Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

"Wo ist der Sommer?"

GeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
Athos Kardinal Richelieu Milady de Winter Rochefort
22.01.2011
02.12.2019
61
106.543
1
Alle Kapitel
114 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
22.01.2011 3.028
 
„Entschuldigt?“
Eine Stimme riss Milady aus ihren Gedanken. „Madame? Ist alles in Ordnung?“
„Meint Ihr mich?“
Milady drehte sich verwundert um und sah in das Gesicht des Küsters. „Ja. Ihr habt so beunruhigt ausgesehen. Geht es Euch gut?“ Der Küster ließ ihr keine Gelegenheit, etwas zu sagen, sondern fuhr gleich fort: „Versteht mich nicht falsch, aber es ist schon ein paar Mal vorgekommen, dass eine Dame in der Kathedrale war um mit dem Kardinal zu sprechen und dann ist sie nach einer Weile aus dessen Zimmer gestürzt und war total verstört…“ Er sah Milady verschwörerisch an und zwinkerte ihr zu.
„Aber das wisst Ihr nicht von mir.“
- „Natürlich nicht. Ich verstehe, was Ihr meint.“ antworte sie und ertappte sich dabei, sich über diese Andeutung nicht zu wundern. Für sie war es keine besondere Überraschung, so etwas zu hören. Warum sollte er sich auch geändert haben. „Aber so ist das gerade nicht gelaufen. Es war nur eine… Meinungsverschiedenheit. Ich hatte eine alte Rechnung mit dem Kardinal zu begleichen, aber irgendwie hat das nicht so funktioniert, wie ich es wollte.“
Warum erzähle ich ihm das eigentlich?! wunderte sie sich auf einmal über sich selbst. Vorhin hatte er doch noch ganz offensichtlich etwas gegen mich… Außerdem, wie absurd klingt das denn? Ich als Frau soll eine Rechnung mit Seiner Eminenz  zu begleichen haben???
„Eigentlich geht es mich auch gar nichts an, was da passiert ist. Ich dachte nur, ich folge Euch besser. In Eurer Verfassung wird Euch noch was zustoßen, wenn Ihr jetzt einfach weggeht…“
„Wie nett, dass Ihr Euch auf einmal Sorgen um mich macht“, sagte Milady.
Es schien jedoch nicht ganz so herablassend geklungen zu haben wie es beabsichtigt war, denn der Küster ließ sich nicht beirren.
„Kommt doch jetzt am besten gleich mit, Milady de Winter. Ich zeige euch den schönsten Platz in der Kathedrale – Ihr werdet sehen, Ihr werdet dort alle Eure Sorgen vergessen.“
„Wo soll das denn sein?“ erkundigte sich Milady.
Eine weitere bissige Frage lag ihr auf den Lippen, sie hielt es jedoch für besser, sie nicht zu stellen. Vielleicht waren doch nicht alle Männer gleich und einige hatten es verdient, dass sie freundlich zu ihnen war.
„Ganz weit oben – ich hoffe, es macht Euch nichts aus, viele Treppenstufen steigen zu müssen…“ – „Was soll mir das denn ausmachen?! Meint Ihr, wegen meinem langen Kleid? Das geht schon.“
- „Dann folgt mir doch bitte. Nach Euch.“ Der Küster öffnete die Tür zur Kathedrale und ließ Milady eintreten. Dann ging er voraus und bedeutete ihr, ihm zu folgen.



Gleichzeitig starrte Richelieu wieder in die unzähligen Dokumente auf dem Schreibtisch, aber sie machten auf einmal noch weniger Sinn als vorher. Seine Gedanken waren bei der unerwarteten Besucherin.
Milady de Winter. Oder ganz früher Anne Christine de Breuil. Und das was ihn schon immer am allermeisten gestört hatte – eine verheiratete Anne Christine de la Fère.
Vorhin hatte er auch schon über sie nachgedacht, die Gedanken aber immer beiseite geschoben – jetzt war es genau umgekehrt und die ganze Politik und der Ärger mit den Hugenotten und England wurden durch Gedanken an sie verdrängt. Sie hatte wirklich Mut gehabt, England zu verlassen und nach Frankreich zurückzukommen, nachdem sie doch für zwanzig Jahre verbannt worden war. Gerade einmal … wie viele Jahre waren vergangen? Neun? Zehn?
Er wusste noch genau, als er sie das erste Mal gesehen hatte… ein junges Mädchen von noch nicht einmal sechzehn Jahren, das zusammen mit ihrem zukünftigen Ehemann zu einer Vorbesprechung der Hochzeitszeremonie in die Kathedrale gekommen war.
Sie war mitten in der Unterhaltung plötzlich aufgestanden und nach draußen gerannt und der Verlobte hatte sich daran gemacht, sie zurückzuholen. Nach einer Weile waren sie wieder zurückgekommen, aber gleich darauf war sie schon wieder aus dem Zimmer gestürmt. Ihm war bei dieser ganz offensichtlichen „Flucht“ etwas eingefallen…
Und dann hatten die Dinge ihren unaufhaltsamen Lauf genommen.



   - - -  10 Jahre vorher - - -




„Ich muss mich doch vielmals für meine Verlobte entschuldigen, Eure Eminenz.“
bemerkte der Vicomte Julien de Chagny mit einem resignierten Kopfschütteln, als die Tür zum Arbeitszimmer des Kardinals erneut ins Schloss fiel. „Ich weiß nicht, was mit ihr los ist… Ich werde sie aufhalten. Hoffentlich können wir dann die Unterredung endlich in Ruhe fortführen.“
„Lasst mich doch einmal unter vier Augen mit ihr sprechen, wenn Ihr sie eingeholt habt.“
- „Wozu?“ wollte der Vicomte wissen, aber der Kardinal wich der Frage aus.
„Geht und holt sie zurück.“
Das klang wie ein Befehl.
Julien verstand im Moment gar nichts mehr, aber er nickte nur und machte sich daran, Anne einzuholen. Lange musste er sie nichteinmal suchen, sie war ein paar Schritte den Gang hinuntergelaufen und dann einfach stehen geblieben.
Er packte sie am Arm.
„Ich hoffe, du wirst dich jetzt endlich benehmen, Anne. Du kannst doch nicht einfach in so einer wichtigen Besprechung noch einmal wegrennen. Vorhin hast du mir doch etwas versprochen.“
„Es hat mich immer noch gelangweilt“, erwiderte die fünfzehnjährige Anne Christine de Breuil und gähnte erstmal lange, als wollte sie ihre Worte noch unterstreichen. „Warum muss ich mich an so einem schönen Tag in so einem düsteren Raum aufhalten und über so langweilige Sachen sprechen? Ich versteh davon ohnehin nur die Hälfte.“
Sie ließ den Kopf hängen.
„Dann wird es aber Zeit, dass du es verstehst.“
Julien konnte nur den Kopf schütteln.
Was für eine Verlobte hatte sein Vater doch nur für ihn ausgesucht?! Sie war zwar hübsch, aber doch noch ein halbes Kind.  Das kam wieder davon, wenn man wie sein Vater immer nur nach dem Aussehen ging. Und sicherlich gab es auch schöne Frauen die nicht ganz so jung waren wie Anne Christine de Breuil, da war sich Julien sicher. Er hatte die dreißig schon überschritten und seine zukünftige Ehefrau war mehr als halb so alt…
„Bist du jetzt böse?“ fragte Anne. „Tut mir leid. Ich will dich nicht ärgern. Ich versuch, mich ab jetzt etwas zusammenzunehmen.“ – „Das hoffe ich für  uns beide, aber im Moment in erster Linie für dich“, erwiderte Julien ungehalten.
Anne sah ihn fragend an.
„Warum das?“
- „Weil Seine Eminenz der Kardinal eben gemeint hat, dass er gerne einmal unter vier Augen mit dir sprechen möchte.“ erklärte Julien, legte einen Arm um Anne und schob sie langsam wieder in die Richtung, aus der sie beide gekommen waren.
„Warum denn das jetzt!?“ rief Anne aus und klang dabei, als wäre sie in größter Panik. Ihre dunklen Augen waren auf einmal weit aufgerissen. „Warum will er denn mit mir alleine reden?! Ich möchte mich nicht mit ihm unterhalten! Ich will nicht mit ihm allein in einem Raum sein! Ich will nicht, ich will nicht, ich – will – es – einfach – nicht!““
Die letzten Worte hatte sie so laut geschrieen, dass Julien sie warnend ansah und ohne ein Wort zu sagen auf die nur angelehnte Tür zu Richelieus Arbeitszimmer zeigte. Er hatte vorhin vergessen, die Tür zu schließen und hoffte nun inständig, dass der Kardinal nichts von dem Theater mitbekam, das Anne schon wieder veranstaltete.
„Ich will nicht mit dem Kardinal alleine sein.“ wiederholte Anne erneut und bemüht, wieder etwas ruhiger zu klingen. „Irgendwas stimmt doch mit ihm nicht.“
Auch mit diesem Argument stieß sie nicht auf Juliens Verständnis, genauso wie mit dem Argument von vorhin, dass es ihr langweilig geworden war. „Jetzt sei doch endlich einmal vernünftig. Du solltest dich einmal reden hören. Also wirklich. Was soll denn mit ihm nicht stimmen? Vielleicht bist du es ja, mit der was nicht stimmt. Du bist manchmal auch nicht gerade einfach…“
„Ich weiß auch nicht. Irgendwie werde ich unsicher, wenn ich ihn nur anschaue. Irgendetwas stört mich daran, wie er mich ansieht…“ Julien wollte nichts mehr hören. „Geh jetzt. Er wartet auf dich. Ich bleibe draußen... am besten, ich schaue mir etwas die Kathedrale an. Dann könnt ihr euch in aller Ruhe unterhalten.“
„Aber…“
- „Jetzt hör endlich mit den Widerworten auf!“ befahl Julien.
Anne seufzte und gab sich geschlagen. Hatte sie denn eine andere Wahl? Nein, natürlich nicht. Sie strich ihr Kleid glatt, holte tief Luft und lief dann wieder auf die Tür zu. Sie sah sich nochmal kurz zu ihrem Verlobten um, der bedeutete ihr aber nur, sich zu beeilen. Obwohl die Tür ja nur angelehnt war, klopfte sie vorsichtig an.
„Ich weiß, dass Ihr es seid, Mademoiselle de Breuil. Tretet ein.“
Anne folgte der Aufforderung.
Sie schloß die Tür wieder hinter sich, dann ging sie langsam auf den Schreibtisch zu und versuchte sogar einen respektvollen Knicks, der hoffentlich etwas besser aussah als ihr erster kurz nachdem sie angekommen war.
„Was wolltet Ihr mit mir bereden, Eure Eminenz?“
„Nehmt erstmal wieder Platz.“ forderte sie der Kardinal auf.
Anne setzte sich hin und wartete, bis er weitersprach.
„Es hat zwar vorhin nicht so ausgesehen, weil ich auf der Seite Eures Verlobten gestanden bin, aber ich kann Euch natürlich durchaus verstehen. Noch nichteinmal sechzehn Jahre alt und das ganze Leben noch vor sich, und schon sollt Ihr verheiratet werden. Das ganze macht Euch natürlich ängstlich und unsicher…“
„Nein, davon kann keine Rede sein“, erhob Anne entschieden Einspruch, „Angst hab ich keine und unsicher bin ich auch nicht. Ich find es nur schade. Warum muss ich denn schon jemanden heiraten, den ich kaum kenne. Aber warum sollte ich ausgerechnet mit Euch über das ganze reden?“
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
Richelieu tat so, als müsste er eine Weile überlegen. Dann bemerkte er:
„Es war vorhin und ist im Moment übrigens nicht zu überhören, dass Ihr eine gewisse Abneigung gegen mich hegt, Mademoiselle de Breuil.“ – „Das gerade eben… was ich da gesagt hab... das hab ich nicht so gemeint… das tut mir sehr leid… in Wirklichkeit hab ich… wollte ich…“
Anne geriet vor lauter Verlegenheit ins Stottern.
„Nun beruhigt Euch. Wie war das, Ihr seid nicht unsicher?“
- „Vielleicht bin ichs doch etwas“, räumte Anne ein.
Was aber im Moment nicht an meiner bevorstehenden Hochzeit liegt sondern an Euch..
„Ich bin nicht Euer Feind, Mademoiselle. Wie gesagt, ich kann Euch schon verstehen.
Und damit Ihr Euch etwas beruhigt, würde ich Euch gern ein Glas Wein anbieten.“
Anne verzog das Gesicht. „Wein soll mich beruhigen?“ Innerlich schüttelte es sie, doch sie wollte ihre Schwäche nicht preisgeben. „Das glaube ich nicht… Mir wird immer schlecht von diesem widerlichen Zeug!“ Am liebsten hätte sie sich geohrfeigt. Warum hatte sie so viel verraten müssen? „Aber“, fügte sie rasch hinzu, „ein kleiner Schluck wird mich nicht umbringen.“
Der Kardinal lächelte geheimnisvoll, was Anne nicht zu deuten wusste. „Nun, meine Liebe“, sagte er ruhig. „Wein ist etwas Besonderes. Wie sagt noch gleich diese alte Volksweise…“ Er sah einen kurzen Moment gen Decke und Anne zappelte etwas ungeduldig herum. „Ah! Genau. Wein, ja der Wein, der eint alle Partei’n…“ Der Kardinal sang leise vor sich hin weiter.
Anne verkniff sich ein Grinsen.
Richelieu endete abrupt mit seinem Volkslied. „Na, nun seht doch! Ihr habt noch keinen Schluck Wein zu Euch genommen und schon seht Ihr nicht mehr so traurig drein. Nun, Mademoiselle, ich werde Euch nun den besten Wein einschenken, den ich hier habe.“ Er lehnte sich ein wenig über den Tisch und zwinkerte Anne zu. „Und stellt Euch vor, dann könnt Ihr Eurem Verlobten sagen, dass ihr mit dem Kardinal Wein getrunken habt.“
„Das wird er mir vermutlich nicht abnehmen“, überlegte Anne und lächelte vorsichtig. Sie verstand ihre Ängste nicht mehr, dieser Mann war so freundlich zu ihr. Fast wollte sie sich entschuldigen für ihre Verdächtigungen, als ihr bewusst wurde, wie lächerlich das klingen würde. Anstatt dessen räusperte sie sich nur kurz und richtete ihr Kleid ein wenig, während der Kardinal den Wein einschenkte.
„Auf was wollen wir anstoßen, Mademoiselle de Breuil?“, fragte er feierlich.
Einen Moment hielt Anne inne. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie. Irgendetwas stimmte hier nicht, warum ließ sie sich so von ihm einlullen, er hatte ihr schon jetzt völlig die Sinne vernebelt. Ihr Instinkt riet ihr zur Flucht und so sprang sie auf.
Richelieu musterte sie fragend und vielleicht ein bisschen verletzt. Verletzt? Peinlich berührt stammelte Anne eine Entschuldigung. „…Ich… Ich denke ich werde besser gehen. Wein ist vielleicht doch nichts für mich.“
Behutsam stellte der Kardinal die beiden Gläser auf dem Tisch ab und trat um ihn herum auf Anne zu. „Aber, meine Liebe, Ihr würdet mich sehr unglücklich machen, wenn Ihr nun einfach ginget. Ich habe noch nie ein solch liebreizendes Geschöpf wie Euch gesehen.“ Einen Augenblick verfinsterte sich sein Blick, doch dann musterte er sie wieder mit seinen stechenden Augen.
Ohne Gegenwehr ließ Anne sich wieder auf den Stuhl führen, auf dem sie fast ein wenig zusammensackte. Sie ließ sich das Glas geben und hob es feierlich in die Höhe, schwach lächelnd.
„Stoßen wir auf den Frieden an, auf unseren ganz persönlichen Waffenstillstand“, schlug der Kardinal vor.
„Frieden und Waffenstillstand“, antwortete Anne leise. „Zum Wohl, Eure Eminenz.“ Den Trinkspruch sprach sie betont fest, sie wollte diese Anzeichen von Schwäche nicht mehr zulassen, weder dem Kardinal noch sich selbst gegenüber. Also kämpfte sie ihr ungutes Gefühl nieder und lächelte fröhlich. Schließlich nahm sie einen Schluck. Der bittere Geschmack verriss ihr das Lächeln sofort zu einem verzogenen Gesicht und sie hätte das Zeug am liebsten ausgespuckt, doch sie schluckte ihn tapfer hinunter.
„Irgendwie schmeckt der Wein merkwürdig“, befand sie.
- „Merkwürdig? Das soll doch so ein guter Jahrgang sein…“ Irritiert nahm der Kardinal noch einen Schluck und schmeckte ihn fachmännisch ab. „Nein, wahrlich, Mademoiselle. Ich kann daran nichts Merkwürdiges entdecken.“
„Vielleicht liegt das daran, dass ich so selten Wein trinke?“, verteidigte Anne sich, ohne zu wissen, warum sie die jetzt für nötig gehalten hatte.
Nachdenklich nickte Richelieu. „Versucht es mit einem zweiten Schluck, Mademoiselle. Meist wird es dann besser. Der Gaumen gewöhnt sich an alles.“
Den Nachdruck in seiner Stimme ignorierte sie. Er sollte sie jetzt nicht für einen Schwächling halten, sie würde ihm zeigen, dass sie schon jetzt eine starke Frau war. Julien würde das nicht tolerieren, dass sie so ihre Stärke erprobte…
Mutig trank sie einen zweiten Schluck, verzog abermals das Gesicht.
Der Kardinal lachte und faltete schließlich auf dem Tisch die Hände ineinander. „Nun, dann lasst uns doch über Eure bevorstehende Hochzeit sprechen“, begann er im Plauderton. „Ihr meint es sei zu früh dafür und damit habt Ihr Recht.“
Anne seufzte.
„Aber eine andere Wahl habe ich nicht…“
- „Natürlich. Im Moment kennt Ihr Euren Verlobten noch nicht, aber das wird sich mit der Zeit ändern. Ihr werdet Euch kennen lernen, einander mögen, vielleicht gar lieben lernen. Schließlich werdet Ihr aneinander reifen und zusammenwachsen, dass nicht einmal Gott vermöge Euch zu trennen. Und dann…“
Der Kardinal verfiel in einen langen Monolog.
Zu Beginn hörte Anne interessiert zu, bemühte sich zu nicken und zu lächeln, wann immer es nötig erschien, doch irgendwann beschlich sie eine innere Unruhe, während sie spürte, dass ihr Köper gleichzeitig immer schläfriger wurde. Selbst das Nicken fiel ihr immer schwerer, die Stimme des Kardinals erschien ihr immer ferner, sie hörte sie nur noch wie ein Echo. Und doch, sie klang immer verzerrter, immer tiefer, immer ungeduldiger… Seinem Inhalt konnte sie schon lange nicht mehr folgen.
Da verschwammen die Bilder vor ihren Augen, den Kardinal sah sie nur noch undeutlich, sein Gesicht erschien ihr mehr wie ein Fratze, Panik stieg in ihr auf.
„Ist alles in Ordnung, Mademoiselle?“ Die Stimme des Kardinals dröhnte in ihrem Kopf, nichts war da mehr mit Freundlichkeit, dem Plauderton war ein unangenehm selbstgefälliger Ausdruck gefolgt. In den wenigen Augenblicken, in denen sie noch klar sehen konnte, erkannte sie das elende Grinsen, dass sie sich in ihren schlimmsten Träumen ausgemalt hatte.
„Ich…weiß…nicht“, antwortete Anne leise. „Mir…ist…so…“
Das Glas rutschte ihr aus der Hand und zerklirrte mit einem unangenehmen Scheppern auf dem Boden. Das Gesicht des Kardinals war nun fern jeder Sorge und Zärtlichkeit. Der zufriedene Ausdruck verriet ihr alles, was sie wissen musste.
Lässig zurückgelehnt, beobachtete Richelieu, wie Anne, aufzustehen versuchte. Sie warf ihm einen Blick zu, der verachtend wirken sollte, in ihm jedoch nur ein kaltes Lachen hervorrief, ein kaltes kehliges Lachen. Auf dem Tisch entdeckte Anne seinen Ring, in dem offensichtlich ein Geheimfach war, aus dem weißes Pulver auf die Tischplatte rieselte.
„Nein“, stöhnte sie und stützte sich auf dem Tisch ab. „Nein…“ Wach bleiben, ermahnte sie sich, wach bleiben. „Was…habt…Ihr…getan?“, stammelte sie zwischen ihrem Ringen nach Realität und Atem.
„Ich sagte Euch doch, der Wein wird Euch ein wenig beruhigen.“ Er lächelte verschlagen.  
- „Nein!“, schrie Anne voller Verzweiflung. In einem letzten Antrieb riss sie sich vom Tisch und stolperte in Richtung Tür. Julien musste doch noch da draußen sein, er musste sie hören, er durfte einfach nicht weit weg sein!
Keuchend blieb sie im Saum ihres Kleides hängen, stolperte und stürzte zu Boden. Auf den Händen abstützend kroch sie in Richtung Tür, mit jeder Bewegung schwächer werdend. „Hilfe…“, hauchte sie. Ihre Stimme war belegt, wie gelähmt, so wie der Rest ihres Körpers. Sie kroch weiter voran, trieb sich selbst immer wieder an. Schließlich war sie ganz nah bei der Tür, streckte ihren Arm aus, um an die Türklinke zu kommen, schob sich noch ein Stück weiter, brach dann aber vor Erschöpfung zusammen. Keuchend lag sie auf dem kalten Boden.
Außer ihrem Keuchen war nichts zu hören. Während ihr die Sinne immer mehr schwanden, versuchte sie noch immer einen kühlen Kopf zu bewahren. Da hörte sie das Kratzen von Stuhlbeinen auf dem Boden. Panik ergriff sie. „Nein…“, wimmerte sie leise und streckte langsam ihren zitternden Arm nach der Türklinke aus. Die langsamen festen Schritte des Kardinals kamen immer näher. Sie streckte sich noch weiter und schließlich berührten ihre Fingerspitzen das kalte Messing der Türklinke.
Doch da ergriff der Kardinal ihre Hand und hielt sie hart fest. „Na, na, Mademoiselle. Wollt Ihr etwa wieder davonlaufen?“ Sein hinterlistiges Grinsen war plötzlich ganz nah bei ihr. „Ihr werdet schön hier bleiben.“
Annes Inneres drohte sie zu verbrennen, doch selbst das wäre ihr lieber gewesen, als reglos in diese kalten Augen sehen zu müssen. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr und sie spürte auch ihren Geist davon schwinden.
Fast zärtlich berührte der Kardinal ihre Wange. „Armes Geschöpf, kämpfst immer noch. Sei dir versichert, es wird keinen Sinn haben. Jetzt bist du mein.“
Sein durchdringendes Lachen war das letzte, was Anne hörte. Seine kalten Augen das letzte, was sie sah. Seine kühle Hand das letzte, was sie spürte.
Dann wurde es dunkel.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast