Dark Days

von Veronica
GeschichteDrama / P16
Coriolanus Snow
03.01.2011
04.02.2012
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03.01.2011 1.256
 
Als ich in das Arbeitszimmer des Präsidenten trat, stand dieser mit dem Rücken zur Tür und blickte durch ein Fenster in die Ferne. Das Heulen des Alarms war mir in den letzten Monaten so vertraut geworden, dass ich es kaum mehr mit bekam. Der Krieg bedrückte das gesamte Land.

Langsam trat ich ein paar Schritte näher. „Präsident Snow.“

Der Mann drehte sich um. Seine Augen waren rot, sein junges Gesicht wirkte krank. „Du sollst mich nicht so nennen, Coriolanus“, entgegnete er mit einem schwachen Lächeln, das sofort wieder aus seinem Gesicht wich.

„Ich weiß“, meinte ich bedrückt: „Ich hab es gerade erfahren, es tut mir so leid für dich und Kathrin.“
Der Präsident schüttelte den Kopf: „Nicht nur ich habe ein Kind verloren. Knapp zweitausend andere Eltern haben nun den Tod ihrer Kinder zu beklagen.“

Ohne noch länger zu zögern, überwand ich die wenigen Meter zwischen uns und nahm meinen älteren Bruder in die Arme. Fast im selben Augenblick brach sein Schutzwall und Tränen liefen ihm unkontrolliert über das Gesicht. Ich führte ihn zu einem der Sofas, die an der Wand standen und ließ mich zusammen mit ihm nieder. Wie bei einer Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden, sank er in sich zusammen. Der Blick des Präsidenten wanderte ziellos in dem leeren Zimmer hin und her und blieb schließlich an einem Foto an der gegenüberliegenden Wand hängen. Ein kleiner Junge lachte ihm von dort aus zu und winkte mit einem Teddybär in der Hand. Stumm liefen meinem Bruder die Tränen aus den Augen, während er wie eine Puppe nur dasaß und auf das Bild starrte.

Ehrlich gesagt, ich war überfordert von seiner Reaktion. Kurz überlegte ich, ob ich das Foto abnehmen sollte, damit er es nicht mehr sehen musste, aber es wäre zu grausam ihm auch noch diese kleine Erinnerung zu nehmen. Also blieb ich neben ihm sitzen und hielt seine Hand fest, während er seine Finger in meinen Handrücken krallte, als fürchte er zu fallen, sollte diese Verbindung getrennt werden.
Mein Blick wanderte ebenfalls unruhig in dem Zimmer herum, aber nichts was ich sah, konnte ihn festhalten. Die sterilen Wände hatten mich schon immer verrückt gemacht, doch meinem Bruder hatten sie nie gestört. Die wenigen Fotos von seiner Frau und dem Jungen stießen auch mir Pfeile durchs Herz. Denn mir war bewusst, dass die Frau nie mehr so lachen würde, wie auf diesen wenigen Bildern, und das Gesicht des Kindes würde keiner von uns beiden mehr sehen. Ein großer sperriger Arbeitstisch stand vor dem großen Fenster hinter dem man den grauen Himmel erblickte, auch er schien über die heutige Tat zu weinen.

Stumm verfluchte ich alles und jeden. Alle Distrikte, die sich einfach erhoben, den ganzen verdammten Krieg, den Friedenswächter, der so dämlich gewesen war und mit einem einzigen Schuss, diesen Kampf ausgelöst hatte, und ja ich verfluchte auch die ganze Politik, selbst das Kapitol selbst. Ich verfluchte die Idee, die Schulen trotz des tobenden Krieges offen zu lassen um den Kindern wenigstens etwas Normalität zu bieten. Da hat uns diese Normalität hin gebracht.

Den heute Morgen – der Krieg war schon so gut wie gewonnen, die Munition der Distrikte neigte sich dem Ende zu und wir bildeten uns ein, nur noch Tage, wenn nicht sogar nur noch Stunden von ihrer Kapitulation entfernt zu sein – hatte ein einzelner Hovercraft aus Distrikt 13 unsere Abwehranlagen überwunden und hatte zielsicher eine einzige Bombe auf ein Gebäude fallen lassen. Der Alarm kam zu spät. Es war zehn Uhr in der Früh. Keiner hatte damit gerechnet. Ich konnte nur hoffen, dass die meisten von ihnen von der Explosion getötet wurden und nicht erst in dem Flammeninferno den Tod gefunden hatten. Etwa einhundertfünfzig Lehrer, fast zweitausend Schüler im Alter von 12 bis 18 und ein Junge im Alter von gerade einmal 7 Jahren, den sein Vater in der Schule als sicherer geglaubt hatte, als in der Villa daheim, hatten sich in diesem Gebäude befunden.

„Kathrin hat heute morgen gemeint, Yuma  sollte daheim bleiben, aber ich dachte, wenn sie es über die Grenze schaffen würden, wäre eher meine Villa ein Ziel. Ich meine, Krankenhäuser und Schulen sind doch tabu, man vergeht sich nicht an Kindern und Kranken.“ Seine Erklärung klang kindisch trotz der 28 Jahre, die Präsident Snow mittlerweile alt war. Dennoch, auch ich hatte nicht mit dieser Grausamkeit gerechnet. Gut, bei ihren Angriffen hatte das Kapitol nie speziell darauf geachtet, wo in den einzelnen Distrikten die Schulen und Krankenhäuser standen um eben diese Gebiete zu meiden, aber sie hatten nie eine dieser Einrichtungen absichtlich als Ziel gewählt.

„Keiner hätte damit rechnen können“, entgegnete ich. „Aber dafür werden sie büßen.“

Mein Bruder schüttelte schwach den Kopf: „Nein. Ich kann von unseren Kämpfern und Kämpferinnen nicht verlangen weiter zu machen, wenn daheim die Leichen ihrer Kinder auf sie warten. Ich werde heute den Rebellen einen Friedensvertrag unterbreiten.“

Mir klappte der Mund auf. Aus großen Augen sah ich den Präsidenten an und fragte mich insgeheim, ob der Verlust seines einzigen Kindes, sein Urteilsvermögen beeinträchtigte. Wenn ich die Macht hätte, die er hatte, würde ich mir das nicht bieten lassen. Ich würde jedes verfügbare Kriegsgefährt ausfahren lassen und jeden dieser elenden Distrikte dem Erdboden gleich machen. „Das ist nicht dein Ernst, Sator.“
„Du musst noch viel über Politik lernen, kleiner Bruder“, entgegnete er mild. „Wir sind abhängig von den Distrikten ohne sie würden auch wir sterben. Von Nahrung bis Kleidung produzieren sie schließlich alles.“

Und ohne irgendeinen Auslöser brach über Sator erneut die ganze Tragweite ein. Sein Gesicht verdüsterte sich, der Blick in endlose Ferne gerichtet und als er mit Grabesstimme sprach, war ich mir nicht sicher ob seine Worte an mich gerichtet waren: „Was habe ich falsch gemacht? Seit meiner Amtseinführung wollte ich diesen Krieg verhindern. Habe alles getan um die Lage zu entschärfen und doch habe ich versagt. Ich hätte es weiter so machen sollen, wie mein Vorgänger, bei ihm ist nichts in dieser Art geschehen.“

„Du hast nichts falsch gemacht“, widersprach ich ihm sofort. Es waren allein die Distrikte, Sator hatte jedes mal, wenn sie aufgemotzt hatten, ihnen weitere Privilegien eingeräumt. Auch wenn er mein Bruder war, muss ich sagen, dass er zu schwach gewesen war um durchzugreifen. Er hatte übersehen, dass die Rebellen sich dadurch nicht besänftigen ließen, sondern nur Blut leckten. Sie sahen, dass sie für jede ihrer Aktionen mit neuen Vorzügen belohnt wurden, und das betrachteten sie nicht als Gefallen sondern als Selbstverständlichkeit. Als sie dann einmal dafür bestraft wurden, rasteten sie aus. Es war nicht Sators Schuld, auch wenn ich an seiner Stelle, anders gehandelt hätte.
Der Präsident nickte schwach und nicht gerade überzeugt. Er war zu gut für dieses Amt. Mit seinem Handrücken fuhr er sich über die Augen. „Kannst du Reporter herbestellen und ihnen sagen, dass ich in einer halben Stunde live dem Kapitol und den Distrikten eine Mitteilung zu machen habe.“

„Nein, überlege es dir noch mal“, erwiderte ich stur. Hatte er noch immer nicht dazu gelernt, wenn man diesen Kreaturen nicht jedes mal mit der Peitsche kam, wenn sie etwas anstellten, zeigten sie keinen Respekt.

„Coriolanus, das war keine Bitte und dies ist ein Thema, das du noch nicht verstehen kannst.“

Wütend knirschte ich mit den Zähnen und unterstützte damit ungewollt noch seine Behauptung. Ich hasste es, wenn er diese Rolle heraushängen ließ, wenn er mich wie einen kleinen Jungen behandelte. Ich war mit neunzehn Jahren schon volljährig und ich wusste mehr von der Welt, als er mir zutraute. „Wie Sie wünschen, Präsident Snow“, meinte ich mit einer kindischen, verspottenden Verbeugung. Ich sah die Kränkung in seinem Gesicht, aber es war mir egal.
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