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Des Marshalls Sündenfall

von MariLuna
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Brave Starr Tex Hex
21.01.2011
07.02.2011
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2. Kapitel

Die Gesichter der Richter sehen noch immer ziemlich grün aus, als sie den nächsten und einzigen Zeugen aufrufen.
Ich bin ein wenig erstaunt – aber auch erleichtert, denn nachdem ich ihnen ausführlich von der Bedeutung der Prophezeiung erzählte, wurde die eigentliche Frage, nämlich die, was ich getan habe, damit der angebliche Heilsbringer seinen Wert verliert, gar nicht mehr gestellt. Mal ganz davon abgesehen, daß ich diese Frage zu meinem eigenen Wohl nicht beantwortet hätte – da stimme ich meinem Rechtsbeistand ausnahmsweise mal zu – bin ich froh, daß ich gar nicht erst in diese Verlegenheit kam.

Danke, J.B.!

Meine Wolfsohren melden mir dieses selbstbewußte Klacken der Absätze seiner Cowboystiefel schon bevor er zur Tür hereinkommt. Thirty-Thirty folgt ihm dichtauf und stellt sich dann wieder hinter mich als wäre nie etwas geschehen.

Ich kann nicht anders als ihn anzustarren, während er sich zum Zeugenstand begibt. Muß ich mir Sorgen machen, weil er diesen langen schwarzen Mantel trägt und darunter ganz offensichtlich nicht in seiner üblichen Kleidung, sondern auch hier nur in dunklen Farben herumläuft?

Ist das tatsächlich ein Stilbruch oder nur der Beweis, daß ich ihn eigentlich gar nicht kenne?
Ich suche in seinem Gesicht nach irgend einem Anzeichen, das mir etwas über seine derzeitige Stimmung verrät. Von seiner Aussage hängt mein ganzer Ruf ab.
Nicht meine Karriere, ich weiß, daß ich mir einen neuen Job suchen muß, aber wenn zugleich auch mein Ruf als anständiger Mann ruiniert wird, muß ich auswandern.

Ist er wütend?
Haßt er mich noch mehr als sonst?
Ich könnte es ihm nicht einmal verübeln.
Wie komme ich eigentlich dazu, von ihm überhaupt etwas anderes zu erwarten?

Aber vielleicht … kurz huscht mein Blick hinüber zu J.B., die mir nur für mich sichtbar aufmunternd zulächelt, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Zeugen richtet … vielleicht fürchte ich mich auch nur davor, eine gute Freundin zu verlieren, wenn sie erst einmal versteht, daß die Vorwürfe gegen mich gar nicht mal so aus der Luft gegriffen sind.
Niemand außer mir und ihm, weiß davon.
Noch nicht.

Seine Miene jedenfalls ist mal wieder völlig unlesbar. Doch dann, als er sich in den Zeugenstand setzt, seinen Hut abnimmt und vor sich hinlegt, vollführt er diese eine, ganz bestimmte Geste, die mir schon gestern aufgefallen ist. Erst streicht er sich einmal durch den Schnurrbart, dann zweimal übers Haar, und in diesem Moment weiß ich, daß er mit seinen Nerven am Ende ist.
Und jetzt fallen mir auch die dunklen Schatten unter seinen Augen auf. Er sieht genauso übernächtigt aus wie ich.
Sofort packt mich ein solcher Anfall von Schuld, daß mir beinahe wieder übel wird. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte mich wieder bei ihm entschuldigt, aber ich unterdrücke den Impuls und senke stattdessen lieber den Blick.

Während der Formalitäten wirkt er sehr ruhig und gefaßt, und selbst, als die ersten Fragen von Seiten der Richterbank  kommen, zeigt er keine Nervosität. Dafür kann ich ihn nur bewundern.
Ich dagegen werde immer angespannter, je mehr wir uns diesem Thema nähern.

Zum Glück tastet sich J.B. mit ihren Fragen so behutsam vor, als würde sie ahnen, auf welches Minenfeld sie sich da begibt.

„Nun, Mr. Hex, was hat Ihnen der Angeklagte gesagt, als er gestern bei ihnen auftauchte?“

Tex blinzelt und sieht mich zum ersten Mal direkt an, und ich versuche, ihm standzuhalten.

„Alles“, höre ich ihn dann antworten, und dann streicht er sich wieder eine Haarsträhne zurück hinters Ohr. „Von der Prophezeiung und was die Eleysiner mit mir vorhatten. Und verständlicherweise hält sich meine Begeisterung darüber in Grenzen. Oder“, bei seinen nächsten, vor Ironie geradezu triefenden Worten starrt er Captain Delgado geradezu in Grund und Boden, „hätte Ihnen die Aussicht gefallen, auf einem Altar festgeschnallt zu werden und darauf zu warten, daß man Ihnen das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust schneidet?“

Der Verbindungsoffizier zeigt eine interessante Reaktion: er besitzt tatsächlich den Anstand, einmal kurz zusammen zu zucken.

„Oder Ihnen?“ Tex’ lodernder Blick richtet sich nun auf unsere eigenen Würdenträger, auf den Senator und den Bürgermeister, die sich beide betretene Blicke zuwerfen und beschämt die Blicke senken.

„Ihr habt das gewußt?“ Tex’ Stimme wird zu diesem dunklen, drohenden Raunen, das wir alle so gut kennen. „Wahrscheinlich kam euch das gelegen, oder? Dachtet ihr euch, es wäre eine gute Gelegenheit, mich loszuwerden?“

„Nein“, quetscht der Senator hastig hervor. „Davon wußten wir nichts.“

Tex schnaubt nur abfällig, und ich bin geneigt, ihm da zuzustimmen.

„Schämt euch“, ein langer, lilafarbener Finger deutet auf unsere beiden Würdenträger, die sich beim Anblick der glutroten Funken, die aus der Spitze dieses krallenartigen Fingernagels schießen, ängstlich zusammenkauern. „Ich sollte euch in Wüstendingos verwandeln! Wie könnt ihr es wagen, den Marshall so zu täuschen? Ihr gehört auf die Anklagebank, nicht er!“

Überrascht starre ich ihn an. Fast kann ich nicht glauben, was ich da höre. Wider Erwarten keimt ein kleiner Hoffnungsfunke in meinem Herzen auf.

Ein dumpfes Döhnen erfüllt den Saal, als J.B. mit ihren Hammer seine Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

„Bitte, Mr. Hex, wir verstehen Ihre Aufregung, aber halten Sie sich zurück.“

„Ja, Euer Ehren“, entgegnet er, höflich und respektvoll wie immer. Zumindest, sobald er dieses Gebäude betritt.

Und dann stellt J.B. jene Frage, vor der ich mich am meisten fürchte:

„Und was geschah dann?“

„Ich konnte nicht glauben, daß die Prophezeiung tatsächlich mich meinte, aber der Marshall hatte seine Informationen ja direkt von den Eleysinern selbst und den Befehl, mich zu ihnen zu bringen. Ich bin ihm wirklich sehr, sehr dankbar, daß er dies nicht getan hat.“

Er sieht mich direkt an und nickt mir zu, und ich habe Mühe, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten.
Was, zum Teufel, macht er da?!

„Wirklich, sehr, sehr dankbar“, wiederholt er leise.

Und in diesem Moment ist es wohl allen in diesem Raum klar: freiwillig wird er nicht die Verdächtigungen ansprechen, die über mir schweben wie ein Damoklesschwert.

Doch da, wie das Unheil selbst, räuspert sich niemand geringerer als der Ankläger, Captain James Delgado höchstpersönlich.

„Hohes Gericht, wenn es recht ist, würde ich den Zeugen jetzt gerne befragen.“

Er wartet die offizielle Erlaubnis, also das einstimmige Nicken der Richter, gar nicht erst ab, steht schon auf und nähert sich dem Zeugenstand wie das Raubtier seinem Opfer.
Aber Tex Hex ist selbst ein Raubtier und starrt ihm nur ruhig entgegen. Ich ahne, worauf das hinausläuft und balle unter dem Tisch die Hände.

„Was hat der New Cheyenne mit Ihnen gemacht, damit Sie für die Eleysiner uninteressant wurden?“

„Was meinen Sie damit?“ gibt Tex ruhig zurück. Zu ruhig.

Ich kann die Art, wie Delgado ganz nahe an den Zeugenstand herantritt und ihm seine Präsenz quasi aufdrängt, überhaupt nicht leiden und widerstehe nur mühsam dem Impuls, den dreisten Kerl einfach wegzuzerren. Ich bin so damit beschäftigt, nicht die Beherrschung zu verlieren, daß ich Delgados Antwort fast überhöre.

„Bevor Brave Starr bei Ihnen auftauchte, besaßen Sie noch etwas, was den Eleysinern wichtig war, doch als eine knappe Stunde später der Sucher zu Ihnen kam, konnte er nur noch feststellen, daß Sie den Ansprüchen nicht mehr genügten. Das läßt nur den einen Schluß zu: nämlich jenen, daß der New Cheyenne eine Straftat beging. Sie brauchen keine Angst vor ihm zu haben, Brave Starr kann Ihnen nichts mehr tun. Sagen Sie uns, was er mit Ihnen gemacht hat“, vertraulich lehnt sich Delgado noch weiter nach vorne, ein sehr plumper Einschüchterungsversuch.

Tex Hex, gegen solcherart Tricks von jeher immun, bewegt sich um keinen Millimeter und starrt ihm nur ausdruckslos in die Augen, bevor er beinahe amüsiert zurückgibt:

„Sie haben wirklich keine Ahnung, wer ich bin, oder? Ich habe keine Angst vor dem Marshall. Und ich weiß immer noch nicht, was Sie meinen. Judge McBride-“, wendet er sich plötzlich an die rothaarige Richterin, „- Sie kennen mich“, nicht nur ich bin erstaunt über diese förmliche Anrede, er scheint ganz sicher gehen zu wollen, daß sich kein noch so kleiner Verfahrensfehler einschleicht, „sollte der Marshall mir gegenüber eine Straftat begangen haben, dann läge Ihnen eine entsprechende Anzeige doch schon längst vor.“

Ich kann nur staunen. Was, zum Teufel, macht er da? Er ist großartig.

Aber bevor ich aufatmen kann, erhebt ausgerechnet mein eigener Rechtsbeistand die Stimme.

„Mr. Hex, von der wahrheitsgetreuen und eindeutigen Beantwortung der Frage des Anklägers hängt das weitere berufliche Schicksal meines Mandanten ab. Ich bitte Sie also, uns bei der Aufklärung der Anschuldigung zu helfen, ob oder inwieweit der Angeklagte sich eines Verbrechens gemäß § 190 des Strafgesetzes des intergalaktischen Rechts schuldig gemacht hat.“

Er holt einmal tief Luft, und dann schwebt sie im Raum, laut und deutlich und schicksalsträchtig, diese eine, unangenehme Frage, und all meine Hoffnung löst sich wieder in Luft auf.

Ich sehe in diese roten, umschatteten Augen und plötzlich ist alles wieder so präsent.

***

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Hinweis: natürlich gibt es dieses Gesetz nicht (es gibt ja auch keinen intergalaktischen Rat), aber jedes zivilisierte Land hat ein ähnliches, und ich habe es ungefähr ziffernmäßig dort angesiedelt, wo es bei den drei deutschsprachigen Ländern liegt. Nur ein Hinweis für jene, die gerne Rätselraten … oder ihr wartet bis zum nächsten Kapitel am Montag *g*
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