Die Jagd

GeschichteDrama / P12
19.01.2011
19.01.2011
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Deneve spazierte seelenruhig den schmalen Waldweg entlang, während sie herzhaft in einen Apfel biss. Sie sah sich aufmerksam um. Eigentlich wollte sie sich hier mit Helen, ihrer besten Freundin, treffen. Sie waren schon vor Wochen getrennte Wege gegangen, damit jede für sich trainieren konnte, um neue Kampftechniken zu erlernen und stärker zu werden.
Vor einer großen Eiche blieb sie stehen. Genau hier verabschiedeten sie sich, und genau hier wollten sie sich auch wieder treffen. Ein Zweig knackte im Unterholz. Helen fuhr erschrocken herum und spürte plötzlich ein großes Yoki, welches auf sie zukam.
Ein vermummter Schatten schoss aus dem Wald und stürzte sich auf die Kriegerin. Deneve riss ihr Schwert hoch und blockierte den Angriff des Gegners. Schwertklingen prallten aufeinander. Die Claymore sprang nach hinten und gleichzeitig hoch. Sie ließ ihr Schwert durch die Luft sausen, und zielte auf den Kopf des Gegners. Dieser wich geschickt aus und sprang seinerseits hoch. Deneve aktivierte 10 Prozent ihres Yokis. Die Iris ihrer Augen verfärbte sich gelb und die Pupille war nur noch ein schmaler, schwarzer Schlitz.
„Hey, so warte doch.“ rief die Gestalt, und Deneve hielt inne.
Die Kämpferin landete wieder auf dem Boden, blieb aber in Kampfstellung. Doch die Stimme kam ihr bekannt vor. Die Gestalt zog die Kapuze herunter.
„Helen?“ fragte Deneve ungläubig.
„In der Tat.“ antwortete die Freundin.
„Warum hast du mich denn angegriffen?“ wollte sie verärgert wissen.
„Bleib ruhig“ beschied Helen, „Ich wollte nur austesten, wie stark du inzwischen geworden bist.“
„Du hast ja gut reden.“ erwiderte Deneve und fuhr ihr Yoki wieder auf ihr normales Level herunter.
„Vor kurzem war ich übrigens in einer kleinen Stadt“ erzählte Helen, „Dort waren mehrere Menschen verschwunden. Ich dachte mir gleich, dass Yomas da am Werk sein dürften. Aber als ich dort ankam, waren sämtliche Yomas dort getötet worden. Alle bis auf zwei, welche sich versteckt hatten. Aber die stellen jetzt auch kein Problem mehr dar.“
„Das könnte Miria gewesen sein“ vermutete Deneve, „Als ich zuletzt von ihr gehört habe, war sie aber viel weiter nordwestlich.“
„Ich denke eher, dass es Clare war“ entgegnete Helen. „Die Leute beschrieben mir eine junge Frau, welche in Begleitung eines Jungen unterwegs war.“
„Clare und Raki also?“ überlegte Deneve. Dann fuhr sie fort: „Weshalb wolltest du mich eigentlich treffen? Ich habe gerade ein Yoma-Nest aufgespürt, als ich deine Nachricht bekommen habe.“
„Ich brauche deine Hilfe, alte Freundin“ antwortete Helen, „Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass sich irgendwo hier in diesen Wäldern eine Erwachte herumtreibt.“

Die Kriegerinnen schleppten sich durch das Dickicht. Sie waren nun schon ganze drei Tage unterwegs, und bisher waren sie noch keinem Wesen über den Weg gelaufen. Weder Mensch noch Tier, oder gar einer Erwachten. Deneve wollte sich gerade über den langen Marsch, den wolkenverhangenen Himmel, und die erfolglose Suche beklagen, als ihr etwas auffiel.
„Hellen, hörst du das auch?“ fragte sie ihre Freundin.
Helen lauschte angestrengt und verneinte dann: „Nein, ich höre nichts.“
„Aber genau das ist es ja“ ereiferte sich Deneve, „Hier hört man nichts. Wir müssten eigentlich die Vögel hören, und die anderen Tiere. Aber hier ist es totenstill.“
„Jetzt wo du es sagst, fällt es mir auch auf.“ meinte Helen.
Die beiden gingen schweigend weiter. Deneve sah sich aufmerksam nach allen Seiten um, und auch Helen war sichtlich nervös. Plötzlich tat sich vor den beiden Frauen eine Lichtung auf. Helen schlug einen Zweig zur Seite und sie sahen sie. Die Lichtung war inmitten des Waldes und statt, dass die Anzahl der Bäume zur Mitte hin immer geringer wurde, war die Lichtung umgeben von dichtem Wald, und wirkte wie eingestanzt.
Mitten auf der Lichtung stand ein Junge. Er wirkte so, als sei er höchstens 16 Jahre alt. Hellblondes Haar stand ihm von allen Seiten wirr vom Kopf ab. Die Kleidung die er trug, sah einfach und abgewetzt aus. Der Junge grinste die beiden Frauen diabolisch an, und begann auf sie zuzulaufen.
„Helen, weißt du vielleicht, warum er... oh mein Gott.“ begann Deneve.
„Der Junge krümmt sich im Laufen als sei er krank“ dachte Helen, „Nein, er verwandelt sich.“
Der Junge wuchs ein gutes Stück in die Höhe. Oberhalb seiner Schultern wuchs ihm ein neues Paar Arme, und sein ganzer Körper bedeckte sich mit dichtem, grauem Fell. Sein Mund streckte sich vor, wurde zu einer Schnauze und spitze Nagezähne ragten aus seinem Ober- und Unterkiefer. Aus seinem Rücken wuchs unten ein langer, spärlich behaarter Schwanz. Für einen Erwachten war er recht klein, vielleicht zwei oder drei Köpfe größer als ein Mensch.
„Damit... damit hätten wir rechnen sollen“ hauchte Deneve, „Es ist ein männlicher Erwachter.“
Helen zog ihr Schwert und ging in Verteidigungsstellung. Auch Deneve zog ihre Klinge hervor und machte sich zum Angriff bereit. Der Erwachte sprang in die Luft, genau auf die beiden Kriegerinnen zu.
„Der sieht ja so aus wie eine Ratte, wie eine vierarmige Ratte.“ meinte Helen überrascht.
Mit einem Wutgebrüll stürmte der Erwachte heran. Deneve ließ ihre Klinge durch die Luft gleiten, genau auf ihrer Gegner zu. Doch dieser war schneller. Er duckte sich unter dem Hieb hinweg, und holte seinerseits zum Schlag aus. Einer seiner Arme schoss vor und seine Krallen zerteilten genau dort die Luft, wo noch einen Augenblick zuvor Deneve gewesen war. Jetzt stürmte Helen heran und stieß ihr Schwert mit voller Wucht auf den Erwachten. Er wischte den Angriff jedoch fast beiläufig beiseite. Eine seiner Hände wehrte das Schwert ab, und die beiden anderen stießen Helen voller Wucht in den Oberkörper und den Bauch.
Mit einem Kampfschrei stürmte Deneve auf den Erwachten zu. Dieser wich geschickt aus, parierte ihren Schwerthieb und sprang seinerseits ein Stück zurück.
„Was wollt ihr Claymores von mir?“ fragte er mit einer tiefen, knurrenden Stimme.
„Kannst du Dreckskerl dir das nicht denken?“ schmetterte Deneve ihm entgegen. Sie hob ihr Schwert und ging wieder in Kampfstellung. Der Erwachte strecke seine vier Arme aus, und verlängerte diese um ein vielfaches. Sie zielten genau auf Deneve, welche in die Luft sprang und mit ihrem Schwert nach den Armen hieb.
„Wo ist denn die andere?“ fragte der erwachte Krieger erstaunt.
Helen war von ihrem Platz verschwunden, und tauchte nun hinter ihm auf. Sie schwang ihr Schwert im Halbkreis und zielte auf den Hals des Erwachten. Doch er musste sie bemerkt haben, denn er duckte sich unter dem Hieb weg und fuhr herum. Er packte Helens linken Arm und riss ihn aus. Blut schoss aus der Wunde. Die Claymore schrie vor Schmerz, als ihr Gegner sie packte und gegen einen Baum schmetterte.
Deneve verlängerte ihre Arme ebenfalls um ein Vielfaches, während sie sich noch in der Luft befand. Sie umklammerte den Schwertgriff fest, und stieß es dann voller Wucht auf den ehemaligen Krieger zu. Dieser schrie auf, als die Klinge durch seinen Rücken drang, und aus dem Bauch wieder zum Vorschein kam.
Doch der Erwachte reagierte ganz anders, als Deneve erwartet hatte. Er drehte sich zur Seite und ließ sich gleichzeitig zu Boden sinken. Dadurch musste sich seine Wunde sicherlich noch um einiges vergrößern, doch er zog so auch Deneve mit zu Boden. Die Kriegerin keuchte vor Schmerz, als ihr durch den Aufprall das Schwert aus der Hand geprellt wurde.
Der lange Schwanz des Erwachten wickelte sich um die Klinge, und zog sie behutsam aus der Wunde. Selbige hörte auf zu bluten und begann wieder zu heilen. Deneve wollte sich aufrichten, doch nun verlängerte sich auch der Rattenschwanz, und wickelte sich um ihren Körper. Der erwachte Krieger trat auf sie zu und beugte sich vor. Die linke, obere Hand ausgestreckt, und die Krallen zum Zuschlagen bereit.
„Wenn ich schon abtreten muss, dann wenigstens nicht vor Angst.“ entschied Deneve und sah dem Erwachten trotzig in die Augen. Sie erwartete, dass er sie verhöhnen würde, dass er sich über sie lustig machte, oder sie quälen würde. Doch nichts von alledem trat ein.
Er schnaubte: „Sieh mich nicht so an.“
Dann griff er mit seinen Händen an seinen Kopf und stöhnte vor Agonie. Es schien so, als habe er tatsächlich Schmerzen, befand Deneve. Der Krieger schloss die Augen und murmelte: „Nein, nein, Schwester. Große Schwester, bitte stirb nicht.“
Sein Schwanz lockerte sich, und er ließ von der Kriegerin ab. Deneve konnte ihren Augen nicht trauen, als er sie freiließ und sich von ihr abwandte. Der Erwachte wechselte wieder in seine menschliche Gestalt. Nackt kniete er im Gras und fasste sich verzweifelt an den Kopf.
Plötzlich sprang Helen hervor und schwang ihr Schwert schwungvoll auf ihn zu. Da der Erwachte jetzt weinend im Gras hockte, war an einem Kampf nicht mehr zu denken. Helen würde ein leichtes Spiel haben. Sie brüllte vor Wut einen Kampfschrei hervor. Dann hieb sie das Schwert, mit beiden Händen fest umklammert nach ihrem Gegner. Der Schlag würde ihn enthaupten.
„Helen! Nein!“ schrie Deneve.
Die Klinge stoppte eine Handbreit vor dem Hals des erwachten Kriegers. Dann senkte die Kriegerin ihr Schwert.
„Die Gelegenheit ist günstig“ beschwor sie Deneve, „Jetzt ist er hilflos.“ Sie wirbelte das Schwert in ihrer geradeerst nachgewachsenen, linken Hand.
„Lass ihn“ bat Deneve, „Bitte verschone ihn. Vorhin hat er mich auch verschont. Offenbar erinnere ich ihn an irgendwen aus seiner Vergangenheit. Er hat etwas gemurmelt.“
„Bist du von Sinnen?“ keuchte Helen „Er wird weiterhin Menschen töten. Und vielleicht auch andere Claymores. Wir können ihn nicht einfach so laufen lassen.“
„Erinnerst du dich noch an Rakis Worte, als Clare Priscilla besiegte?“ fragte die Freundin, „Er bat sie darum, Priscilla zu verschonen. Denn auch sie war mal ein Opfer der Yomas. Auch sie hat ihre Familie an die Yomas verloren.“
Helen wirkte jetzt völlig unschlüssig. Sie sah zu dem Schwert in ihrer Hand, dann zu dem Erwachten, dann zu Deneve. Sie umklammerte den Schwertgriff fester.
„Auch dieser Erwachte war vor langer Zeit einmal ein kleiner Junge“ fuhr Deneve fort, „Auch er musste mitansehen, wie seine Familie von den Yomas getötet wurde. Wenn du ihn töten willst, dann tue es. Ich warte am Waldrand auf dich. Denn ich kann es nicht tun.“
Mit diesen Worten stand Deneve auf und schulterte ihr Schwert. Sie trat an den Rand der Lichtung, von wo aus die beiden Kriegerinnen gekommen waren. Dann wartete sie.
Schritte erklangen im Unterholz, dann stand Helen hinter ihr.
„Du hast Recht“ meinte sie, „Er war früher mal ein Mensch, und danach ein Halbyoma-Krieger wie wir. Es wäre nicht Recht, ihn zu töten.“
Sie steckte ihr Schwert in die Rückenscheide, und gemeinsam gingen die beiden Freundinnen tiefer in den Wald hinein. Nach wenigen Augenblicken begann es zu regnen.
Und Deneve gewahrte hinter sich einen Schatten der dem einer großen Ratte sehr ähnlich sah, und auf der anderen Seite der Lichtung in die Büsche sprang.
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