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Quis custodit custodes?

GeschichteAllgemein / P12 Slash
Anton Gorodezki Sebulon
29.12.2010
29.12.2010
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„Du hast keine Macht über mich, Sebulon“, zitiere ich die altbekannten Worte, während sich meine Finger um das Amulett schließen. Kurz erwärmt es sich in meiner Hand, ein Zeichen dafür, dass die Worte diesen Zauber aktiviert haben, dann kühlt es sofort wieder ab. Während ich es mir um den Hals lege, lasse ich meinen ungebetenen Gast nicht aus den Augen.

Schon als ich die Tür zu meiner Wohnung aufgestoßen hatte, wusste ich, dass er hier war. Mal wieder. Ich konnte es spüren, konnte fühlen, wie die Luft sich verdichtete, wie sie flimmerte und beinahe vibrierte. Ich seufzte und schloss die Tür hinter mir, schüttelte den Kopf und straffte die Schultern, machte mich innerlich auf eines der inzwischen viel zu typischen Wortgefechte gefasst.

Aber er ist seltsam still. Er sitzt in einem Sessel in der Ecke, hat die Beine übereinandergeschlagen. Und er spricht kein Wort. Wie ungewöhnlich. Natürlich zucken seine Mundwinkel – nur ein Hauch eines Lächelns –, als ich mir das Amulett umlege, als ich an dem Verschluss nestele und ich weiß, dass ihm ein Kommentar darüber auf der Zunge liegt. Aber er schweigt. Nicht, dass mich das stören würde. Dennoch …

„Was willst du?“, frage ich schließlich und verschränke die Arme vor der Brust.

„Wer sagt, dass ich überhaupt etwas will?“, lautet die Gegenfrage und dieses Mal lächelt er wirklich, lehnt sich ein wenig zurück. Das schwache Licht spiegelt sich auf seiner Brille wieder. Oder vielleicht sind es auch nur seine grauen Augen, die schalkhaft aufblitzen.

Ah. Dieses Spiel möchte er also spielen. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen den Schreibtisch, die Arme noch immer vor der Brust verschränkt, wende den Blick nicht von ihm ab, um nicht plötzlich unangenehm überrascht zu werden. Zwar hat er noch nie das Bedürfnis gezeigt, mir in meinen eigenen vier Wänden zu nahe zu treten – wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass er überhaupt in meine Wohnung eindringt und meine Alarmanlagen abschaltet, aber das ist im Moment nur nebensächlich –, aber es gibt immer ein erstes Mal. Vor allem bei ihm.

„Warum solltest du sonst hier sein?“

Er breitet die Arme aus und zuckt mit den Schultern. Dabei rutscht der Ärmelsaum seines teuren Anzugs nach oben, entblößt eine breite Armbanduhr. Heh. Angeber. „Ist es so seltsam, dass ich einen alten Freund besuchen möchte?“

Warum zum … Ich seufze und schließe die Augen, unterdrücke einen Fluch … warum muss er jede meiner Fragen mit einer Gegenfrage beantworten? Ich finde das nicht lustig. Es irritiert mich. Damit habe ich meine Frage wohl gerade selbst beantwortet – er tut es, um mich zu irritieren. Wunderbar, Anton, du kannst stolz auf dich sein, du hast eine der großen Fragen der Menschheit beantwortet. Eine, die gleich hinter 'Warum frisst die Waschmaschine immer meine Socken?' steht.

„Wir sind keine Freunde.“

„Sind wir nicht?“ Wenn ich nicht wüsste, dass die Enttäuschung auf seinem Gesicht nur vorgetäuscht und gespielt ist, würde ich mich jetzt vielleicht sogar schuldig fühlen. Er rückt seine Brille zurecht und lächelt sogleich wieder. „Wenn wir keine Freunde sind, Anton Gorodezki, weshalb duzt du mich dann?“

Warum ich …? Oh. Ich blinzle einmal. Und dann noch einmal. Weil ich es selbst nicht bemerkt hatte. Weil es sich ganz natürlich angefühlt hat. Weil ich es eben getan habe. Weil das warum doch vollkommen egal ist, oder? „Wir wollen doch nicht vom eigentlichen Thema ablenken“, sage ich nur und richte meinen Blick auf ihn.

„So? Was war noch gleich das Thema?“, fragt er und beugt sich nach vorne, sieht mich einem Blick an, der wohl unschuldig und unwissend wirken soll, bei ihm jedoch so unendlich lächerlich erscheint, dass ich mir das Lachen nur mühevoll verkneifen kann.

„Was wollen Sie hier?“ Ich betone jedes Wort, aber dieses eine ganz besonders. Eigentlich ist es eine rhetorische Frage, wenn man es genau nehmen möchte. Eigentlich hätte ich sie von Anfang an nicht stellen müssen. Eigentlich hatte ich nur gefragt, weil mich sein Schweigen verunsichert hatte. Etwas, das ich natürlich niemals zugeben würde.

Langsam steh er auf und streicht seinen Anzug glatt. Er strafft die Schultern und legt den Kopf schief, mustert mich so undurchdringlich, dass ich einen Moment lang glaube, er liest meine Gedanken und spürt, wie unangenehm und unwillkommen er mir ist. Nicht, dass ich jemals versucht hätte, das vor ihm zu verbergen. Aber nichts dergleichen lässt er sich anmerken – falls es denn überhaupt so ist –, stattdessen lächelt er nur wieder.

Irgendwie bekomme ich das Bedürfnis, mich zu betrinken, um seine Anwesenheit erträglicher zu machen. Er bereitet mir Kopfschmerzen. Und dabei war mein Tag doch schon problematisch genug.

„Ich will dich“, sagt er schließlich und hört nicht auf, dabei zu lächeln.

Ja. Ja, doch, betrinken ist jetzt definitiv eine gute Idee. Ich wende mich von ihm ab und gehe in die kleine Küche. „Deine Art, es auszudrücken, wird auch immer drastischer“, sage ich dabei, ohne ihn anzusehen und öffne die Kühlschranktür, hole eine Flasche Wodka heraus. Die letzte. Ich sollte dringend mal wieder einkaufen gehen.

„Ah, wir sind jetzt doch wieder beim 'du'?“ Er lehnt gegen den Türrahmen, hat die Hände in den Hosentaschen vergraben. Und er lächelt immer noch. So langsam beunruhigt es mich. „Aber genug der Nebensächlichkeiten“, meint er dann und zuckt wieder mit den Schultern. „Wir haben etwas zu besprechen. Und bring zwei Gläser mit, sei so gut.“

Eigentlich bin ich nicht so gut, aber es ist ja nicht so, als würde ihn das interessieren. Oder als hätte ich eine Wahl. Ich seufze und schnappe mir zwei Gläser – die beide auch schon einmal bessere Tage gesehen haben – und folge ihm wieder zurück ins Wohnzimmer, setze mich aufs Sofa, seinem Sessel gegenüber und stelle Flasche und Gläser auf den Tisch zwischen uns. Langsam schraube ich die Kappe von der Flasche und schenke mir ein. Ihm nicht. So ein höflicher Gastgeber bin ich auch wieder nicht.

Er sieht mir zu, wie ich das erste Glas leere und ein zweites Mal einschenke, wie ich das Glas an meine Lippen setze. Ich zögere. Der Wodka brennt vertraut in meiner Kehle und eine Frage auf meiner Zunge. „Seit wann weißt du, dass ich wieder in Moskau bin?“

„Ich wusste gar nicht, dass du weg warst.“

Natürlich nicht. Ich bin heute zu diesem Spaß nicht aufgelegt, finde es nicht lustig, wie er sich unwissend stellt, obwohl uns beiden ganz klar ist, dass er wahrscheinlich jeden meiner Schritte beobachtet. Ganz kurz bin ich versucht zu fragen, ob er mir auch nachspioniert, wenn ich auf die Toilette gehe oder im Supermarkt an der Kasse stehe und mich darüber aufrege, dass der Preis für den billigsten Wodka schon wieder aufgeschlagen wurde, aber ich lasse es.

„Wie geht es Swetlana?“, fragt er mich und reißt mich damit komplett aus meinen Gedanken. Überrascht sehe ich ihn an, suche in seinen dunklen Augen nach einem Anzeichen von Sarkasmus, Spott oder Hohn. Aber nein, in seinen Augen lese ich nur ehrliche Neugierde. Was nichts zu sagen hat. Ein so Hoher Magier wie er es ist, wie Geser es ist, wie Swetlana es bald sein wird, weiß schließlich selbst, wie man seine eigentlichen Gefühle und Gedanken in seiner Seele einsperrt, ohne dass Fragmente davon nach außen dringen.

„Gut“, sage ich einsilbig. 'Ich möchte nicht darüber reden', sagt meine Haltung. Und 'Ein falsches Wort und ich lasse es auf einen Kampf ankommen, Kräftedifferenz hin oder her!', sagt die Art, wie ich meine Finger um das kleine Glas schließe und es dann in einem Zug leere.

„Ist sie immer noch in ihrem wohlverdienten Urlaub?“

„Ich dachte, du wusstest nichts von dem Urlaub.“

Er ignoriert meinen Einwand und verschränkt die beringten Finger ineinander, schlägt wieder ein Bein über das andere. Seine Lippen verziehen sich zu einem schmalen Lächeln und ich weiß, dass ich den Mund hätte halten sollen, als er sagt: „Sie ist noch dort und du bist geflohen? Was mag wohl passiert sein, frage ich mich?“

„Um genau zu sein, fragst du wohl eher mich, nicht wahr?“

„Wenn du es so ausdrücken möchtest.“

Ich zucke mit den Schultern. Ich habe dazu nichts zu sagen, wirklich. Sie verdient noch ein paar Tage Ruhe nach all dem, was in der letzten Zeit passiert ist. Vor allem verdient sie ein paar Tage Ruhe vor mir, wenn man bedenkt, dass ich Katastrophen und Probleme nur so anzuziehen scheine. Was nur durch die Tatsache bewiesen wird, dass der Meister der Katastrophen und Probleme vor mir sitzt.

„Du weißt so gut wie ich, dass man Katastrophen nicht beherrschen kann.“

Ich seufze. „Es ist unhöflich, meine Gedanken zu lesen.“

„Es ist auch unhöflich, einem Gast nichts zu trinken anzubieten, aber habe ich mich beschwert?“

Wieder seufze ich und schüttelte den Kopf, schenke ihm – und wenn ich schon dabei bin, mir auch gleich noch einmal – ein, nicke ihm zu. „Können wir jetzt aufhören, über mein Privatleben zu reden.“ Es ist keine Frage. Sonst hätte ich ein Fragezeichen intoniert. „Reden wir lieber darüber, was du schon wieder hier verloren hast.“

Er nickt, trinkt einen Schluck, stellt das Glas nicht ab. „Also gut. Genug der Nettigkeiten, wie?“ Er lächelt und beugt sich ein Stück nach vorn, schwenkt die Flüssigkeit in dem Glas, als wäre es guter Wein und als wäre er der klassische, klischeehafte Bösewicht in einem Film. „Kommen wir wieder zu der Stelle, an der ich dir noch einmal sage, dass ich dich will“, sagt er und lächelt noch immer, grinst jetzt beinahe.

„Ich habe nicht vor, zur Tagwache überzuwechseln.“

„Das hast du bereits gesagt.“

„Und warum versuchst du es dann immer wieder?“

„Weil du anders bist als der Rest der Lichten Idioten.“ Er seufzt und trinkt noch einen Schluck, lässt entspannt die Schultern sinken. „Weil du nachdenkst und nicht blind auf das Licht vertraust.“

Ich verdrehe die Augen. Wieder diese Leier. Natürlich, ich weiß, dass ich Gesers Methoden nicht immer für die Besten halte, dass wir uns von den Dunklen leider nicht so sehr unterscheiden, wie wir es gerne hätte. Aber das macht mich noch lange nicht zu einem Vertreter der Tagwächter. Und genau das sage ich ihm auch.

„Bist du es denn nicht langsam Leid, seine Schachfigur zu sein?“

„Seine oder deine. Wo ist der Unterschied?“

„Bei uns hättest du eine Familie.“

Ich lache. Laut. So laut, so krampfhaft, dass ich kaum noch Luft bekomme. „Eine Familie. Eine Familie unter Dunklen, die sich in ihren Konkurrenzkämpfen am liebsten gegenseitig zerfetzen und zerreißen würden? Die scharenweise zu dir ins Bett kriechen würden, nur weil sie glauben, dass sie dann eine höhere Stellung bekommen?“ Ich schüttelte den Kopf und leere mein Glas.

„Ich glaube, du hast genug getrunken“, sagt er ruhig und unergründlich.

„Ich glaube, ich fange gerade erst an.“

Er steht auf und geht um den Tisch herum, umschließt mein Handgelenk, das schon wieder nach der Flasche greifen will, mit seinen Fingern. Ich sehe unwirsch zu ihm herauf und lese Sorge und Schmerz in seinen Augen, als er die Augenbrauen hebt und mich missbilligend ansieht.

„Lass mich los.“ Ich könnte meine Hand wegziehen. Ich könnte ihn von mir stoßen. Ich bin ihm körperlich überlegen. Aber ich will nicht, dass er auf dem Tisch landet und den guten Wodka umkippt.

„Was hält dich dort?“

„Genug.“

„Sie?“ Ich schweige und er nickt, hatte wohl keine Antwort erwartet. „Und was ist später, wenn sie zur Hohen geworden ist? Wenn du für sie nicht mehr bist als ein Klotz am Bein? Was wird dich dann noch halten?“

„Das wird nicht passieren!“, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das wird nicht passieren. Auf keinen Fall. Zumindest werde ich alles tun, um das zu verhindern.

„Du wirst alleine sein, Anton. Spätestens dann wird dich die Dunkelheit umfangen, spätestens dann wirst du in deinem Schmerz den Dienst quittieren und so weit wie möglich von ihr entfernt sein wollen.“ Er seufzt und schüttelt den Kopf, sachte, sieht mich an wie ein Kind, dem man das Einmaleins erklären muss. „Aber das wäre kein angemessenes Ende für jemanden wie dich.“

„Halt den Mund.“

„Ich will, dass du mit ungebrochenem Stolz zu uns kommen kannst.“

„Ich will davon nichts mehr hören.“

Er lächelt mich an. „Ach, Anton … was soll ich nur mit dir machen?“

Ich hätte einige Antworten darauf. Aber ich komme nicht dazu, auch nur eine davon auszusprechen, denn schon beugt er sich nach vorn – und legt seine Lippen auf meine. Ich zucke zusammen, reiße die Augen auf und stoße ihn von mir, entziehe meine Hand gleichzeitig seinem Griff.

Wider Erwarten prallt er nicht gegen den Tisch. Sein Glück. Den verschütteten Wodka hätte er mir ersetzen dürfen. Stattdessen fängt er sich sofort wieder und es scheint, als hätte er das Gleichgewicht nie verloren. Er lächelt noch immer.

Erst recht über mein höchstwahrscheinlich entrüstetes Gesicht. Ich kann spüren, wie meine Gesichtszüge entgleisen, wie ich die Lippen zu einer Grimasse verziehe. Schnell wische ich mir seinen Geschmack von den Lippen. Und schon bin ich auf den Beinen. Meine Hand schnellt vor, packt ihn am Kragen. „Hast du den Verstand verloren?“, zische ich ihm zu.

„Anton. Also bitte.“ Er lacht leise. „Du zerknitterst mein Sakko.“

„Ich zerknittere dir gleich etwas ganz anderes!“ Dennoch lasse ich ihn los und rücke von ihm weg, flüchte mich in einen gebührenden Sicherheitsabstand und mustere ihn abschätzend. Was für eine kranke Idee von einem Scherz war das denn gewesen? „Mach, dass du hier verschwindest!“

Ein enttäuschter Ausdruck huscht flüchtig über sein Gesicht, aber er zuckt nur mit den Schultern, als er seine Brille zurechtrückt. „Denk noch einmal darüber nach.“

„Habe ich gerade. Mein Chef manipuliert und benutzt mich vielleicht, aber würde nicht versuchen, an mir herumzufummeln. Dementsprechend ist er die bessere Wahl.“

Er seufzt leise. „Das meinte ich nicht. Denk darüber nach, dass du bei uns … bei mir niemals alleine wärst.“

Und dann ist er verschwunden und außer seinem Geruch in meiner Nase und seinem Geschmack auf meinen Lippen gibt es kein Anzeichen dafür, dass er überhaupt hier gewesen war.

Na ja … fast.

Abgesehen von meiner lautstark heulenden Alarmanlage.

Ich bin wirklich bei Weitem nicht betrunken genug für einen solchen Abend.
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