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Des Marshalls Sündenfall

von MariLuna
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Brave Starr Tex Hex
21.01.2011
07.02.2011
11
22.896
1
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21.01.2011 2.204
 
Disclaimer: BS & Co sind Eigentum vom Lou Sheimer und Filmation Ass.



Des Marshalls Sündenfall



1. Kapitel


Obwohl die ganze Sitzung unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet, herrscht ein unangenehmes Gedränge im Gerichtssaal. Auf den Reihen der Zuschauer hat sich jeder Delegierte der eleysischen Regierung einen Platz ergattert, sogar Angehörige der Kaiserfamilie sind anwesend. Ob noch irgend ein Eleysiner auf dem Raumschiff zurückgeblieben ist oder haben sich tatsächlich alle hier versammelt?

Zweieinhalb Meter große Gestalten, die vier Arme in einer ablehnenden Geste vor der  Brust verschränkt, während die Tentakel auf ihren Köpfen unruhig hin und her zucken. Hochmütig wie gewohnt starren sie aus ihren dunklen Augen auf die Vertreter der New Texanischen Regierung. Senator Chambers und Mayor Deringer fühlen sich eindeutig unter diesen Blicken alles andere als wohl, und sie sind sichtlich erleichtert, daß ein Repräsentant des galaktischen Rates an ihrer Seite sitzt. Nicht, daß die beiden wirklich etwas zu befürchten hätten, es geht hier nicht um sie.

Nein, es geht um mich. Ich bin derjenige, der sich den vereinten Groll der Eleysiner zugezogen hat. Völlig ruhig – zumindest äußerlich, innerlich koche ich noch immer vor gerechter Wut – sitze ich an einem der Tische vor der Richterbank neben meinem Anwalt, der mir vom Galaktischen Rat zur Seite gestellt wurde.
Nicht, daß ich mir viel von diesem erhoffe – der Typ ist ein Idiot und hat eindeutig seine Instruktionen von oben, alles zu unternehmen, um diesen diplomatischen Zwischenfall so klein wie möglich zu halten, selbst, wenn dies heuchlerische, offizielle Entschuldigungen und das Opfer eines ihres besten Planeten-Marshalls bedeutet.

Fast ein wenig wehmütig streichen meine Finger über die linke Seite des blauen Brustpanzers meines goldenen Uniformhemdes, wo vor kurzem – genau gesagt: gestern – noch ein silberner Stern geprangt hat. Ich gebe zu, die Verlockung, hier in zivil aufzutauchen war vorhanden, aber ich will ihnen ja nicht unter die Nase reiben, daß ich schon das Schlimmste befürchte.

Ich mache mir keine Illusionen mehr.

Viel mehr jedoch als der sichere Verlust meines Berufes – was dann auch meine Pension mit einbezieht – schmerzt jedoch die Erkenntnis, daß der galaktische Rat, dem ich bisher so treu gedient und vertraut habe, aus nichts weiter als einem Club voller Heuchler und Egomanen besteht, die anscheinend auch keine Probleme damit haben, die gültigen Menschenrechte mit Füßen zu treten, wenn es ihnen in den Kram paßt.
Oder – wie in diesem Falle – wenn die Eleysiner es von ihnen verlangen.
Weil man die Handelsbeziehungen zwischen unseren Galaxien so hoch schätzt.

Schon allein bei diesem Gedanken kommt mir wieder die Galle hoch.

Ich weiß, was ich getan habe. Und ich stehe dazu.
Ob ich jederzeit wieder so handeln würde? Natürlich.
Ob ich es gerne getan habe? Nein, nicht wirklich. Aber meine Schuldgefühle haben einen ganz anderen Grund als mir jeder einzelne hier unterstellen möchte.
Aber das werden sie noch früh genug erfahren. Spätestens dann, wenn ich mein Schlußwort bekomme. Falls derjenige, an den ich meine Worte dann richten will, noch im Raum ist, werde ich mich entschuldigen. Ansonsten habe ich nicht mehr als das Nötigste zu sagen.
Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dann nicht eindeutig im Ton vergreifen würde.

„Hey.“ Eine schwere Hand auf meiner Schulter, leise geraunte Worte, begleitet von einem unterschwelligen Knurren. „Keine Sorge, wir sind hier.“

Ich nicke und werfe einen schnellen Blick über meine Schulter, wo ich in die funkelnden Augen meines Deputies sehe. Thirty-Thirty lehnt sich gerade wieder zurück an die Wand hinter mir. Er steht dort, damit ich nicht fliehen kann.
Aber ich weiß, daß mein bester Freund mir eher zu einer spektakulären Flucht verhelfen würde, sollte es nötig sein. Da können auch die Soldaten der Streitkräfte, die zu meiner zusätzlichen Bewachung eingeteilt wurden und an allen Ausgängen und Fenstern Posten bezogen haben, nicht viel ausrichten.

Sie haben schon immer die Loyalität zwischen meinen Freunden und mir unterschätzt. Genau wie meine Tiergeisterkräfte.
Andererseits hält der Galaktische Rat die vielfältigen Berichte darüber schon immer für gänzlich übertrieben und hat mich in den letzten Jahren mehrmals ermahnt, meine Berichte in dieser Hinsicht gefälligst dem Wahrheitsgehalt anzupassen.
Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß diese Ignoranz des Rates, über die ich mich all die Jahre aufgeregt habe, mir nun zugute kommt.
Aber ich hätte mir ja auch niemals träumen lassen, wegen Hochverrats von einem fremden Volk angeklagt zu werden. Und noch viel weniger, daß der Galaktische Rat dies überhaupt ernst genug nimmt, um mir jetzt wegen Insubordination den Prozeß zu machen.
Eigentlich muß ich froh sein, nicht noch als Kriegstreiber verdächtigt zu werden.

Die blecherne Stimme des Protokollroboters unterbricht meine düsteren Gedanken.

„Bitte erheben Sie sich.“

Ich folge dem Befehl, genau wie alle anderen im Raum, als sich die Tür hinter der Richterbank öffnet und die drei Richter ihre Plätze einnehmen. Zwei von ihnen sind mir  gänzlich unbekannt – wieder welche, die der Galaktische Rat geschickt hat – aber bei der Vorsitzenden handelt es sich um niemand geringeren als meine langjährige Freundin J.B. McBride.
Ganz kurz kreuzen sich unsere Blicke, und das genügt mir, um zu wissen, daß ich wirklich ganz, ganz tief in der Patsche sitze. Meinen Stern kann ich wohl wirklich vergessen.

Lustlos lasse ich mich zurück auf meinen Stuhl fallen, sobald sich die Richter vor uns gesetzt haben. Ich versuche, mich zu konzentrieren, als J.B. zu sprechen beginnt, aber alles, was ich höre, sind jene Worte, die sie gestern, als sie sich kurz vor Mitternacht zu mir in meine (Noch-)Dienstwohnung geschlichen hat, zu mir sagte:

„Ich weiß nicht, wieviel ich für dich noch rausholen kann, richte dich auf das Schlimmste ein. Sie wissen, daß wir befreundet sind, ich darf nur deshalb den Vorsitz innehaben, weil die Eleysiner es so eilig haben und es hier sonst keinen Richter außer mir gibt. Der Rat stellt mir zwei an die Seite, die mir streng auf die Finger sehen und jederzeit ein Veto gegen mein Urteil einlegen können. Aber einer von ihnen unterstützt eine Menschenrechtsorganisation, also solltest du deine Verteidigung darauf aufbauen. Ganz egal, was er aussagt, du bleibst bei dieser Strategie, verstanden?“

Gestern habe ich nur genickt, und auch jetzt mache ich es – wenn auch nur innerlich.
Ich weiß, wieviel von dieser Zeugenaussage abhängt, aber ich habe ihn seit dieser Sache nicht wieder gesprochen und daher auch nicht den blassesten Schimmer, wieviel Haß und Zorn mich jetzt treffen mag. Vernichtend kommt noch dazu, daß wir sowieso schon verfeindet sind, jeder auf seiner Seite des Gesetzes, und das, was ich mich gestern gezwungen sah ihm zuzufügen, trug garantiert auch nicht dazu bei, eine Brücke zwischen uns zu schlagen.

Und wäre mir mehr Zeit geblieben, hätte ich gewiß eine andere Lösung gefunden – vielleicht sogar mit ihm gemeinsam. Aber so …

„Möchten Sie sich zu den Vorwürfen äußern, Brave Starr?“ J.B.s helle, warme Stimme reißt mich aus meinen trüben Gedanken.

Ob ich mich zu den Vorwürfen äußern möchte? Na, unbedingt.
Also nicke ich, tausche einen schnellen Blick mit meinem unfähigen Anwalt und dränge mal kurz die Tatsache beiseite, daß mein Schicksal in den Augen des Galaktischen Rates schon längst besiegelt ist.

„Gestern, um kurz vor elf, kamen Mayor Deringer und Senator Chambers und eine Delegation der eleysinischen Regierung ins Marshall’s Office. Ich sollte den Eleysinern bei ihrer Mission“, daß der Sarkasmus bei dieser Bezeichnung regelrecht aus meiner Stimme tropft, kann ich wirklich nicht verhindern, „behilflich sein.“

„Und worin bestand, beziehungsweise besteht diese Mission?“

Ich bin J.B. wirklich so dankbar, daß sie sich den Vorsitz nicht nehmen ließ, denn nur sie schafft es immer, genau die richtigen Fragen zu stellen. Selbst, wenn ich es ihr gestern nicht schon erzählt hätte, wäre diese Frage irgendwann aus ihrem Munde gekommen.

Aber noch bevor ich darauf antworten kann, erhebt sich der Ankläger, ein gewisser Captain James Delgado, der zu Beginn der Verhandlung als Verbindungsoffizier zwischen dem Galaktischen Rat und den Eleysinern vorgestellt wurde.

„Gestatten Sie, daß ich darauf antworte, hohes Gericht?“ Er wartet, bis die drei Richter zustimmend nicken, dann fährt er salbungsvoll fort:

„Die Eleysiner sind ein sehr religiöses Volk, dessen Glauben und Traditionen vom Galaktischen Rat hoch geschätzt werden. Als eine der ältesten und weisesten Spezies überhaupt folgen sie einer uralten Prophezeiung, und natürlich hat der Galaktische Rat unseren treuen Freunden seine uneingeschränkte Hilfe bei ihrem Vorhaben zugesichert. Aber bedauerlicherweise-“, sein strenger Blick trifft mich, durchbohrt mich beinahe, „-hat der New Cheyenne Brave Starr diese Mission vorsätzlich vereitelt und damit unsere diplomatischen Beziehungen zu den Eleysinern gefährdet und diese einem ungewissen Schicksal ausgesetzt.“

J.B. starrt ihn sekundenlang mit diesem ganz gewissen Blick an, der sogar – wie ich weiß – selbst in Tex Hex  Unbehagen auslöst, und läßt dann eine ihrer Augenbrauen flüchtig in die Höhe zucken.

„Geht es auch etwas genauer? Wie genau lautet diese Prophezeiung und was genau beinhaltet diese Mission? Captain Delgado?“

Delgado zögert beinahe unmerklich, bevor er sich zu einer betont überheblichen Antwort herabläßt. Aber mein Wolfsgehör hört genau heraus, daß er sich innerlich windet.
Wütend balle ich die Fäuste. Dieser Mistkerl weiß also ganz genau, wie falsch diese „Mission“ ist. Und wenn er es weiß, dann auch der Galaktische Rat.
Und trotzdem gaben sie den Eleysinern grünes Licht … ich könnte kotzen!

„Das Volk der Eleysiner folgt einer jahrhundertealten Prophezeiung, in der ihnen eine Art Heiler angekündigt wird. Jemand, der ihr Volk ins Licht führt. Ihre Mission besteht darin, jenen Heilsbringer zu finden und ihn zu ehren.“

Ich kann immer noch nicht glauben, daß ich gestern noch auf genau diese Worte hereingefallen bin und schlucke mühsam den bitteren Geschmack des Verrates herunter.

J.B.s Stimme, in Samt gepackter Stahl, schreckt mich wieder auf:

„Captain Delgado, ich möchte Sie nicht noch einmal fragen: wie lautet diese Prophezeiung? Ich bin sicher, Sie als Verbindungsoffizier wissen den genauen Wortlaut.“

Einem McBride entkommt man nicht so schnell, das bemerkt auch Delgado spätestens jetzt.

„Ja, natürlich, Hohes Gericht. Es heißt: um das Wohlwollen der Götter wieder auf euch zu lenken, findet den Einen. Jenen, weder jung noch alt, dessen Seele in einem Körper wohnt, berührt und jungfräulich zugleich, voller Sünde und Unschuld, Macht und Ohnmacht, und lasset sein Blut sich mit dem des heiligen Volkes vermischen.

Ich bemerke ein leichtes Stirnrunzeln bei jenem Richter, von dem ich weiß, daß er eine Menschenrechtsorganisation unterstützt. Er kritzelt etwas auf einen Zettel und schiebt diesen zu J.B. hinüber. Diese liest es sich kurz durch, und wendet sich dann beinahe lauernd an Delgado, und jetzt tut mir der Ärmste fast schon ein wenig leid.

„Was ist damit gemeint – das Blut vermischen? Eine Zwangsheirat?“

Delgado erstarrt regelrecht. „Wir sind uns selbst nicht sicher, die Eleysiner schweigen sich dazu aus. Und ich bin im Interesse unserer Handelsbeziehungen weder befugt, Mutmaßungen darüber anzustellen, noch über diese Auskunft zu erteilen.“

Das Stirnrunzeln besagten Richters vertieft sich. Er sieht verärgert aus.
Aber da wendet sich schon J.B. mit einem aufmunternden Lächeln an mich.

„Da Captain Delgado anscheinend nicht geneigt ist, selbst zu denken, reiche ich diese Frage nun weiter an Sie, Brave Starr: wissen Sie, was genau, sich hinter diesen Zeilen verbirgt?“

In den Reihen der Zuschauer, unter den Eleysinern, breitet sich Unruhe aus, doch ein scharfer Blick seitens aller drei Richter bringt diese schließlich zu einem verstockten Schweigen.

„Ja, Euer Ehren“, erwidere ich laut und deutlich. „Ich weiß ganz genau, was die Prophezeiung meint. Und ich weiß es von niemand geringerem als einem Eleysiner selbst.“

Und es ist mir piepegal, ob der Typ deswegen jetzt Probleme bekommt.

In den Zuschauerreihen entsteht plötzlich Tumult, als sich mehrere Eleysiner erheben – der Kleidung nach zu urteilen die kaiserliche Familie höchstselbst – und unmißverständliche Drohgebärden ausführen.

„Das ist ungeheuerlich! Eine Lüge! Niemals würde sich ein Eleysiner dazu herablassen, unsere Gebräuche mit unreinen Kreaturen wie euch zu erörtern! Reicht es nicht, daß dieser Mann unser Volk in die Dunkelheit zurückverdammt? Wollen Sie ihm seine Lügen etwa glauben? Delgado, wir fordern vom Galaktischen Rat eine offizielle Entschuldigung und daß Sie dieses Schauspiel hier sofort beenden!“

„Ruhe in meinem Gerichtssaal!“ Da J.B.s Hammerschläge ungehört bleiben, hat sie sich jetzt erhoben, flankiert von den anderen beiden Richtern, und gemeinsam funkeln sie die vierarmigen Unruhestifter nun an.

„Setzen Sie sich und bewahren Sie Ruhe oder verlassen Sie den Saal! Ihre Entscheidung!“

Zu meiner großen Überraschung entscheiden sich die Eleysiner tatsächlich dazu, zu gehen. Nur zwei etwas angesäuerte Vertreter bleiben zurück, wahrscheinlich, um Präsenz zu zeigen und später alles aus erster Hand zu berichten, aber alle anderen verlassen, hochmütige Blicke um sich werfend, den Raum.

Ich bin beinahe erleichtert. Doch dann erinnere ich mich an das gestrige Geschehen und daran, daß er als Zeuge wahrscheinlich schon draußen auf dem Gang wartet. Nun gut, vielleicht ist er auch gar nicht erschienen, das Urteil kann auch ohne ihn gesprochen werden, aber wenn … hastig drehe ich mich zu Thirty-Thirty um. Meine Lippen bilden eine lautlose Bitte, und er versteht sofort.
Wortlos dreht er sich um, und geht hinaus. Weder ihn noch mich schert es, daß er somit seinen Posten verläßt und ihm der galaktische Rat dadurch auch Insubordination vorwerfen könnte.

Andererseits, wenn ich mir Delgados blasses Gesicht und die Blicke, die er und die anderen beiden Ratsmitglieder einander zuwerfen, genauer ansehe, haben die jetzt ganz andere Probleme. Ihnen geht der Arsch ganz schön auf Grundeis – und das aus gutem Grunde.

Ja, meine Karriere könnt ihr ruinieren, aber wenn ich untergehe, nehme ich euch wenigstens mit!

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