Das große Fest

GeschichteAbenteuer / P12
19.01.2011
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Der Junge hetzte durch den engen Tunnel, sein Verfolger war ihm dicht auf den Fersen. Keuchend blieb er vor einer Wand stehen, die urplötzlich vor ihm aufragte. Hinter ihm erklang das kehlige, grollende Lachen des Yomas.
Raki drehte sich herum und zog noch in derselben Bewegung sein Schwert. Das Monster schritt auf ihn zu. Die gelben Augen, deren schmale Pupillen sich jetzt zusammenzogen, musterten den Jungen gierig, während die lange Zunge gierig über die ledrigen Lippen strich und dabei die spitzen Zähne offenbarte.
„Du hast keine Chance gegen mich, Kleiner.“ höhnte der Yoma mit einer Stimme, die sich anhörte als würde man rostiges Eisen aneinander reiben.
„Ich vielleicht nicht“ entgegnete Raki, „Aber sie schon.“
Als wären diese Worte ein Stichwort gewesen, sprang ein silberner Schatten von oben herab und ließ eine blitzende Klinge wirbeln. Der Yoma schrie auf, als sich ein langer, tiefer Schnitt von der linken Schulter zur rechten Hüfte zog, und sein violettes Blut den Boden tränkte.
„Claymore.“ stieß er verächtlich aus und fuhr die Krallen seiner Hände aus.
Die hellblonde Kriegerin ging in Kampfstellung. Ihre silbernen Augen wichen keine Sekunde lang von dem Yoma. Ihr Schwert verharrte scheinbar locker in ihrer Hand. Doch dieser Eindruck täuschte. Aus dieser Position konnte sie dreimal zuschlagen, noch ehe ein Mensch auch nur blinzeln konnte.
„Ich gebe dir eine Überlebenschance“ sagte Clare, „Wenn du mir sagst was ich wissen will, lasse ich dich laufen.“
Der Yoma gluckste scheinbar vergnügt: „Du kannst mich nur töten, Claymore. Aber was sie mit mir machen wird, wenn ich sie verrate, ist viel, viel schlimmer.“
Mit diesen Worten sprang er auf die Kriegerin zu, die Krallen ausgestreckt, und brüllte im Sprung seinen animalischen Kampfschrei. Die Claymore machte eine zuckende Schwenkbewegung mit ihrem Schwert, und der Kopf des Yomas fiel auf dem Boden, getrennt von seinem Körper aus dessen Halsstumpf sich nun ein violetter Geysir ergoss.
„Sind wir hier fertig, oder spürst du noch andere Yomas?“ fragte Raki zaghaft.
„Ich kann kein Yoki mehr spüren.“ antwortete Clare und sah traurig zu Boden.
Raki brach es fast das Herz, Clare so traurig zu sehen. Sie hatte sich vor fast einem halben Jahr von der Organisation losgesagt, und seitdem waren sie zusammen durch den Norden gezogen. Clare hatte ihre Erzfeindin, Priscilla, gestellt und besiegt... und verschont, auf Rakis Bitte hin. In den Jahren, nachdem Priscilla Theresa getötet hatte, die wie Clare wie eine große Schwester gewesen war, hatte Clare sie verfolgt, nur vom Gedanken beseelt ihren Kopf zu holen. Doch die Rache hatte sie aufgegeben.
Nun waren sie über die nördlichen Städte gezogen, und bald auf eine getroffen, durch die sich eine Blutspur zog. Hier waren mehrere Menschen verschwunden, und wohl von Yomas getötet worden.
„Gehen wir zurück ins Gasthaus.“ schlug Raki vor.
Clare nickte, und gemeinsam verließen sie den Tunnel.

„Habe ich denn zuviel verlangt?“ fragte das junge Mädchen. Sie sah sehr hübsch aus. Ihre langen, roten Haare fielen ihr bis auf die Schultern, und glänzende, blaue Augen strahlten aus einem sommersprossigen Gesicht. Äußerlich schien sie etwa 15 Jahre alt zu sein.
„Ich habe befohlen, mir die Claymore zu bringen, die sich hier in der Stadt herumtreibt. Doch jeder den ich ausschicke, kommt nicht mehr zurück, lässt sich einfach töten.“ fuhr sie fort.
Zehn Yomas hatten sich um sie versammelt. Sie sahen sie furchtsam und unterwürfig an. Keiner von ihnen versuchte zu erklären, dass die Kriegerin einfach viel zu stark war, dass sie zuwenige waren. Der Erwachten zu widersprechen, war sehr gefährlich. Seitdem sie hier war, mussten ihr alle Yomas gehorchen, es sei denn, sie verspürten den Wunsch nach einem qualvollen Tod.
„Ich stelle ihr eine Falle“ entschied das scheinbar junge Mädchen, „Und so wahr ich Karen heiße, Karen aus den dunklen Sümpfen, ich werde sie töten!“

Als Raki am nächsten Morgen wach wurde, war Clare bereits aufgestanden. Sie stand am Fenster, und sah dem Sonnenaufgang entgegen. Ihr Gesichtsausdruck wirkte wieder kühl und distanziert. Als er sie vor vielen Monaten zum erstenmal getroffen hatte, war sie ebenfalls so gewesen. Erst nach und nach kam ihr wahrer Charakter zutage.
„Beschäftigt dich etwas?“ fragte der Junge.
Clare drehte sich zu ihm herum. Sie lächelte und antwortete: „Ich frage mich, ob sich hier eine Erwachte herumtreiben könnte. Soviele Yomas an einem Ort sind äußerst ungewöhnlich.“
„Vielleicht werden sie ja von einer Erwachten angeführt.“ meinte Raki.
Clare seufzte: „Es ist besser, wenn wir nach draußen gehen und uns umsehen.“

Die beiden gingen eine steinerne Straße entlang. Clares metallische Stiefel klapperten auf den groben Steinen, aus denen die Straße bestand. Keiner würdigte sie eines Blickes. Offenbar wusste man hier nicht viel über die Kriegerinnen, denn in den Städten die viel weiter im Süden lagen, mieden die meisten Menschen die Claymores. Da sie selbst zur Hälfte Yoma waren, glaubten viele von ihnen nicht, dass sie überhaupt noch menschlich seien. Doch nördlich von der inzwischen völlig verwüsteten Stadt Pieta, waren Yoma-Angriffe anscheinend so selten, dass man hier wohl nichts von der Organisation wusste.
Die Bürger bereiteten sich auf ein großes Fest vor. An den Häusern hingen bunte Vorhänge und Girlanden. Der Marktplatz war reich geschmückt, und die Menschen befanden sich in Feierlaune.
Clare hob misstrauisch den Kopf. Sie fühlte die Anwesenheit eines Yoma. Sie versuchte zu erkennen, in welcher Richtung sich das menschenfressende Monster befand.
„Warte hier auf mich, Raki.“ sagte sie und verschwand in einer schmalen Seitengasse zwischen zwei Häusern. Clare sah sich um. Als sie merkte, dass keiner sie beobachtete, ging sie leicht in die Hocke und sprang dann schwungvoll auf das Dach hinauf. Sie rannte über die leicht morschen Schindeln und sprang von Dach zu Dach.
Plötzlich erklang ein schriller Schrei. Clare zischte verärgert und sprang über drei Dächer hinweg, in einen schmalen Hof. Dort schrie eine junge Frau, welche von einem Yoma verfolgt wurde.
Die Kriegerin stürzte sich vom Dach, drehte sich in der Luft und landete direkt vor dem Yoma. Ihr Schwert sirrte in einem silbernen Halbkreis durch die Luft, und zerteilte den Yoma. Dann spürte sie noch mehr Yoki, und aus den Fenstern starrten sie sechs weitere Yomas an.
Clare zischte verärgert, als sie bemerkte, dass sie eingekesselt war. Sie umschloss den Schwertgriff so fest, dass das Leder hörbar knirschte. Geduckt und angespannt ging sie in Kampfstellung.
„Na los, hau schon ab.“ empfahl sie der Frau.
Die ließ es sich nicht zweimal sagen, und rannte davon. Einer der Yomas stürzte sich aus dem Fenster, doch Clare sprang vor und führte einige, fast sachte Schwerthiebe aus. Der Yoma schrie schrill auf, als die Stiche und Schnitte seinen Körper durchbohrten, und war tot noch bevor er zu Boden fiel.
Clare wirbelte herum, als der nächste Yoma auf sie zusprang. Sie ließ ihr Schwert durch die Luft sausen, verfehlte den Yoma aber knapp. Offenbar war dieses Exemplar schon älter und erfahrener. Zwei weitere Yomas griffen sie von hinten an. Die Kriegerin sprang in die Luft, drehte sich um die eigene Achse, und landete hinter ihren beiden Gegnern.
Als die Yomas sich umdrehten, schwang sie das Schwert in einem großen Bogen. Einer der Yomas wurde geköpft, während der andere einen Arm verlor. Nun waren auch die letzten beiden Yomas aus den Fenstern gesprungen und umkreisten Clare.
„Na gut, kommt nur her.“ forderte sie entschlossen. Dann schrie sie auf, als sie ihr Yoki aktivierte. Um Clare herum erstrahlte blaues Licht. Ihre silbernen Augen verfärbten sich gelb, und zeigen eine schmale, schwarze Pupille. Ihr Kiefer wuchs und ihre Zähne verformten sich zu einem Raubtiergebiss. Aus ihren Fingernägeln wurden Krallen, und ihre Muskeln wuchsen, sodass sie deutlich unter ihren Ärmeln hervortraten.
„Ich habe jetzt 30 Prozent meines Yoki aktiviert“ knurrte die Kriegerin, „Versucht es doch jetzt mal, es mit mir aufzunehmen.“
Die Yomas ließen sich nicht lange bitten und stürzten auf Clare zu. Der Einarmige fuhr die Krallen seiner verbliebenen Hand aus, und schlug damit nach ihr. Clare wich leicht aus und stieß ihr Schwert mit voller Wucht in den Leib des Ungeheuers. Der Yoma brach tot zusammen.
Die drei noch verbliebenen Dämonen starrten die Claymore finster an, und schlugen dann zu dritt zu. Clare konnte den ersten beiden Hieben noch ausweichen, doch der dritte traf sie an der Schulter und ließ sie einen Schmerzenslaut ausstoßen. Ihre Klinge schnitt einen weiten Kreis und durchtrennte mit einem schmatzenden Geräusch den Torso eines Yomas.
Die beiden letzten Yomas ergriffen die Flucht. Doch Clare war schneller. Ein kräftiger Schwerthieb schlug einem Yoma in die rechte Schulter und zog sich bis zur linken Hüfte, sodass sein Körper auseinander klappte. Die Kriegerin drehte ihr Schwert leicht zur Seite und schnitt so dem letzten verbliebenen Yoma, ein Bein unterhalb des Knies ab. Noch während er fiel, stieß Clare ihr Schwert in seinen Leib und drehte es mit einem Ruck herum.
„Ich gratuliere.“ höhnte eine knarrzige Stimme.
Die Claymore drehte sich um und sah die Frau, die sie vorhin gerettet hatte. Oder wohl eher vermeintlich gerettet hatte, denn die Frau war ein als Mensch getarnter Yoma. Der Yoma hatte seine natürliche Gestalt noch nicht vollkommen wieder angenommen. Sein Dämonengesicht war von langen Haaren eingerahmt, und seinen Körper zierten noch weiblichen Formen.
Clare umklammerte vor Wut den Schwertgriff fester. Sie fuhr ihr Yoki-Level wieder herunter. Gegen einen einzelnen Yoma war es nicht notwendig.
„Warte“ bat der Yoma, „Du solltest dir erstmal anhören, was ich dir zu sagen habe.“
„Was hättest du mir schon zu sagen?“ meinte Clare.
„Der Junge der dich begleitet, er ist dein Spielzeug, oder?“ begann das Monster.
Clare wurde bleich. „Raki, nein.“ hauchte sie.
„Nur keine Sorge, er lebt noch“ erwiderte der Yoma, „Unsere Herrin wünscht dich um Mitternacht in der alten Kathedrale zu sehen. Sie wird ihm vorerst nichts tun. Wenn du nicht kommst, bringen wir ihn zu dir. Jedenfalls das, was von ihm dann noch übrig ist.“
Mit einem schrillen Lachen breitete der Yoma die Flügel hinter seinem Rücken aus, sprang in die Luft und flog davon. Clare sah ihm nach.
„Raki, bitte halte durch. Ich komme zu dir. Ich verspreche es.“ dachte sie.

Der Junge lag auf dem Boden. Karen hatte es nicht für nötig gehalten ihn anzuketten. Wohin konnte er auch schon fliehen? Raki setzte sich auf und sah die Erwachte an.
„Wieso hast du mich herbringen lassen?“ verlangte er zu wissen.
Karen sah auf ihn herab, als würde sie einen Käfer betrachten und mit dem Gedanken spielen, ihn zu zertreten.
„Du bist mir völlig egal“ sagte sie dann, „Mich interessiert nur die Claymore. Sie ist in mein Gebiet eingedrungen. Dabei habe ich mich von den anderen Erwachten und der Organisation soweit entfernt, wie es nur ging. Aber wer mich trotzdem verfolgt, soll dafür büßen.“
„Wir... wir haben dich garnicht verfolgt. Wir sind nur zufällig hier.“ erwiderte Raki.
„Erwartest du ernsthaft, dass ich dir das glaube?“ fragte die Rothaarige abfällig.
„Ich will nicht, dass Clare gegen dieses Monster kämpfen muss“ dachte Raki, „Ich habe mir doch geschworen, sie zu beschützen.“
Karen ging gelangweilt einige Schritte auf und ab. Dann erhellte sich ihre Miene.
„Deine Freundin ist soeben angekommen.“ sagte sie zu Raki und grinste dämonisch.

Clare rannte durch die Kathedrale. Die schweren Türen aufzustoßen war ihr leichtgefallen. Das Gebäude musste sehr alt sein, denn es war schon total verfallen, und roch auch sehr modrig. Die Bänke waren zertrümmert und aufeinander gestapelt. Ringsumher lagen die Skelette und Knochen von Menschen. Das erklärte, weshalb es in letzter Zeit soviele Vermisste gab. Sie waren alle den Yomas zum Opfer gefallen.
Die Kriegerin spürte plötzlich das starke Yoki, wie es nur Erwachte haben. Clare stand vor einer weiteren, doppelflügeligen Tür. Dahinter befand sich die Erwachte. Und auch Raki, wie sie hoffte.
„Halte durch, mein Raki.“ dachte die Claymore.
Sie trat die Türen ein und stürmte in den Raum. Zwei Yomas griffen sie sofort an. Clare zog ihr Schwert aus der Scheide und enthauptete einen der Dämonen sofort. Der zweite Yoma zögerte und stoppte die Attacke. Schneller als er es selbst wohl begriff, hatte Clares Schwert ihn vom Hals bis zum Unterleib mittig durchschnitten, und beide Körperhälften kippten zu Boden und besudelten Clare mit violettem Blut.
„Wer hätte gedacht, dass du so schnell kommen würdest?“ fragte Karen.
Sie sah Clare herausfordernd an. Vor ihr stand Raki. Er lebte noch und war unverletzt. Die Claymore war erleichtert, allerdings nur für einen Moment, denn noch war keiner von ihnen in Sicherheit.
„Ich bin hier“ rief Clare, „Also lass den Jungen gehen.“
Die Erwachte lachte: „Oh nein, nein, nein, das geht nicht. Ich sagte, dass ich ihm nichts antun würde, wenn du rechtzeitig kommst. Das gilt aber nicht für meine Untergebenen.“
Der geflügelte Yoma landete neben der Erwachten, packte Raki, und flog mit ihm nach oben, in eine höhere Etage der Kathedrale. Der Junge wand sich im Griff des Yomas, schlug und trat um sich, und rief laut: „Clare! Clare!“
Die Kriegerin ging in die Hocke und spannte sich zum Sprung, als plötzlich ein langer Tentakel sie traf und zu Boden schleuderte. Karen hatte bereits die Gestalt angenommen, die als Erwachte innehatte. Sie war nun etwa sechs Meter groß. Ihr Kopf glich dem eines augenlosen Flugsauriers, und ihr Maul war von vielen langen, scharfen Zähnen gespickt. Vom Körperbau her sah sie nun einer Gottesanbeterin sehr ähnlich. Doch anstelle ihrer Arme hatte sie vier Tentakel, von denen jeder in einer achtfingrigen Klauenhand mündete. Ihr Körper war von einem blutroten Panzer überzogen, aus welchem lange, gekrümmte Stacheln herausragten.
Clare zischte vor Wut. Sie umklammerte den Griff ihres Schwertes und sprang auf die Erwachte zu. Karen wich geschickt aus und griff ihrerseits mit ihren langen Tentakeln nach Clare. Doch die Claymore war schneller und sprang linksseitig nach oben.

Raki wurde unsanft zu Boden gestoßen. Der Yoma grinste ihn an, und in seinem Blick lag eine düstere Gier. Raki stand wieder auf und zog sein Schwert hervor.
„Ha ha ha,“ lachte der Yoma, „Glaubst du ernsthaft, dass du mich besiegen kannst?“
„Ich kann, und ich werde auch.“ entgegnete Raki entschlossen und startete seine Attacke.
Der Yoma lachte weiter und wich spielend Rakis Angriffen aus. Raki hieb nach dem Gesicht des Monsters, doch er war nicht schnell genug, sein Gegner wich spielend aus.
„Ich sagte dir doch, dass du mich nicht... ahhh.“ meinte der Yoma und starrte entsetzt dorthin, wo vorher noch seine rechte Hand, jetzt aber nur noch ein blutiger Stumpf war. Raki hatte einen weiteren Hieb in Gesichtshöhe vorgetäuscht, und als der Yoma wie erwartet auswich, lenkte er den Hieb nach unten und schlug seine Hand ab.
„Wo hast du nur das Kämpfen gelernt, Kleiner?“ fragte der Yoma verwundert, während ein violetter Blutstrom aus dem Armstumpf schoss und langsam versiegte.
„Bei Isley dem Silberkönig aus den Nordlanden.“ entgegnete Raki herausfordernd.
„Dann solltest du nicht übermütig werden, denn trotz allem bist du nur ein Mensch.“ meinte der Yoma.
Diesmal griff der Yoma an. Der Dämon trat Raki in die Magengrube, und der Junge wurde durch den Tritt nach hinten geschleudert. Der Yoma schlug und trat nach der am Boden liegenden Gestalt. Dann packte er den Jungen und warf ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Raki sank keuchend und erschöpft zu Boden. Sein Gegner war zu stark für ihn.

Clare keuchte vor Anstrengung. Sie sah sich einem überstarken Gegner gegenüber. Lange Kratzer überzogen ihren Körper an Stellen, wo die Krallen sie getroffen hatten.
„Ich war die Nummer 14 als ich noch eine Kriegerin war“ erzählte die Erwachte, „Sieh doch endlich ein, dass du keine Chance gegen mich hast.“
„Dann lass dich mal überraschen.“ meinte Clare und setzte eine ihrer geheimen Kampftechniken ein. Sie reduzierte ihr Yoki soweit, dass es fast unmöglich war, es zu spüren. Außer ihr gab es nur eine weitere Kriegerin, welche diese Fähigkeit besessen hatte: Theresa.
Clare stürmte auf die Erwachte zu. Diese griff wieder mit ihren krallenbewehrten Tentakeln nach ihr, konnte sie jedoch nicht treffen.
Die Kriegerin wirbelte ihr Schwert umher und durchtrennte zwei der Tentakel, was Karen zu einem schrillen Wutgeheul veranlasste. Ihre dritte Tentakelhand schoss vor, die Krallen verlängerten sich um ein Vielfaches und zielten auf Clare. Erneut ging diese Attacke fehl und die Claymore trennte auch diesen Tentakel ab.
Clare landete siegesgewiss vor der Erwachten. Sie hob ihr Schwert, und ließ es plötzlich fallen, als ein brennender Schmerz durch ihren Körper fuhr. Die acht verlängerten Krallenfinger des letzten Tentakels hatten sie durchbohrt.
Karen grinste wölfisch, was in ihrem Erwachtengesicht wie eine Grimasse des Grauens wirkte. Sie öffnete ihr Maul, und zwischen ihren Lippen erschien ein spitzer Stachel. Mit einem lauten „Pfump“ schoss er heraus und durchbohrte Clares rechte Schulter.
Die Kriegerin schrie auf und Karen lachte. Das Lachen klang so, als würde raue Ketten rasseln.

Der Yoma beugte sich über Raki, die Krallen seiner noch verbliebenen Hand vorgestreckt. Der Junge sah nach seinem Schwert. Es lag etwa einen Meter von ihm entfernt.
„Genausogut könnte es auf dem Mond liegen“ dachte Raki, „Der Yoma wird niemals zulassen, dass ich auch nur in die Nähe des Schwertes komme.“
Doch sein Gegner machte keine Anstalten, ihn daran zu hindern.
„Nur zu, Kleiner“ höhnte er, „Du bist ohnehin kein Gegner für mich.“
Raki griff nach dem Schwert und stand mühsam auf. Alles an seinem Körper schmerzte.
„Gib gleich auf“ empfahl der Yoma, „Durch den Kampf habe ich erst so richtig Hunger bekommen. Aber wenn du brav bist, darfst du noch zusehen wie deine Freundin stirbt, bevor ich deine Eingeweide fresse.“
„Das werde ich niemals zulassen!“ brüllte Raki und stürmte auf den Yoma zu.
Das Monster lachte, doch Raki ging ihn die Hocke, nahm eine Handvoll Erde auf und warf sie in das Gesicht seines Gegners. Der Yoma brüllte überrascht und verärgert auf. Raki rollte über den Boden, warf sich nach vorne, und stieß sein Schwert mit aller Macht in den Körper des Yomas. Der Yoma brüllte vor Schmerz auf und ging in die Knie. Raki stand wieder auf und hob entschlossen sein Schwert. Der Dämon breitete seine Flügel aus um zu fliehen, doch Raki stieß ihm das Schwert mit voller Wucht in den Nacken. Wieder spritzte eine Fontäne aus violetten Blut heraus, und der Yoma sank endgültig zu Boden.

Clares Körper war nun von gleich vier dieser Stachel gespickt. Ihr Schwert war außerhalb ihrer Reichweite, und Clare war von der Tentakelhand durchbohrt und zu Boden gedrückt worden.
„Und was nun?“ fragte die Erwachte höhnisch, „Was meinst du, was du jetzt noch gegen mich ausrichten könntest? Aber sei nicht traurig. Dein kleiner Freund wird sicher gerade gefressen, aber gleich siehst du ihn ja wieder.“
Vor innerem Auge spielte sich wieder die Szene ab: Der geflügelte Yoma packte Raki und flog mit ihm nach oben.
„Nein, Raki.“ flüsterte sie, und Tränen standen in ihren Augen.
„Clare!“ rief seine Stimme von weit oben her, „Clare!“
„Raki, du lebst?“ flüsterte Clare erleichtert. Dann fuhr sie fort: „Du musst fliehen! Gegen dieses Monster kann ich nicht gewinnen! Bring dich in Sicherheit!“
„Clare, fang.“ rief Raki. Er dachte nicht im Traum daran zu fliehen, und sie im Stich zu lassen. Er warf sein Schwert hinunter, in Clares Richtung. Die Klinge wirbelte durch die Luft und Clare stemmte sich mühsam hoch. Das Schwert befand sich kurz über ihrem Kopf, dann fing sie es am Griff auf und ließ es durch den Tentakelarm gleiten.
Karen schrie, aber eher vor Überraschung, als vor Schmerz. Clare zog den Tentakel und die Stacheln einzeln aus ihrem Körper und ließ sie zu Boden fallen. Sie konzentrierte sich auf ihre zweite, geheime Kampftechnik. Die Kriegerin strecke den rechten Arm aus, den Arm, den Irene ihr geschenkt hatte. Daraufhin aktivierte sie ihr Yoki und kanalisierte es in dem rechten Arm. Die Claymore ging mit ihrem Yoki bis fast an ihre Grenzen und schlug dann zu.
Das Schwert sauste so schnell durch die Luft, dass Karen den Bewegungen nicht folgen konnte. Clare zerschnitt den Tentakelarm in kleine Fleischstücke, von denen keiner viel größer als eine Maus war. So arbeitete sie sich bis zur Erwachten vor. Karen schoss aus ihrem Maul weitere Stacheln auf sie ab, doch Clare zerschlug auch diese mit dem Schwert.
„Nein, nein, das kann nicht sein.“ stöhnte Karen und schoss einen letzten Stachel auf die Kriegerin ab. Clare zerschnitt den Stachel mittig von der Spitze zum Stumpf, sodass er in zwei Hälften neben ihr zu Boden fiel.
Stockend fragte Karen: „Wer... wer um alles in der Welt bist du?“
„Clare, ehemaliges Mitglied Nummer 47 in der Organisation.“ stellte sich die Kriegerin vor.
Dann sprang sie los, ließ Rakis Schwert durch Karens Hals gleiten und landete wieder sanft, als Karens Kopf sich von ihrem Körper trennte und zu Boden fiel.
Clare sprang rasch zu Raki hinauf. Der Junge rannte auf sie zu, umarmte sie und weinte hemmungslos, während sie ihm tröstend über die Haare strich.

Zwei Tage waren vergangen. Clare und Raki hatten die Kathedrale verlassen, und waren wieder in ihr Gasthaus zurückgekehrt. Clare war zwar wesentlich schlimmer verletzt als Raki, aber da sie eine Claymore war, verheilten ihre Wunden schneller, und waren inzwischen kaum noch zu sehen. Rakis Verletzungen waren mit Verband umwickelt worden, doch dessen Laune schien dadurch nicht getrübt worden zu sein.
Clare stand auf dem Balkon und beobachtete den Himmel.
„Beeile dich, gleich geht es los.“ sagte sie.
Raki humpelte zum Balkon und stellte sich neben Clare. Plötzlich explodierte etwas am Himmel in leuchtend roten Farben. Dann gab es weitere Explosionen in grün, blau, gelb, violett und anderen Farben.
„Das Feuerwerk ist wirklich wunderschön.“ flüsterte Raki.
„Ob die Leute ahnen, dass ihre Stadt nun von den Yomas und der Erwachten befreit ist?“ fragte Clare.
„Ich denke daran, dass diese Erwachte einst auch ein Mensch gewesen war, auch wenn das lange her sein mag. Es ist traurig, dass es so mit ihr enden musste.“ entgegnete Raki.
„Sei nicht traurig, freue dich lieber“ sagte Clare lächelnd, „Im Grunde war sie auch nicht viel mehr als ein Yoma, ihr menschliches Leben war schon lange vorbei, vielleicht sogar seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten.“
Raki nickte wortlos. Dann legte er die Arme in Clares Nacken, zog sie zu sich herunter und presste seine Lippen auf ihre. Clare legte ihre Arme um ihn, und erwiderte sanft und liebevoll seinen innigen Kuss.
Und über ihnen explodierte ein weiteres Feuerwerk.
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