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to ride the wind (schlechte Medizin)

GeschichteHumor / P6 / Gen
Kwai Chang Caine
31.01.2011
21.02.2011
4
10.579
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31.01.2011 3.153
 
Titel: to ride the wind (schlechte Medizin)
Teil: Teil 1 von 4
Autor: Lady Charena
Fandom: Kung Fu – Das Original
Codes: PG, Humor
Beta: T’Len
Archive: ffp, TOSTwins

Summe: Kann man Regen „machen“? Oder ist alles nur fauler Zauber? Unvermittelt sieht sich Caine einer Herausforderung gegenüber...

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern (Warner Brothers etc.). Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Rechte zu verletzen. Zitate stammen von der engl. DVD-Fassung der Originalserie. Philibert Patterson ist meinem verdrehten Gehirn entsprungen. Ich werde Oldtimer seine Medizin geben und ihn wieder in seinen Käfig stecken, so bald ich ihn erwische. Hat ihn zufällig jemand gesehen?

Alle Stories von mir und von anderen Autoren, sowie noch mehr an Information zu den deutschen Printzines der TOSSisters auf http://tostwins.slashcity.net

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From the crane, we learn grace and self-control.
The snake teaches us suppleness and rhythmic endurance.
The praying mantis teaches us speed and patience.
And from the tiger we learn tenancy and power,
from the dragon to ride the wind.
All creatures, the low and the high, are one with nature.
If we have the wisdom to learn - all may teach us their virtues.
-     Master Kan

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Badgersville – 14 Meilen. Die Schrift auf dem Wegweiser war kaum mehr zu lesen – jemand, der zwar im Besitz von sehr viel weißer Farbe, aber bemerkenswert wenig Talent war, hatte einen Totenkopf mit zwei darunter gekreuzten Knochen darüber geschmiert. Ein... Scherz? Oder eine Warnung?

Eigentlich hatte Caine nicht geplant, die Stadt zu betreten, sein Weg führte in einem Bogen daran vorbei, wie der Fluss, dessen Verlauf er folgte. Doch da war etwas, dass ihn seine Schritte in Richtung Badgersville lenken ließ. Caine rückte den Gurt seiner Tasche, seine Schlafrolle und die Flöte zurecht, schob seinen Hut etwas höher und folgte dem Pfeil auf dem Wegweiser.

* * *

Eine sehr große Ortschaft schien Badgersville nicht zu sein. Zu beiden Seiten der Hauptstraße erstreckten sich vielleicht eine viertel Meile weit Häuser. Ein Lebensmittelladen, ein Saloon, ein Barbier. Das Büro des Sheriffs, eine Schmiede. Bei zwei weiteren Gebäuden waren die Fenster mit Brettern vernagelt. Am anderen Ende erhob sich auf einer kleinen Anhöhe eine Kapelle, an die sich der von einer niederen Mauer umgrenzte Friedhof anschloss.

Das merkwürdige war, dass sich niemand auf der Straße befand. Dadurch ähnelte die Ortschaft einer Geisterstadt. Es waren weder Wagen noch Reittiere zu sehen, nicht einmal ein Hund oder ein Huhn, das im Sand kratzte. Und keine Menschen. Vor der Schmiede, die am Ortseingang lag, standen zwei große Pferdetränken, gefüllt mit Sand und Staub anstelle von Wasser.

Caine sah sich um. Er beschloss, seinen Weg fortzusetzen, als er es zum ersten Mal hörte... ein Geräusch fast wie ein Summen. Er senkte den Kopf, schloss die Augen und lauschte konzentriert. Nun konnte er es deutlicher wahrnehmen – Stimmen, seltsam gedämpft, als würden viele Menschen im Flüsterton miteinander sprechen. Sie kamen aus östlicher Richtung, von irgendwoher hinter der Gebäudefront. Vielleicht waren es die Einwohner von Badgersville?

Neben dem Lebensmittelgeschäft, das auch zugleich eine Poststelle beherbergte, wie ein kleines Schild über dem Eingang kundtat, befand sich ein Brunnen. An der Kette hing kein Eimer und als Caine sich über den Brunnenrand beugte, um hinabzusehen, schlug ihm statt des kühlen, reinen Aromas von Wasser nur dumpfe, muffige Geruch feuchten Steins entgegen. Der Brunnen musste versiegt sein. Was wohl auch die leeren Pferdetränken erklärte.

„Hast du da vielleicht was verloren, Jungchen?“

Caine richtete sich auf und drehte sich um. „Ich wollte nur ein wenig Wasser.“

Hinter ihm stand ein dürrer, zusammengeschrumpelter, alter Mann, schwer auf einen abgenutzten Stock aus dunklem Holz gestützt. Und er richtete eine Waffe auf Caine.

Der Alte kicherte. Es war ein hohes, trockenes Kichern – staubig wie die Straße, auf der sie standen. „Bei Gott, das wollen wir hier alle.“ Er steckte die Waffe in seinen Gürtel zurück und strich sich über seinen wild wie Stacheln nach allen Seiten abstehenden Bart. „Nichts für ungut, Jungchen“, fuhr er mit seiner hohen, brüchigen Stimme fort. „Man kann in diesen Zeiten nicht vorsichtig genug sein.“ Er spuckte aus. „Beobachte dich schon ein gutes Weilchen, Jungchen. Hast dir nicht die beste Zeit ausgesucht, um hierher zu kommen.“

„Ich habe nicht die Absicht, zu bleiben.“

Auch das schien den alten Mann zu amüsieren. Er grinste, spuckte noch einmal aus und schob seinen Hut aus der Stirn. „So?“, meinte er. „Hab’ schon ne’ Menge von euch gelben Burschen kennen gelernt, damals, als ich noch für die Western Union arbeitete.“ Er warf sich in die Brust. „Ich war der beste Koch, der jemals für Bahnarbeiter gekocht hat.“ Er kicherte. „Auch wenn’s meine Missus schwer geärgert hat, dass ich lieber mit den Arbeitern durch die Gegend zog, als bei ihr Zuhause vorm Kaminfeuer zu sitzen und die Farm zu bewirtschaften.“ Er räusperte sich. „Tja, nun liegt sie da, die Missus...“, er wies mit dem Kopf Richtung Kirchhof. „...und nichts kann se mehr ärgern.“

„Bitte... was ist in dieser Stadt passiert?“ Caine wies auf die verlassene Straße. „Warum ist niemand hier?“

Der Alte kicherte wieder. „Sind alle draußen auf Snyders Feld, um sich die Vorstellung anzusehen. Nur der alte Phily nich’.“ Er deutet auf sich. „Das bin ich. Philibert Patterson. Und wie heißt du, Jungchen?“

Caine verbeugte sich. „Man nennt mich Caine.“

„Caine? So, so.“ Der Alte kramte in seinen Taschen und zog schließlich einen Lederbeutel heraus. Er wickelte ein Stück Kautabak aus, steckte es sich in den Mund und biss davon ab. „Hab’ schon ne Menge Chinesen gesehen“, meinte er etwas undeutlich durch einen Mund voll Kautabak. „Aber selten so einen elend mageren wie dich, Jungchen.“

Caine lächelte. „Ich habe schon viele alte Männer gesehen“, sagte er. „Aber selten so einen, der so viel Kautabak auf einmal in den Mund nehmen und dabei noch sprechen kann.“

Phily prustete los und verschluckte sich fast an seinem Tabak. Als er schließlich aufhörte, wie ein fast ausgebrannter Vulkan kleine bräunliche Krümel zu spucken, wischte er sich mit dem Handrücken notdürftig den Wildwuchs in seinem Gesicht sauber. Seine kleinen Äuglein funkelten verschmitzt. „Du gefällst mir, Caine – gefällst mir gut, Jungchen.“ Er winkte ihm, näher zu kommen. „Komm’ mit zu mir, dann bekommst du Wasser. Viel ist es zwar nicht, aber es wird reichen.“

Langsam gingen die beiden die Straße entlang. Phily berichtete von dem Unfall, der ihn beinahe sein Bein gekostet hätte. Für sein steif gebliebenes Knie bezog er eine kleine Rente von der Western Union, die Bewirtschaftung der Farm hatte sein Sohn und dessen Familie übernommen und so war der Alte die meiste Zeit sich selbst überlassen.

Vor einem kleinen, baufälligen Haus blieb Phily stehen. Er blinzelte Caine an. „Sieht nicht mehr besonders vertrauenserweckend aus, was?“, meinte er grinsend. „Aber ich habs mit meinen eigenen Händen gebaut, damals, als ich meine Missus heiraten wollte. Haben die Farm erst übernommen, als ihr älterer Bruder an einem Skorpionstich umkam. Und als sie starb, bin ich hierher zurückgekehrt. Die Mauern sind genauso morsch wie meine alten Knochen, aber sie werden noch stehen, bis ich mich hinlegen geh’, neben meine Missus.“

Caine blickte ihn an. „Es wird bestimmt noch viele Jahre stehen.“

Phily kicherte und schlug ihm auf den Rücken – für einen alten, schwachen Mann erstaunlich kräftig. „Dann mal rein in die gute Stube, Jungchen. Keine Sorge, das einzige, was beißt, sind die Wanzen.“

Ohne Zögern trat Caine in das kühle Halbdunkel des alten Hauses. Phily folgte ihm und warf seinen Hut und Revolver auf einen von Kerben und Brandstellen übersäten Tisch. Abgesehen von zwei Stühlen, einem verbeulten, gusseisernen Ofen, einem Schrank und einem Bett in einer Ecke, gab es keine weitere Einrichtung. „War sowieso nicht geladen, das dumme Ding, Jungchen“, erklärte er. „War schon immer mehr für den Kampf Mann gegen Mann.“ Er stützte sich mit dem Unterarm auf seinen Stock, streckte die geballten Fäuste vor und lachte, bis er husten musste.

Caine sah sich um und entdeckte einen Wasserkrug neben dem Ofen. Rasch füllte er einen irdenen Becher und hielt ihn dem alten Mann an den Mund. Phily hustete und trank, bekam das Wasser in den falschen Hals und hustete noch mehr, was ihn wiederum erneut zum Lachen zu reizen schien. Amüsiert, wenn auch etwas verständnislos, was den alten Mann so erheiterte, beobachtete ihn Caine.

„Hat der alte Phily sich nen’ Babysitter eingehandelt“, kicherte der alte Mann heiser. „Ist schon gut, Jungchen.“ Er ließ sich von Caine auf einen nahen Stuhl drücken. „So schnell bringt mich nichts um.“

Caine musterte ihn. Als er sicher war, dass der alte Mann sich erholt hatte, fragte er: „Sie haben von einer Vorstellung gesprochen?“

Phily verzog das Gesicht. „Ach, so alberner Kram“, meinte er wegwerfend. „Fall mir bloß nicht auf den Schwindel rein, Jungchen. Gestern Abend tauchte so ein merkwürdiger Kerl auf. Hatte ne’ Menge Farbe im Gesicht und ne’ Adlerfeder am Hut. Faselte wirres Zeug über seinen Großvater, der ein berühmter Medizinmann gewesen sein soll. Normalerweise werden Rothäute hier nicht gern gesehen, armseliges Gesindel, aber so wie der Teufel in der Not Fliegen frisst, rennen sie hier diesem Gauner nach“, knurrte er mürrisch. „Allen voran der Dummkopf, der sich mein Sohn schimpft. Die Rothaut kassiert nen` Nickel pro Nase, nennt sich Donnerfalke und behauptet, Regen zu machen – auf Snyders Feld. Da wachsen nicht mal Disteln!“

„Man kann...“ Caine hob die Hand in einer Geste der Ratlosigkeit. „...Regen ’machen’?“

„Medizin, Zauberei, Hokuspokus, irgendwelche Beschwörungen“, erklärte Phily wegwerfend. „Hab mir nicht die Mühe gemacht, hinzuhören.“

„Der Mann ist ein Zauberer?“

„Ein Gauner, Schwindler, Betrüger“, polterte der Alte los. „Wenn der auch nur einen Tropfen indianisches Blut in den Adern hat, müsste sich ja jede Rothaut schämen, die je auf dieser Erdkugel unterwegs war.“ Er hustete noch einmal.

„Aber warum glauben die Menschen dann an ihn?“

„Weil die Dürre schon so lange anhält.“ Phily schüttelte den Kopf. „So was hab ich noch nie erlebt, so alt ich auch bin, Jungchen. War immer ne trockne Gegend hier, aber dieses Jahr fällt nicht ein Tropfen. Der Fluss ist zu weit weg, als dass man dort Wasser holen könnte, war auch nie nötig. Gibt ne Menge Brunnen hier in der Gegend. Und alle staubtrocken.“ Er grinste. „Bis auf den Brunnen vom alten Phily. Bin auf meine alten Tage noch der begehrteste Mann in ganz Badgersville geworden.“ Er murmelte noch etwas vor sich hin und hustete erneut.

Caine sah die tiefen dunklen Schatten unter den Augen des alten Mannes und seine gelbliche Gesichtsfarbe. Vielleicht war Mr. Patterson nicht so gesund, wie er glaubte. Er füllte den Becher mit frischem Wasser und reichte ihn Phily.

Der alte Mann blinzelte ihn unter buschigen Augenbrauen an. „Keine Sorge, Jungchen. Ich brauch’ nur ne kleine Pause. Diese verflixte Hitze...“

Caine legte den Kopf schief. „Ich werde Ihnen noch ein wenig Wasser holen, Mr. Patterson.“

Der Alte lehnte sich gegen die Wand. Er schien geschrumpft zu sein und sein Atem rasselte laut. „Die Pumpe ist im Keller. Da, durch die Luke geht es runter. Und nenn’ mich gefälligst Phily, mein Junge.“

„Wie Sie wünschen... Phily.“ Caine neigte den Kopf und hängte seine Tasche, seine Flöte und den Hut an einen dafür vorgesehenen Haken neben der Tür und legte die Schlafrolle auf den Boden. Dann machte er sich daran, die Falltür in der anderen Ecke des Raumes zu öffnen. Eine schmale Stiege führte in die Tiefe. Caine nahm den Wasserkrug und kletterte nach unten. In der Kellerwölbung unter dem Haus war es trocken und heiß. Ein seltsamer Geruch nach fauligem Obst und schimmelndem Getreide schien von den Lehmwänden abzustrahlen. Sicher hatte die Familie hier einst ihre Vorräte gelagert. Am Fuß der Stiege stand auf einer umgedrehten, wackeligen Kiste eine Petroleumlampe. Daneben lag eine Schachtel Streichhölzer. Caine zündete die Lampe an und sah sich in dem niederen Gewölbe um. Die Decke war gerade hoch genug, dass er sich nicht sehr bücken musste. Der Raum war leer, bis auf einen unordentlichen Stapel Brennholz an einer Seite und der Wasserpumpe, unter der ein Eimer stand. Er stellte den Krug ab und griff nach dem Pumpenschwengel. Die hölzerne Verkleidung des Pumpengehäuses ächzte und knirschte und aus ihrem Inneren kam lange Zeit nur ein Quietschen – jedoch kein Wasser. Erst nach einigen Minuten harter Arbeit wurde Caine mit einem dünnen Wasserstrahl belohnt, der in den Eimer plätscherte. Rasch füllte er seinen Krug und wusch sich Gesicht und Hände. Dann löschte er die Lampe, stellte sie an ihren Platz zurück und machte sich an den Aufstieg. Als er sich aus der Luke hochzog und umsah, stellte er fest, dass er alleine war.

„Mr. Patterson? Phily?” Caine stellte den Wasserkrug auf den Tisch. Im gleichen Moment, in dem er sah, dass die Waffe des alten Mannes nicht mehr neben seinem Hut auf der Tischfläche lagen, hörte er hinter sich eine Stimme.

„Holla! Ganz ruhig – hoch die Flossen und keine Fisimatenten.“

Caine hob die Hände und drehte sich langsam um. Vor ihm stand ein untersetzter Mann mittleren Alters, dessen verbrannte, kantigen Gesichtszüge eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit Philibert Patterson aufwiesen. Außerdem richtete er die Waffe des alten Mannes auf Caine.

„Sieh’ mal einer an, was wir da haben, ein Schlitzauge.“ Der andere Mann grinste verächtlich und spuckte auf den Boden. „Und auf frischer Tat ertappt.“

„Ich habe nichts getan“, verteidigte sich Caine.

„Halt’ die Schnauze! Ist der Einbruch in das Haus meines Vaters vielleicht nichts?“ Er winkte mit dem Revolver. „Los, raus hier!“

„Du kannst die alte Bleispritze wegstecken, Don“, erklang hinter ihnen die amüsierte Stimme Philys. „Ich hab ihm erzählt, dass sie nicht geladen ist.“

Mit einem dümmlichen Gesichtsausdruck ließ Don die Waffe sinken, klappte die Patronenkammer auf und überprüfte sie. Dann drehte er sich zu Phily um. „Du kennst diesen Mann?“

Phily kicherte und trat in den Raum, der mit den drei Männern fast überfüllt schien. Er trug ein kleines, weißes Bündel bei sich. „Scher’ dich zum Teufel“, meinte er freundlich. „Caine ist mein Gast.“

„Gast, was?“, wiederholte Don und stierte Caine von oben bis unten an.

Caine neigte höflich den Kopf.

Mit einem verächtlichen Grunzen warf Don den Revolver auf den Tisch und stapfte zur Tür. „Ich bin nur in dieses Rattenloch gekommen, um zu sehen, wo du bleibst. Mary hat das Essen auf dem Tisch und du weißt, sie mag es nicht, wenn du zu spät kommst.“

Phily legte sein Paket auf den Tisch und machte eine unwirsche Handbewegung. „Ich will ihr Essen nicht. Ich kann für mich selbst sorgen. Außerdem habe ich einen Gast, also schwirr ab, Don.“

Don räusperte sich, sah Caine noch einmal drohend über die Schulter an und spuckte ihm direkt vor die Füße. „Wie du willst, Dad“, murrte er und verschwand.

„Dad?“, wiederholte Caine erstaunt.

„Ja, das war mein Hohlkopf von Sohn. Donald Patterson. Als Kind war er so hübsch wie seine Mutter, hat sich leider ganz verloren.“ Phily wandte Caine den Rücken zu. „Besonders intelligent war er allerdings schon damals nicht.“ Etwas Bedrücktes lag unter der Heiterkeit seiner Stimme. „Liegt mir immer in den Ohren, ich solle wieder zu ihnen ziehen. Rattenloch, nennt er das Haus, in dem er geboren wurde! Aber nich’ mit mir, nich’ mit dem alten Phily. Werd’ den Teufel tun und mich den ganzen Tag von meiner Schwiegertochter herumscheuchen lassen. Ein alter Mann hat es verdient, zu leben, wie er will.“ Er sah über die Schulter und blinzelte Caine an. „Sie ist eine von denen, die die Heiden bekehren will.“

„Aber sicher meinen sie es nur gut.“

„Zum Kuckuck“, polterte Phily los. „Und wie gut sie es mit mir meinen! Sie können gar nicht erwarten, dass ich den Löffel abgebe. Aber den Gefallen tut der alte Phily keinem so rasch. Hab’ ein paar Geheimnisse, die sie erst nach meinem Tod erfahren werden, dafür hab’ ich schon gesorgt.“ Er lächelte listig. „Schon mal nach Gold gegraben, eh?“

Caine sah ihn an. „Ja. Ich habe in verschiedenen Minen gearbeitet.“

„Psaw – Minen. Ich hab auf eigene Faust gesucht und ein ganz hübsches Nest entdeckt. Ist gut versteckt. Aber ich erzähl’ ihnen nicht, wo – nicht so lange ich lebe. Will nicht sehen, wie Mary das ganze Gold für die Heiden rauswirft.“ Er grinste erneut. „Donnie tu ich damit einen Gefallen, auch wenn’s er nicht kapiert. Würde keinen einzigen Krümel behalten dürfen, weil auf der Farm, da hat die Mary die Hosen an. Ganz wie meine Missus damals.“ Phily kicherte. „Das war auch der Grund, warum er sich das Schießeisen genommen hat, Jungchen. Dachte wohl, du würdest das Nest ausräumen. Dabei trifft er nicht mal ein Scheuentor auf zehn Schritt Entfernung.“ Er lachte, musste husten und brach schweratmend ab.

„Setz’ dich, setz’ dich“, drängte er Caine, als er wieder zu Atem gekommen war. Er schnürte das weiße Bündel auf und breitete das leidlich saubere Tuch als eine Art Tischdecke aus. Ein kleiner Laib Brot, der trocken auf den Tisch polterte, zwei Eier, ein ranzig riechendes Stück Speck in fettglänzendes Papier gewickelt und ein paar schrumpelige Äpfel - stolz präsentierte Phily seine Vorräte. „Beryl, die Frau vom Schmied, verkauft mir die Sachen, seit Mary dem alten Booker verboten hat, mir Lebensmittel zu geben. Nannte es seine Christenpflicht, dabei zu helfen, mich hartnäckigen alten Esel zur Vernunft zu bringen. Booker ist selbst ein Esel, hat ihr jedes Wort geglaubt und lässt mir nicht mal Tabak für meine Pfeife. Ich soll jeden Tag zur Farm rennen und mir mein Essen erbetteln, das denkt sie sich fein aus.“ Er kicherte, als er Caines zweifelnden Blick bemerkte. „Die gute Beryl ist ein schlimmer Geizknopf, sie gibt mir immer nur das, was sogar ihre Schweine liegen lassen würden. Aber für mich ist es gut genug, weil es ohne fromme Sprüche serviert wird.“ Er setzte sich auf den zweiten Stuhl und deutete mit dem Stock Richtung Decke. „Hab’ nie groß an den Herrn da oben geglaubt. Mary predigt mir jeden zweiten Tag die ewige Verdammnis und das ich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in der Hölle schmoren werde, aber bis jetzt scheinen sie mich noch nicht da unten zu vermissen.“ Er kicherte heiser.

Und doch, trotz Philys Worten, konnte Caine klar sehen, dass das Lebenslicht des alten Mannes schon tief niedergebrannt war. Es lag bereits ein Schatten über ihm, eine Vorahnung von Tod. Er senkte den Blick.

Phily zog ein Messer aus dem Gürtel und säbelte fluchend an dem trockenen Brot herum, das sich seinen Bemühungen allerdings widersetzte. Schließlich nahm er es in beide Hände und brach es über die Tischkante in zwei Hälften, eine schob er Caine zu. „Ich hoffe, du hast kräftige Zähne, Jungchen.“

Ein Schatten an einem der Fenster lenkte Caine ab und enthob ihn einer Antwort. Er sah auf.

Der Alte, der davon nichts mitbekommen hatte, stand auf und zog aus dem Schrank eine verbeulte Eisenpfanne, die er auf die verkrustete Fläche des Ofens stellte. Er warf eben den Speck in die Pfanne, als Caine sich erhob und lautlos neben die Tür glitt. „Was ist los?“, fragte er.

Den Finger vor den Mund gelegt, bedeutete Caine ihm zu schweigen. Langsam öffnete sich die Tür....





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