kompanie oder gar Gareth selbst waren.
Als wir die getrampelte Straße beinahe bis zum Eingang des Dorfes beschritten hatten, führte sich mir eine Tatsache, die jeder Soldat sehr früh lernt, mit der eisigen Klarheit des Frühlingsabends wieder vor Augen:
Die besten Pläne halten genau bis zum Moment in dem die Schlacht beginnt.
Auch wenn ich nicht behaupten kann Phex sei stets mit mir, so hat er mich doch nie gänzlich fallen lassen.
Wie vieles mich in der kürzlich vergangenen Zeit hat zweifeln lassen, fürchtete ich nun auch um diese gerade Linie in meinem Leben.
Sechs Bewaffnete betraten den Weiler, auf der uns gegenüberliegenden Seite des Dorfes, mit dem schwindenden Sonnenlicht.
Im Schatten der Bäume war nichts genaues auszumachen. Ihre Schwerter, die Helme und ihr zielstrebiger Schritt allerdings ließen darauf schließen, dass es Soldaten waren.
Kein Dorf könnte zum Ende des Winters acht hungrige Soldaten mit Vorräten versorgen.
Ich fluchte und drückte mich genau wie Larric an einen der größeren Bäume nahe der Straße.
Wenn die reichstreu waren, hätten wir noch größere Probleme.
Mein Verstand arbeitete.
Ich würde ganz sicher nicht zurück nach Gareth gehen.
Sich mit sechs unseres Schlages anzulegen wäre auch nicht gerade weise.
Am Rande meiner Wahrnehmung bemerkte ich wie Larrics Gesicht die Farbe von Kreide annahm.
Gerade wollte ich ihn beruhigen, ihm sagen dass mir schon was einfiele, doch dann zog er sein Schwert.
"Hat dich der Wahn gepackt, Junge!?", zischte ich ihn an, doch er zeigte nur mit der Schwertspitze in Richtung Dorf.
Ein vertrauter Anblick.
Doch gewöhnen sollte ich mich nie an ihn.
Erst jetzt, im Schein der Lichter des Weilers, erkannte ich was die Finsternis des Waldes verborgen hatte.
Blanke Knochen und grinsende Schädel, verfaulte Hände mit übermenschlich festem Griff um schartige Waffen, geführt vom Hass auf alles Lebendige.
Die wenigen Menschen die draußen waren, schafften es nicht zu flüchten. Lähmende Furcht ist die schlimmste Waffe im Gefolge der Herrin des Unlebens und der Alpträume.
Ich war vor Gareth und Greifenfurt. An der Ogermauer und bei der dritten Dämonenschlacht.
Man lernt das eine oder andere über die lebenden Toten.
Diese hier waren frei. Ein Zauberer hatte mir den unterschied erklärt.
Sie waren schlauer, geschickter und bösartiger als die wankenden Schocktruppen, die Untote sonst darstellen.
"Durch den Weltenbrand mussten sich viele von den Ketten ihres Meisters gelöst haben und marodierten nun durch das Land." flüsterte ich meine eigenen Gedanken.
"Wir müssen etwas tun!" Larric kam aus ganz ähnlichen Verhältnissen wie diese Dörfler, sein Schmerz über ihr Schicksal war ihm mit jedem Herzschlag deutlicher anzusehen.
Also nickte ich.
"Wir warten und verbergen uns. Wenn sie fertig sind, gehen wir ins Dorf und holen uns Vorräte."
Die Kälte in meiner Stimme überraschte mich selbst.
Dem jüngeren Soldaten wäre fast der Kiefer in den Dreck gefallen, so weit stand sein Maul auf, mich angaffend als hätte ich den Verstand verloren.
"Korporal, wir haben geschworen diese Menschen zu beschützen!",  versuchte er es erneut.
"Nein Larric, das haben ihre Lehnsherren geschworen und du siehst wie sie zu ihrem Wort stehen."
Einige der Bürger hatten sich bewaffnet. Einfache Werkzeuge in den Händen von Männern und Frauen die in ihrem Leben höchstens mal gegen ein wildes Tier kämpfen mussten.
Sie hatten keine Chance.
Larrics Hände krampften sich um Schwert und Schild.
"Wir können doch nicht einfach wegsehen...Ich kann nicht einfach wegsehen!"
Der Junge war ein guter Soldat. Zu gut für sein eigenes Wohl stellte ich fest als er, so schnell er konnte, zum Dorf rannte um sich dem Kampf der Bewohner anzuschließen.
Von den heutigen Narben würde er wahrscheinlich nicht mehr erzählen können.
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