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Moments of Immortality (Fragmente)

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
Carlisle Cullen Esme Cullen
07.01.2011
09.01.2022
89
149.974
11
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
28.11.2016 2.026
 
Ein vertrauliches Gespräch




Gab es noch wahre Freundschaft und Loyalität? Diese Frage beschäftigte Magnar schon seit geraumer Zeit. Er war an einem Punkt angelangt, an dem er zugeben musste, dass er sich nicht mehr wohl fühlte in der Gemeinschaft von fast gleichaltrigen Vampiren. Hinzu kam, dass es im Schloss für kaum Rückzugsmöglichkeiten gab und er es noch nicht ohne Begleitung verlassen durfte. Er sei zu jung, war ihm gesagt worden, wenn er nach den Gründen gefragt hatte. Er hatte sich noch nicht ausreichend unter Kontrolle, war ein anderes Argument. Und dies waren nur zwei der Gründe, die er es leid war, zu hören.

Er fühlte sich ausgelaugt und das spürte er deutlich in den Trainingseinheiten. Die Motivation und die Leidenschaft mit der er sonst an den Einheiten teilgenommen hatte,  waren dahin. Santiago selbst war es nicht verborgen geblieben und gestern hatte der Trainer seinen Schützling beiseite genommen, weil er wissen wollte, was mit ihm los war.

„Magnar, du bleibst kurz.“ Santiago hatte alle jungen Vampire im Blick und niemand wagte, aus der Reihe zu tanzen. Als alle gegangen waren schaute er zu Magnar. „Was ist mit dir?“

Der junge Vampir wusste nicht so recht, wie er es formulieren sollte. Sollte er ihm die ganze Wahrheit anvertrauen? „Ich fühle mich nicht bei der Sache.“

„Das merke ich und es macht mir Sorgen.“

„Kann man als Vampir nicht mal schlecht drauf sein?“, er versuchte auszuweichen und war am falschen Ort. „Ich habe das Gefühl, dass du dich verstellst und du bist nicht der Typ dafür.“

Peinlich berührt wandte der Jüngere den Blick ab. Er hätte nicht gedacht, dass man in ihm so gut lesen konnte. „Was erwartet ihr, wenn man jahrelang nichts ohne Nanny unternehmen darf.“

„Es soll kein Vorwurf sein und du hast keinen Grund dich für irgendetwas zu entschuldigen. Aber deine Leistungen sind wacklig. Was ist dein wahrer Grund?“ Santiagos Worte klangen interessiert und Magnar schöpfte etwas Mut. Vielleicht konnte der Trainer wirklich etwas an seiner Situation ändern.

„Die Dynamik in der Gruppe ist gekippt und anscheinend bin ich der Fremdkörper, weil ich den anderen voraus bin.“

Santiago nickte. Er hatte sich schon so etwas gedacht, wollte jedoch die Bestätigung von dem Jüngeren selbst hören.

„Anfangs habe ich versucht, ein Teil der Gruppe zu sein. Dabei will ich nicht im Gemeinschaftszimmer sitzen und über die anderen reden oder mir Youtube Filmchen ansehen. Ich habe das Gefühl, dass sie mich ausgrenzen. Die Gespräche verstummen, wenn ich aus der Bibliothek komme oder aus dem Saal. Keine Ahnung, warum ich deshalb so deprimiert bin. Ich würde gerne in eine andere Gruppe wechseln.“ Der junge Blutsauger fasste sich in die Haare, als er das erstaunte Gesicht seines Trainers sah und lenkte ein.  „Okay, das geht nicht. Aber Santiago“, er unterbrach und schaute verzweifelt. Der Gardist wartete ruhig. Selten hatte er seinen Schützling so unruhig gesehen. „Klar wäre ich gerne Teil der Gemeinschaft, nur interessiert mich das nicht, was die so machen. Warum können wir nicht außerhalb Sport treiben oder mal weg gehen? Ich habe einen Hüttenkoller.“

Santiago lachte. „Lass das Aro nicht hören. Sein Schloss als Hütte zu betiteln… “ Er konnte ihn ein Stück weit verstehen und dennoch musste hier dringend etwas getan werden. „Der Schlossverbleib kann noch nicht geändert werden. Da musst du dir einen Fürsprecher suchen, der für dich bürgt und dich aus dem Schloss lässt.  Das andere werde ich überdenken. Gib mir einige Tage. Ich kläre das mit Meister Aro. Grundsätzlich würde ich dich nicht gerne aus der Gruppe nehmen. Du weißt, dass die anderen Gardisten bereits vereidigt sind. Du bist noch nicht soweit.“

„Danke.“

„Dann sehen wir uns gleich im Saal.“

„Ja, Santiago.“ Der junge Vampir verschwand um sich umzuziehen. Magnar barg in sich unglaubliches Potenzial und wenn er seine Fähigkeiten nicht richtig nutzte und diese sogar unterdrückte, war das definitiv der falsche Ansatz. Santiago musste dringend etwas tun.



***




Es war selbst für Santiago eine Überraschung gewesen, die Worte von Magnar zu hören. Er hatte versprochen, dass er sich des Problems annehmen würde. So ging es nicht weiter. Wie lange genau die Isolierung von Magnar durch die Gruppe schon andauerte wollte er gar nicht wissen. Was dachten sich die anderen? Wo blieben der Teamgeist und der Wille selbst etwas zu schaffen und das eigene Niveau zu steigern. Mussten sie Magnar den Erfolg missgönnen?

Aber jemand musste dem ein Ende setzen. Es war schade, dass Magnar nicht von selbst Hilfe geholt hatte. Dafür waren die Älteren Vampire da. Dafür gab es Mentoren und dafür gab es Freunde. Santiago wollte sich gar nicht ausmalen, was geschehen wäre, hätte er ihn heute nicht darauf angesprochen. Es gab viele unter den älteren Wächtern, die Magnar sehr schätzten und ihm bereitwillig halfen, sollte er um Hilfe ersuchen.

Santiago hatte sich ebenfalls umgezogen und war auf dem Weg zu Meister Aro. Vielleicht konnte er mit ihm reden, bevor sie in den Thronsaal mussten. Er klopfte, als er vor dem Arbeitszimmer des  Meisters stand und wartete, bis er hineingebeten wurde.

„Gibt es heute etwas Besonderes, oder wird es ein kurzes Treffen im Saal, Santiago? Wie entwickeln sich die jungen Vampire“

„Es geht mir um ein persönliches Anliegen und es betrifft Magnar.“

„Ach?“ Aro schien wirklich überrascht. Er war in der letzten Zeit sehr beschäftigt gewesen und oft nicht im Schloss anzutreffen. Der Spanier hoffte, dass er die Geschichte nicht erklären musste, sondern der Meister von sich aus ein Lesen seiner Gedanken einforderte. Und er wurde nicht enttäuscht. „Lass uns die Sache abkürzen.“ Aro streckte seine Hand aus und Santiago griff zu. Das Mienenspiel des Meisters war deutlich zu erkennen, während er den Gedanken lauschte und das Gespräch zwischen Trainer und Schüler verfolgte. Zunächst sah Santiago Unglaube, dann Zorn und Unverständnis waren in dem weisen Gesicht zu lesen. „Ich danke dir, dass du mich darüber unterrichtet hast. Wie bedauerlich.“ Auch ihm lag Magnar sehr am Herzen, wie Santiago wusste und er war sich sicher, dass unweigerlich Konsequenzen folgen mussten. So schnell wie möglich.



***




Magnar stand im Saal und schwieg. Er hatte die belustigten Blicke der anderen ignoriert. Wie immer herrschte erwartungsvolle Stille. Meister Aro war einige Zeit nicht in Volterra gewesen und der Herrscher ließ es sich nie nehmen, die seinen persönlich im Saal zu treffen und wichtige Sachen gleich zu klären oder Neuigkeiten mitzuteilen. Magnar liebte diese kurzen Treffen. Normalerweise. Heute wäre er am liebsten schreiend zurück in sein Zimmer geeilt. Zwei Mahlzeiten hatte er ausgelassen, so niedergeschlagen war er die letzten Wochen gewesen. Er konnte gar nicht mehr genau benennen, wann genau es angefangen hatte. Und ihm war bewusst: Es wurde schlimmer.

Als das Tor geöffnet wurde und Aro  mit Santiago eintrat, da verspürte er ein Stechen in seinem Herzen. Er schämte sich für seine Schwäche, sein Unvermögen, sich mit den anderen auseinanderzusetzen. Eine unbekannte Wärme kroch durch seinen Körper und insgeheim wunderte er sich, ob er kurz vor einem Tobsuchtsanfall stand. Alles in ihm kochte. Meister Aros Worte hinterließen keinen Eindruck. Im Gegenteil, er musste sich konzentrieren, die neben ihm stehenden Neulinge nicht anzuknurren. Nach wenigen Minuten waren Aro und Santiago auch schon wieder weg. Er wischte sich über die Stirn, doch es gab keine Schweißperlen mehr, die ihn verraten hätten. Hatte er ernsthaft gedacht, Santiago würde ihn vor den anderen diffamieren und sein Problem öffentlich debattieren?  

Sie wurden entlassen und der junge Vampir klemmte sich drei Blutkonserven unter den Arm, ehe er in sein Zimmer verschwand. Ärger mit den anderen war blöd. Ärger mit Meister Caius wegen Blutarmut brauchte er dann trotzdem nicht. Widerwillig trank er die Blutrationen und packte alles in eine Abfalltüte, welche er gleich an die Tür stellte.  Er  setzte sich auf die Fensterbank, die Knie mit den Armen umschlungen und schaute nach außen.  Die meisten teilten sich ein Zimmer. Hatte er deshalb den Anschluss verloren? Weil er lieber ein Einzelgänger blieb? Die anderen respektierten seine Privatsphäre insofern, dass sie nicht ungebeten in sein Zimmer kamen. Er konnte sie lachen hören. Sie rangelten miteinander und erzählten sich irgendwelche Geschichten. Der junge Vampir seufzte.  

Das Gespräch mit Santiago ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und er war die Unterhaltung in Gedanken immer und immer wieder durchgegangen. Hatte er richtig gehandelt. Oder hätte er nicht besser einfach den Mund gehalten? War er schon so ausgebrannt, dass er sich dem Trainer anvertrauen musste.  

Als es klopfte, reagierte er nicht. Er wollte mit niemandem reden. Vielleicht war es Santiago. Vielleicht aber auch jemand ganz anderes.

„Magnar?“

Erstaunt drehte er den Kopf und wandte sich von der Landschaft ab, die er nicht wahrgenommen hatte. Meister Aro stand in der Tür und musterte ihn fragend, bat stumm um Erlaubnis, sein kleines  Reich betreten zu dürfen.

Er sprang auf und versuchte Haltung anzunehmen. „Stehen Sie schon lange hier?“

Aro trat ein und schloss die Tür hinter sich. „Nein. Setz dich bitte. Ich wollte mit dir reden.“

Magnar tat, wie ihm geheißen und setzte sich auf seinen Stuhl. Aro nahm sich einen Hocker und setzte sich ihm gegenüber.

„Santiago war bei mir und hat mich über dein Problem informiert. Ich stimme zu, so kann es definitiv nicht weiter gehen. Wir werden beraten, ob es für die Betroffenen Konsequenzen geben wird, die dich hier nicht so akzeptieren, wie du bist. Ich bedauere es sehr, dass es dir hier schlecht geht.“

Der junge Vampir schaute sich um. „Ist es möglich, das Gespräch anderswo zu führen?“ Magnar fürchtete, dass ungebetene Ohren mithören konnten und er wollte nicht noch mehr Ablehnung auf sich laden, als ohnehin schon.

„Sei unbesorgt. Die anderen sind schon seit einigen Minuten in den Katakomben. Es wird also niemand unser Gespräch mitbekommen, der davon nichts wissen sollte.“

Die Erleichterung darüber war dem Jüngeren anzusehen und Aro wunderte sich, was hier alles geschehen war.

„Zwietracht in der Gruppe werden wir nicht dulden. Deshalb ist es meine Pflicht, mich der Sache persönlich anzunehmen. Bitte gestatte mir, selbst nach den Informationen zu suchen, die ich brauche.“ Er hob seine Hand und wartete. „Glaube mir, vieles bleibt ungesagt, weil die Leute zu aufgeregt sind.“  Magnar nickte und gab dem Herrscher seine Hand. „Ich vertraue Ihnen.“ Es fiel ihm schwer, nochmal alles zu durchleben und er schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, holte sich die unangenehmen Erinnerungen zurück ins Gedächtnis: Die spottenden Bemerkungen, wenn Santiago am Ende der Stunde den Trainingsraum bereits verlassen hatte, das höhnische Lachen und noch Einiges mehr.

„Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das angefangen hat, oder wer angefangen hat“, begann er zögerlich.

„Es wird nicht nur einer dazugehören. Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, werden zur Rede gestellt, da ich solch ein Verhalten in meinem Schloss nicht dulden werde. Bitte habe Verständnis dafür, dass ich zurzeit nicht gleich mit der Überprüfung der Gedanken aller Junggardisten beginnen kann.“ Der Herrscher lächelte, der noch immer die Hand des jungen Mannes hielt. „Was wir mit uneinsichtigen Störenfrieden machen?“ Er überlegte und ließ die Hand wieder los. „Wir fangen mit Gruppengesprächen an. Wobei dein Name nicht fallen wird, weil wir die Gruppen immer anders einberufen werden. Santiago geht davon aus, dass du nicht der einzige bist, der ausgegrenzt wird.  Wenn genug Wachen im Schloss sind, werden wir die Gruppe für das Training auch aufteilen. Es gibt laut Santiago ein sehr großes Leistungsgefälle und so wird niemand unnütz misstrauisch. Außerdem wollen wir doch sehen, wer am Ende am Lautesten lacht. Die Starken haben meist zu viel Ehrgeiz um sich mit solchen Sachen abzulenken. Es sind die Schwachen, die so von sich ablenken.“

„Ich danke Euch Meister Aro.“ Und das meinte er ehrlich und aus tiefstem Herzen.

Der Meister hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf. „Magnar, du verkaufst dich unter Wert. Wir haben dich verwandelt weil wir der Meinung sind, du bist für Volterra eine Bereicherung. Danke mir nicht zu voreilig. Immerhin bist du im Recht. Lass mich erst für Ordnung sorgen. Und selbst dann gebührt mir kein Dank. Friede im Schloss ist ein Grundrecht für alle, die sich für die Gemeinschaft einbringen.“

Der Herrscher stand auf. „Bleib sitzen, ich komme alleine raus.“ Er schloss die Tür hinter sich und Magnar schüttelte sich kurz, als er sich erneut auf die Fensterbank setzte und nach außen blickte.  Seit wann schien die Sonne?
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