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Des Marshalls Sündenfall

von MariLuna
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
21.01.2011
07.02.2011
11
22.896
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21.01.2011 2.110
 
9. Kapitel

Unzählige Sterne verwandeln das schwarze Samt des Nachthimmels in ein diamantenes Funkeln, das nur dort etwas blasser scheint, wo sich der erste der Monde langsam über den Horizont traut. Die Luft ist kalt und frisch und trägt einen Hauch von Sand und Freiheit mit sich. In der Ferne heult ein Kojote, und eine Eule antwortet.
Ich liebe solche Augenblicke, diese Momente ohne jedes Anzeichen der Zivilisation um mich herum. Dabei müßte ich mich nur umdrehen und würde dann die hellen Lichter des Raumhafens hinter der Silhouette von Fort Kerium sehen.
Aber ich drehe mich nicht um.

Ich trete hinaus in die Wüste und lasse mich von ihrer wilden Erhabenheit umfangen. Und mit jedem Schritt, den ich mich hier quasi von der Zivilisation entferne, fällt ein Stückchen meiner Sorgen ebenfalls von mir ab.

Ich habe mich noch nicht so ganz an mein neues Leben gewöhnt, die Umstellung erweist sich doch als schwieriger als gedacht, und diese Spaziergänge helfen mir, mich wieder zu sammeln.
Die erste Arbeitswoche mit Molly liegt hinter mir, und die geregelten Arbeitszeiten sind etwas, an das ich mich wirklich erst noch gewöhnen muß. Der Job ist weder anstrengend noch so abwechslungsreich, wie ich nach meinem ersten Tag dachte. In den letzten Tagen wurden wir gar nicht mehr überfallen, und wenn ich mich auf dem Kutschbock langweile, fange ich wieder an, nachzudenken.
Jeden Abend sitze ich mit meinen Freunden zusammen im Saloon, und immer, wenn sie gehen, schließe ich mich ihnen an, jedoch gehe ich nicht wie sie nach Hause, sondern schnurstracks in die Stripteasebar. Aber Tex ist dort nicht mehr aufgetaucht, und auch Lucy hat nichts von ihm gehört. Nur, daß sie sich im Gegensatz zu mir keine Gedanken darüber macht.
Nun ja, sie hat sich ja auch nichts vorzuwerfen.

Allmählich beschleicht mich der Verdacht, daß mir mein ehemaliger Erzfeind absichtlich aus dem Wege geht. Und ich bin besorgt.
Vor allem, seit Thirty-Thirty mir von seinem heutigen Zusammentreffen mit ihm berichtete. Die Carrion Bunch hat im kleinen Schürferstädtchen Sawtooth mal wieder für Trouble gesorgt, und Thirty mußte sie zur Räson bringen.
Zuerst wurde ich ganz neidisch auf meinen Big Partner, weil dieser berufsbedingt auf denjenigen stieß, den ich die ganze Zeit über so verzweifelt suche, doch dieses Gefühl schlug sehr schnell in Unbehagen um, als Thirty sich lautstark über Tex’ langen, schwarzen Mantel lustig machte. Er meinte, der stehe ihm nicht, er sehe darin nämlich blaß aus.
Blaß.

Immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob ich nicht doch endlich einfach zu ihm ins Hexagon spazieren solle, doch ich verwerfe diese Idee jedes Mal wieder.
Wer weiß denn schon, ob ich nicht eine erneute Panikattacke auslöse, wenn ich plötzlich vor seiner Schwelle stehe?

Derart tief in Gedanken versunken, bemerke ich gar nicht, wie ich mich immer weiter den Badlands nähere. Ziellos, und nicht wirklich von mir gesteuert, schweift mein Falkensinn über die karge Gegend, und ich folge ihm rein automatisch.
Mein Weg führt mich einen schmalen, steinigen Pfad hinauf zu einer der hier häufig vorkommenden, bizarren Felsformationen, wo ich unter einem Felsüberhang in einer Sandmulde ein unförmiges Bündel ausmachen kann.
Beim Nähertreten entpuppt sich dieses Bündel als ein Mensch.
Er kauert dort, als wolle er mit den Schatten der Nacht regelrecht verschmelzen.

„Tex?“

Verwirrt, ihn ausgerechnet hier anzutreffen, trete ich noch etwas näher, versuche, sein Gesicht zu erkennen, das völlig im Schatten liegt.
Ganz kurz leuchtet es keriumrot auf, doch dann schließt er die Augen wieder.
Ein leises, unwilliges Knurren ist alles, was ich zur Antwort erhalte.

Vorsichtig mache ich noch einen Schritt auf ihn zu.
Als er keine Anstalten macht, mich davon zu jagen, lasse ich mich neben ihm in den Sand sinken. Besonders viel kann ich immer noch nicht erkennen, aber ich höre seine Atemzüge – langsam und träge – und an ihm hängt der dezente Geruch von Leder, Schweiß und - Alkohol.
In diesem Moment stößt mein rechter Fuß an etwas Hartes. Es klirrt leise. Eine Flasche.

„Bist du betrunken?“ frage ich ihn behutsam.

Er gibt wieder nur ein unverständliches Brummen von sich, streicht sich kurz durch seinen Schnurrbart und rutscht an der Wand noch etwas tiefer.

Und so gerne ich ihn jetzt in den Arm nehmen würde, halte ich mich zurück. Ich weiß einfach nicht, wie er inzwischen auf eine Berührung von mir reagiert. Das letzte Mal schien er sein Trauma – zumindest jenes, was Berührungen und menschliche Nähe betrifft - schon etwas überwunden zu haben, doch das ist immerhin schon einige Tage her.

Von daher begnüge ich mich damit, so nahe an ihn zu rutschen, bis sich unsere Schultern berühren.

„Wieso hast du dich betrunken? Ist es wegen mir?“

Seine Antwort besteht aus einem undeutlichen Nuscheln, begleitet von diesem Knurren.

„Todestag.“

Innerlich zucke ich zusammen und klopfe blitzschnell meinen Namensspeicher ab, komme jedoch zu keinem Ergebnis.

„Wessen?“ hake ich daher leicht bedröppelt nach.

„Meiner.“

Im ersten Moment glaube ich, mich verhört zu haben.
Das ergibt doch gar keinen Sinn!

„Was soll das heißen?“

Neben mir weht ein zittriger Seufzer durch die Luft.

„Heute vor einer Ewigkeit starb ich, um von Stampede als Tex Hex neu erschaffen zu werden.“

Er drückt es bemerkenswert umständlich aus. Selbst betrunken und eindeutig deprimiert ist er auf der Hut und bewahrt das Geheimnis um seinen Geburtsnamen wie den heiligen Gral. Bisher nahm ich – genauso wie alle anderen hier – immer an, es läge daran, daß er sich nun für etwas besseres halte, aber jetzt kommt mir, wo ich ihn in dieser Stimmung vorfinde, ein ganz anderer Verdacht.
Ist es möglich, daß er sich nicht seiner Herkunft schämt, sondern für das, was aus ihm geworden ist?
Bei diesem Gedanken muß ich erst einmal hart schlucken.

„Ohne dich wäre ich gar nicht hier“, versuche ich ihn aufzumuntern. „Weder ich noch J.B. Wir hätten niemals mit Thirty und Fuzz Freundschaft geschlossen. Oder mit Handlebar und all den anderen.“ Und ich hätte dich nicht kennengelernt – doch das überspringe ich lieber und spreche stattdessen nur meinen nächsten Satz laut aus.
„Mein Leben wäre um so vieles ärmer. Also…“ ich hole einmal tief Luft.
„Happy birthday, Tex Hex.“

Neben mir ist es sekundenlang still, dann ertönt ein geschnaubtes:
„Spinner.“

Der Spinner schmunzelt nur und wagt es nun doch, ihm den Arm um die Schultern zu legen.

Er protestiert nicht, weicht nicht zurück und erstarrt auch nicht. Stattdessen lehnt er sich beinahe zufrieden in diese Berührung hinein.
Er sagt kein Wort, also schweige auch ich.

Vor uns liegt die nächtliche Wüste, überstrahlt von einem ehrfurchtgebietenden Sternenhimmel, und ich glaube, ich bin nicht der einzige hier, dem dieser Anblick eine andächtige Gänsehaut beschert.
Und so sitzen wir schweigend nebeneinander, und zwischen uns herrscht wieder diese beinahe harmonische Atmosphäre, und trotz des zunehmend kühler werdenden Windes, ist mir ganz warm.
Unbemerkt falle ich in einen tranceähnlichen Zustand, aus dem ich allerdings plötzlich hochschrecke, weil ein Gewicht auf meine Schulter drückt, das vor einer Sekunde noch nicht dagewesen ist.
Es ist Tex. Eher gesagt sein Kopf, der nun schwer an meiner Schulter lehnt. Er ist eingeschlafen.
Und fortan wage ich kaum, mich zu bewegen, aus Angst, er könne davon wieder erwachen.
Irgendwann fallen allerdings auch mir die Augen zu.

***


Ich träume wieder.
Von einem sehnigen Körper, der sich eng an mich schmiegt.
Von warmen Fingern, auf meiner Kleidung, auf meiner Haut, und Atem, sanft wie der Wind, direkt an meinem Hals.
Jemand streicht mir unablässig durchs Haar.
Merkwürdigerweise lösen sich all diese Sinneseindrücke nicht wie gewohnt in Luft auf, je seichter mein Schlaf wird. Stattdessen falle ich in nur noch mehr Wärme und Berührungen voller Zuneigung.
Eine ganze Weile schwebe ich in diesem angenehmen Zwischenzustand, irgend etwas zwischen Wachen  und Träumen, halte ganz bewußt dieses Level, in dem ich so offensichtlich mit Liebkosungen überschüttet werde und das so ungewohnt erquickend meine gesamte Seele streichelt.
Doch irgendwann wird das Spannungsgefühl in meinen Lenden zu groß, um es weiterhin zu ignorieren. In der festen Erwartung, mich einsam und verlassen wieder zu finden, zwinge ich meine Augen auf. Und werde eines Besseren belehrt.

Dies ist kein Traum!

Der verheißungsvolle Körper neben mir ist genauso echt wie die neugierigen Finger, die scheinbar überall gleichzeitig zu sein scheinen: in meinem Haar, in meinem Gesicht, an meinem Hals, quasi an jeder Stelle meines Körpers, die nicht von Stoff bedeckt ist.
Und dann ist da wieder dieser heiße Atem, der über meine halbgeöffneten Lippen streicht.
Der Geruch von Leder, Schweiß und Sand benebelt meine Sinne.
Gefolgt von dem Geschmack von Salz auf meiner Zunge, vermischt mit dem verblassten Aroma von Starblazer.

Eine freche Zunge duelliert sich mit meiner, begleitet von einem genüßlichen Knurren, unter dem ich nur undeutlich meinen eigenen Namen heraushören kann.

Und doch ist es erst mein eigenes, lustvolles Stöhnen, das mich endgültig aufweckt.

Und es ist dieser Moment, als ich registriere, wo sich meine eigenen Hände gerade befinden:
Meine Linke ist unter ein Sweatshirt und das darunterliegende T-Shirt gerutscht und erkundet gerade festes, muskulöses Rückenfleisch, während sich meine Rechte höchst besitzergreifend in den dazugehörigen Hintern krallt.
Zuerst bin ich maßlos empört über den Jeansstoff, der mich von diesen festen Hinterbacken trennt, doch dann kehrt schlagartig mein Verstand zurück.

Erschrocken reiße ich meine Augen auf. Und obwohl ich weiß, daß ich verdammt nochmal endlich meine Hände dort wegnehmen sollte, fühle ich mich dazu außerstande.
Wenn überhaupt, ziehe ich ihn noch fester auf mich und vertiefe unseren Kuß.

Das Feuer in meinen Lenden droht mich schier zu verbrennen, vor allem, als er seine Hand – eben noch in meinen Haaren – erst ausgesprochen resolut zwischen unsere Körper und dann unter meine Hose zwängt.
Für den Bruchteil einer Sekunde flackert noch einmal die Vernunft in mir auf, ich will das hier unterbinden, denn er ist betrunken, verdammt nochmal und nicht Herr seiner Sinne, aber da berühren seine rauhen Finger schon mein zur Zeit empfindlichstes Körperteil, und jedes klare Denken wird in einer Welle der Begierde regelrecht davongespült.

***


Ich finde mich nach Luft ringend im Sand wieder, über mir die Kante des Felsüberhangs, und sehe zu, wie mein warmer Atem in der kühlen Nachtluft in kleinen Dampfwölkchen meinen brennenden Lungen entweicht, ohne es jedoch wirklich richtig zu sehen.
Mein Kopf fühlt sich völlig leer an, genauso leer und kraftlos wie mein Körper.

Ich zittere, aber das rührt nicht von der Kälte her, denn mir ist nicht kalt.

Es dauert sehr, sehr lange, bis mir mein Herz nicht mehr so laut in den Ohren dröhnt, und ich wieder etwas anderes hören kann.
Als erstes schreit da wieder ein Kojote, und wieder antwortet ihm eine Eule.

Und erst dann höre ich das hektische Atmen neben mir, aber noch während ich versuche, darüber nachzudenken, kuschelt sich jemand an mich, mir wird ein Kuß auf die schweißnasse Haut am Hals gedrückt, und dann landet ein Arm quer über meiner Brust. Ich festige meine eigene Umarmung und lausche darauf, wie das Keuchen an meinem Ohr langsam abflacht, erst zu schweren, und dann zu den ruhigeren, tiefen Atemzügen wird, die mir verraten, daß er eingeschlafen ist.

Nachdenklich starre ich in den aufgehenden Mond, und je länger ich dies tue, desto mehr frage mich, ob das jetzt Traum oder Wirklichkeit war. Und dann werde ich mir der unangenehmen Nässe in meiner Hose gewahr.
Ich spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht kriecht und bin froh, daß es erstens hier so dunkel ist und zweitens, daß der Mann neben mir so tief und fest schläft.

War das real?
Oder handelte es sich nur um einen besonders intensiven, feuchten Traum meinerseits?

Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden – immer mal vorausgesetzt, ich bin hier nicht der einzige, der auf seine Kosten gekommen ist.
Zögernd wiege ich Für und Wider gegeneinander ab und entschließe mich dann fürs Risiko.

Immer hochkonzentriert auf seine Atemzüge lauschend, taste ich mich behutsam unter seinen Mantel und stelle sehr schnell fest, daß er darunter ziemlich derangiert wirkt.
Muß aber auch nichts zu bedeuten haben, unruhige Träume hat jeder mal.
Innerlich kratze ich all meinen Mut zusammen und lasse meine Finger zentimeterweise weiterwandern, immer auf seine Atmung horchend – nicht auszudenken, würde er jetzt aufwachen!
Aber um ganz sicher zu gehen, nehme ich meine Pumageschwindigkeit zu Hilfe.
Schon eine Sekunde später reibe ich prüfend meine Finger gegeneinander und rieche sogar daran, bevor ich mit geradezu wissenschaftlichen Interesse feststelle, daß sich diese klebrige Nässe zwar genauso anfühlt wie bei mir immer, aber doch einen wesentlich … anregenderen Duft verströmt.  

Doch in genau diesem Moment regt sich der warme Körper neben mir, kuschelt sich noch fester an mich, und dann weht ein leiser, irgendwie verloren klingender Seufzer an meine Ohren, und aus wieder erwachter Lust wird purer Beschützerinstinkt, der sich auch in der Art widerspiegelt, wie ich ihn an mich drücke.

Und plötzlich ist es egal, ob oder inwieweit das Traum oder Wirklichkeit war.

***
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