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Des Marshalls Sündenfall

von MariLuna
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
21.01.2011
07.02.2011
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7. Kapitel

Tex hat ein Geheimnis mit mir geteilt, das so brisant ist, daß es in den falschen Händen seinen Kopf kosten kann. Schließlich steht außer Zweifel, daß Stampede nicht über die Unwirksamkeit des magischen Schutzwalles bei Tex Hex Bescheid wüßte. Immerhin weiß es ja auch die gesamte Carrion Bunch, und jeder weiß, daß irgend einer von denen bei einer solchen Neuigkeit sofort zu Stampede gerannt wäre, um Punkte für sich selbst zu sammeln.
Das wiederum bedeutet, daß uns die selbsternannte „Seite des Bösen“ ganz gehörig vergackeiert.
Und wenn das je herauskommt, wird Stampede erst Tex den Kopf abbeißen und dann mir.
Trotzdem - zum Wohle meiner Neugier und im Namen meines unwissenden Ziehvaters, muß ich wissen, was hier gespielt wird.
Und so begebe ich mich bei Einbruch der Nacht direkt und ohne Umwege ins Striplokal, denn ich bevorzuge bei diesem Vorhaben neutralen Boden. Jedenfalls versuche ich mir das einzureden. In Wirklichkeit schäme ich mich noch zu sehr, um Tex in seinem eigenen Heim schon wieder zu bedrängen.

Kurz hinter der Schwelle bleibe ich erst einmal stehen, blende die perlende Musik aus und versuche das diesmal leicht rötlich glimmende Halbdunkel mit Hilfe meines Falkenblickes zu durchdringen.
Ich bin noch immer auf giftgrünes Hemd, Waffengurt und Chaps geeicht, und von daher ist es nur meinem Bauchgefühl zu verdanken, daß ich den Mann, der genau dort sitzt, wo wir vor ein paar Tagen gesessen hatten, etwas eindringlicher mustere.
Braune Haare, braune Haut – ein ganz durchschnittlicher Mann, doch der schwarze Mantel
erscheint mir dann doch allzu sehr vertraut.

Letzte Gewißheit erhalte ich jedoch erst, als mein Wolfsgehör leise Gesprächsfetzen heranträgt:

„… tanz mal was vor.“ Oh, dieses Timbre würde ich unter Hunderttausenden wiedererkennen, ganz egal, in wen oder was er sich verwandelt hat!

„Jetzt? Hier?“ Eine mir unbekannte, überrascht klingende Stimme.
Das bringt mich dazu, mal etwas genauer hinzusehen, und jetzt erkenne ich auch die schmale, sich anscheinend in ihrem knappen Tanzköstum noch etwas unbehaglich fühlende junge Dame, die direkt vor ihm steht.

Selbst aus der Entfernung kann ich das Grinsen in Tex’ Stimme hören, als er erwidert:

„Natürlich. Glaubst du, ich stelle dich ein ohne zu wissen, ob du was taugst?“

Mir stockt der Atem. Ich überdenke meinen Plan, ihn mit meiner Anwesenheit zu beehren und steuere stattdessen lieber erst die Bar an, wo ich mir von der schwarzhaarigen Bardame – Lucy, und sie ist neben Vipra aus der Carrion Bunch die einzige Vertreterin des Schlangenvolkes, die ich je kennengelernt habe - erst einmal einen dieser köstlichen Fruchtcocktails geben lasse.

„Sie sind früh dran heute, Brave Starr.“

Ich nicke nur, lasse meinen Blick über die anderen Tische wandern, von denen nur die Hälfte besetzt ist  - aber es ist ja gerade halb elf Uhr am Abend – und zwinge mich regelrecht, Tex, von dem ich gerade mal den Hinterkopf und Schultern und den Arm sehe, den er über die Lehne gelegt hat, nicht allzu auffällig zu mustern.
Er kann solche Blicke spüren, und ich will nicht, daß er sich durch mich beobachtet fühlt.

„Er ist bestimmt gleich für Sie da“, die Barfrau ist meinem Blick gefolgt und schenkt mir nun eines ihrer bezaubernden Lächeln.
Ertappt! Fast wäre ich erschrocken zusammengezuckt. Hastig verstecke ich mich erst hinter einer gelangweilten Miene und dann hinter meinem Cocktail.

„Was macht er denn da?“ frage ich sie und versuche, nicht allzu neugierig zu klingen.

Trotzdem kann ich es nicht verhindern, daß meine Blicke erst zu Tex, und dann zu dem jungen Ding auf der Bühne huschen, die sich gerade in Verrenkungen an einer Stange ergeht.
Sie scheint einigermaßen Erfolg zu haben, denn einige der Männer, die schon dort vorne stehen, winken mit Geldscheinen. Ich erspare mir den Anblick, wie sie betont lasziv herübergleitet und sich von fremden Männern etwas zustecken läßt.
Ich erinnere mich nämlich daran, daß ich in den letzten Nächten ebenfalls zu diesen Männern gehörte. Ganz so plump und aufdringlich war ich trotzdem nicht – hoffe ich jedenfalls.

„Wir brauchen ein paar neue Tänzerinnen“, erklärt Lucy, füllt ein Schälchen mit Erdnüssen und schiebt es mir zu. „Das dort ist ein Vorstellungsgespräch.“

Entgeistert starre ich sie an. „Sie meinen, dieses Lokal hier gehört“, nach einem schnellen Blick in die Runde senke ich meine Stimme zu einem Flüstern, „Tex Hex?“

Lucy grinst nur von einem Ohr zum anderen und überläßt mich dann meinen Gedanken, weil gerade eine der Kellnerinnen mit einer Bestellung antanzt.

Versonnen stochere ich mit dem Strohhalm in meinem Drink herum und lausche dem Geräusch der aneinanderklackenden Eiswürfel, ohne es jedoch wirklich wahrzunehmen.
Ich kann es kaum glauben.
Tex Hex, mein einst so wundervoll berechenbarer, cholerischer Erzfeind, entwickelt sich zunehmend zu einem Buch mit sieben Siegeln.

„Immer, wenn ich dich treffe, hast du einen Drink in der Hand. Wirst du noch zum Trinker?“

Beim Klang dieser volltönenden, dunklen Stimme, schleicht sich mir sofort ein Lächeln auf die Züge.

„Nicht immer“, stelle ich richtig und drehe mich zu ihm um, nur, um sofort das Gesicht zu verziehen. Alles andere als begeistert lasse ich meinen Blick über sein Gesicht wandern.

„In dieser Gestalt unterhalte ich mich nicht mit dir“, erkläre ich ziemlich schroff.

Ich ernte ein verblüfftes Blinzeln, gefolgt von einem geknurrten „na gut“, und dann geht er mit wehendem Mantel an mir vorbei zur Tür.
Zuerst bin ich wirklich beunruhigt, befürchte, daß ich ihn vergrault habe, doch kurz vor der Tür bleibt er stehen. Es ist ein Punkt, den man nur vom äußeren Ende der Theke – also von meinem Standpunkt aus - einsehen kann, der vor den neugierigen Blicken aller anderen im Lokal allerdings verborgen bleibt. Ein sogenannter „toter Winkel“.
Er bleibt dort stehen, mit dem Rücken zu mir, schüttelt sich wie ein nasser Hund, und in einem silbrigen Funkenschauer fällt sein Alter Ego von ihm ab.
Er kommt zu mir zurück an die Bar, wischt sich noch im Gehen die letzten silberpudrigen Reste von den Schulterklappen seines Mantels und wirft mir einen herausfordernden Blick zu.

„Gefällt dir das jetzt besser?“

„Oh ja.“ Und das ist nicht einmal gelogen. „Allerdings“, gebe ich zu bedenken und zupfe zur Unterstreichung meiner Worte kurz an seinem Mantelkragen herum, „- dieser Mantel besitzt auch einen gewissen Wiedererkennungswert.“

„Fällt schon niemanden auf. Die haben hier ihre Augen ganz woanders.“
Tex dreht sich zu Lucy um und nimmt von ihr zwei Cocktails entgegen. Wäre er nicht so eindeutig noch einen Schritt zur Seite ausgewichen, hätte dies jetzt wie eine beiläufige Bewegung gewirkt, aber so werde ich das Gefühl nicht los, daß ihm meine Nähe unangenehm ist.

Er drückt mir eines der Gläser in die Hand und bedeutet mir, ihm zu folgen. Keine fünf Sekunden später setzen wir uns an jenen Tisch, wo er eben noch gesessen hatte – es handelt sich wohl um seinen Stammplatz.
Ich kann und will diese stumme Abweisung nicht hinnehmen, und so lasse ich mich diesmal direkt neben ihm in die Polster sinken anstatt gegenüber Platz zu nehmen.
Er ist zwar zu höflich, um von mir abzurücken, doch seine ganze Haltung wirkt plötzlich wesentlich angespannter.
Ich übersehe das jetzt mal geflissentlich, nehme einen Schluck von meinem Drink, lecke mir einmal genüßlich über die Lippen und lehne mich etwas zurück in die Polster, während mein Blick langsam zur Bühne hinüberschweift. Ganz kurz bewundere ich die eleganten Bewegungen der beiden Tänzerinnen dort oben, und wie ihre nackte Haut im rötlichen Licht geheimnisvoll schimmert, doch wirkliche sexuelle Erregung verspüre ich diesmal nicht.
Obwohl – habe ich das je? Sie sind attraktiv, zweifellos, aber der Drang, eine von ihnen sofort in mein Bett zu zerren, blieb schon bei meinem ersten Besuch hier aus, wenn ich es mir recht überlege.
Ich war zwar betrunken, aber daran erinnere ich mich noch deutlich genug. Irgend etwas Entscheidendes fehlt. Der Funke, der das Feuer entfacht. Es ist dasselbe Gefühl wie damals bei J.B.
Entschlossen schiebe ich diesen Gedanken wieder zurück in das Loch, aus dem er kam. Ich will nicht melancholisch werden, nicht darüber nachdenken, wie aus unserer Freundschaft erst Liebe und dann wieder Freundschaft wurde.

Mein Blick zuckt hinüber zu Tex Hex, dessen Blick, wie ich jetzt erkenne, nicht genüßlich, sondern nur beobachtend auf den Tänzerinnen ruht.

„Ich nehme mal an, das Lokal hier läuft nicht auf deinen Namen?“ erkundige ich mich gedämpft.

„Bei allen Göttern! Natürlich nicht. Offiziell gehört das alles Lucy und der andere ist der Geschäftsführer.“

Der andere. Er, in einer fremden Gestalt. Ich verzichte darauf, zu fragen, wie er sich als sein Alter Ego nennt. Braune Haare. Blaue Augen. Ein richtiges Allerweltsgesicht. Ich mag sein Alter Ego nicht.
Mein Blick saugt sich an seinem Profil fest, der hohen Stirn, der frechen Nase, der so einzigartigen Mundpartie, die von dem langen, weißen Schnurrbart eingerahmt wird, und ich muß mich ganz stark beherrschen, um ihm nicht diese vorwitzige Strähne aus den roten Augen zu streichen. Stattdessen hebe ich mein Glas und nuckele hingebungsvoll an dem giftgrünen Strohhalm herum.

„Seit wann genau gehört dir diese Bar eigentlich?“

„Seit der Eröffnung“, grinst er breit zurück. „Übrigens nicht nur die. Ich besitze Anteile an fast jedem Geschäft in dieser Straße.“

Wieso überrascht mich das nicht?

„Das erklärt, warum es hier so ruhig zugeht“, erwidere ich, stelle meinen Cocktail zurück auf den Tisch, direkt neben seinen, und mein Handrücken streift dabei beinahe seine Finger, die sich fast sofort noch fester um sein eigenes Glas krampfen.

Er gibt ein zynisches Lachen von sich, führt sein Glas zu seinem Mund und nimmt einen richtigen Schluck – ohne Strohhalm.

„Nein“, berichtigt er dann, „das liegt eher daran, daß niemand hier Lust hat, daß plötzlich aufgebrachte Ehefrauen vor den Türen demonstrieren. Das vergrault nur die Kundschaft. Also versuchen wir, keine Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Vor meiner Nase. Du hast dies alles hier direkt vor meiner Nase durchgezogen und ich habe nichts davon geahnt. Wirklich, Tex – meine Hochachtung.“

„Danke.“ Er schenkt mir ein geschmeicheltes Lächeln, relativiert dann aber hastig: „Aber jetzt, wo du es weißt, ist die Sache nur noch halb so lustig.“

„Das sieht dir ähnlich.“

Die nächsten Sekunden verbringen wir schweigend, die Blicke mehr oder weniger starr auf die Darbietungen der jungen Damen gerichtet, und als ich den Eindruck habe, daß er sich ein wenig entspannt hat, spreche ich ihn wieder an.

„Duuuu?“ betont unschuldig und gedehnt. „Darf ich dich mal was fragen?“

„Natürlich dürftest du hier gerne als Stripper arbeiten. Das Problem ist nur, daß sich das Konzept der Ladie’s Night in diesem Kaff noch nicht durchgesetzt hat.“

Was? Ich kann ihn nur entgeistert anstarren, wie er seinen Blick langsam über meinen Körper gleiten läßt, wobei er ein anerkennendes Schnurren von sich gibt, und als sich seine Augen endlich von meinem Oberkörper lösen, und er mich direkt ansieht, ist da wieder dieses gewisse Funkeln.

„Oh, danke“, kommentiere ich dieses scherzhaft gemeinte Angebot, und für einen Augenblick frage ich mich, wie er wohl reagieren würde, sollte ich einfach annehmen.
„Nein, kein Bedarf“, lehne ich nach einem kurzen Zögern ab. „Ich fange morgen schon bei Molly an.“

„Das ist schön.“

„Ja“, stimme ich ihm zu und setze, etwas schärfer, hinzu: „Und jetzt hör auf, abzulenken.“

„Wer lenkt denn ab?“ begleitet von dem größten Unschuldsblick aller Zeiten, doch der wird sehr schnell sehr starr und beinahe schon glasig, als ich mich weit zu ihm hinüberlehne, und während ich meine freie Hand vertraulich auf seine lege, kann ich hören, wie sich sein Puls beschleunigt.  
Unbarmherzig raune ich in sein linkes Ohr, und achte dabei darauf, daß mein Atem seine Ohrmuschel streift:

„Das heute am StarrPeak hat doch einige Fragen aufgeworfen. Wieso greifst du Shaman nicht an, obwohl dich das magische Schutzschild offensichtlich nicht aufhalten kann? Wieso spielen du und Stampede diese Spielchen?“

Er erstarrt regelrecht, bemüht sich allerdings um Gelassenheit. Jede seiner Bewegungen ist wohlkalkuliert, als er sich lässig in die Polster zurücklehnt und damit wieder einige kostbare Zentimeter Distanz zwischen uns bringt.
Mir entgeht jedoch nicht, wie klamm und feucht sich die Haut seiner Hand unter meinen Fingerspitzen anfühlt.

Er steht kurz vor einer Panikattacke, und zwar allein durch die Nähe, die ich ihm aufgedrängt habe.

„Ich für meinen Teil habe keinen Streit mit dem alten Schamanen“, seine Stimme klingt ruhig und völlig emotionslos, doch da ist wieder diese verräterische Geste, wie er sich erst einmal über den Bart und dann durchs Haar streicht. „Ich halte mich nur an Stampedes Befehle.“

Die Art und Weise, wie er auf mich reagiert, läßt mich schuldbewußt wieder etwas zurückrutschen. Meine Hand allerdings lasse ich dort, wo sie ist.

„Und was hat Stampede davon?“ dränge ich neugierig.

Er holt einmal tief Luft. An der Art, wie tonlos seine Antwort herauskommt, begreife ich, wie sehr er sich um Fassung bemüht.

„Ich habe schon vor langer Zeit aufgegeben, Stampede irgendwie verstehen zu wollen. Ich versuche nur noch, ihn nicht unnötig in Rage zu bringen. Er kennt Wege, deine Seele in Stücke zu zerreißen, die wünsche ich meinem ärgsten Todfeind nicht.“
Seinen letzten Satz, dessen bin ich mir schmerzhaft bewußt, hätte er niemals von sich gegeben, wäre ich ihm nicht physisch so sehr auf die Pelle gerutscht. Aber sein Bemühen, gegen seine innere Panik anzukämpfen, hat ihn unvorsichtig werden lassen.

Ich solle endlich meine Hand dort fortnehmen, aber nachdem, was er mir eben anvertraut hat, erscheint mir das unmöglich. Und so drücke ich seine klamme Hand, in der Hoffnung, daß es als beruhigende Geste verstanden wird.

„Das tut mir leid. Wenn du jemanden brauchst … zum Reden oder so…“

Ich lasse den Satz unbeendet. Wie komme ich dazu, ihm Hilfe anzubieten, wenn ich ihm gerade eine Todesangst einjage?
Hastig ziehe ich meine Hand wieder zurück.

Während seine jetzt wieder freigelassenen Finger Zuflucht am Cocktailglas suchen, starrt er nur wieder so blicklos geradeaus wie damals im Gerichtssaal. Oder kurz nachdem ich ihn … ich denke den Gedanken nicht zu Ende, rutsche stattdessen auf der Sitzbank ungefähr fünfzig Zentimeter von ihm fort und konzentriere mich lieber wieder auf meinen eigenen Cocktail. Für heute habe ich genug Schaden angerichtet.

Die Zeit schleicht dahin, und keiner von uns sagt ein Wort. Es ist dennoch nicht still, denn da ist immer noch die Musik und das Stimmengewirr der anderen Gäste um uns herum, ganz zu schweigen von dem Schlürfgeräuschen, als ich mit meinem Strohhalm den letzten Tropfen dieses köstlichen Getränks aufsauge.
Als ich die Hand hebe, um eine Kellnerin herbeizurufen, spüre ich einen leichten Tritt ans Schienbein. Ich schrecke auf und starre direkt in Tex’ vergnügt funkelnde Augen.

„Hey! Wenn du so weitermachst, muß ich dich wieder nach Hause bringen.“

Damit wäre eine andere Frage von mir beantwortet, die ich zu stellen ganz vergessen habe. Ich habe es zwar geahnt, aber jetzt, wo er es anspricht, fühle ich, wie sich meine Wangen vor Verlegenheit röten, denn ich erinnere mich noch zu gut an den Pyjama, den ich mir wohl offensichtlich wirklich nicht selber angezogen habe.

„Du hast recht“, bedauernd winke ich die Kellnerin wieder fort. „Ich muß außerdem morgen früh raus; wenn ich nicht pünktlich bin, ist Molly wieder sauer, und die Frau kennt Schimpfworte, da schlackern einem die Ohren.“

„Ich weiß“, er grinst zustimmend und erhebt sich zu meiner großen Überraschung ebenfalls, als ich mich dazu anschicke.
„Ich begleite dich noch zur Tür.“

Er begleitet mich nicht nur zur Tür, sondern auch über die Schwelle. Und als er nach fünf Metern auf dem Bürgersteig immer noch nicht von meiner Seite weicht, bleibe ich nun doch etwas überrascht stehen.

„Wolltest du mich nicht nur bis zur Tür bringen?“

„Tu ich doch“, entgegnet er mit einem leichten Lächeln.

Ich ziehe es vor zu schweigen, ich wüßte auch gar nicht, was ich darauf antworten sollte. Mal ganz davon abgesehen, daß ich seine Gesellschaft genieße und ihn nicht durch eine unpassende Bemerkung verscheuchen will.
Da ich immer noch in meiner alten Dienstwohnung lebe, müßten wir auf die Main Street einbiegen, aber ich entscheide mich lieber für die stillen Nebengassen, denn der Gedanke, daß Tex Hex mitten über die Hauptstraße spaziert und einer der braven Bürger hier sofort meinen Deputy … nein, es heißt ja jetzt: Marshall Thirty-Thirty – zumindest heute ab Mitternacht, und inzwischen ist es eine Minute nach – herbeiruft.

„Ich mag diesen Schleichweg“, weht da Tex’ leise, dunkle Stimme an meine Ohren. „den bin ich letztens auch gegangen. Die Gassen sind dunkel und man kann deswegen problemlos die Sterne sehen.“

Unwillkürlich richtet sich mein Blick in die Höhe. Wie immer überfällt mich bei diesem Anblick ehrfürchtiges Staunen. Wenn man sich vor Augen hält, daß das Licht all dieser Sterne teilweise Jahrmillionen benötigt hat, um uns jetzt mit seinem Schein zu erfreuen, fühlt man sich ganz klein und unbedeutend.

„Manchmal“, höre ich es neben mir beinahe sehnsüchtig raunen, „reite ich nachts einfach raus in die Wüste, nur, um mir das anzusehen.“

„Ich auch“, wispere ich zurück.

Unsere Blicke treffen sich, und ganz plötzlich fühle ich sie wieder, diese merkwürdige Verbindung, genau wie vor einigen Tagen in seiner Küche. Der Drang, ihn irgendwie zu berühren, wird übermächtig, doch Scham und Schuld und dieser verfluchte schwarze Mantel halten mich davon ab. Darin wirkt er so fremd, so … gar nicht er selbst.

Den Rest des Weges legen wir wieder schweigend zurück. Wir durchqueren den kleinen, schmuddeligen Hinterhof, und obwohl er nicht zu meiner Wohnung gehört, schäme ich mich plötzlich, ihn an den überfüllten Mülltonnen vorbeizuführen.
Selten ist es mir aufgefallen, wie schäbig ich all die letzten Jahre doch gelebt habe.
Zum Glück ziehe ich bald aus.

Vor der umgebauten Feuertreppe, die hinauf in meine Noch-Dienstwohnung führt, bleiben wir stehen.
Ich fühle mich plötzlich furchtbar verlegen, wie ich ihm so gegenüberstehe und suche noch nach den richtigen Abschiedsworten, als ich plötzlich seine warmen Finger an meiner Wange spüre.

„Vergiß nicht, deinen Wecker zu stellen.“

Das letzte, was ich von ihm sehe, bevor er sich in Rauch auflöst, ist ein Lächeln, das ganz alleine mir gilt, und dessen Wärme mir glatt den Atem verschlägt.
Es begleitet mich noch bis tief in meine Träume.

***
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