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Begegnung mit dem Schicksal

von Duniarty
GeschichteDrama / P18 / Gen
01.02.2011
01.02.2011
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Ich liebe "Das Bildnis des Dorian Gray". Also habe ich beschlossen, mal eine FF dazu zu schreiben. Im ersten Kapitel schildert Basil seine erste Begegnung mit Dorian Gray. Das zweite wird seine Eindrücke über die veränderungen des Jünglings schildern...bishin zu seiner Entdeckung des Geheimnisses des Portraits, was sein Ende bedeutet.


Begegnung mit dem Schicksal

Vorhin habe ich eine Einladung im Briefkasten gefunden. Sie war von Lady Brandon. Ich hatte diese Frau bisher nur ein einziges Mal gesehen und es verwunderte mich doch sehr, dass sie mich eingeladen hatte. Vielleicht hatte sie eines meiner Werke besonders hinreißend gefunden. Normalerweise mag ich es auch nicht mich in so hoher Gesellschaft aufzuhalten. Aber wir Künstler leben leider davon uns hin und wieder ins Gedächtnis der anderen zu rufen.

Jetzt stand ich hier vor dem Spiegel und prüfte ein letztes Mal mein äußeres Erscheinungsbild. Es war immer ein seltsames Gefühl den Kittel abzulegen, den ich zum Malen trug. Man fühlte sich dann irgendwie nackt und verletzlich, oder besser gesagt unvollständig. Ich seufzte. Der Mann im Spiegel mit seinem schwarzen Haar und den eckigen Gesicht starrte zurück. Es war egal, was ich für Kleidung trug. Ein besonderer Hingucker war ich nie. Ich lebte die Schönheit durch die Kunst. Ich interessierte mich auch nicht für mein Aussehen, jedenfalls nicht dermaßen, dass es mich in Beschlag genommen hätte. Es reicht für mich, wenn ich mich von dem Bettler der Straße abhob. Für mich zählte nur die Kunst in ihren schillernden Facetten. Die Oberflächlichkeit der Menschen dieser Zeit war mir doch sehr zuwider.

Die Zeit schien von der Schönheit dominiert zu sein. Nicht der Schönheit, welche eine reine Seele verströmte, sondern der Schönheit der Dinge. Sachen wie eben Mode, feierliche Empfänge von reichen Damen und Herren. Ich schüttelte den Kopf. Die Gestalt im Spiegel tat es mir gleich. Die Gesellschaft passte sich der dekadenten Zeit an. Dekadent, denn nichts anderes passte darauf. Diese Werte, welche heute zelebriert wurden, waren nichts als Schall und Rauch, waren vergänglich. Niemanden blieb sein jugendliches Antlitz und Geld konnte man so leicht verspielen, wenn man auf das falsche Los setzte. Das neue Bewusstsein für Schönes, was die Menschen umgarnte, brachte den Leichtsinn mit sich.

Wieder schüttele ich den Kopf. Wenn Harry das gehört hätte. Dann hätte er wieder einen seine Vorträge gehalten, dass man das Leben genießen sollte. Die Schönheit genießen. Ja, Harry war so ein Mensch, der dieser schnelllebigen Zeit frönte. Wie furchtbar er doch über die Ehe sprach. Genauso furchtbar wie er über anderes sprach. Manchmal frage ich mich, wieso ich mit ihm befreundet bin. Wahrscheinlich weil wir uns schon so lange kennen. Er wurde ja nicht so geboren wie er nun war. Ein leichter Schauer überkommt mich. Veränderungen hatten immer etwas sehr unangenehmes an sich. Und was Harry betraf, waren dessen Worte blankes Gift. Er war gut darin, Leute zu beeinflussen. Doch bei mir hat er bisher versagt. Ob Harry auch beim Empfang war? Das werde ich dann sehen...

Der Blick auf die Uhr ermahnt mich, dass es langsam Zeit wird loszugehen. Eine Verspätung würde Lady Brandon sicherlich missfallen. Und was das anging, würde mir mein Gewissen mindestens genauso viele Vorwürfe machen wie sie. Ich gehöre nun einmal zu der Sorte Mensch, die sich stets korrekt verhalten. Selbst wenn ich wollte, ich könnte nie jemanden etwas Böses wollen. Darüber machte sich Harry auch immer lustig. Das ist nicht sehr höflich von ihm, aber wie gesagt: Er war nun einmal so wie er war.

Mit schnellen Schritten versuchte ich eine Kutsche zu erreichen, welche mich zum Anwesen meiner Gastgeberin bringen würde. Ich habe Glück, der Kutscher wartet und lässt mich einsteigen. Ich nenne ihm die Adresse und schaue während der Fahrt aus dem Fenster. Häuser, Menschen und Straßen ziehen an mir vorbei. Es ist fast als würde alles unscharf im Regen verschwimmen. Dabei ist es recht mild an diesem Abend. Nur die Dämmerung senkte sich allmählich über die Stadt.

Ich werde bereits erwartet. Noch sind nicht alle Gäste da und ich freue mich nicht der Letzte zu sein. Denn das wäre mir doch wirklich sehr unangenehm. Lady Brandon begrüßt mich überschwänglich, so als würden wir uns schon Ewigkeiten kennen. Sie scheint eine nette Frau zu sein. Ich lasse den Blick durch die Anwesenden gleiten. Alles hohe Persönlichkeiten. Ich komme mir so fehl am Platz vor und setze mich in eine Ecke. Die Gastgeberin begrüßt hier und da neu eintreffende Gäste und verfällt in Plaudereien. Wie gern hätte ich doch den Abend im Atelier verbracht. In meiner gewohnten Umgebung mit meiner Kunst. Der Raum war voll von dieser Art Leuten, wie Lord Henry – ich meine natürlich Harry. Er hätte sicherlich Spaß hier gehabt. Die meiste Zeit hätte er damit verbracht seine grausigen Theorien über das Leben zu verbreiten. Sein Gift.

Als ich nach einer Weile wieder aufblicke fällt mein Blick auf einen jungen Mann. Ich erschrecke fast. Er sieht zu mir. Ich habe ihn noch nie vorher gesehen. Diesen Jüngling mit blonden Locken, Augen blau wie das Meer selbst und diesen rosigen Mund. In dem Moment wird mir klar, dass dieser Jüngling, die Muse des Künstlers war. Nur wenigen begegnete eine Muse im Leben. Und ausgerechnet ich hatte sie gefunden. Dieser junge Mann war das unausgesprochene Ideal aller Schönheit und Kunst. Er strahlte Schönheit und Unschuld aus. Im Gegensatz zu den 'Schönen', die mir sonst begegnet sind, wirkt er schüchtern, wirkt er einfach. Menschlich.

Es dämmert mir, dass diese Person in der Lage war all meine Kunst, mein Können – ja sogar mein Leben, komplett in seinen Bann zu ziehen. Mich abhängig zu machen. Abhängigkeit war mir als Künstler fremd. Doch sein Aussehen forderte einem förmlich auf ihn anzubeten. Nervosität stieg in mir auf. Wenn ich nicht schnell gehen würde, wusste ich, dass dieser Knabe mich voll und ganz einnehmen würde, bis ich mich selbst an ihm und seiner Schönheit verzehrt und mit mir meine ganze Kunst in Flammen aufgehen würde.

Ich versuche also mich zur Tür hinauszustehlen. Schließlich waren mittlerweile so viele Gäste hier, dass mein Verschwinden unbemerkt bleiben würde. Ich hatte die Rechnung nicht mit Lady Brandon gemacht, welche mich an der Tür abfing und mit schriller Stimme alle Aufmerksamkeit auf mich zog. Nein, wie unangenehm. Dann zieht sich mich zu ihren Bekannten, stellt mich jeden mit dem selben Enthusiasmus vor, den sie auch bei der Begrüßung an den Tag gelegt hatte. Und schließlich steh ich hier. Vor dem schönen Blonden. Von der Nähe sah er einem Engel noch ähnlicher.

Als ich merke, dass jegliche weiteren Fluchtversuche scheitern würde, gebe ich mich geschlagen. Nach kurzer Zeit komme ich sogar mit dem Jüngling ins Gespräch. Dorian Gray. Er erzählt mir von sich. Sein Großvater sei Lord Kelso gewesen. Ich höre kaum zu, starre ihn an. Merke langsam, wie mein Geist sich an diese Person band. Dorian war ein ausgesprochen bescheidenen, sympathischer Mensch. Das und sein makelloses Aussehen waren eine bezaubernde Kombination. Er war bezaubernd. Am Ende des Abends hatten wir uns verabredet. Er hatte sich bereit erklärt für mich zu sitzen. Ein neuer Wind würde in meiner Kunst einschlagen. Endlich hatte ich meine Muse gefunden.
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