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Des Marshalls Sündenfall

von MariLuna
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
21.01.2011
07.02.2011
11
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8. Kapitel

„Bring den Hobel nach Hause, Molly!“ rufe ich über meine Schulter hinweg und lege mit einem wohlgezielten Schuß das vorletzte der Fahrzeuge lahm, die uns verfolgen und ausrauben wollen.

Selbst bis hierher kann ich Skuzz’ Flüche hören, als sein Kerrikar plötzlich zur Seite hin wegkippt. Aus Erfahrung weiß ich, wie schnell er sein kann, wenn es darum geht, sich in Sicherheit zu bringen und mache mir daher keine großen Sorgen.

Heute ist mein erster Arbeitstag mit Molly, ich habe ihr dabei geholfen, ihre Stratokutsche zu be- und entladen, den Fahrgästen die Türen aufgehalten und neben der stämmigen Mittvierzigerin auf dem Kutschbock gehockt, stets ein waches Auge auf unsere Umgebung.
Dies hier ist unsere letzte Tour, zwei der drei Sonnen berühren gerade den Horizont, und bisher hatte sich kein Halunke blicken lassen, und das, obwohl die Stratokutsche ein beliebtes Ziel für alle möglichen Banden hier ist.
Es hat sich wohl herumgesprochen, daß diesmal der ehemalige Marshall mit auf dem Kutschbock sitzt.

Und als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, tauchte plötzlich die Carrion Bunch auf.

Skuzz ist der vorletzte von ihnen, den ich ausschalte.
Jetzt bleibt nur noch einer übrig. Ganz kurz treffen sich unsere Blicke, und ich sehe das amüsierte Funkeln in seinen Augen. Er weiß ganz genau, was ich vorhabe, denn letztendlich läuft es immer auf diese eine Handlung hinaus. Und so, nach einem letzten prüfenden Blick auf den Erdboden – Sand, keine Felsen, sehr gut -  schätze ich die Entfernung, stoße mich mit Bärenkräften vom Dach der Stratokutsche ab und lande auf seinem Gefährt, das inzwischen beinahe auf gleicher Höhe mit der Stratokutsche dahinfliegt. Ich habe das Chassis kaum berührt, da vergrabe ich meine Hände in seinem schwarzen Ledermantel und reiße ihn mit einem einzigen, kräftigen Ruck aus dem Sattel.

Ineinanderverkrallt landen wir im Wüstensand, und noch im Fallen drehe ich mich gewohnheitsmäßig so, daß mein eigener Körper möglich viel von der Wucht des Aufpralls auffängt. Unser Schwung ist so groß, daß wir noch einige Meter weiterrollen.
Feinkörniger Sand rieselt mir in den Kragen, mein Hut landet irgendwo, genau wie seiner, und für einen Augenblick ist alles vergessen – der Prozeß, meine Schuldgefühle, der Verlust meines Sternes – und ich bin wieder Marshall Brave Starr, der Held, wie er mit einem einzigen gekonnten Griff den berüchtigten Anführer der Carrion Bunch zu Boden zwingt.

Doch dann kommen wir zur Ruhe, und als mein Innenohr mir wieder zweifelsfrei melden kann, wo oben und wo unten ist, und wo sich meine Sicht wieder klärt, starre ich direkt in zwei weitaufgerissene, rote Augen.
Tex schnappt nach Luft, während sich jeder Muskel in seinem Körper regelrecht verkrampft,
und zuerst kann ich mir diese Reaktion nicht erklären, bis mir siedendheiß bewußt wird, daß ich direkt auf ihm liege.

„Oh. Tut mir leid.“

Betroffen lasse ich als erstes seine Handgelenke wieder los, die ich aus alter Gewohnheit fest neben seinem Kopf in den nachgiebigen Sand gepresst habe und stemme mich dann hastig auf die Ellbogen, will mich aufrappeln, möglichst wieder angemessene Distanz zwischen unsere Körper bringen, da verkrallen sich zehn lilafarbene, kräftige Finger in meiner Jeansjacke und ziehen mich wieder herab.

„Nein! Nicht weggehen!“

Kurzzeitig sträube ich mich gegen seinen Griff, denn er ist kreidebleich und kämpft ganz offensichtlich wieder gegen eine Panikattacke an.

„Ich muß das schaffen.“ Seine Stimme ist nurmehr ein flehentliches Wispern, während er gleichzeitig so fest an meiner Jacke zerrt, bis eine Naht protestierend nachgibt.

Meiner Jacke zuliebe und weil er wirklich verzweifelt entschlossen zu sein scheint, gebe ich dem Zug ein paar Millimeter nach.
Und dann, so erscheint es mir, erstarren wir beide.

In diesem Moment nehme ich alles überdeutlich wahr:  seine keuchenden Atemzüge, die mir warm über die Haut am Hals streicheln, der Geruch nach Leder und Schweiß, und vor allem natürlich seinen sehnigen Körper direkt unter mir. Mein linkes Bein hat sich zwischen seine geschoben, unsere unteren Regionen berühren sich auf höchst anregende Art und Weise, und unwillkürlich schießt mir die Frage durch den Kopf, ob es schon immer so war und ich es nur nicht bemerkt habe. Wie oft haben wir schon so dagelegen, wenn auch meist nur für den Bruchteil einer Sekunde, während unserer Kämpfe in all den letzten Jahren?

Und dann blitzen Erinnerungen in meinem Inneren auf … das Gefühl seiner erhitzten Haut unter meinen Fingerspitzen, das Keuchen meines eigenen Atems, wie es mit seinem verschmilzt, der Anblick seiner Wirbel, als ich ihm das Haar beiseitestreiche und über seinen Nacken lecke, während ich mich gleichzeitig immer tiefer in ihm vergrabe. Jener Teil meiner Erinnerung, den ich bisher so erfolgreich verdrängt habe, ist auf einmal geradezu schmerzlich präsent.
Erschrocken versuche ich, wenigstens den unteren Teil meines Körpers wieder auf Abstand zu bringen, vor allem, als ich beschämt registriere, wie mir die Hitze in die Lenden schießt.
Noch nie war ich so froh über das unruhige Flackern in seinen Augen, denn es ist das einzige, was mich bei Vernunft hält und mich nicht meinen Instinkten nachgeben läßt.

Vorsichtig versuche ich, mich aus seiner Umklammerung zu lösen, doch da schlingt er plötzlich seine Arme um mich und drückt mich so fest an sich, daß mir glatt der Atem wegbleibt.
Wenigstens gelingt es mir, mich unterhalb der Taille seitlich so zu drehen, daß ein ganz gewisser Körperteil von mir nur noch gegen seine Hüfte drückt. Das Ziehen in meinem Rücken ob dieser verdrehten Haltung ignoriere ich geflissentlich.

„Ich muß es schaffen“, wie durch einen Nebel sickert seine dunkle Stimme in mein Bewußtsein, während er mich schweratmend noch enger an sich drückt.

„Ich werde es schaffen…“ immer wieder wiederholt er dies, einem Mantra ähnlich, das Gesicht in meinen Haaren vergraben und die Finger im Stoff meiner Jacke verkrallt.

Ich bin zutiefst erschrocken und weiß nicht, was ich tun soll, und daher halte ich ganz einfach still und warte.
Es schmerzt, diesen stolzen, starken Mann so zu erleben, vor allem, weil es meine Schuld ist.

Wie lange wir so daliegen, weiß ich nicht genau.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ihn so nahe zu sein, daß ich jeden einzelnen seiner Atemzüge spüren kann. Einerseits fühlt sich das unheimlich gut an, andererseits nagt die Schuld an mir und hemmt mich innerlich.
Noch niemals in meinen ganzen sechsundzwanzig Jahren habe ich so aufmerksam auf jede noch so kleine Reaktion von jemanden geachtet, um nur ja keinen Fehler zu begehen. Nicht einmal die gefährlichste Geiselnahme ist mit dieser fragilen Situation vergleichbar.

Irgendwann spüre ich, wie seine Umklammerung etwas an Kraft verliert, und dies ist der Moment, wo ich uns beide vorsichtig unter Zuhilfenahme von Puma- und Bärenkräften erst auf die Seite drehe und dann in eine annähernd sitzende Position ziehe.
Beinahe hätte ich erleichtert aufgeatmet, denn so laufe ich wenigstens nicht mehr in Gefahr, meinen Instinkten zu erliegen.

Daß ich jetzt ihn halten kann, läßt mich ein wenig Kontrolle über dies hier zurückgewinnen und das Gefühl der Überforderung schrumpfen.

Geflissentlich ignoriere ich die Tatsache, wie eng mir meine Hose inzwischen geworden ist und streiche sachte über seinen Hinterkopf. Sand rieselt dabei aus seinem Haar, färbt meine Finger rot und staubig.
Und für einen winzig kleinen Moment habe ich den Wunsch, ihn zu küssen. Erschrocken über diesen Gedanken, schüttele ich den Kopf.
Und dies ist der Augenblick, wo er sein mantraähnliches Gemurmel unterbricht, dann landen seine Hände auf meinen Schultern und schieben mich auf halbe Armeslänge von sich.

„Entschuldige“, räuspert er sich leise und blinzelt mich aus müden – und wie mir jetzt erst auffällt – stark umschatteten Augen an. „Ich … ich glaube, jetzt ist alles wieder okay.“

Okay sieht für mich anders aus, und einem Impuls folgend ziehe ich ihn einfach wieder an meine Brust, woraufhin er nur leise aufseufzt und sich schwer gegen mich lehnt.
Und plötzlich habe ich das Gefühl, daß wir soeben eine unsichtbare Barriere durchbrochen haben.

„Ich dachte, ich schaff das“, höre ich ihn murmeln. „Ich dachte, ich komme damit klar.“

Er klingt müde und enttäuscht – als halte er sich für einen Versager.

„Verlangst du da nicht zuviel von dir?“ gebe ich zurück, während meine linke Hand wieder über seinen wirren Haarschopf streichelt.
„Es ist noch nicht mal eine Woche her.“

Ich halte inne und lausche meinen eigenen Worten hinterher. Es sind sechs Tage, rechne ich nach. Das ist wirklich nicht lange, und doch scheint es so weit weg zu sein, aus einem völlig anderen Leben zu stammen.

„Wer vom Pferd fällt, muß auch sofort wieder aufsteigen“, knurrt er leise.
Ja, er ist eindeutig wütend. Über sich selbst.
Unwillkürlich drücke ich ihn noch etwas fester an mich.

„Du willst es also mit Konfrontationstherapie versuchen? Wieso lässt du dir nicht einfach Zeit?“

Er quält sich selbst, und ich bin schuld daran!
Ich wünschte, ich könnte ihm irgendwie helfen.

Er holt einmal tief Luft, und ich spüre, wie er den Kopf an meiner Schulter schüttelt.

„Ich habe keine Zeit. Mir gehen die Klamotten aus, verstehst du? Ich kann meine Waschküche nicht mehr betreten, und mir wird übel, wenn ich mein altes Outfit – weißt schon, Chaps, Hemd, Halstuch, sogar den verfluchten Waffengurt und die Stiefel – auch nur sehe. Und das ist absolut indiskutabel.“

Seine Worte treffen mich härter als jeder Schlag von ihm in den vergangenen Jahren.

„Es tut mir leid…“ Ich schluchze es fast. Es klingt so furchtbar hohl. Scheiße, was habe ich ihm nur angetan?

„Ich bin ein Feigling“, flüstert er dann leise. Tonlos. Mutlos.

„Nein, bist du nicht“, ohne dass ich es bemerkt hätte, beginne ich, uns beide hin- und herzuwiegen, wie eine Mutter ihr verzweifeltes Kind. „Bist du nicht. Wer sagt denn sowas?“

„Du. Immer. Und du hast recht.“

Habe ich nicht! Hatte ich nie!

„Ich habe viel gesagt, Tex. Sehr viel. Ich wußte es nicht besser.“

Seine Antwort besteht aus einem tiefen Seufzer, in den ich mit einfalle – wenn auch aus einem anderen Grunde. Denn eine seiner Hände hat sich unter meine Jeansjacke verirrt und vollführt nun kleine Kreise auf meinem Rücken, und diese Berührung vermittelt mir selbst durch den Stoff meines T-Shirts hindurch eine anheimelnde Wärme.

Doch das ist falsch! Ich sollte dies hier nicht genießen.
Tex versucht hier gerade ein Trauma zu überwinden, an dem ich schuld bin, und ich zeige mich nur von meiner egoistischen Seite!
Ich sollte mich in Grund und Boden schämen!

Als Ausgleich für meine unangebrachten Gedanken, nehme ich ihn nur noch fester in den Arm und ignoriere entschlossen all diese warmen und alles andere als jugendfreien Gefühle, die er in mir auslöst und konzentriere mich nur noch auf meine selbstgewählte Aufgabe, die darin besteht, ihm Halt zu geben.

Aber gerade, als ich mir überlege, ob ich es wagen kann, ihm einen kleinen Kuß auf Schläfe, Wange oder Stirn zu hauchen, schiebt er sich entschlossen von mir weg.

Nur ganz kurz sieht er mir in die Augen, bevor er den Blick verlegen abwendet.

„Danke.“ Er räuspert sich und rutscht noch weiter zurück.

Meine Arme fühlen sich seltsam leer an ohne ihn. Ich will nicht wieder diesen Abstand zwischen uns! Ich will nicht, daß er geht!

„Tex…“ Meine rechte Hand handelt fast ohne mein dazutun, als sie sanft seine Wange berührt.

Ich will noch etwas sagen, doch ich weiß nicht, was.

Mit einem etwas schiefen Lächeln pflückt er meine Hand von seinem Gesicht, und doch ist es mir, als halte er sie noch einen Moment länger als nötig, bevor er sie losläßt und endgültig aus meiner reichweite zurückweicht.

„Du solltest gehen. Sonst ruft Molly noch den neuen Marshall zu deiner Rettung.“

„Bist du heute in der Bar?“ haspele ich atemlos hervor, voller böser Ahnungen, daß er sich jede Sekunde in Luft auflösen wird.

Er mustert mich irritiert, diese Frage scheint ihn genauso überrascht zu haben wie mich.

„Nein“, erwidert er dann kurzangebunden.
Meine Enttäuschung muß mir anzusehen sein, denn er schenkt mir wieder dieses scheue, aber unglaublich warme Lächeln.

„Wir sehen uns.“

Ich nicke. Ja, wir sehen uns. Natürlich. Denn eines ist mal gewiß: in den letzten sechs Tagen sind wir uns öfter begegnet als je zuvor innerhalb eines solch kurzen Zeitraumes.
Mit diesen schwirrenden Geräusch knapp unterhalb der menschlichen Hörgrenze löst er sich in Rauch auf, läßt mich allein und verlassen in der staubigen Wüste zurück.
Komisch ist nur, daß ich mich gar nicht so alleine fühle.
Nur verlassen.

***
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