Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Yuanreae

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Drachen Elben & Elfen Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Vampire
31.01.2011
13.07.2011
3
7.582
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
31.01.2011 1.626
 
Dunkelheit kroch über seine nackte Haut. Sie streichelte ihn mit ihren warmen, sanften Fingern, lullte ihn ein. Seine Lider wurden schwer und Müdigkeit lähmte sein Denken. Irgendwo weit vor ihm leuchtete ein blasses, schmales Gesicht im Dunkeln. Ein wissendes Lächeln zierte die Lippen, ohne jedoch die Augen zu erreichen. Sie lagen fast gänzlich in den Schatten. So auch die langen Haare, die mit der Finsternis spielten und sie liebkosten wie einen guten Freund.
Das Lächeln verblasste und mit ihm auch das Gesicht. Er atmete aus und kippte nach hinten. Es gab keinen Aufschlag. Und auch keinen Fall. Ganz plötzlich lag er auf dem Boden, der ihn ungewöhnlich sanft auffing. Sein Herzschlag verlangsamte sich, als die Dunkelheit an ihm leckte und sich schließlich wie eine Decke über ihm ausbreitete.
Sie floss in seinen Körper und begann zu suchen. Und sie fand. Fand Dinge von unschätzbarem Wert und weniger kostbare, doch sie machte keinen Unterschied. Sie würde nichts übrig lassen, würde alles mitnehmen. Und nur eine leere Hülle zurücklassen, ohne Namen, ohne Leben.

Als er aufwachte war ihm, als existiere er nicht mehr wirklich. Er hatte das Gefühl, die Dunkelheit, die ihn so liebevoll umgarnt hatte, hätte ihm seine Seele gestohlen. Denn als er nach sich selbst suchte, fand er nichts. Da war kein Name, keine Erinnerungen. Nur Leere. Tiefe, unüberwindbare Leere.
Das Suchen fühlte sich an wie Fallen. Fallen ins Nirgendwo, in eine Schlucht ohne Grund.
Er startete einen neuen Versuch, doch auch diesmal griff er ins Leere, geriet ins Taumeln und fiel tiefer in die Schlucht.
Panik stieg in ihm auf und er zwang sich schweratmend zur Ruhe. 
Was du nicht weißt, sagte er sich, ist nicht von Belang. Wichtiger ist vielmehr, was weißt du? Es war eine seltsame Frage, doch die Antwort, so fand er, war noch seltsamer. Denn genau genommen wusste er absolut nichts. Er schauderte.
Denk nach, hieß er sich an. Was kannst du über deinen Zustand herausfinden, auch ohne Erinnerungen? Sein Kopf schmerzte. Er stellte fest, dass er lag, auch wenn er den Boden nicht spüren konnte. Vielmehr schien er zu schweben, umgeben von Finsternis. Konzentriert versuchte er, sich aufzusetzen. Zuerst wollte ihm sein Körper nicht gehorchen. Fast war es, als hätte er vergessen, wie die Bewegungen auszuführen waren. Für einen Moment war die Panik wieder da. Dann kehrte das Gefühl kribbelnd zuerst in seine Finger und dann überall zurück. Erleichterung ließ sein Herz schneller schlagen, als er den Kopf heben und sich mühsam in eine sitzende Position bringen konnte.
Einen Augenblick lang saß er einfach nur da und lauschte dem Geräusch seines Atems. Er hörte, wie die Luft pfeifend seinen Mund verließ und spürte, wie sie über seine Zähne strich bevor sie hinaus in die Dunkelheit schwebte. 
Wind kam auf. Kalt strich er über seine Haut und ließt ihn erschaudern. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er nackt war. Nackt und schutzlos im Dunkeln.
Ausgeliefert, schoss es ihm durch den Kopf und sein Atem beschleunigte sich. Er schloss die Augen und zwang sich zur Ruhe. 
Auf einmal spürte er, wie sich etwas in seine Gedanken schlich, mit kalten, langen Fingern sein Gehirn abtastete und nach einem Eingang suchte. Wie ein Windhauch schlängelte es sich durch sein Denken, bis es schließlich eine Stelle gefunden hatte, an der es verharren konnte. Er fühlte es gleich Spinnweben, zart und unmöglich abzustreifen. Ein taubes Gefühl machte sich in seinem Kopf breit. Erschrocken riss er die Augen auf. Was konnte das sein?
„Willst du Antworten?“, wisperte eine Stimme.
Er erstarrte, zu erschrocken, um zu nicken. Wer außer ihm war noch in diesem unendlichen Nichts gefangen?
„Willst du Antworten?“, wiederholte die Stimme und ihm dämmerte, dass sie in seinem Kopf sprach. War sie der seltsame Schatten, der sich vorhin in ihm festgesetzt hatte?
Hastig nickte er. „Antworten. Ja, das...“ Er unterbrach sich selbst, wusste er doch nicht, was er überhaupt sagen sollte. „Antworten“, sagte er noch einmal.
Die Stimme in seinem Kopf schwieg, doch ihm war beinahe, als wäre da stattdessen ein Grinsen, ein wissendes, zufriedenes Grinsen.
„Was siehst du?“, fragte sie nun.
Etwas in ihm zerbrach. Keine Antworten, nur neue Fragen. Er seufzte. „Nichts“, sagte er. „Ich kann nichts sehen, es ist dunkel.“
„Nein“, widersprach die Stimme und befahl: „Schließe die Augen.“ Er zuckte zusammen, als er den schneidenden Unterton, mit dem sie nun sprach, hörte. 
„Ich - was?“ Er blinzelte.
„Du sollst deine Augen schließen.“ Ihm war fast, als atme die Stimme genervt aus, aber er mochte sich täuschen.
Kurz wollte er protestieren, doch er spürte, dass es klüger war, dem Wesen in seinem Kopf, was immer es auch war, nicht zu widersprechen. Und so senkte er seine Lider.

Aus dem Dunkel erhoben sich Schemen und Schatten unterschiedlicher Farben und verliefen ineinander. Selbst die Finsternis ertrank in den Formen, kämpfte wie ein Löwe dagegen an, bäumte sich auf und verlor doch. Langsam und von unsichtbarer Hand gelenkt formte sich aus den wirbelnden Farben ein Gesicht. Rauchschwaden wanden sich zwischen den Lippen und krochen über die hohen Wangenknochen. Der Rauch, der sie bildete, brach auseinander und der Mund öffnete sich.
„Öffne nun deine Augen!“, zischte er und stieß farbigen Dampf aus, in dem das Gesicht langsam verblasste.

Er blinzelte und merkte, dass er die ganze Zeit den Atem angehalten hatte. Keuchend sog er die angenehm kühle Luft ein und spürte, wie sie seine Lungen blähte. 
Schritte. Er merkte auf.
„Hast du gelernt, zu sehen?“, fragte eine kalte, dunkle Stimme, die wie Samt und Eis zugleich klang.
Er hob den Kopf, mehr aus Reflex als in der Hoffnung, irgendetwas zu entdecken. Umso überraschter war er, als er eine große Gestalt erblickte. Auf seltsame Art und Weise schien sie die Dunkelheit zu teilen und gleichzeitig eins mit ihr zu sein. Zuerst fiel ihm das Gesicht auf, das filigran geformte Gesicht, aus dem ihn ein Paar rot glühender Augen musterte. Die schmalen Lippen verzogen sich zu einem dezenten Lächeln, als der Fremde sein Erstaunen bemerkte. „Ich freue mich, deine Bekanntschaft zu machen.“
Die Stimme, schoss es ihm durch den Kopf. Es war die selbe Stimme wie die sich zuvor in seinen Kopf geschlichen hatte. „Wer seid Ihr?“, stieß er hervor und seine Zunge brannte von der Frage.
Das Lächeln, das den schönen Mund noch immer umspielte, wurde breiter. „Man kennt mich unter dem Namen Cordovan.“
„Seid Ihr.. die Stimme? Die Stimme, die vorhin in meinem Kopf sprach?“ Er schämte sich ob der Frage, noch bevor er die letzten Silben hervorgebracht hatte.
Cordovan senkte leicht den Kopf und deutete ein Nicken an, wobei die Bewegung kaum auszumachen war. „Ja.“
„Ihr gewährtet mir Antworten?“, sagte er und es klang mehr wie eine Frage als eine Feststellung.
Eine sanfte Brise kam auf und hob die langen, schwarzen Haare Cordovans an und blies sie in sein hübsches Gesicht. Wieder nickte er. „Stelle deine Fragen und ich werde sehen, ob ich dir antworten will oder nicht.“
Er zögerte. „Wo bin ich?“
„Ah. Ich dachte mir, dass du das fragen wirst. Sicherlich ist dir der Begriff des Convertiums nicht völlig unbekannt, oder?“ 
Er erstarrte. Das Convertium. Der Begriff schob einen Teil der Dunkelheit in seinem Kopf beiseite, offenbarte eine Erinnerung, die von der Finsternis übersehen oder absichtlich zurückgelassen worden war. Er hatte davon gehört, natürlich. Aber er hatte auch gehört, dass die Beschwörung eines solchen unglaublich viel Kraft kostete und dass die dazu benötigte Magie längst vergessen war. „Wie - ?“, fing er an.
Cordovan lächelte noch immer. „Das kann ich dir nicht sagen.“
„Aber... ich verstehe nicht -“.
„Bitte. Die nächste Frage“, unterbrach ihn Cordovan und eine seltsame Schärfe schwang in seiner Stimme mit.
„Wer seid Ihr?“, fragte er noch einmal.
„Auch diese Frage kannst du mir noch einige weitere Male stellen und wirst nie mehr zu Antwort erhalten, als ich bereits gesagt habe.“
Weil Ihr es selbst nicht wisst. Ihr könnt darauf nicht antworten, weil ihr euch selbst nicht kennt, dachte er. Aber das würde er nicht sagen, niemals.
„Du hast noch etwas auf dem Herzen, nicht wahr? Die schwerste Frage von allen, habe ich nicht recht?“ 
Fast nickte er, aber etwas hielt ihn davon ab. Er wollte diese Frage nicht stellen, obwohl sie ihm auf der Zunge brannte wie glühendes Eisen. Sein Atem zitterte, als er einatmete und schließlich flüsterte: „Wer bin ich?“
Cordovans Augen blitzten einen Moment auf wie Rubine im Sonnenlicht. Er hatte auf diese Frage gewartet, ohne Zweifel. Genüsslich grinste er und sagte dann langsam: „Du bist niemand!“ Er kniff die Augen leicht zusammen und beobachtete die Reaktion des anderen, doch dieser rührte sich nicht. Verärgert blinzelte Cordovan und fuhr fort. „Dir wurde deine Vergangenheit genommen und somit dein gesamtes Leben. Doch höre meine Worte! Durch mich, Cordovan, wirst du wieder jemand sein, ich werde dir ein neues Leben und eine neue Geschichte schenken. Du bist als unbeschriebenes Blatt zu mir gekommen und wirst als Buch entlassen werden. Von nun an wirst du Yharadir, der Stern, sein und gemeinsam werden wir deine Geschichte schreiben. Doch zuvor sage mir: Willst du als Yharadir, und als mein unterwürfiger Diener wiedergeboren werden oder niemand bleiben und in der nächsten Zeit sterben?“ Erwartung spiegelte sich in seinen Augen.
Er zögerte. Hatte er denn eine Wahl? Sterben oder dienen. Dienen oder sterben. Sterben. Dienen. Er nickte schließlich, zuerst zaghaft, dann entschlossen. „Ja. Ja, ich will von nun an Yharadir und Euer Untergebener sein.“
Cordovans Augen glühten auf im Feuer des Triumphes, das dahinter brannte. „Sehr schön. Nun, erhebe dich, Neugeborener Yharadir!“ Er streckte einen Arm aus und hob die Hand wie zum Segen über den Wiedergeborenen. 
Yharadir sah ihm in die Augen und ein Schauern durchlief seinen Körper. Langsam richtete er sich auf. Eine wunderbare Stärke erfüllte ihn, breitete sich kribbelnd in ihm aus. Einen Namen, ein Leben, das von Neuem begann. Nun hatte er beides. Er würde ein guter Diener sein. Er würde keine Fehler machen.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast